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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel III

» Lauzun. – Da, Graf, da, ich hab's getan!
Montespan. – Getan! ja! Nette Taten!«

Die Herzogin von La Vallière. Schauspiel, das Bulwer 1836 veröffentlicht hatte. Das Motto stammt aus Akt I, Szene 5. – Anm.d.Übers.

Lumley beeilte sich, das Eisen zu schmieden, solange es heiß war. Am nächsten Morgen ging er sofort zum Schatzamt und traf den verwaltenden Sekretär, einen schlauen, scharfsinnigen Mann, der wie Ferrers Intrigen und Täuschungsmanöver schonungs- und sorglos durchzuführen wusste.

Ferrers kündigte an, dass er als Kandidat für die freie, achtbare, selbständige Stadt von C***, mit einer Anzahl von 2 500 Wahlberechtigten, antreten werde. Ein prächtiger Ort war das für ein Parlamentsmitglied in den alten Zeiten vor der Parlamentsreform, Reform Act von 1832, auch als Great Reform Act bezeichnet, war ein Gesetz, mit dem die Wahlkreiseinteilung für die Wahl des britischen Parlaments zum ersten Mal seit fast 150 Jahren geändert wurde. Nötig geworden waren die Änderungen vor allem durch das Phänomen der Rotten boroughs (»verfaulte Bezirke«) – Wahlkreise, deren Wählerzahl im Verlauf der Jahre durch das Zensuswahlrecht so stark gesunken war, dass die wenigen verbliebenen Wählerstimmen im Parlament weit übergewichtet waren. Besondere öffentliche Empörung erregten die Beispiele Gatton und Old Sarum mit sieben bzw. elf verbliebenen Wählern.
Die Tories, die ähnliche Reformvorhaben zuvor blockiert hatten, bekämpften auch diese Vorlage. Nach der ersten Lesung am 14. März 1831 waren die persönliche Einflussnahme von König Wilhelm IV., der Rücktritt der Whig-Regierung unter Earl Grey und Neuwahlen erforderlich, bis das Gesetz schließlich am 7. Juni 1832 in der dritten Lesung im House of Commons mit einer Mehrheit von einer Stimme angenommen wurde.
Aus historischen Gründen besaßen gewisse englische Boroughs das Recht, einen Abgeordneten ins Parlament zu entsenden, während jeweils der gesamte Rest jeder einzelnen County ein einziger Wahlkreis war. Mit den Jahren waren durchaus einige wenige Boroughs hinzugefügt oder entfernt worden. Doch der Reform Act ermöglichte erstmals überhaupt eine grundlegende Änderung der Wahlkreiseinteilung. Viele Städte, die erst während der Industrialisierung entstanden und nicht im Parlament vertreten waren, erhielten das Recht, ihre eigenen Abgeordneten zu wählen. Dagegen verloren zahlreiche rotten boroughs ihren Sitz.
Mit dem neuen Gesetz wurde auch die Anzahl der Wahlberechtigten von 435 000 auf 652 000 erhöht (rund ein Siebtel der männlichen Bevölkerung). Davon profitieren konnten vor allem wohlhabende Stadtbewohner, die eine jährliche Miete von mehr als £10 bezahlten. Dadurch verschob sich das politische Gewicht vom ländlichen, aristokratisch geprägten Süden zu den neuen Großstädten im Norden. Es wurden 58 rotten boroughs aufgelöst und Boroughs mit weniger als 4 000 Einwohnern mussten einen ihrer zwei Sitze aufgeben.
Doch auch mit dem neuen Gesetz war der Einfluss der gentry, des englischen Landadels, noch immer sehr hoch. Premierminister John Russell hatte gehofft, dass weitere Reformen nicht mehr notwendig sein würden, doch der Druck der Öffentlichkeit führte zu weiteren großen Veränderungen wie dem Reform Act 1867. – Anm.d.Übers.
und er wurde als ein durchaus unabhängiger Wahlkreis betrachtet. Der Sekretär gratulierte ihm unter zahlreichen Komplimenten.

»Wir hatten in letzter Zeit Verluste bei unseren Wahlen in den größeren Wahlkreisen«, sagte Lumley.

»So ist es – drei Städte gingen in den letzten sechs Monaten verloren. Parlamentsmitglieder sterben bisweilen äußerst ungelegen.«

»Ist Lord Staunch schon für einen Sitz vorgesehen?« fragte Lumley. Lord Staunch war nun eine der großen Kanonen der Regierung für populäre Schaukämpfe – er bekleidete kein Amt, war jedoch für alle Regierungen eine ausgesprochen nützliche Person, eine unbedingte Unterstützung trotz unabhängigster Grundsätze – man wusste, dass er eine Stelle abgelehnt hatte und sich auf seine Unabhängigkeit etwas einbildete – ein Mann, welcher der Regierung über den Zaun half, wenn sie gerade mit Lahmheit geschlagen war, und dessen Person »im Lande ein großes Gewicht« besaß. Lord Staunch hatte dummer Weise einen ›Close Borough‹ aufgegeben, um sich in einer großen Stadt zu bewerben und war bei diesem Versuch gescheitert. Sein Scheitern wurde überall zitiert als Beweis für die wachsende Unbeliebtheit der Minister.

»Ist Lord Staunch schon für einen Sitz vorgesehen?« fragte Lumley.

»Oh, er muss wieder seinen alten Sitz nehmen – Three-Oaks. Three-Oaks ist ein netter, ruhiger kleiner Ort; sehr achtbare Wählerschaft – alle aus Staunchs eigener Familie.«

»Gerad' das Richtige für ihn; trotzdem ist es schade, dass er nicht warten und für C*** kandidieren wollte; die Unterstützung meines Onkels hätte seine Wahl gesichert.«

»Ja, das dachte ich auch, als C*** vakant wurde. Jedenfalls ist es jetzt zu spät.«

»Es wäre ein großer Triumph für Lord Staunch, wenn er zeigen könnte, dass ein großer Wahlkreis gewillt ist, ihn ohne ›Kosten‹ zu wählen.«

»Ohne ›Kosten‹! – Ach, ja, in der Tat! Es würde beweisen, dass die Wahlen immer noch integer ablaufen – dass die britischen Institutionen immer noch intakt sind.«

»Das könnte geschehen, Mr. ***.«

»Oh, aber ich dachte, dass Sie …«

»... kandidieren wollten – das stimmt – und es wird schwierig werden, meinen Onkel hiervon abzubringen; aber er liebt mich sehr – Sie wissen: ich bin sein Erbe – ich glaube deshalb, ich könnte es schaffen; das heißt, wenn Sie annehmen, dass dies für die Partei ein sehr bedeutender Gewinn und für die Regierung ein sehr bedeutender Dienst wäre.«

»Oh, Mr. Ferrers, es wäre tatsächlich beides!«

»Und in diesem Fall könnte ich Three-Oaks bekommen?«

»Ich verstehe – genau so; aber einen so achtbaren Sitz aufzugeben – das ist wirklich ein Opfer!«

»Sagen Sie nichts weiter, so soll es gemacht werden. Eine Abordnung wird Lord Staunch unmittelbar erwarten. Ich werde meinen Onkel aufsuchen, und heute abend wird eine Depesche nach C*** geschickt werden, wenigstens hoffe ich das. Ich darf nicht zu viel voraussetzen: Mein Onkel ist ein alter Mann, keiner außer mir weiß ihn zu behandeln; ich werde dies sofort in Angriff nehmen.«

»Seien Sie sicher: Ihr Entgegenkommen wird gebührend gewürdigt werden.«

Lumley schüttelte herzlich die Hand des Sekretärs und zog sich zurück. Der Sekretär war nicht etwa »angeschmiert« noch erwartete Lumley dergleichen. Der Sekretär nahm vielmehr zur Kenntnis, dass Lumley Ferrers (und damit war das Ziel dieses Gentleman erreicht) nach einem Amt Ausschau hielt und man ihn fördern sollte, wenn er sich im Parlament eine passable Figur machte.

   

Nur kurz darauf meldete die Gazette die Wahl von Lord Staunch für C***, nach einem scharfen, aber eindeutigen Wettbewerb. Die Regierungsblätter stimmten frohlockende Päane Paian, auch Päan oder Paion: ein feierlicher Gesang, der besonders dem griechischen Gott Apollon zu Ehren gesungen wurde, vor allem zum Kampf oder zur Feier eines Sieges. – Anm.d.Übers. an; die Opposition bezeichnete die Wähler von C*** mit allen nur denkbaren Schimpfwörtern und erklärte, dass Mr. Stout, Lord Staunchs Gegner, die Wahl anfechten werde – was er nie tat. Inmitten dieses Tohowabohu schlich sich Mr. Lumley Ferrers ruhig und unbeobachtet auf den Parlamentssitz für Three-Oaks.

Am Abend seiner Wahl kam er zu Lord Saxingham; doch was dort geschah, verdient ein eigenes Kapitel.

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