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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel X

»Wenn ich nach langer Zeit
Dich wiedersäh',
Wär'st du für meinen Gruß bereit?«

BYRON

Die Gesellschaft war am nächsten Tag kleiner als sonst und bestand nur aus Lord Doningdale, seinem Sohn George Herbert, Valerie und Ernest. Sie kehrten von den Ruinen zurück, als die Sonne, nun allmählich nach Westen sich neigend, ihre schrägen Strahlen warf über die Gärten und Häuser einer kleinen malerischen Stadt, oder vielleicht eher eines Dorfes, an der großen Nordstraße. Great North Road, Verbindung zwischen London und Edinburgh, bedeutungsmäßig der Route 66 in den USA vergleichbar. – Anm.d.Übers. Diese Ortschaft ist eine der hübschesten in England und besitzt einen hervorragenden alten Gasthof mit einem großen, idyllischen Lustgarten. Nach der langen Straße mit ihren zahlreichen Windungen ritt unsere kleinen Gesellschaft langsam, als sich plötzlich der Himmel bewölkte und mit einigen dicken Hagelkörnern das Nahen eines Unwetters ankündigte.

»Hab' ich nicht gesagt, dass wir nicht heil durch den Tag kommen würden?« meinte George Herbert. »Jetzt sitzen wir in der Patsche.«

»George, das ist ein vulgärer Ausdruck«, versetzte Lord Doningdale, seinen Mantel zuknöpfend, während ein greller Blitz über ihren Pfad zuckte und der Himmel immer dunkler wurde.

»Wir könnten ja in dem Gasthof Rast machen«, schlug Maltravers vor: »das Unwetter zieht rasch auf, und Madame de St. Ventadour …«

»Sie haben Recht«, unterbrach Lord Doningdale und versetzte sein Pferd in kurzen Galopp.

Bald hatten sie das Tor des alten Hotels erreicht. Glocken erklangen, Hunde bellten – Bedienstete rannten. Eine schlichte, dunkle Reisekutsche stand vor dem Tor; wohl aufgeschreckt vom Lärm unten, trat eine Dame im »Ersten Stock, Straßenseite, Nr. 2« ans Fenster. Dieser Dame gehörte der Reisewagen, und sie war zu dieser Zeit allein in dem Zimmer. Als sie die Gesellschaft unbekümmert betrachtete, fiel ihr Auge auf eine Gestalt – sie wurde bleich, stieß einen unterdrückten Schrei aus und sank besinnungslos zu Boden.

Inzwischen waren Lord Doningdale und seine Gäste in den Raum neben dem der Dame gewiesen worden. Eigentlich bildeten die beiden Räume zusammen ein großes Appartement für Bälle und Grafschaftsversammlungen; die Trennwand bestand nur aus einem dünnen, nach Belieben entfernbaren Raumteiler. Der Hagel prasselte jetzt schnell und heftig, die Bäume ächzten, der Donner grollte; in dem großen, tristen Raum griff ein bedrückendes Gefühl von Kälte und Unbehagen um sich. Valerie fröstelte – ein Feuer wurde entzündet – und die Französin begab sich in dessen Nähe.

»Sie sind nass geworden, meine liebe Dame«, sagte Lord Doningdale. »Sie sollten sich dieser Kleidung entledigen und sie trocknen lassen.«

»Oh nein, was liegt schon daran?« erwiderte Valerie verbittert und nahezu grob.

»Alles liegt daran«, sagte Ernest; »lassen Sie sich bitte raten!«

»Und Sie kümmern sich um mich?« flüsterte Valerie.

»Können Sie fragen?« antwortete Ernest ebenso leise mit herzlicher, freundlicher Wärme.

Indes hatte der gute alte Lord das Zimmermädchen herbeigerufen und veranlasste in freundlich-väterlicher Herrschaftsmanier Valerie, das Zimmer zu verlassen. Die drei allein zurückbleibenden Herren redeten über das Unwetter, fragten sich, wie lange es dauern werde und debattierten darüber, ob man nach Doningdale wegen eines Wagens schicken solle. Währenddessen hörte der Hagel plötzlich auf, obgleich am entfernten Horizont die Wolken mächtig ausharrten zu einem erneuten Angriff. George Herbert, der ungeduldigste der Sterblichen, besonders wenn es um Regenwetter an einem fremden Ort ging, ergriff die Gelegenheit, indem er darauf bestand, nach Doningdale zu reiten und den Wagen zurück zu schicken.

»Ein Reitknecht könnte das sicher auch tun, George«, sagte der Vater.

»Mein lieber Vater: nein! Ich würde den Schlingel zu sehr beneiden. Ich langweile mich hier zu Tode. Marie wird Angst um uns haben. Die braune Bess wird mich in zwanzig Minuten hin bringen. Ich bin ein harter Bursche, weißt du? Adieu!«

So flog der junge Sportsmann davon, und zwei Minuten später sah man ihn munter vom Gasthoftor abtraben.

»Sehr sonderbar, dass ich solch einen Sohn habe«, bemerkte Lord Doningdale nachdenklich, – »einen Sohn, der sich im Haus keine zwei Minuten vergnügen kann. Ich hatte auch gewaltigen Kummer mit seiner Erziehung. Seltsam, wie Leute ihrer selbst so überdrüssig werden können, dass sie nicht im Stande sind, die Aussicht auf wenige Minuten Besinnung auszuhalten, – dass ein Regenschauer und eigene Gedankenvorräte solch ärgerliche Übel darstellen – wirklich: sehr seltsam. Aber es ist schon ein verwünschtes Wetter, gewiss. Wann es sich wohl aufklärt?«

So vor sich hin murmelnd ging, oder besser: marschierte, Lord Doningdale den Raum auf und ab, die Hände in den Manteltaschen, die Peitsche in der Rechten senkrecht aufragend. Gerade in diesem Augenblick erschien der Kellner, um anzukündigen, dass der Reitknecht seiner Lordschaft draußen sei und ihn zu sehen verlange. Lord Doningdale hatte nun die Freude zu erfahren, dass sein grauer Lieblingshackney, den er seit fünfzehn Jahren sommers wie winters ritt, von Fieberschauern geschüttelt wurde und, wie der Reitknecht es ausdrückte, »die Kolik in seinen Eingeweiden!« zu haben schien.

Lord Doningdale erblasste und eilte ohne ein Wort zu den Ställen.

Maltravers, der in seiner Gedankenversunkenheit die kurze Besprechung zwischen Herr und Knecht nicht mit gehört hatte, blieb allein zurück; er setzte sich ans Feuer mit auf die Brust gesunkenem Kopf und verschränkten Armen.

In der Zwischenzeit hatte sich die Dame, welche das anliegende Zimmer inne hatte, langsam von ihrer Ohnmacht erholt. Sie legte sich beide Hände an die Schläfen, wie um ihre Gedanken zu sammeln. Sie hatte ein schönes, unschuldiges, fast noch kindliches Gesicht, über das nun ein Lächeln huschte: es lag etwas so Liebliches, Rührendes in der Freude, die sich über dies Antlitz ergoss, dass man es nicht ohne starkes, fast schmerzliches Interesse hätte anschauen können. Denn es war die Freude eines Menschen, der Leid kennen gelernt hatte.

Plötzlich fuhr sie empor und sprach: »Nein, nein! Ich träume nicht. Er ist zurückgekommen – er ist hier – alles wird wieder gut! Ha! es ist seine Stimme. Oh, lieber Gott, es ist seine Stimme!«

Sie unterbrach sich, den Finger auf den Mund gelegt, denn Kopf gebeugt. Ein leiser, verschwommener Klang von Stimmen erreichte ihr angestrengt lauschendes Ohr durch die dünne Tür, die sie von Maltravers trennte. Sie hörte angespannt hin, konnte aber nichts verstehen. Ihr Herz schlug heftig.

»Er ist nicht allein!« flüsterte sie traurig. »Ich werde warten, bis der Schall endet, und dann werde ich mich hinein wagen!«

Und worin bestand die Unterhaltung, die in diesem Zimmer geführt wurde? Wir müssen zu Ernest zurückkehren. Es saß immer noch in derselben gedankenvollen Stellung, als Madame de St. Ventadour wiederkam.

Die Französin errötete, als sie sich mit Ernest allein sah, und Ernest selbst befand sich ebenfalls unbehaglich.

»Herbert ist heim geritten, um den Wagen zu befehlen, und Lord Doningdale ist entschwunden, ich weiß nicht einmal wohin. Sie fühlen sich hoffentlich nicht angegriffen wegen des Regens?«

»Nein«, sagte Valerie.

»Haben Sie irgendwelche Aufträge für London?« fragte Maltravers: »Ich kehre morgen dorthin zurück.«

»So bald!« seufzte Valerie. »Ach!« fügte sie nach einer Weile hinzu, »wir werden uns vielleicht jahrelang nicht mehr sehen. Monsieur de St. Ventadour ist zum Botschafter am Hof von So-und-so ernannt – nun, es ist gleichgültig. Was ist aus der Freundschaft geworden, die wir einst einander schworen?«

»Sie ist hier«, antwortete Maltravers und legte sich die Hand auf's Herz. »Hier liegt wenigstens diejenige Hälfte der Freundschaft, die meiner Verantwortung übergeben war; und es ist mehr als Freundschaft, Valerie de St. Ventadour: Achtung, Bewunderung, Dankbarkeit. Zu einer Zeit, als Leidenschaft und Fantasie mich mit höchster Kraft zu einem trägen, wertlosen Lüstling zu machen drohte, haben Sie mich überzeugt, dass es Tugend in der Welt gibt und die Frau zu edel ist, um nur unser Spielzeug zu sein – heute der Götze, morgen das Opfer. Ihr Einfluss, Valerie, hat aus mir einen nachdenklicheren – und ich hoffe: einen besseren Mann gemacht.«

»Oh!« rief Madame de St. Ventadour tief betroffen; »ich segne Sie für das, was Sie mir gesagt haben: Sie können nicht wissen – Sie können sich nicht vorstellen, wie süß das für mich ist. Nun erkenne ich Sie erst wieder. Was – was hat mich mein Entschluss gekostet? Nun erhalte ich den Lohn!«

Ernest war von ihren Gefühlen bewegt und von seinen eigenen Erinnerungen; er nahm ihre Hand und drückte sie mit freimütiger, doch ehrerbietiger Zärtlichkeit: »Ich habe nicht geglaubt, Valerie«, sagte er, »als ich die Vergangenheit überdachte, – ich habe nicht geglaubt, dass Sie mich liebten – dazu war ich nicht eitel genug; doch wenn: wie sehr ist Ihr Charakter in meinen Augen gestiegen – wie vorausschauend, wie weise war Ihre Tugend! Wieviel glücklicher und besser war es für uns beide, für unsere gegenwärtigen Gefühle zueinander, als wenn wir einem kurzen, schuldvollen Traum der Leidenschaft nachgegeben hätten, überworfen mit allem, was reuelose Leidenschaft und ungetrübte Glückseligkeit übrig lässt. Jetzt …«

»Jetzt«, unterbrach ihn Valerie rasch und richtete ihre dunklen Augen auf ihn – »jetzt lieben Sie mich nicht mehr! Doch es ist besser so. Nun, ich werde zu meinem kalten, trostlosen Leben zurückkehren und einmal mehr vergessen, dass der Himmel mich mit einem Herzen ausgestattet hat!«

»Ach, Valerie! geschätzte, verehrte, immer noch geliebte, wenn auch tatsächlich nicht mit dem alten Feuer, sondern mit einer tiefen, unsterblichen und heiligen Zärtlichkeit: sprechen Sie nicht so zu mir. Lassen Sie mich nicht glauben, Sie seien unglücklich; lassen Sie mich denken, dass Sie, klug, scharfsinnig, geistreich, wie Sie sind, Ihre Gaben eingesetzt haben, um sich selbst mit einem alltäglichen Schicksal auszusöhnen. Lassen Sie mich weiter zu Ihnen aufschauen, wenn ich Ihre Lebenskreise zu verachten versucht bin, und mich sagen:›Auf diesem Sockel steht noch ein Altar, auf dem das Herz die Opfer der Seele darbringen kann.‹«

»Es ist vergeblich – vergeblich, dass ich kämpfe«, sagte Valerie, fast sprachlos vor Erregung, und schlang leidenschaftlich ihre Hände ineinander. »Ernest, ich liebe Sie immer noch – ich fühle mich erbärmlich, wenn ich denke, dass Sie mich nicht mehr lieben: Ich würde Ihnen nichts geben können – dennoch fordere ich alles; meine Jugend schwindet – meine Schönheit verblasst – sogar mein Geist ist von dem Leben, das ich führen muss, abgestumpft; und doch bitte ich Sie um das, was Ihr junges Herz einst für mich fühlte. Verachten Sie mich, Maltravers, ich bin nicht, was ich schien – ich bin eine Heuchlerin – verachten Sie mich!«

»Nein«, sagte Ernest, indem er sich wieder ihrer Hand bemächtigte und an ihrer Seite auf die Knie fiel. »Nein, niemals vergessene, stets verehrte Valerie, hören Sie mich an.« Während der sprach, küßte er die Hand, die er hielt; mit der anderen bedeckte Valerie ihr Gesicht und weinte bitterlich, aber schweigend. Ernest wartete, bis ihr Gefühlsausbruch sich gelegt hatte, und hielt ihre Hand, die die noch von seinen Küssen erwärmt war – Küsse so rein, wie ein Ritter sie je auf die Hand seiner Königin gegeben hat.

In diesem Augenblick öffnete sich sacht die Tür zum nächsten Raum. Eine schöne Gestalt – eine Gestalt, die schöner und jünger war als die von Valerie de St. Ventadour – betrat das Zimmer; das Schweigen hatte sie getäuscht – sie glaubte, dass Maltravers allein sei. Sie war mit dem Herzen auf ihren Lippen eingetreten; Liebe, Zuversicht, hoffnungsvolle Liebe in jeder Ader, in jedem Gedanken – sie war eingetreten mit dem Traum, dass jenseits dieser Schwelle das Leben frisch erwachen werde – dass alles noch einmal würde, wie es gewesen war, als sie Glückseligkeit geatmet hatte. So trat sie ein; und nun stand sie wie gebannt, furchtergriffen, bleich wie der Tod – Leben wurde Stein – Jugend – Hoffnung – Glück waren für sie für immer vorbei. Ernst kniete vor einer anderen: das war alles, was sie sah! Dafür hatte sie sich in Treue gegen Sturm und Verlassenheit gestemmt; dafür hatte sie gehofft – geträumt – gelebt! Sie bemerkten sie nicht; sie war ungesehen – ungehört. Und Ernest, der barfuß bis ans Ende der Welt gewandert wäre, um sie zu finden, war im selben Raum mit ihr und wusste es nicht!

»Nennen Sie mich noch einmal Geliebte!« verlangte Valerie sehr leise.

»Geliebte Valerie, hören Sie mich an.«

Diese Worte reichten der Zuhörerin; sie wandte sich geräuschlos ab: so niedergedrückt ihr Herz sich fühlte, so stolz war es. Die Tür schloss sich hinter ihr – der Wunsch ihres ganzen Wesen war erhört worden – der Himmel hatte ihr Gebet vernommen – sie hatte noch einmal den Geliebten ihrer Jugend gesehen; und von Stund an war nur mehr Nacht und Dunkelheit um sie. Was machte es aus, was aus ihr wurde? Ein Augenblick: welch eine Wirkung bringt er auf Jahre hervor! – Ein Augenblick! Tugend, Verbrechen, Ruhm, Schande, Schmerz, Wonne ruhen auf Augenblicken! Selbst der Tod ist nur ein Augenblick, obwohl Ewigkeit ihm nachfolgt!

»Hören Sie mich an!« fuhr Ernest fort, ohne zu wissen, was geschehen war – »hören Sie mich an; wir wollen sein, was die menschliche Natur und die Formen der Welt selten Menschen unterschiedlichen Geschlechts erlauben – Freunde füreinander und auch der Tugend – Freunde trotz Zeit und Entfernung – Freunde in allen Wechselfällen des Lebens – Freunde, auf deren Gunst Scham und Reue nie einen Schatten werfen – Freunde, die sich dermaleinst wiedertreffen werden! Oh! keine Neigung ist so treu, kein Band so heilig wie jene, die auf der alten ritterlichen Loyalität und Ehre gründen; so wäre die Liebe, wenn Herz und Seele nicht durch irdische Beimischung verunreinigt wären.«

Ernests Gesicht trug einen so edlen Ausdruck, seine Stimme klang so ergreifend, dass Valerie mit einem Mal zu ihrem Wesen zurück fand, das eine vorübergehende Schwäche unterworfen hatte. Sie schaute ihn bewundernd und dankbar an und sagte dann ruhig, aber leise: »Ernest, ich verstehe Sie; ja, Ihre Freundschaft ist mir teurer als Ihre Liebe.«

In diesem Augenblick hörten Sie die Stimme von Lord Doningdale auf den Stufen. Valerie wandte sich ab. Maltravers reichte ihr seine Hand, während er sich erhob; sie drückte sie mit Wärme, und der Bann war gebrochen, die Versuchung bewältigt, die Prüfung bestanden.

Während Lord Doningdale den Raum betrat, fuhr der Wagen mit Herbert vor das Tor. In wenigen Minuten hatte sich die kleine Gesellschaft in das Gefährt begeben.

Als sie fort fuhren, schirrten die Stallknechte gerade die Pferde an den dunkelgrünen Reisewagen. Aus dem Fenster starrten traurige, angegriffene Augen auf die muntere Equipage des Peers – Augen, die wiederzusehen Maltravers sein ganzes Vermögen hingegeben hätte. Aber er schaute nicht auf; und Alice Darvil wandte sich ab: ihr Schicksal war besiegelt.

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