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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel II

» Dauph. Sir, ich muss mit Euch reden. Ich war lange Euer verachteter Verwandter.
Morose. Ganz wie du willst, Neffe.«

EPICENE

   

»Ihr Schweigen reicht als Mitgift – sie spricht auf äußerst angenehme Art; sparsam in ihrer Rede verbraucht am Tag sie kaum sechs Wörter.«

Ibid..

Die Kutsche setzte Mr. Ferrers am Tor einer Villa etwa drei Meilen außerhalb der Stadt ab. Der Hausmeister nahm selbst die Reisetasche, und Ferrers schlenderte, die Hände auf dem Rücken (das war seine bevorzugte Art ihrer Verwendung), durch die schöne, gepflegte Parkanlage.

»Eine sehr hübscher, schnuckeliger kleiner Kasten (das Wittumshaus, nehm' ich an)! Ich würde mich darüber sicher nicht ärgern, wenn ich nur das Übrige hätte. Aber hier, fürchte ich, kommt Madams erstes Musterstück ihrer Kunst, sich Familie anzuschaffen.«

Dieser Gedanke wurde Mr. Ferrers nachdenklichem Hirn durch ein reizendes kleines Mädchen entlockt, das auf ihn zugerannt kam, furchtlos und verwöhnt, wie sie war, und das, nachdem es einem Wunsch ihn anzustarren in vertretbarem Umfang nachgegeben hatte, ausrief: »Kommen Sie, um Papa zu besuchen, Sir?«

»Papa! – zum Teufel!« – dachte Lumley; »und wer ist dein Papa, meine Liebe?«

»Oh, Mamas Ehemann. Er ist nicht mein richtiger Papa.«

»Sicherlich nicht, mein Liebling; nicht dein richtiger – ich verstehe.«

»Äh!«

»Ja, ich wollte deinen unrichtigen Papa besuchen – Mr. Templeton.«

»Oh, dann hier entlang.«

»Du hast Mr. Templeton sehr lieb, mein kleiner Engel?«

»Bestimmt hab' ich das. Sie haben noch nicht das Schaukelpferd gesehen, das er mir schenken will?«

»Noch nicht, gutes Kind! Und wie geht's Mama?«

»Oh, die arme, liebe Mama«, sagte das Kind mit plötzlich veränderter Stimme und Tränen in den Augen. »Ach, es geht ihr nicht gut.«

»Guter Hoffnung ist sie, mit tödlicher Sicherheit!« murmelte Ferrers stöhnend: »Aber da ist mein Onkel. Schreckliches Wort! Onkel waren immer gemeine Kerle. Richard der Dritte und der Mann, der den heillosen Lämmchen irgendwas antat, waren ein Scherz gegen meinen hartherzigen alten Verwandten, der mich mit einer Witwe bestohlen hat! Der lüsterne, schleckermäulige alte … Mein lieber Sir, ich freue mich so, Sie zu sehen.!«

Mr. Templeton, der in seinen Umgangsformen sehr kühl war und stets entweder über die Köpfe der Leute hinweg schaute oder auf den Boden hinunter, berührte knapp seines Neffen ausgestreckte Hand, und während er ihn willkommen hieß, stellte er fest, dass es ein sehr schöner Nachmittag sei.

»Ja, sehr, in der Tat; schöner Ort das; Sie sehen – nebenbei – dass ich mit meiner blonden, angeheirateten Cousine schon Bekanntschaft geschlossen habe; sie ist sehr hübsch.«

»Ich glaube wirklich, das ist sie«, sagte Mr. Templeton mit einiger Wärme und schaute liebevoll auf das Kind, das gerade Butterblumen in die Luft warf und sie zu fangen versuchte. Mr. Ferrers wünschte in seinem Herzen, es wären Ziegelsteine gewesen!

»Ähnelt sie ihrer Mutter?« fragte der Neffe.

»Wem, Sir?«

»Ihrer Mutter – Mrs. Templeton.«

»Nein, nicht sehr; es gibt einen Hauch von Ähnlichkeit, aber sie ist nicht sehr ausgeprägt. Möchten Sie vor dem Essen nicht Ihr Zimmer aufsuchen?«

»Ich danke Ihnen. Könnte ich nicht zuerst Mrs. Templeton vorgestellt wer–«

»Sie ist bei ihren Gebeten, Mr. Lumley«, unterbrach Mr. Templeton verbissen.

»Die Heuchlerin!« dachte Ferrers. »Oh, ich bin erfreut, dass Ihr frommes Herz eine so wesensverwandte Gefährtin gefunden hat!«

»Es ist eine große Gnade, und ich bin dankbar dafür. Dies ist der Weg zum Haus.«

Lumley wurde nun in einen düsteren Schlafraum geradezu hineingedrängt, den Dimity-Vorhänge Ein Baumwollstoff, der vom 17. bis 19. Jh. für Vorhänge, Bett- und Leibwäsche Verwendung fand. – Anm.d.Übers und eine dunkelbraune Tapete mit hellbraunen Sternen zierten; er warf sich in einen großen Sessel, gähnte und streckte sich mit solcher Inbrunst, als ob er sich seines Onkels Eigentum ergähnen und erstrecken könnte. Dann tauschte er langsam seine Tageskleidung gegen einen einfachen schwarzen Anzug und dankte seinem Stern, dass er trotz all seiner Verfehlungen niemals ein Stutzer gewesen war und sich niemals eines feinen Zwirns erfreut hatte – ein sündhafter Besitz, von dem sehr wohl wusste, das er seines Onkels Gewissen gänzlich gegen ihn verhärtet hätte. Er verweilte in seinem Zimmer, bis der zweite Glockenschlag ihn hinunter zu kommen hieß; und als er dann den Salon betrat, der sogar im Juli kühl wirkte, fand er seinen Onkel am Kamin stehend und eine junge, schlanke, hübsche Frau, wie begraben in einem kolossalen, aber nichtsdestoweniger unbequemen fauteuil.

»Ihre Tante, Mrs. Templeton; Madam, mein Neffe, Mr. Lumley Ferrers«, sagte Templeton mit der Hand weisend.

»John, – das Essen!«

»Ich hoffe, ich komme nicht zu spät.«

»Nein«, sagte Templeton freundlich, denn er hatte seinen Neffen immer gemocht und taute nun allmählich ihm gegenüber auf, als er bemerkte, dass Lumley zum neuen Stand der Dinge eine gute Miene zeigte.

»Nein, mein lieber Junge – nein; doch ich halte Ordnung und Pünktlichkeit für Kardinaltugenden in einer wohl eingerichteten Familie.«

»Das Essen, Sir«, sagte der Diener und öffnete die Flügeltüren am Ende des Raumes.

»Gestatten Sie«, sagte Lumley, indem er seiner Tante seinen Arm bot. »Welch ein reizender Ort!«

Mrs. Templeton erwiderte etwas, doch was es war, vermochte Ferrers nicht heraus zu finden, so leise und gedämpft erklang die Stimme.

»Scheu«, dachte er, »merkwürdig für eine Wittwe! aber das ist die Art, mit der diese Ehemannsbestatterinnen uns kriegen!«

So schlicht die allgemeine Möblierung des Zimmers war: in dem gewaltigen Wert des Tafelgeschirrs und der Zahl der Bediensteten brach Mr. Templetons wesensmäßige Prunksucht hervor. Er war ein reicher Mann und war stolz auf seinen Reichtum: er wusste, dass Reichtum geachtet wurde und hielt Achtbarkeit bereits für moralisch. Was das Essen betraf, wusste Lumley genug über seines Onkels Geschmack, um auf Speisen und Weine vorbereitet zu sein, die nicht einmal er (anspruchsvoller Gourmand, der er war) verachtete.

Zwischen den Gängen suchte Mr. Ferrers seine Tante ins Gespräch zu ziehen, aber er merkte, dass all sein Einfallsreichtum nicht verfing. Mrs. Templetons Gesicht war beherrscht von einem Ausdruck tiefer und doch ruhiger Melancholie, welcher die meisten Betrachter traurig gestimmt hätte, besonders an einer so jungen, entzückenden Frau. Es gab offenkundig irgendetwas jenseits von Scheu oder Reserviertheit, das sie so schweigsam und unterwürfig machte, und sogar in ihrem Schweigen lag so viel natürliche Lieblichkeit, dass Ferrers ihr Verhalten nicht auf Hochmut oder das Bedürfnis ihn abzuweisen zurück führen konnte. Er war ziemlich verblüfft; »denn obwohl«, dachte er, durchaus vernünftig, »mein Onkel kein junger Mann mehr ist, so ist er doch ein schwerreicher Bursche; und wie irgendeine Witwe, die sich mit einem reichen alten Kerl erneut wieder verheiratet, so melancholisch sein kann, übersteigt meinen Verstand!«

Wie um die Aufmerksamkeit von der Schweigsamkeit seiner Frau abzulenken, sprach Templeton mehr als gewöhnlich. Er betrat das weite Feld der Politik und bereute, dass er in derart kritischen Zeiten nicht im Parlament sitze.

»Besäße ich Ihre Jugend und Gesundheit, Lumley, würde ich mein Heimatland nicht vernachlässigen – draußen wartet der Papismus.«

»Ich wäre sehr gerne im Parlament«, sagte Lumley mutig.

»Das kann ich mir vorstellen«, antwortete der Onkel trocken. »Das Parlament ist aber eine kostspielige Angelegenheit – nur geeignet für diejenigen, die einen großen Batzen in diesem Land stecken haben.«

Lumley biss sich auf die Lippen und redete während des weiteren Essens nur noch wenig. Mr. Templeton hingegen wurde gnädig, als das Dessert auf den Tisch kam, und begann eine Ananas aufzuschneiden mit vielen an Lumley gerichteten Versicherungen, dass ein Garten nichts sei ohne ein Ananashaus.

»Wenn Sie sich je auf dem Land niederlassen, Neffe, müssen Sie ein Ananashaus haben.«

»Oh ja«, versetzte Lumley fast verbittert, »und ein Rudel Hunde und einen französischen Koch; sie alle werden ausgezeichnet zu meinen Vermögensumständen passen.«

»Sie denken mehr über Geldangelegenheiten nach als früher«, gab der Onkel zurück.

»Sir«, antwortete Ferrers feierlich, »in sehr kurzer Zeit werde ich das sein, was man einen Mann mittleren Alters nennt.«

»Hm!« meinte der Gastgeber.

Wieder herrschte Schweigen. Lumley war, wie wir bereits gesagt oder zu verstehen gegeben haben, ein großer Kenner der menschlichen Natur, zumindest in ihrer gewöhnlichen Art, und er wog nun in seinem Innern ab, welcher Kurs gegenüber seiner reichen Verwandtschaft klüglich einzuschlagen sei.

Ihm war klar, dass bei einem regelrechten Kampf sein Onkel ihm denselben Vorteil voraus hatte, den beim wirklichen Fechten der große Kämpfer gegenüber klein gewachsenen innehat; – indem er seine Wehr in geeignete Stellung bringt, hält er den Gegner auf Armeslänge. Eine große Zurückhaltung und Würde umgab den, der etwas zu vergeben hatte; und wie beweglich Ferrers auch seine Position wechseln und seinen Degen schwingen mochte: dieses Bollwerk konnte er nicht brechen.

Er entschloss sich daher zu einem neuen Spiel, für das ihn sein freimütiges Betragen vortrefflich befähigte. Gerade als er seine Entscheidung traf, stand Mrs. Templeton auf und schlüpfte mit einer leichten Verbeugung und einem sanften, aber matten Lächeln aus dem Zimmer. Die beiden Gentlemen ließen sich wieder nieder, und Templeton schob Ferrers die Flasche zu.

»Bedienen Sie sich selbst, Lumley! Ihre Reisen scheinen Sie Ihrer Lebensfreude beraubt zu haben – Sie schauen so ernst.«

»Sir«, sagte Ferrers abrupt, »ich brauche Ihren Rat.«

»Oh, junger Mann! Sie haben sich irgendeiner Ausschweifung schuldig gemacht – Sie haben gespielt – Sie haben …«

»Ich habe nichts getan, Sir, das Ihre Wertschätzung für mich vermindern könnte. Ich wiederhole, ich brauche Ihren Rat; ich habe die heißen Tage meiner Jugend ausgelebt – ich bin nun aufgeschlossen für Forderungen der Welt. Ich besitze Begabung, glaube ich; und Fleiß, das weiß ich. Ich möchte in der Welt eine Stellung ausfüllen, die meine frühere Untätigkeit gut machen und meiner Familie Ansehen verschaffen kann. Sir, ich nehme mir an Ihnen ein Beispiel und bitte nun um Ihren Rat, mit der Entschlossenheit, ihn zu befolgen.«

Templeton war bestürzt; er beschattete teilweise sein Gesicht mit der Hand und starrte suchend auf die hohe Stirn und die kühnen Augen seines Neffen.

»Ich glaube, Sie meinen es ernst«, sagte er nach einer Weile.

»Sie können es wirklich annehmen, Sir.«

»Gut, ich will darüber nachdenken. Ich mag ehrenwerten Ehrgeiz – keinen überspannten, der ist sündig; aber eine achtbare Stellung in der Welt zu verlangen ist schicklich, und Wohlstand ist ein Segen; weil er«, fügte der reiche Mann hinzu und nahm eine weitere Scheibe Ananas, – »uns in Stand setzt, für unsere Mitmenschen von Nutzen zu sein!«

»Dann, Sir«, versetzte Ferrers, von Wagemut beseelt – »dann bekenne ich, dass mein Ehrgeiz genau von der Art ist, von der Sie sprechen. Ich bin unbedeutend, ich wünsche mir, dass man mich als achtbar wahrnimmt; mein Vermögen ist mittelmäßig, ich möchte, dass es groß ist. Ich bitte Sie um nichts – ich kenne Ihr großzügiges Herz; aber ich würde meine Karriere gerne in aller Unabhängigkeit aufbauen.«

»Lumley«, sagte Templeton, »ich habe Sie nie so sehr geschätzt wie jetzt. Hören Sie – ich werde Ihnen vertrauen; ich denke, die Regierung ist mir etwas schuldig.«

»Ich weiß das«, rief Ferrers aus, dessen Augen beim Gedanken an eine Sinecure Sinekure, lateinisch sine cura animarum »ohne Sorge für die Seelen«, das heißt ohne Verpflichtung zur Seelsorge; ein Amt, mit dem Einkünfte, aber keine Amtspflichten verbunden sind. – Anm.d.Übers. glänzten – damals gab es sie nämlich noch!

»Und«, fuhr der Onkel fort, »ich beabsichtige, Sie um ein Gefallen als Gegenleistung zu bitten.«

»Oh, Sir!«

»Ja; ich denke – merken Sie auf! – mit geschicktem Vorgehen könnte ich …«

»Nun, werter Sir?«

»Eine Baronie für mich selbst und meine Erben erlangen; ich glaube, ich werde bald eine Familie haben!«

Hätte jemand Lumley Ferrers eine herzhafte Ohrfeige gegeben, es hätte ihn weniger getroffen als diese Enthüllung von seines Onkels ehrgeizigen Plänen. Seine Kinnlade sank nieder, seine Augen vergrößerten sich um einen Zoll, und es verschlug ihm vollständig die Sprache.

»Jawohl«, setzte Mr. Templeton erneut an, »ich habe lange davon geträumt; mein Ruf ist makellos, mein Vermögen groß. Ich habe meinen parlamentarischen Einfluss stets zugunsten der Minister geltend gemacht; und in dieser Handelsnation darf niemand höhere Ansprüche als Richard Templeton auf die Ehre eines moralischen, treuen und religiösen Ranges anmelden. Ja, mein Junge, – ich weiß Ihren Ehrgeiz zu schätzen – Sie sehen, ich besitze selbst ein wenig davon; und da Sie es ja ernst meinen mit Ihrem Wunsch, in meine Fußstapfen zu treten, denke ich Ihnen eine Junior-Partnerschaft in einem hoch geachteten Unternehmen verschaffen zu können. Lassen Sie mich überlegen; Ihr Kapital beträgt derzeit …«

»Ich bitte um Entschuldigung, Sir«, unterbrach Lumley, wider Willen vor Empörung die Farbe wechselnd; »ich ehre den Handel sehr, aber meine Verwandtschaft väterlicherseits würde mir den Einstieg in dieses Gewerbe verwehren. Und gestatten Sie mir hinzuzufügen«, fuhr er fort, geistesgegenwärtig einen neuen Angriff auf die sich darbietende Schwäche wagend, »dass diese mir stets freundlich gesonnene Verwandtschaft, wenn man sie recht behandelt, Ihr eigenes Vorhaben der Standeserhöhung höchst wirkungsvoll unterstützen könnte; um Ihretwillen würde ich nicht gerne mit ihr brechen. Lord Saxingham ist noch Minister – oh ja, er ist im Kabinett.«

»Hm – Lumley – hm!« äußerte Templeton bedachtsam.; »wir werden darüber nachdenken – wir werden darüber nachdenken. Noch etwas Wein?«

»Nein, danke, Sir.«

»Dann werde ich jetzt meinen Abendspaziergang machen und die Angelegenheit überdenken. Sie können sich zu Mrs. Templeton gesellen. Und ich möchte noch erwähnen, Lumley – um neun Uhr lese ich die Gebete. Vergessen Sie nie Ihren Schöpfer, und er wird Sie nie vergessen. Die Baronie wird eine ausgezeichnete Sache sein – äh? – englischer Adel – ja – englischer Adel! ganz anders als diese bettelhaften Grafentitel im Ausland!«

So sprach Mr. Templeton, griff nach Hut und Stock und trat aus der Tür des Esszimmers in den Park.

»›Die Welt ist meine Auster, die ich mit dem Schwert will öffnen‹«, Shakespeare, Die lustigen Weiber von Windsor, II, 2. – Anm.d.Übers. murmelte Ferrers; »diesen egoistischen alten Mann muss ich mir für meine Zwecke formen; denn da ich weder Begabung für die Schriftstellerei besitze noch Beredsamkeit zur Deklamation, will ich schauen, ob ich wenigstens schlau genug bin für eine Intrige und couragiert genug zum Handeln. Haltung – Haltung – Haltung – darin liegt mein Talent; und was ist Haltung anders als das stetige Fortschreiten vom Plan zur Ausführung?«

Unter diesen Gedanken suchte Ferrers Mrs. Templeton auf. Er öffnete die Flügeltür sehr sacht, denn all seine gewöhnlichen Bewegungen waren rasch und geräuschlos, und sah, dass Mrs. Templeton am Fenster saß und in ein Buch vertieft schien, das aufgeschlagen auf einem kleinen Arbeitstisch vor ihr lag.

»Fordyces Ratgeber für junge Ehefrauen, James Fordyce, Sermons to Young Women (1766). – Anm.d.Übers. nehme ich an. Gerissenes Weibstück! Trotzdem darf sie nicht meine Gegnerin werden.«

Er trat näher; noch hatte Mrs. Templeton ihn nicht bemerkt; erst als er ihr gegenüber stand, sah er, dass Tränen auf die Buchseite fielen.

Dies machte ihn etwas verlegen; sich zum Fenster wendend, täuschte er ein Hüsteln vor und sagte dann, ohne Mrs. Templeton anzuschauen: »Ich fürchte, ich habe Sie gestört.«

»Nein«, erwiderte dieselbe leise, gedämpfte Stimme, die zuvor Lumleys vergeblichen Versuchen, sie ins Gespräch zu ziehen, geantwortet hatte; »es war eine trübsinnige Beschäftigung, und vielleicht ist es nicht recht, sich einer solchen hinzugeben.«

»Darf ich fragen, welcher Schriftsteller sie so gerührt hat?«

»Es ist nur ein Band Gedichte, und ich vermag Poesie nicht zu beurteilen; aber er enthält Gedanken, die – die …« Mrs. Templeton hielt unvermittelt ein, und Lumley nahm ruhig das Buch auf.

»Ach!« rief er, die Titelseite aufschlagend – »mein Freund wäre sehr geschmeichelt.«

»Ihr Freund?«

»Ja: dies ist, wie ich sehe, von Ernest Maltravers, einem sehr vertrauten Genossen von mir.«

»Ich würde ihn gerne einmal sehen«, rief Mrs. Templeton fast aufgeregt. »Ich lese nur wenig; es war Zufall, dass ich auf eines seiner Bücher stieß; es ist, als spräche aus ihnen ein lieber Freund. Ach! ich würde ihn gerne einmal sehen!«

»Ich bin sicher, Madam«, vernahm man die Stimme einer dritten Person in streng tadelndem Ton, »dass ich nicht erkennen kann, was es Ihrer unsterblichen Seele nützen soll, einen Mann zu sehen, der eitle Verse schreibt, die auf mich tatsächlich höchst unmoralisch wirken. Ich habe nur einmal in diesen Band hinein geschaut heute Morgen und fand nichts als Schund – Liebes-Sonette und solches Zeug.«

Mrs. Templeton gab keine Antwort, und Lumley sagte, um dem Gespräch, das für seinen Geschmack einen zu ehelichen Charakter annahm, eine Wendung zu geben, einigermaßen ungelenk: »Sie sind sehr früh zurück gekehrt, Sir.«

»Ja, ich mag keine Spaziergänge im Regen!«

»Himmel, es regnet, tatsächlich – ich hatte es nicht bemerkt …«

»Sind Sie nass geworden, Sir? Sollten Sie nicht besser …« begann seine Frau schüchtern.

»Nein, Ma'am, ich bin nicht nass geworden, ich danke Ihnen. Übrigens, Neffe, dieser neue Schriftsteller, der ja ein Freund von Ihnen ist – ich frage mich, wie ein Mann aus seiner Familie sich herablassen konnte, Schriftsteller zu werden. Er kann es zu nichts bringen. Ich hoffe, Sie werden diese Bekanntschaft fallen lassen – Schriftsteller sind völlig unprofitable Genossen, da bin ich sicher. Ich hoffe, dass ich von Mr. Maltravers Büchern keines mehr in meinem Haus sehen werde.«

»Trotz alledem ist er sehr angesehen, Sir, und macht keine schlechte Figur in der Welt«, erwiderte Lumley beherzt; denn er war keineswegs geneigt, einen Freund aufzugeben, der ihm ebenso nützlich sein konnte wie Mr. Templeton selbst.

»Figur oder nicht – ich habe mit Schriftstellern zu meiner Zeit nicht viel Umgang gehabt; und wenn es der Fall war, habe ich es immer bereut. Sind nicht gesund, Sir, nicht gesund – haben alle irgendwo einen Riss. Mrs. Templeton, haben Sie Güte, das Gebetbuch zu holen – mein Betkissen muss neu ausgestopft werden, es bereitet mir ziemlich Schmerzen im Knie. Lumley, läuten Sie die Glocke? Ihre Tante ist sehr schwermütig. Wahrer Glaube ist nicht düster; wir werden eine Predigt zur Fröhlichkeit lesen.«

   

»So, so«, sprach Mr. Ferrers bei sich, als er sich an diesem Abend entkleidete – »ich erkenne, dass mein Onkel ein wenig missvergnügt über das bedrückte Gesicht meiner Tante ist – etwas eifersüchtig, dass sie an etwas anderes denkt als an ihn: tant mieux. Umso besser. – Anm.d.Übers. Diese Entdeckung muss ich zu gebrauchen wissen; es wird nicht angehen, dass sie zu glücklich miteinander leben. Und aufgrund dieses Hebels und seiner ehrgeizigen Pläne glaube ich einen Weg zu sehen, die guten Dinge dieser Welt etwas näher an Lumley Ferrers heran zu rücken.«

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