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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel III

»Sieh, hundert Väter würden dir sagen: Du bist von Adel, Du mußt einen Edelmann heirathen! – aber so spreche ich nicht. Ich opfere mein Kind keiner Grille auf.«

KOTZEBUE, Das Kind der Liebe, IV, 6. Bulwer zitiert eine 1805 erschienene, von Benjamin Thompson verfasste Übersetzung (»Lovers' Vows«) dieses Lustspiels. Hier nach dem Original von 1791 (S. 138). – Anm.d.Übers.

   

»Herr, seht Euch vor: die Wohlfahrt von uns allen
Hängt an dem Fallen dieses falschen Manns.«

SHAKESPEARE, König Heinrich VI, Zweiter Teil, III,1.

   

»Oh! daß der Liebe Frühling, immer wechselnd,
Gleich des Apriltags Herrlichkeit uns funkelt;
Er zeigt die Sonn' in ihrer vollen Pracht,
Bis plötzlich eine Wolk' ihr Licht verdunkelt!«

SHAKESPEARE, Die beiden Veroneser, I, 3.

Als Maltravers sich wieder in seinem einsamen Zimmer befand, fühlte er sich wie im Traum. Er hatte einem Impuls gehorcht, einem unwiderstehlichen vielleicht, mit dem aber das Gewissen seines Herzens nicht zufrieden war. Ein Stimme flüsterte ihm zu: »Du hast sie und dich selbst betrogen – du liebst sie nicht!« Vergeblich rief er sich ihre Schönheit in Erinnerung, ihre Anmut, ihr Genie – ihre außerordentliche, enthusiastische Leidenschaft für ihn – die Stimme wiederholte nur immer: »Du liebst sie nicht. Sage für immer Lebwohl deinen törichten Träumen von einem Leben, das gesegneter ist, als es das von Sterblichen sein kann. Calypso und ihre goldene Insel Meernymphe in der griechischen Mythologie, die auf der sonst unbewohnten Insel Ogygia lebt; in Homers Odyssee liebt sie den schiffbrüchigen Odysseus und hält ihn bei sich fest. – Anm.d.Übers. – sie sind für dich zukünftig auf immer in der stürmischen See versunken. Auf die matte Leinwand deiner Sehnsucht kannst du nicht mehr die Gestalt derer malen, mit der du für immer zusammen sein wolltest. Du bist deinem eignen Ideal untreu geworden – du hast dich auf ewig einer anderen ergeben – du hast der Hoffnung abgeschworen – du musst wie in einem Gefängnis leben, mit einem Wesen, mit dem dich keine Liebeseintracht verbindet.«

»Einerlei«, sagte Maltravers, indem er beinahe erschrocken aus diesen Gedanken auffuhr, »ich bin verlobt mit einer, die mich liebt – es wäre töricht und unehrenhaft, sich grämlicher Reue zu ergeben. Ich habe die besten Jugendjahre durchlaufen, ohne die Egeria Spätantike Schriftstellerin aus Gallien, die als Pilgerin von 381 bis 384 das Heilige Land bereiste und darüber einen Reisebericht in Form eines Briefes an ihre Mitschwestern verfasste. – Anm.d.Übers. zu finden, mit der zusammen mir eine Höhle wonniger wäre als ein Thron. Warum bis ans Grab als vergeblich seherischer Nympholept In der Antike bezeichnet der Begriff den von Nympholepsie Befallenen, die auftrat, wenn der Betreffende beim Anblick einer Nymphe in Raserei geriet; inzwischen wird der Begriff im Zusammenhang des Lolita-Syndroms für Männer verwendet, die ein sexuelles Verlangen nach gerade erst geschlechtsreifen Mädchen haben. Wenn man die Begegnung, die Bulwer seinem Protagonisten in Buch VII, Kap. 5 zugesteht, auf diesen Zusammenhang bezieht, wird die Abgründigkeit der Verwendung von »Nympholept« offenbar.
Auf der oberflächlichsten Ebene möchte Bulwer den Ausdruck vermutlich so verstanden wissen, dass hier jemand nach seinem weiblichen Ideal sucht. Nur hätte er dafür bequem andere Möglichkeiten der englischen Sprache nutzen können. Dass er auch in der zweiten Auflage diesen eher abgelegenen Terminus beibehalten hat, lässt darauf schließen, dass er ihn – vor allem unbewusst – für absolut passend hielt – eines der zahlreichen irritierenden Elemente in diesem merkwürdigen Roman. Inwiefern hier aus der viktorianischen Sublimation hervorbrechende Impulse zu beobachten sind, die ein Oscar Wilde später nicht mehr maskieren wird, wäre eine noch zu erforschende Frage. – Anm.d.Übers.
leben? Hätte ich in der wirklichen Welt eine edlere Wahl treffen können?«

Während Maltravers sich in dieser Weise mit sich selbst besprach, war Lady Florence in ihres Vaters Ankleideraum gegangen und erwartete seine Rückkehr aus London. Sie kannte seine weltlichen Anschauungen – sie kannte ebenfalls den Stolz ihres Verlobten und wusste, dass nur sie zwischen den beiden vermitteln konnte.

Lord Saxingham traf schließlich ein – geschäftig, wichtigtuerisch und gutgelaunt wie stets.

»Na, Florence, alles in Ordnung? – schön dich zu sehen – siehst richtig blühend aus, das muss ich sagen – hab' dich nie in solchen Farben gesehen – ganz ungeheuerlich mir ähnlich. Wir hatten in unserer Familie immer schöne Hautfarbe und schöne Augen. Aber ich bin ziemlich spät dran – die Glocke hat schon zum ersten Mal geläutet – wir ci-devant jeunes hommes Wir ehemals jungen Männer. – Anm.d.Übers. brauchen ziemlich lange zum Anziehen, und du bist auch noch nicht angezogen, wie ich sehe.«

»Mein liebster Vater, ich wünschte mit dir etwas sehr Wichtiges zu besprechen.«

»Du? – was? jetzt so plötzlich?«

»Ja.«

»Nun – worum geht's? – um dein Gut Slingsby, nehme ich an.«

»Nein, mein lieber Vater – bitte, setz dich und höre mich geduldig an.«

Lord Saxingham wurde allmählich unruhig und zugleich neugierig – er setzte sich, schwieg und sah besorgt in das Gesicht seiner Tochter.

»Du hast immer viel Nachsicht mit mir gehabt«, begann Florence mit halbem Lächeln, »und ich konnte anders als die meisten jungen Damen meinen eigenen Weg gehen. Glaube mir, lieber Vater, ich bin dir nicht nur für deine Zuneigung, sondern vor allem für deine Wertschätzung sehr dankbar. Ich war ein seltsames, zügelloses Kind, aber ich will mich von nun an bessern; und als ersten Schritt bitte ich um deine Zustimmung, mir einen Lehrer und Führer zu geben …«

»Einen – was?« rief Lord Saxingham.

»Mit anderen Worten, ich bin im Begriff zu – zu … nun ja, die Wahrheit muss heraus: – zu heiraten.«

»Ist der Herzog von *** etwa heute hier gewesen?«

»Nicht dass ich wüsste. Aber es handelt sich nicht um einen Herzog, dem ich meine Hand versprach – sondern um eine edlere, seltenere Würde, von der mein Ehrgeiz ergriffen wurde. Mr. Maltravers hat …«

»Mr. Maltravers! – Mr. Teufel! – das Mädel ist verrückt! – sag nichts weiter, Kind, ich werde zu solchem Unsinn nicht meine Zustimmung geben. Ein Landedelmann – sehr ehrbar, sehr klug und so weiter, aber es hat keinen Sinn weiter zu reden – mein Entschluss ist gefasst. Und das mit deinem Vermögen!«

»Mein lieber Vater, ich möchte nicht ohne deine Zustimmung heiraten, obwohl mein Vermögen auf meinen Namen festgesetzt ist und ich volljährig bin.«

»Das nenn' ich ein gutes Kind – und nun will ich mich ankleiden – wir sind schon spät.«

»Nein, noch nicht«, sagte Florence und wand ihren Arm sorglos um ihres Vaters Nacken – »ich werde Mr. Maltravers heiraten, aber es wird mit deinem vollen Einverständnis geschehen. Denk' nur, wenn ich den Herzog von *** heiratete: er würde auf mein ganzes Vermögen reflektieren, so wie es ist. Zehntausend im Jahr stehen zu meiner Disposition; falls ich Mr. Maltravers heirate, soll es dir überschrieben werden – wie ich immer wollte – das ist ein karger Lohn für deine Freundlichkeit, deine Nachsicht – aber es wird immerhin zeigen, dass deine Flory nicht undankbar ist.«

»Ich will nichts davon hören!«

»Warte! Nimm Vernunft an! Du bist nicht reich – dir steht nur eine kleine Pension zu, wenn du dich vom Amt zurückziehst, und dein amtliches Salär, wie ich dich oft sagen hörte, schützt dich nicht vor Verlegenheiten. Wem soll eine Tochter von ihrem Überfluss abgeben, wenn nicht ihrem Vater? – von wem sollte ein Vater etwas annehmen, wenn nicht von einem Kind, das ihm niemals seine Liebe zurück zahlen kann? – Ach, das bedeutet nichts; aber du, der du nie meiner kleinsten Laune wehrtest – zerstöre du nicht alle Hoffnungen auf Glück, die deine Florence überhaupt hegen kann.«

Florence weinte, und Lord Saxingham ließ sehr bewegt auch einige Tränen fallen. Vielleicht wäre es etwas viel gesagt, dass der pekuniäre Teil des vorgeschlagenen Arrangements ihn vollständig gewonnen hatte; aber die Art, wie dieser ins Gespräch gebracht worden war, hatte sein Herz besänftigt. Er dachte möglicherweise, dass es besser sei, in der Ehefrau eines Landedelmanns eine gute, dankbare Tochter zu haben als eine grämliche, undankbare als Herzogin. Wie auch immer – sicher ist, dass Lord Saxingham, bevor er seine Toilette begann, der Heirat keine Hindernisse in den Weg zu legen versprach, und er verlangte nur, dass wenigstens drei Monate (aber dieser Zeitraum war ohnehin vom Gesetz vorgesehen) vergehen sollten, bevor sie stattfand; nach dieser einvernehmlichen Regelung verließ ihn Florence, strahlend und freudig wie Flora selbst, wenn die Frühlingssonne aus der Welt einen Garten macht. Niemals hatte sie so wenig ihrer Schönheit gedacht, und nie hatte diese einen so herrlichen Eindruck gemacht wie an diesem glücklichen Abend.

Maltravers aber war blass und nachdenklich, und Florence suchte vergeblich nach seinen Augen während des Abendessens, das ihr unerträglich lang schien. Danach jedoch trafen sie sich und unterhielten sich den restlichen Abend abgesondert von den anderen; Florence' Schönheit begann ihre Wirkung auf Ernests Herz zu entfalten; und dieser Abend – ach, als welch köstlichen Schatz bewahrte Florence jede Stunde, jede Minute in den Annalen ihrer Erinnerung!

Es wäre amüsant gewesen, das kurze Gespräch zwischen Lord Saxingham und Maltravers mit zu erleben, als letzterer den Grafen abends in den Räumlichkeiten seiner Lordschaft aufsuchte. Zu Lord Saxinghams Überraschung äußerte Maltravers kein Wort wegen seiner rangniederen Ansprüche auf Lady Florence' Hand. Kühl, trocken und nahezu hochmütig stellte er formell seinen Antrag, »als ob (wie Lord Saxingham später zu Ferrers sagte) der Mann mir die höchstmögliche Ehre erweise, wenn er meine Tochter, die größte Schönheit Londons, mit fünfzigtausend Pfund Einkünften im Jahr, aus meinen Händen annehme.« Aber genauso war Maltravers! – hätte er um die Tochter eines Landpfarrers ohne einen Penny Vermögen angehalten, so wäre er der demütigste der Demütigen gewesen.

Der Graf war verlegen und verwirrt – ja, geradezu eingeschüchtert von diesem Siddons-Gesicht Sarah Siddons (1755-1831), englische Schauspielerin, die besonders für ihr Interpretation von Shakespeares Lady Macbeth berühmt war. Auffällig, dass Bulwer eine Vertreterin des weiblichen Geschlechts heranzieht. – Anm.d.Übers. und der Coriolanus-Miene, Coriolanus ist die Titelfigur einer Tragödie von Shakespeare, ein stolzer römische Patrizier und Kriegsheld in Roms mythischen Anfängen. – Anm.d.Übers. wie sein künftiger Schwiegersohn sie zeigte – so machte er nicht einmal eine Andeutung auf den mit seiner Tochter hinsichtlich der Zeit vereinbarten Kompromiss. Er hielt es für besser, diese Angelegenheit Lady Florence selbst zu überlassen. Sie schüttelten sich frostig die Hand und trennten sich. Maltravers ging hierauf zu Cleveland und erzählte dem erfreuten alten Mann alles; dessen Glückwünsche waren so feurig, dass Maltravers glaubte, es wäre ein Sünde, sich nicht als glücklichster Mann der Welt zu fühlen.

An diesem Abend schrieb er den Ablehnungsbrief wegen des ihm angebotenen Amtes.

Am nächsten Tag ging Lord Saxingham wie gewöhnlich zu seinem Amt in der Downing Street, und Lady Florence und Ernest erhielt eine Gelegenheit, alleine über das Gut zu streifen.

Hierbei ereigneten sich jene Geständnisse, die so süß auszusprechen und anzuhören sind. Dann erzählte Florence von ihren Jugendjahren – von ihrem selbst ausgebildeten, einsamen Geist – von ihren jugendlichen Träumen. Da nichts in ihrer Umgebung ihr Interesse, ihre Bewunderung oder die romantischeren, höheren, zarteren Seiten ihrer Natur anregte, wandte sie sich der Reflexion und den Büchern zu. Die Verbindung geistiger Fähigkeiten mit Gefühlen, und beide ausgeschlossen von praktischer Betätigung und damit ohne ein Ventil in der Wirklichkeit: dies zeugt Dichtung, das Kind von Leidenschaft und Nachdenken. Darum sind junge Leute, ehe sie von den realen Existenzsorgen in Beschlag genommen werden, und unter ihnen die, welche begabter, aber einsamer sind als ihre Altersgenossen, fast alle Dichter; und Florence war eine Dichterin.

In solchen Gemütern lässt das erste Buch, das ihre eigene geliebte Gefühls- und Ideenwelt zu verkörpern scheint, stets eine tiefe, ehrfurchtsvolle Begeisterung entstehen. Maltravers' einsame, stolze, schwermütige Seele, die in all seinen Schöpfungen erkennbar war, offenbarte Florence die Geheimnisse ihres eigenen Wesens. Sie unterhielt ein intensives, rätselhaftes Interesse an dem Mann, dessen Geist so durchdringend ihren eigenen beherrschte. Sie machte sich vertraut mit seinen Bestrebungen, seiner Laufbahn – sie bildete sich ein, eine symmetrische Harmonie zwischen dem tatsächlichen Menschen und dem atmenden Genius zu finden – sie glaubte zu verstehen, was anderen dunkel und undeutlich blieb. Sie hatte ihn nie gesehen, und doch wurde er ihr ein niemals abwesender Freund. Seinen Ehrgeiz, seinen Ruf erhob sie zu ihrem eigenen Besitztum.

So schrieb sie ihm schließlich in der Torheit ihrer jugendlichen Schwärmerei, ohne sich eine Entdeckung zu erträumen oder irgendein Ergebnis vorherzusehen; nachdem sie der Gewohnheit erst einmal nachgegeben hatte, empfing sie aus ihr dieselbe Wonne, die das Schreiben in den Augen der Welt einem Autor gewährt, der von seinen eigenen Gedanken bedrängt wird. Schließlich sah sie ihn, und er zerstörte nicht ihre Illusionen. Sie hätte sich vielleicht von diesem Bann befreien können, wenn er sogleich bereitwillig ihrem Schrein gehuldigt hätte. Aber die Maltravers eignende Mischung aus Reserviertheit und Freimut – Freimut der Rede, und Reserviertheit im Verhalten – reizte sie. Die Eitelkeit kam ihrer Fantasie zu Hilfe.

Zuletzt trafen sie sich in Clevelands Haus; ihr Verkehr gestaltete sich ungehemmter – sie schlossen Freundschaft, und sie entdeckte, dass sie vorsätzlich ihr Glück mit den Träumen, in denen sie sich wiegte, verknüpft hatte; doch sogar da glaubte sie schon, dass Maltravers sie liebe, trotz seines Schweigens zu diesem Thema. Sein Verhalten und seine Worte verrieten sein Interesse an ihr, und seine Stimme sprach zu Frauen immer sanft, weil er jene große ritterliche und zärtliche Achtung für das weibliche Geschlecht besaß. Dieses allgemeine Verhalten bezog sie natürlich auf sich selbst, als ob es nur ihr gälte – war sie doch durch die Welt geschritten, um zu faszinieren und zu erobern. Wahrscheinlich bildete ihr großer Reichtum und ihre gesellschaftliche Stellung für Maltravers' empfindlichen Stolz ein Hindernis – so hoffte und glaubte sie – jedoch empfand sie ihre Gefährdung, und ihr eigener Stolz geriet endlich in Unruhe.

In einem solchen Augenblick hatte sie die Rolle der unbekannten Korrespondentin wieder angenommen – sie hatte Maltravers geschrieben – ihren Brief an sein Haus adressiert und beabsichtigte, am nächsten Tag nach London zu fahren und ihn dort abzuschicken, im Wissen, dass er ihn von dort bald erreichen würde. Der letzte Teil nach »abzuschicken« wurde in der zweiten Auflage gestrichen. – Anm.d.Übers. In diesem Brief hatte sie seinen Besuch bei Cleveland und seine Haltung zu ihr behandelt. Sie mahnte ihn, wenn er sie liebe, zum Geständnis, wenn nicht, zur Flucht. Sie hatte kunstvoll und beredt geschrieben, weil sie ihr Schicksal zu beschleunigen wünschte. Dann hatte sie mit diesem Brief in ihrem Dekolleté Maltravers getroffen, und das Übrige kennt der Leser.

Einiges von alledem berichtete nun die errötende, glückliche Florence; und als sie mit der leisen weiblichen Furcht schloss, zu kühn gewesen zu sein, ist es da zu verwundern, dass Maltravers, sie an seine Brust ziehend, eine Dankbarkeit und geschmeichelte Eitelkeit empfand, die er für Liebe hielt? Und in Liebe verwandeln sich ja jene Gefühle rasch und köstlich, sofern Geschick und Zufall es gewähren.

Sie befanden sich jetzt am Ufer, während die Sonne gerade langsam unterging, wie am Vorabend. Es war auch etwa dieselbe Stunde, die schönste an einem Herbstabend; niemand war in der Nähe – der Hügel verbarg das Haus ihrem Blick. Selbst in der Wüste hätten sie nicht einsamer können. Nicht Stille umgab sie, als sie sich auf eine Bank unter das bewegte Laubdach einer ausladenden Buche setzten, – sondern das Murmeln lebendiger Natur, das süßer ist als selbst die Stille – der Gesang der Vögel – klingelnde Schafsglöckchen auf dem gegenüberliegenden Ufer – durch die Bäume säuselnder Wind – und sanftes Schlagen glitzernder Wellen, die das duftende Röhricht und Wasserlilien zu ihren Füßen umspülten. Sie waren einige Zeit schweigsam geblieben; nun unterbrach Florence die Stille, aber leiser als sonst.

»Ach!« seufzte sie, sich ihm zuwendend, »die Stunden beglücken mehr als das, was wir in jener drangvollen Welt finden können, zu der Ihre Bestimmung uns zurück rufen muss. Für mich scheint es mit dem Ehrgeiz für immer vorbei zu sein. Ich habe alles gefunden; mich verfolgt nicht länger das Verlangen, irgend etwas Unbestimmbares zu erreichen, – ein Schattenreich, das man Ruhm oder Macht nennt. Der einzige Gedanke, der meine gegenwärtige Seelenruhe stört, ist die Angst, auch nur das kleinste Teilchen dieses reichen Besitzes, den ich erworben habe, zu verlieren.«

»Mögen Ihre Ängste alle Zeit müßig bleiben.«

»Und Sie lieben mich wirklich?! Ich wiederhole mir selbst immer wieder diese Worte. Ich hätte es früher einmal ertragen Sie zu verlieren, nun würde es meinen Tod bedeuten. Ich verzweifelte daran, jemals um meiner selbst geliebt zu werden: mein Reichtum war eine verhängnisvolle Mitgift; ich argwöhnte Habsucht in jedem Liebesschwur und sah die niederträchtige Welt auf dem Grunde jedes Herzens lauern, das sich an meinem Schrein zeigte. Aber Sie, Ernest, – Sie, das fühle ich, könnten niemals Gold in die Waagschale legen – Sie – wenn Sie mich lieben – lieben mich um meiner selbst willen!«

»Und ich werde Dich Bei emphatischen Stellen wie dieser (»thee« statt »you«) wechselt Bulwer gerne zu den poetisch-antiquierten Formen (zu denen im Deutschen die Entsprechung fehlt); so auch später in der Auseinandersetzung zwischen Maltravers und Cæsarini (IX, 6). – Anm.d.Übers. mit jeder Stunde mehr lieben.«

»Das weiß ich nicht: ich fürchte, dass Sie mich weniger lieben werden, wenn sie mich besser kennen. ich sorge mich, dass ich Ihnen zu anspruchsvoll erscheinen werde – ich bin schon eifersüchtig. Ich war sogar auf Lady T*** eifersüchtig, als ich sie heute morgen neben Ihnen sitzen sah. Ich möchte von Ihnen jeden Blick – alleiniges Anrecht auf jedes einzelne Ihrer Worte!«

Dieses Geständnis erfreute Maltravers nicht, was doch hätte der Fall sein müssen, wäre er gründlicher verliebt gewesen. Eifersucht war bei einer so heftigen und gebieterischen Natur tatsächlich eine zu fürchtende Leidenschaft.

»Sprechen Sie nicht so, liebe Florence«, sagte er mit einem sehr ernsten Lächeln; »der Liebe sollte als ihr natürliches Pfand Vertrauen innewohnen – Eifersucht aber bedeutet Zweifel, und Zweifel ist der Tod der Liebe.«

Ein Schatten überflog Florence' allzu ausdrucksvolles Gesicht, und sie seufzte schwer.

In diesem Moment hob Maltravers seinen Blick und sah Lumley Ferrers' Gestalt sich ihnen vom gegenüberliegenden Ende der Terrasse her nähern: zur gleichen Zeit zog am Himmel eine dunkle Wolke auf, das Wasser schien sich zu trüben und der Lufthauch erstarb: ein kaltes, seltsames Vorgefühl von Unheil durchzuckte Ernests Herz – wie viele fantasiebegabte Menschen war er unbewusst abergläubisch gegenüber Vorahnungen.

»Wir sind nicht mehr allein«, sagte er sich erhebend; »Ihr Cousin hat zweifellos von unserer Verlobung erfahren und kommt, um Ihrem Verehrer Glück zu wünschen.«

»Sagen Sie«, fuhr er nachdenklich fort, als sie Ferrers entgegen gingen, »sind Sie sehr für Lumley eingenommen? was halten Sie von seinem Charakter? – ich finde ihn verwirrend; manchmal denke ich, er hat sich geändert, seit wir uns in Italien trennten – dann wieder glaube ich, dass er sich nicht geändert hat, sondern vielmehr zur Reife gelangt ist.«

»Lumley kenne ich von Kindheit an«, antwortete Florence, »und sehe an ihm vieles, das man bewundern und mögen kann; ich bewundere seine Kühnheit und Offenheit, seine Verachtung gegen die Kleinlichkeit und Falschheit der großen Welt; ich mag seine Gutmütigkeit – seine Heiterkeit – und bilde mir ein, dass sein Herz besser ist, als es dem oberflächlichen Betrachter erscheinen möchte.«

»Trotzdem wirkt er auf mich selbstsüchtig und prinzipienlos.«

»Allein aus schöner Missachtung der Laster und Torheiten der Menschen hat er die Gewohnheit angenommen, nur seinen eigenen entschlossenen Willen zu Rate zu ziehen – und im Glauben, alles auf dieser geräuschvollen Schaubühne geschehe betrügerisch, hat er seinen Ehrgeiz dieser Mode anbequemt. Obwohl ihm fehlt, was man Genie nennt, wird er Auszeichnung und Macht erwerben, wie nur wenige Männer von Genie sie erreichen.«

»Weil der genius grundsätzlich aufrichtig ist«, versetzte Maltravers. »Sie lehren mich jedoch, ihn nachsichtiger zu betrachten. Ich misstraue der wirklichen Offenheit von Männern, die ich im öffentlichen Leben als Heuchler kenne – aber vielleicht urteile ich aufgrund zu strenger Maßstäbe.«

»Dritte Personen«, sagte Ferrers, als er sich ihnen jetzt zugesellte, »sind auf dem Lande selten unwillkommen; und ich schmeichle mir, genau das zu sein, was die Liebenswürdigkeit dieser schönen Landschaft vervollständigt.«

»Sie sind bescheiden wie immer, Cousin.«

»Das ist meine schwache Seite, ich weiß; aber ich werde mich mit den Jahren und wachsender Weisheit bessern. Ce cher Maltravers, et comment ç a va? »Der werte Maltravers, und wie geht's?« – In der zweiten Auflage steht statt dessen an dieser Stelle auf Englisch: »Was sagen Sie dazu, Maltravers?« – Anm.d.Übers und Ferrers umschlang herzlich Ernests Arm. »Nebenbei gesagt: ich bin zu ungezwungen – ich bin in der Welt untergegangen. Ich bin etwas, über das sich Leute aus Ihren alten Familien lustig machen. Ich bin der nächste Erbe einer frischgebackenen Talmi-Peerschaft. ›Jott, ick fühl mir schon janz blechern!‹«

»Wie, ist Mr. Templeton …«

»Mr. Templeton gibt's nicht mehr; er ist tot, ausgelöscht – aus der Asche steigt als Phönix empor: Lord Vargrave. Wir hatten einen klingenderen Titel erwogen: De Courval hätte edler geklungen, – aber mein guter Onkel hat nichts von einem Normannen an sich: so ließen wir das ›De‹ als lächerlich fallen – Vargrave ist wohlklingend und passend. Mein Onkel besitzt ein Landgut dieses Namens – Baron Vargrave von Vargrave.«

»Oh – ich gratuliere Ihnen.«

»Danke. Lady Vargrave könnte immer noch all meine Hoffnungen zerstören. Doch ›wer nichts wagt, der nichts gewinnt‹. Mein Onkel wird heute in den Zeitungen stehen. Der arme Mann, es wird ihn freuen; und da er es mir gewiss großenteils schuldet, wird er hoffentlich sehr dankbar sein – oder mich später in alle Ewigkeit hassen – es ist wie ein Münzwurf! Eine erwiesene Wohltat ist ein vollständiges Hazard zwischen dem stolzen Daumen und dem gefühlvollen Zeigefinger: Kopf bedeutet Dankbarkeit, Zahl Hass! So, das war ein Gleichnis im Stil der alten Schriftsteller: ›In gutem, reinem Englisch!‹ hm!«

»Dann ist das schöne Kind die Tochter aus Mrs. Templeton's, oder besser Lady Vargrave's erster Ehe?« fragte Maltravers abwesend?«

»Ja, es ist erstaunlich, wie lieb er sie hat. Ein hübsches kleines Geschöpf – aber verdammt gerissen. Übrigens, Maltravers, wir hatten eine unerwartet stürmische Abendsitzung am Ende der Parlamentssession – harte Kampfabstimmung – die Minister stark unter Druck. Ich hielt eine ganz gute Rede für sie. Ich nehme jedenfalls an, dass es einige Änderungen geben wird – man wird die Gemäßigten ins Amt bringen. Vielleicht kann ich Ihnen bei der nächsten Sitzungsperiode schon gratulieren.«

Ferrers schaute Maltravers scharf an, während er sprach. Aber Ernest antwortete kühl und ausweichend, und nun kam eine Gruppe von Müßiggängern hinzu, die in Erwartung des ersten Erklingens der Tafelglocke über den Rasen schlenderten. Cleveland beriet sich angeregt über den geeigneten Ort für einen neuen Springbrunnen und forderte Maltravers auf, seine Meinung zu äußern, ob er inmitten eines Blumenbeetes oder unter dem vorhängenden Schatten einer großen Weide fließen solle. Während diese interessante Diskussion weiter ging, zog Ferrers seine Cousine beiseite, drückte herzlich ihre Hand und sagte mit leiser, zärtlicher Stimme:

»Meine liebe Florence – denn in einer solchen Zeit sei mir Vertraulichkeit gestattet – ich hörte von Lord Saxingham, den ich in London traf, dass Sie mit Maltravers verlobt seien. Beschäftigt wie ich war, konnte ich keine Ruhe finden, ehe ich hierher kam, um Ihnen meine besten und ernsthaftesten Glückwünsche darzubringen. Ich mag lieblos erscheinen, man hält mich für selbstsüchtig; aber mein Herz schlägt warm für die, an denen ich wirklich interessiert bin. Und nie hat ein Bruder für das Wohlergehen einer geliebten Schwester besorgtere, liebevollere Gebete zum Himmel gesandt als der arme Lumley Ferrers für Florence Lascelles.«

Florence war überrascht … und schmolz dahin – der ganze Ton und das Verhalten Lumleys unterschieden sich so sehr von dem, was sie an ihm kannte. Sie erwiderte herzlich den Druck seiner Hand und dankte ihm kurz, aber bewegt.

»Niemand ist groß und gut genug für Sie, Florence«, fuhr Ferrers fort – »niemand. Aber ich bewundere Ihre selbstlose, großmütige Wahl. Maltravers und ich waren in letzter Zeit nicht freundschaftlich verbunden; aber ich achte ihn, wie es alle müssen. Er hat edle Eigenschaften, und er besitzt großen Ehrgeiz. Außer der tiefen, brennenden Liebe, die Sie in ihm entzünden müssen, wird er Ihnen ewige Dankbarkeit schulden. In diesem aristokratischen Land sichert ihm Ihre Hand das glänzendste Vermögen, die stolzeste Karriere. Seine Talente werden nun mit einem ganz anderen Maß gemessen. Seine Verdienste werden nicht die untergeordneten Grade durchlaufen müssen, sondern auf einmal zur höchsten Stellung hinaufschnellen; und da er sogar mehr Stolz als Ehrgeiz besitzt: wie müssen wir diejenige segnen, die ihn, ohne dass er sich anzustrengen braucht, ihn auf die Höhe herausragender Führerschaft erhebt.«

»Oh, er denkt nicht an solch weltliche Vorteile – dazu ist er zu rein, zu kultiviert!« rief Florence, vor Ärger zitternd. »Habsucht ist ihm fremd, nichts Krämerisches liegt in seiner Natur.«

»Nein; da lassen Sie ihm in der Tat Gerechtigkeit widerfahren, – in seinem Gemüt findet sich nicht die geringste Spur von Niedrigkeit – ich meinte auch nicht, dass es so sei. Die besondere Größe seiner Zielsetzungen, sein unwilliger, verachtungsvoller Stolz erhebt ihn über den Gedanken an Ihren Reichtum, Ihren Rang – außer als Mittel zu einem Zweck.«

»Sie befinden sich immer noch im Irrtum«, sagte Florence mit schwachem Lächeln, jedoch bereits erblassend.

»Nein«, begann Ferrers wieder, als ob er sie nicht gehört habe und seinen eigenen Gedanken folge. »Ich habe immer vorhergesagt, dass Maltravers bei seiner Heirat eine ausgezeichnete Verbindung eingehen werde. Er würde sich nicht gestatten, die niedrig Geborene oder Arme zu lieben. Er ist ein großer Mann – Sie haben klug gewählt – und möge der Himmel Sie segnen!«

Mit diesen Worten verließ Ferrers sie, und Florence Stirn hatte sich mit launischen Wolken überzogen, als sie zur Tafel kam.

   

Ferrers blieb drei Tag im Haus. Er verhielt sich zu Maltravers auffällig herzlich und sprach mit Florence wenig. Aber dieses Wenige verfehlte nie, ihr Gemüt in eifersüchtige, besorgte Reizbarkeit zu versetzen, der sie in krankhafter Widerstandslosigkeit erlag.

Um Florence vollständig zu begreifen, muss daran erinnert werden, dass sie trotz all ihren blendenden Eigenschaften nicht das war, was man eine ›liebenswerte Person‹ nennt. Eine gewisse Härte in ihrer Veranlagung hatte ihr schon als Kind verwehrt, die Herzen der Menschen in ihrer Umgebung zu gewinnen. Der Liebe ihrer Mutter war sie beraubt – sie verkehrte nur wenig oder gar nicht mit Kindern ihres Alters – aufgezogen wurde sie von einer steifen Gouvernante oder mittellosen, aber stolzen weiblichen Verwandten, – und so hatte sie niemals jenes sanfte Verhalten angenommen, das die Wechselwirkung häuslicher Zuneigung gewöhnlich hervorbringt. Mit einem hochfahrenden Bewusstsein ihrer Befugnisse, ihr Geburt, ihres Standes – Vorzüge, die ihr geradezu eingeimpft wurden – wuchs sie einsam, ungesellig und herrisch heran.

Ihr Vater war eher stolz auf sie, als dass er sie liebte – ihre Dienstboten liebten sie nicht – sie nahm zu wenig Rücksicht auf andere, besaß zu wenig Milde und Freundlichkeit, um von Untergebenen geliebt zu werden – sie war zu gebildet und zu anspruchsvoll, um sich in der Unterhaltung und Gesellschaft junger Damen ihres Alters zu amüsieren – sie besaß keine Freunde. Da wirklich starke Gefühle sie erfüllten, fühlte sie dies alles nun, aber mehr mit Verbitterung als mit Kummer – sie sehnte sich danach, geliebt zu werden, bemühte sich aber nicht darum – sie empfand es als ihr Schicksal, nicht geliebt zu werden – sie gab dem Schicksal die Schuld, nicht sich selbst.

Als sie mit all der stolzen, reinen und großmütigen Offenheit ihrer Natur Ernest ihre Liebe zu ihm bekannte, erwartete sie natürlich die feurigste, leidenschaftliche Erwiderung; nichts weniger konnte sie befriedigen. Indes erweckten Gewohnheit und Erfahrung ihrer ganzen Vergangenheit ihren ewigen Verdacht, nicht geliebt zu werden; Gift und Galle erregte ihr die Vorstellung, Maltravers hätte jemals ihre Vermögensumstände in Betracht gezogen – außer als ein Hindernis für seine Ansprüche und seine Leidenschaft. Für sie machte es keinen Unterschied, ob es sich um die engherzigste Habgier handelte oder die erhabensten Bestrebungen, welche ihren Liebhaber antrieben, falls er in seinem Herzen von irgendetwas anderem angetrieben worden war außer von Liebe; und Ferrers, dem Ihre Eigenheiten vertraut waren, wusste zu gut sein Loblied auf Ernest so zu singen, als dass es nicht all ihre anspruchsvolle Eifersucht und ihre reizbaren Zweifel erregt hätte.

»Es ist merkwürdig«, sagte er eines Abends im Gespräch mit Florence, »welch eine vollständige, triumphale Eroberung Sie an Ernest gemacht haben. Werden Sie es glauben? – er hegte ein Vorurteil gegen Sie, als er sie zum ersten Mal traf – er sagte sogar, Sie seien bestimmt, bewundert, nicht geliebt zu werden.«

»Ha! – sagte er das? – richtig, richtig – er hat fast dasselbe zu mir gesagt.«

»Aber wie muss er Sie jetzt lieben! Ganz sicher zeigt er alle Symptome.«

»Und welche wären das, mein höchst fachkundiger Lumley?« fragte sie mit einem erzwungenen Lächeln.

»Oh, erst einmal werden Sie zweifellos beobachten, dass er niemals die Augen von Ihnen wendet – mit wem er auch spricht, womit er sich auch beschäftigt: diese Augen wandern ruhelos und schmachtend umher nur für einen Blick von Ihnen.«

Florence seufzte und schaute auf – am anderen Ende des Raumes unterhielt sich ihr Liebhaber mit Cleveland, und seine Augen wanderten mitnichten auf der Suche nach ihr umher.

Ferrers schien diesen praktischen Widerspruch zu seiner Theorie nicht zu bemerken, sondern fuhr fort.

»Weiterhin hat sich bestimmt sein ganzer Charakter gewandelt – diese Stirn hat ihre ruhige Hoheit verloren, diese tiefe Stimme ihren sicheren, abgeklärten Klang. Ist er nicht demütig geworden, verlegen, gereizt? Lebt er nicht nur noch von Ihrem Lächeln, macht Ihnen Vorwürfe, wenn Sie einen anderen anschauen – hat Kummer, wenn Ihr Mund weniger lächelt? Suchen ihn nicht Zweifel heim, Furcht und zitternde Erregung? Ist er nicht der Sklave eines Schattens und nicht mehr der Herr der Schöpfung? Das ist Liebe, das ist die Liebe, die Sie entzünden sollten, das ist die Liebe, zu der Maltravers fähig ist – denn ich habe sie einer anderen bezeugen sehen. Aber«, fügte er hinzu, »Lord Saxingham schaut aus nach mir, damit ich an seiner Whist-Partie teilnehme. Ich werde morgen abreisen – wann werden Sie in London sein?«

»Im Laufe der Woche«, antwortete die arme Florence mechanisch; und Lumley ging fort.

Im nächsten Augenblick kam Maltravers, der viel genauer beobachtet hatte, als es schien, und setzte sich neben sie.

»Liebe Florence«, sagte er zärtlich, »sie wirken blass – ich mache mir Sorgen, dass es Ihnen heute abend nicht so gut geht.«

»Täuschen Sie bitte kein Interesse vor, das Sie nicht empfinden«, versetzte Florence mit höhnisch aufgeworfener Lippe, doch feuchten Augen.

»Das ich nicht empfinde, Florence?!«

»Das ist schließlich das erste Mal, dass Sie bemerkten, ob es mir gut gehe oder ob ich unwohl sei. Aber es ist gleichgültig.«

»Meine liebe Florence, – woher dieser Ton? – womit habe ich Sie verletzt? Sprach Lumley …«

»... nur zu Ihrem Lob. Oh, keine Bange, über Leute wie Sie reden alle nur in den höchsten Tönen. Aber ich möchte Sie hier nicht zurückhalten; wir wollen zu unserem Gastgeber gehen – Sie haben ihn ja allein gelassen.«

Lady Florence erwartete keine Antwort, noch versuchte Maltravers sie zurückzuhalten. Er sah gequält aus, und als sie sich umdrehte, um einen Blick von ihm zu erhaschen, war er fort. Lady Florence wurde nervös und unsicher, sie sprach, ohne zu wissen was, und lachte hysterisch. Cleveland vermochte sie immerhin zu der Ansicht zu verleiten, sie sei in der bestmöglichen Laune.

Irgendwann stand sie auf und durchmaß die Flucht der Räume; ihr Herz war bei Maltravers – immer noch war er nicht zu sehen. Zuletzt betrat sie das Gewächshaus, und da bemerkte sie ihn durch das offene Fenster, wie er langsam mit verschränkten Armen über den mondbeschienen Rasen schlenderte. In ihrer Brust fand ein kurzer Kampf zwischen ihrem weiblichen Stolz und ihrer weiblichen Liebe statt; die letztere siegte, und sie ging hin zu ihm.

»Vergeben Sie mir, Ernest«, sagte sie und streckte ihre Hand aus, »ich bin zu tadeln.«

Ernest küsste ihre schöne Hand und antwortete in anrührendem Ton:

»Florence, Sie besitzen die Macht, mich zu verletzen, seien Sie nachsichtig bei deren Ausübung. Der Himmel weiß, dass ich nicht aus eitlem Verlangen, über Sie zu gebieten, Ihnen auch nur einen einzigen Schmerz zufügen würde. Ach! glauben Sie ja nicht, dass in Liebeshändeln eine Süßigkeit läge, die ihre brennenden Schmerzen aufwögen.«

»Ich sagte Ihnen, dass ich zu anspruchsvoll sei, Ernest. Ich sagte Ihnen auch, Sie würden mich nicht mehr so lieben, wenn Sie mich besser kennten.«

»Und waren eine falsche Prophetin. Florence, jeden Tag, jede Stunde liebe ich Sie mehr – mehr als ich je für möglich hielt.«

»Dann«, rief dieses unberechenbare Mädchen in ihrer Lust, sich selbst zu quälen, »dann liebten Sie mich zunächst also nicht?«

»Florence, ich will aufrichtig sein – ich tat es nicht. Sie gewannen aber nun dafür um so schneller eine Gewalt über mich, die fast größer ist, als meine Vernunft zulassen sollte. Aber Vorsicht: wenn meine Liebe wirklich ein von Ihnen ersehnter Besitz ist, – passen Sie auf, dass Sie meine Vernunft gegen Sie bewaffnen. Florence, ich bin ein stolzer Mann. Sogar das Bewusstsein der weitaus glänzenderen Verbindungen, die Sie eingehen könnten, macht mich zu einem weniger demütigen Liebhaber, als Sie ihn in anderen finden könnten. Ich wäre Ihrer nicht würdig, wenn ich nicht auf meiner Selbstachtung bestünde.«

»Ach!« sagte Florence, deren Herz diese Worte wie ihre Heimat betraten, »verzeihen Sie mir nur dieses eine Mal. Ich werde mir selbst nicht rasch vergeben.«

Da zog Ernest sie an sein Herz und fühlte, dass ihm bei all ihren Fehlern diese Frau lieb zu werden begann; freilich befürchtete er, sie nicht so glücklich machen zu können, wie ihre ihm dargebrachten Opfer verdienten. In seinem Herzen wusste er, dass sie nicht bestimmt sei, ihn glücklich zu machen; aber das kümmerte ihn nicht, er dachte nicht einmal daran. Ihre Liebe hatte alles selbstbezogene Denken aus dieser edelmütigen Brust mit der Wurzel ausgerissen. Seine einzige Sorge war, sie ihr zu vergelten.

Sie wanderten schweigend und nachdenklich über den Rasen; und Florence war schwermütig, aber auf beseligende Art.

»Dieser heitere Himmel, diese lieblichen Sterne«, sagte Maltravers schließlich, »predigen sie uns nicht die Lehre des Friedens? Verkünden Sie uns, wie sehr Ruhe zur menschlichen Würde gehört und zum erhabenen Wesen der Seele? Kleinliche Ablenkungen und selbst verursachte Sorgen passen nicht zu unserer wahren Natur; gerade ihre Störung beweist, dass sie im Widerspruch zu unserem Wesen stehen. Ach, süße Florence, lassen Sie uns vom Himmel lernen, über den nach dem Glauben der alten Dichter die Flügel urzeitlicher, heiterster Liebe schützend ausgebreitet waren, was irdische Liebe sein sollte, – rein wie das Licht und friedvoll wie die Unsterblichkeit, wachend über der Welt, dass sie die Stürme überleben, und hoch über allen Wolken und Dunstschwaden, die unten vorüberziehen. Kleine Seelen mögen in die heiligsten Gefühle jegliche Bitterkeit und Aufruhr des gemeinen Lebens hineintragen! Wir wollen uns lieben als Wesen, die eines Tages die Sterne bewohnen werden!«

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