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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel II

»Was ist hier?
Ein Beingeripp!«

SHAKESPEARE, Der Kaufmann von Venedig, II, 7

Ungefähr zu dieser Zeit hielt es der Fremde für ratsam, seinen Rückzug einzuleiten. Der leise, unterdrückte Klang von Stimmen, den er zuerst bei der Unterhaltung von Vater und Kind gehört hatte, war verebbt. Die plötzliche Stille ermutigte und warnte ihn zugleich. Er schlich zur Haustür, entriegelte sie leise; aber sie war verschlossen, der Schlüssel fehlte. Es war ihm entgangen, während er ruhte, und bevor sein Argwohn erwacht war, hatte sein Gastgeber den Riegel wieder vorgeschoben, den Eingang wieder verschlossen und den Schlüssel abgezogen. Seine Befürchtungen waren nun bestätigt.

Sein nächster Gedanke richtete sich auf das Fenster – der Fensterladen schützte es nur zur Hälfte und war leicht zu entfernen; das Gitter aber, das sich nur zum Teil öffnen ließ, wie meist bei den Fensterflügeln solcher Katen, gewährte zu wenig Durchlass für seine Person. Sein einziges Mittel zu fliehen bestand darin, das gesamte Fenster zu zertrümmern, was nicht ohne Lärm und daraus resultierende Gefahren zu bewerkstelligen war.

Er unterbrach sich verzweifelt. Von Natur aus besaß er starke Nerven und ein furchtloses Temperament, war auch nicht unvertraut mit Gefahren für Leib und Leben, welche herauszufordern deutsche Studenten ihr Vergnügen finden; diesmal jedoch verließ ihn beinahe seine Courage. Die Stille fing an ihn spürbar zu belasten, und kalter Schweiß bedeckte seine Stirn. Während er unentschlossen und in Ungewissheit da stand, bemüht seine Gedanken zu sammeln, hörte er mit einem von Angst übermäßig geschärften Gehör das schwache, dumpfe Geräusch schleichender Schritte – er hörte die Stiegen knarren. Dieses Geräusch brach den Bann. Die frühere vage Furcht wich, als die Gefahr jetzt handgreiflich wurde. Seine Geistesgegenwart kehrte mit einem Schlag wieder. Er ging rasch zurück zu dem Feuerplatz, ergriff den Schürhaken und begann ins Feuer zu starren und laut zu husten, um möglichst energisch erkennen zu lassen, dass er hellwach sei.

Er spürte, dass er beobachtet wurde – er spürte augenblickliche Gefahr. Er spürte, dass ihm eine tödliche Auseinandersetzung drohte, falls er einschlafen sollte. Zeit verging, alles blieb still; nahezu eine halbe Stunde war vergangen, seit er die Tritte auf den Stufen gehört hatte. Die Situation begann an seinen Nerven zu zehren, er war tief verunsichert – es war unerträglich. Nicht Furcht aber war es, was er jetzt durchmachte, es war das überreizte Gefühl von Todfeindschaft – das Bewusstsein, das ein Mensch haben mag, der weiß, dass das Auge eines Tigers auf ihn lauert, und der, während er trotz der Spannung seinen Mut wiedergefunden hat, vorhersieht, dass früher oder später der Sprung kommen muss; die Spannung wird zur Qual, und er sehnt sich, den Kampf auf Leben und Tod zu beschleunigen, dem er nicht ausweichen kann.

Vollkommen unfähig, länger seine eigene Aufregung zu ertragen, stand der Reisende zuletzt auf, heftete seinen Blick auf die verhängnisvolle Tür und war nahe daran, den Zuhörer laut anzuschreien, dass er hereinkommen solle, als er ein leichtes Tippen ans Fenster vernahm; es wurde zwei Mal wiederholt, und beim dritten Mal sprach eine leise Stimme den Namen Darvil aus. Es war nun klar, dass Komplizen angekommen waren; er musste nicht mehr nur gegen einen Mann bestehen. Heftig holte er Luft und lauschte mit pochendem Herzen. Er hörte Schritte, die nicht auf den Boden aufzutreffen schienen; sie entfernten sich – alles war ruhig.

Er hielt ein paar Minuten inne und ging bewusst und nachdrücklich zur inneren Tür, bei welcher er seinen Wirt aufgestellt glaubte; mit starker Hand versuchte er die Tür zu öffnen; sie war auf der anderen Seite festgemacht. »So!« sagte er, verbittert mit den Zähnen knirschend, »ich muss sterben wie eine Ratte im Käfig. Gut, ich werde beißend sterben.«

Er kehrte zurück zu seinem früheren Posten, reckte sich zu seiner vollen Größe und packte seine schlichte Waffe, bereit für das Schlimmste und insgesamt nicht unbeschwingt, mit einem stolzen Bewusstsein seiner eigenen natürlichen Vorzüge in Bezug auf Gelenkigkeit, Wuchs, Kraft und Wagemut. Minuten vergingen; die Stille wurde unterbrochen von jemandem an der inneren Tür; er hörte, wie der Riegel leise fortgezogen wurde. Er hob seine Waffe mit beiden Händen – und musste erkennen, dass der Eindringling nur Alice war. Sie kam barfuß herein und weiß wie Marmor, einen Finger auf den Lippen.

Sie näherte sich – und berührte ihn.

»Sie sind in dem Schuppen hinten«, flüsterte sie, »und suchen den Vorschlaghammer – sie wollen Sie ermorden; hauen Sie ab – schnell!«

»Wie? – die Tür ist verschlossen.«

»Warten Sie, ich hab' den Schlüssel aus seinem Zimmer mitgenommen.«

Sie erreichte die Tür, drehte den Schlüssel um – die Tür gab nach. Der Reisende warf abermals seinen Rucksack über die Schulter und tat nur einen Schritt zur Schwelle. Das Mädchen hielt ihn an. »Sagen Sie nichts davon; er ist mein Vater, sie würden ihn hängen.«

»Nein, nein. Aber du? – du bist hoffentlich sicher? – du kannst auf meine Erkenntlichkeit rechnen. – Ich werde morgen in **** sein – im besten Gasthof. – Komm, wenn du kannst. Welchen Weg nehme ich jetzt?«

»Halten Sie sich links.«

Der Fremde war schon mehrere Schritte entfernt; durch die Dunkelheit und mitten durch den Regen floh er vorwärts mit jugendlicher Geschwindigkeit. Das Mädchen verweilte einen Augenblick, seufzte und lachte dann laut, verschloss und verbarrikadierte die Tür wieder und schlich zurück, als von dem inneren Eingang der grimmige Vater herankam und ein anderer Mann von untersetzter, sehniger Gestalt, der mit entblößten Armen einen großen Hammer schwang.

»Wie?« fragte der Wirt. »Alice ist hier, und – Tod und Teufel! Hast du ihn gehen lassen?«

»Ich hab dir gesagt, dass du ihm nichts tun sollst.«

Mit einem grässlichen Fluch streckte der Rohling seine Tochter zu Boden, sprang über sie, sperrte die Tür auf und brach mit seinem Genossen auf zur ungewissen Verfolgung seines erwählten Opfers.

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