Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
Schließen

Navigation:

Kapitel III

»Ihr wusstet – niemand besser als Ihr,
um meiner Tochter Flucht.«

SHAKESPEARE, Der Kaufmann von Venedig, III, 1

Der Tag brach an; es war ein milder, feuchter, nebliger Morgen; das Gras versank tief unter dem Fuß, die Straßen waren voller Schmutz, und der Regen der vergangenen Nacht hatte da und dort breite Lachen zurückgelassen. Auf die Stadt zu bewegten sich schon Wagen, Karren und Gruppen von Fußgängern; und dann und wann vernahm man den scharfen Hörnerklang einer frühen Kutsche, die mit ihren eingehüllten Passagieren draußen und den Schlafmützen drinnen die nördliche Landstraße entlang rollte.

Ein junger Mann sprang über einen Zaun auf die Straße gerade gegenüber der Wegmarke, die ihm verkündete, dass es noch eine Meile nach **** sei.

»Dem Himmel sei Dank!« sagte er halblaut. »Nachdem ich die Nacht mit Wandern über die Sümpfe wie ein Irrlicht verbracht habe, nähere ich mich endlich der Stadt. Dem Himmel sei nochmals Dank für all sein Erbarmen in dieser Nacht! Ich atme frei. Ich bin sicher

Er schritt rascher aus; er überholte einen langsamen Wagen – er überholte eine Gruppe von Handwerkern – er überholte eine Schafherde, und jetzt sah er gemächlich vor sich her wandelnd eine einzelne Person. Es war ein Mädchen in abgetragener, bescheidener Kleidung, die ihren beschwerlichen Weg leidend und matt zu verfolgen schien. Er war gerade dabei, sie auch zu überholen, als er einen leisen Schrei hörte. Er wendete sich um und erblickte in der Wanderin seine Lebensretterin der letzten Nacht.

»Himmel! bist du's tatsächlich? Kann ich meinen Augen trauen?«

»Ich wollte Sie suchen, Sir«, sagte das Mädchen schwach. »Ich bin auch geflohen; ich werde niemals zu meinem Vater zurückgehen. Ich hab' kein Dach mehr über'm Kopf.«

»Armes Kind! aber wie steht's: haben sie dich misshandelt, weil du mich freigelassen hast?«

»Vater hat mich zu Boden gestoßen und schlug mich noch einmal, als er zurückkam; aber das ist nicht alles«, fügte sie sehr leise hinzu.

»Was noch?«

Das Mädchen wechselte die Farbe. Starr biss sie die Zähne zusammen, hielt kurz an, ging dann noch schneller als zuvor und antwortete: »Das ist egal; ich werde niemals zurückgehen – ich bin jetzt allein. Was soll ich nur tun?«, und sie rang ihre Hände.

Tiefes Mitleid bewegte den Reisenden. »Mein gutes Mädchen«, sagte er ernst, »du hast mein Leben gerettet, und ich bin nicht undankbar. Hier« (dabei legte er ihr einige Goldmünzen in die Hand), »verschaff dir Unterkunft, Nahrung und Ruhe; du siehst aus, als brauchtest du sie; und such mich heute abend wieder auf, wenn es dunkel ist und wir unbeobachtet sprechen können.«

Das Mädchen nahm ergeben das Geld und schaute auf zu seinem Gesicht, während er sprach; dieser Blick war so arglos, und die gesamte Haltung war so wunderbar bescheiden und jungfräulich, dass, hätte irgendeine schlimme Lust des Reisenden letzte Worte veranlasst, sie sich hätte erschrocken verflüchtigen und ihn beschämen müssen, als er diesen Blick wahrnahm.

»Mein armes Mädel«, sagte er betreten nach einer kurzen Pause, »du bist sehr jung und sehr, sehr hübsch. In dieser Stadt wirst du vielen Versuchungen ausgesetzt sein: wähle deine Unterkunft sorgfältig; du hast zweifellos Freunde hier?«

»Freunde? – was sind Freunde?« antwortete Alice.

»Hast du keine Verwandten? – keine Angehörigen deiner Mutter

»Niemanden.«

»Weißt du, wo du Unterschlupf bekommen kannst?«

»Nein, Sir; denn ich kann nicht dahin, wo mein Vater hingeht, ich habe Angst, dass er mich findet.«

»Gut, dann such dir einen ruhigen Gasthof; wir treffen uns heute abend genau hier, eine halbe Meile vor der Stadt, um sieben. Ich versuche inzwischen etwas für dich zu überlegen. Aber du scheinst erschöpft, das Gehen bereitet dir Qual; vielleicht ermüdet es dich zu kommen – ich glaube, du brauchst vielleicht noch einen weiteren Tag Ruhe.«

»Oh nein, nein! Es wird mir gut tun, Sie wiederzusehen, Sir.«

Die Augen des jungen Mannes trafen die ihren, und ihre waren nicht geschlossen; ihr weiches Blau war überflutet von Tränen, die ihm zu Herzen drangen. Er wendete sich hastig ab und sah, dass sie schon der Gegenstand neugieriger Beobachtung waren für die verschiedenen Reisenden, die sie eingeholt hatten. »Vergiss es nicht!« flüsterte er und schritt voran in einer Geschwindigkeit, die ihn bald zur Stadt brachte.

Er fragte nach dem ersten Hotel – ging hinein mit einer Miene, die jenes unbeschreibbare Bewusstsein von Überlegenheit erkennen ließ, welche denen zu eigen ist, die gewohnt sind, willkommen geheißen zu werden, wo immer Willkommensein käuflich erworben wird – und vergaß vor einem flackernden Feuer und einem durchaus reichlichen Frühstück all die Schrecken der vergangenen Nacht, oder vielmehr dachte er erfreut, er hätte ein neues und seltsames Wagnis zu dem Katalog von Abenteuern hinzugefügt, die bereits von Ernest Maltravers bestanden worden waren.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.