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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Achtes Buch.

Dort kommt der Weisheit Königin
Und die listenreiche Liebe.

Kapitel I

»Notitiam primosque gradus vicina fecit.« Nachbarschaft führte zu Bekanntschaft und erster Vorstellung. – Anm.d.Übers.

OVID

Clevelands Landhaus war voll, und durchaus von Personen, die man gewöhnlich ›angenehm‹ nennt. Unter anderen war auch Lady Florence Lascelles anwesend. Der kluge alte Mann hatte Maltravers stets geraten, nicht zu jung zu heiraten; ebenso wenig wünschte er aber, dass er diesen wichtigen Moment im Leben so lange aufschiebe, bis alle Blüte des gefühlvollen Herzens verweht wäre. Wie die alten Gesetzgeber glaubte er, dass dreißig ein glückliches Alter zum Schließen eines Bündnisses sei, bei dessen Wahl die Vernunft des Mannesalters wohl noch mit der leidenschaftlichen Jugend verbunden sein sollte. Und er wusste, dass nur wenige Männer empfänglicher als Maltravers für die wahren Freuden häuslichen Lebens waren. Schon lange dachte er auch, dass niemand besser zu Ernests Anschauungen passen und sein besonderes Wesen mehr zu schätzen wissen würde als die begabte, brillante Florence Lascelles. Cleveland schaute mit Nachsicht auf ihre zahlreichen Überspanntheiten im Denken und Verhalten, – Überspanntheiten, von denen er sich einbildete, sie würden schnellstens dahinschwinden unter dem Einfluss dieser Neigung, die gewöhnlich eine solch bedeutende Veränderung bei Frauen bewirkt und, wenn sie stark und intensiv gefühlt wird, sogar die widerständigsten unter ihnen zur Übereinstimmung oder Ähnlichkeit mit den Empfindungen oder Gewohnheiten ihres Geliebten kommen lässt.

Maltravers' imposante Selbstbeherrschung, so malte er sich aus, war genau die Eigenschaft, die Männern eine unbewusste Macht über die eigentlichen Gedanken der Frau gibt, deren Zuneigung sie erwerben: andererseits hoffte er, dass Florence' Fantasie und Enthusiasmus es dahin bringen würden, dass Ernest einen deutlicheren, praktischeren Ehrgeiz entwickelte; denn dem nüchternen Weltmann erschien er zu mäkelig hinsichtlich der Mittel zu weltlicher Auszeichnung und deren cui bono.

Außerdem wusste Cleveland durchaus die Vorteile von Reichtum und hoher sozialer Stellung zu schätzen; Florence' Rang und Mitgift würden Maltravers in eine gesellschaftliche Position bringen, die mit neuen Forderungen an seine Talente einhergingen. Nach Clevelands Überzeugung waren diese eher zum Herrschen als zum Dienen bestimmt. In Ferres erkannte er jemanden, der sich Macht aneignete – Maltravers dagegen würde sie, wenn er sie je erlangte, mit Würde und nur für bedeutende Ziele ausüben. Ein höheres Motiv als die Sorge um Maltravers' rein wirtschaftliche Interessen erweckte in Cleveland das Bedürfnis, ihm Herz und Hand der großartigen Erbin zu sichern; seiner Meinung nach würde jedenfalls aus Lady Florence' Willen kein Hindernis erwachsen, welches immer es sonst geben möge.

Er entschloss sich gleichwohl kluger Weise, den Dingen ihren natürlichen Lauf zu lassen. Zu keiner Seite machte er irgendeine Andeutung. Kein Ort eignet sich besser zum Verlieben als ein großes Landhaus, und kein Zeitpunkt ist für die vornehmen Müßiggänger günstiger als das Ende der Londoner Saison, wenn sogar die kühlsten Köpfe, ermattet von kleinlichen Sorgen und hohler Freundschaften müde, sich geradezu nach Zuwendung und dem Reiz echter Gefühle sehnen.

Irgendwie geschah es, dass sich Florence und Ernest nach den ersten beiden Tagen beständig zusammen fanden. Beim Ausritt hielt sich Maltravers an ihrer Seite – sie machten Ausflüge an den Fluss und saßen auf derselben Bank im dahingleitenden Vergnügungsboot. Die jüngeren Gäste veranstalteten mit Unterstützung benachbarter Familien Tanzabende in einem provisorischen Pavillon vor dem Speiseraum. Ernest tanzte nie, Florence nur zuerst. Als sie sich aber einmal gerade mit Maltravers unterhielt, bat ein munterer Gardeoffizier sie um den versprochenen Tanz, und sie schien betroffen über eine deutliche Veränderung in Ernests Gesicht.

»Tanzen Sie nie?« fragte sie, während der Gardeoffizier nach einem Ort suchte, wo er seinen Hut sicher deponieren könne.

»Nein«, sagte er; »doch gäbe es keine Unschicklichkeit, wenn ich tanzte.«

»Und Sie meinen, bei mir wäre es so?«

»Verzeihen Sie – das habe ich nicht gesagt.«

»Aber Sie denken es.«

»Oh, nein, wenn ich darüber nachdenke, bin ich vielleicht sogar froh, dass Sie tanzen.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

»Also gut; ich meine: sie sind genau die Frau, in die ich mich niemals verlieben würde. Und ich spüre das Nachlassen der Gefahr, wenn ich Sie irgendeine meiner Illusionen zerstören, oder vielleicht eher: irgendeines meiner Vorurteile bekämpfen sehe.«

Lady Florence errötete; der Gardeoffizier jedoch und die Musik ließen ihr zu einer Antwort keine Zeit. Gleichwohl tanzte sie nach diesem Abend nicht mehr. Sie sprach von Unwohlsein und erklärte, der Arzt habe ihr das Tanzen untersagt; und so verzichtete sie auf Quadrillen und Walzer.

Maltravers musste sich von dieser Rücksicht auf seine Auffassung gerührt und geschmeichelt fühlen; Florence aber richtete es so ein, dass er sich in dieser Richtung nicht erklären durfte, indem sie einen anderen Beweggrund dafür geltend machte. Am zweiten Abend nach dieser von Ernest zelebrierten groben Offenherzigkeit trafen sie sich zufällig in dem mit dem Ballsaal verbundenen Musikraum; als Ernest stehen blieb, um sie nach ihrer Gesundheit zu fragen, machte ihn die apathische, traurige Mutlosigkeit ihrer Stimme und ihrer Züge betroffen, als sie ihm antwortete.

»Werte Lady Florence«, sagte er, »ich fürchte, es geht Ihnen schlechter, als Sie zugeben wollen. Sie sollten diese Zugluft vermeiden. Sie sind es Ihren Freunden schuldig, sorgfältiger auf sich acht zu geben.«

»Freunde!« sagte Lady Florence verbittert – »ich habe keine Freunde! – nicht einmal mein armer Vater würde eine Woche nach meinem Tod einem Abendessen in der Kabinettsrunde fernbleiben. Aber das sind die Erfordernisse des öffentlichen Lebens – sein heißer, sengender Hauch lässt alle geringeren, wenn auch nicht unheiligeren Regungen verlöschen. – Freunde! Das Schicksal, welches Florence Lascelles zur beneideten Erbin machte, versagte ihr Brüder oder Schwestern; und ihre Geburtsstunde kostete sie sogar die Liebe einer Mutter! Freunde! wo soll ich die finden?«

Sie schwieg, wendete sich zur offenen Fenstertür und trat hinaus auf die Veranda; beim Zittern ihrer Stimme spürte Ernest, dass sie dies tat, um ihre Tränen zu verbergen oder zu unterdrücken.

»Und doch«, sagte er, ihr folgend, »gibt es eine Gattung entfernterer Freunde, deren Anteilnahme Lady Florence zu sichern nicht versäumen darf, so gering sie diese auch schätzen mag. Unter die bescheidensten dieser Gattung erlauben Sie mir mich selbst einzureihen. Kommen Sie, ich beanspruche nun einfach das Privileg des Ratgebers: die Nachtluft ist für Sie ein Luxus, den Sie sich nicht leisten können.«

»Nein, nein, sie erquickt mich – tröstet mich. Sie missverstehen mich, ich leide nicht an einer Krankheit, welche durch Himmelsstille und Blumenschlaf vermehrt werden könnte.«

Maltravers war nun offenbar nicht in Florence verliebt, aber so, wie er in letzter Zeit unter den Einfluss ihrer seltenen, reichen Gaben geistiger und charakterlicher Art geraten war, musste er für sie wenigstens ein starkes und sogar herzliches Interesse empfinden – die besondere Offenherzigkeit, mit er zu ihr zu sprechen pflegte, und die zahlreichen Anknüpfungspunkte im Umgang, die sich zwischen ihm und einem von Natur aus so kraftvollen und reich kultivierten Geist zwangsläufig ergeben mussten, hatten ihre Bekanntschaft bereits auf einen vertrauten Fuß gesetzt.

»Ich kann Sie nicht davon abhalten, Lady Florence«, sagte er mit halbem Lächeln, »aber mein Gewissen wird nicht zulassen, dass ich mich mitschuldig mache. Ich werde zum Kronzeugen werden und Lord Saxingham aufstöbern, um ihn zu Ihnen zu schicken.«

Lady Florence' Gesicht war von ihm abgewendet, und sie schien ihn nicht zu hören.

»Und Sie, Mr. Maltravers« – sie wendete sich rasch herum – »Sie – haben Sie Freunde? Haben Sie das Gefühl, dass es, nicht etwa öffentliche, sondern private Neigungen und Pflichten gibt, derentwegen das Leben uns weniger als ein Besitz denn als anvertrautes Gut gegeben wurde?«

»Lady Florence! – nein! – ich habe Freunde, es ist wahr, und Cleveland ist einer der engsten; aber das Leben innerhalb des Lebens – das zweite Selbst, das wir mit dem Recht und der Herrschaft über unser eigenes Sein bevollmächtigen – das kenne ich nicht. Aber ist dies«, fügte er nach einer Weile hinzu, »eine so seltene Entbehrung? Vielleicht ist sie für mich eine sehr glückliche. Ich habe gelernt, mich auf meine eigene Seele zu verlassen, und suche nicht woanders nach Röhricht, das ein Wind zerbrechen kann.«

»Ach, das ist eine kalte Philosophie – mit deren Weisheit mögen sie sich mit der Welt und dem Getöse und Getümmel der Menschen aussöhnen; aber in der Einsamkeit, in der Natur – ach, nein! Solange der Geist beansprucht ist, mögen Sie zufrieden sein in diesem stoischen Stolz; aber es gibt Momente, in denen das Herz wie aus dem Schlaf erwacht – wie ein erschrecktes Kind – und sich allein und im Dunkeln wiederfindet.«

Ernest schwieg, und Florence fuhr mit veränderter Stimme fort: »Das ist ein seltsames Gespräch – und Sie müssen mich wirklich für eine zügellose, Romane verschlingende Person halten, wie die Welt mich längst zu nennen beliebt. Aber wenn ich lebe – ich – pah! – das Leben verweigert Frauen jeden Ehrgeiz.«

»Wenn eine Frau wie Sie, Lady Florence, je lieben sollte, dann einen Mann, in dessen Laufbahn Sie vielleicht den edelsten Ehrgeiz überhaupt finden werden – den nur von Frauen empfundenen Ehrgeiz: den Ehrgeiz um eines anderen willen.«

»Ach! aber ich werde niemals lieben«, sagte Florence, und ihre Wangen wurden blass, als das Licht der Sterne auf sie fiel; »doch vielleicht«, fügte sie rasch hinzu, »könnte ich wenigstens die Segnungen der Freundschaft kennen lernen. Warum auch«, und hier näherte sie sich Maltravers und legte ihm mit gewinnendem Freimut die Hand auf den Arm – »warum auch sollten wir uns nicht so zueinander verhalten, als ob Liebe, wie Sie es ausdrücken, nicht von dieser Welt wäre – und Freundschaft ihren Platz ausfüllte? – es besteht keine Gefahr, dass wir uns ineinander verlieben! Sie sind nicht eitel genug, das von mir zu erwarten, und ich bin, wie Sie wissen, eine Kokette; lassen Sie uns Freunde sein, Vertraute – wenigstens bis Sie heiraten oder bis ich einem anderen das Recht erteile, meine Freundschaften zu kontrollieren und alleiniger Teilhaber meiner Geheimnisse zu werden.«

Maltravers fuhr auf – diesen Gedanken, mit dem Florence ihn nun ansprach, hatte er fast wörtlich einst selbst Valerie gegenüber ausgesprochen.

»Die Welt«, sagte er, die noch auf seinem Arm liegende Hand küssend, »die Welt wird –«

»Oh, ihr Männer! – die Welt, die Welt! – Alles Feine, alles Reine, alles Edel, Hochgesinnte und Heilige – wird ausgerichtet, eingepfercht und verstümmelt nach Maß und Gesetz der Welt! Die Welt – sind Sie auch ihr Sklave? Verachten sie nicht ihre heuchlerische Hohlheit – ihre systematische Scheinheiligkeit?«

»Von ganzem Herzen!« antwortete Ernest Maltravers nahezu grimmig. »Niemand hat je ihre falschen Götter und elenden Überzeugungen so verachtet – ihren Krieg gegen die Schwachen – ihre Kriecherei vor den Mächtigen – ihre Undankbarkeit gegenüber Wohltätern – ihr schäbiges Bündnis mit der Mittelmäßigkeit gegen das Vortreffliche. Ja, in demselben Maße, wie ich die Menschen liebe, verachte und verabscheue ich jene Oligarchie, die schlimmer ist als die venetianische und die die Menschen sich selbst auferlegt haben und dann auch noch ›die Welt‹ nennen.«

Und so kam es, dass dieser sonst so ruhige, selbstbeherrschte Mann, erwärmt von der Erregung des Aussprechens lange und sorgfältig verborgener Gefühle, in entflammter Leidenschaft all jene stürmischen, beinahe schrecklichen Gedanken heraus ließ, die, wie sehr wir sie auch regulieren, kontrollieren oder maskieren, auf dem Grunde unser aller Seelen lauern, als Saatgut ewigen Krieges im Menschen zwischen der Natur und der Zivilisation, zwischen unserem ungestümen Genie und dem gesellschaftlichen Herkommen, – Gedanken, die von Zeit zu Zeit hervorbrechen als Vorboten vergeblicher, fruchtloser Revolutionen, ohnmächtiger Kämpfe gegen das Schicksal, – Gedanken, die gute, weise Männer lieber nicht verkünden, weil sie ein Feuer in sich tragen, das ebenso brennt wie es erleuchtet und von Herz zu Herz springt – so wie ein Funke sich im Flachs ausbreitet; – Gedanken, die bei den höchsten Naturen die größte Reife erhalten, aber zu den Wahrheiten gehören, welche die Tugend nicht laut ausspricht. Und als Maltravers sprach, wobei seine Augen fast unerträglich hell blitzten, seine Brust sich hob und seine Figur sich förmlich ausdehnte, erschien er Florence Lascelles größer als je: die Ketten, welche die Gliedmaßen seines Geistes fesselten, schienen entzwei gebrochen, und seine ganze Seele ragte wie ein Turm empor, als sei sie der Sklaverei entwichen, habe ihren Scheitel zum Himmel erhoben und fühle, dass sie frei sei.

Dieser Abend erlebte die Besiegelung eines neuen Bündnisses zwischen diesen beiden jungen, schönen Menschen verschiedenen Geschlechts; sie kamen überein, Freunde zu bleiben, und nicht weiter. Diese Toren!

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