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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel IX

»Woher der flüsterleise Ton des Herzens,
Das von vergang'nen Tagen sprach?«

WORDSWORTH

Ernest blieb einige Tage bei Lord Doningdale, und jeden Tag ritt er mit Valerie aus, doch immer inmitten einer großen Gesellschaft; und jeden Abend unterhielt er sich mit ihr, aber die ganze Welt hätte mit hören können, was sie sagten. Tatsächlich war die die Sympathie, die einst zwischen dem jungen Träumer und der stolzen, unbefriedigten Frau bestanden hatte, zum großen Teil verflogen. Maltravers, zu weitreichenden, großen Zielen erwacht, war kein Träumer mehr. Gewöhnt an das einst verabscheute Leben im Belanglosen, hatte Valerie sich den Gebräuche und Gedanken der Alltagswelt anbequemt – sie besaß nicht mehr die Überlegenheit weltlicher Klugheit Maltravers gegenüber; Beredsamkeit hatte seine Schwärmerei ernüchtert, und ihr Ohr nahm deren Klang nur mehr gedämpft wahr. Immer noch fühlte Ernest tiefes Interesse für sie, und ebenso schien sie großen Stolz auf seine Laufbahn zu empfinden.

Eines Abends hatte sich Maltravers einem Kreis zugesellt, in dem Madame de St. Ventadour mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit den Vorsitz führte und zu dem sie in ihrer hübschen weiblichen und durch und durch französischen Art leichthin Urteile fällte bei hundert Themen – Philosophie, chinesisches Porzellan und das Gleichgewicht der Kräfte in Europa. Ernest hörte erfreut zu, ohne jedoch bezaubert zu sein. Valerie verhielt sich aber nicht natürlich an diesem Abend – sie sprach, als ob ihre Geister unter Zwang stünden.

»Nun gut«, sagte Madame de St. Ventadour zuletzt ermüdet, vielleicht von der Rolle, die sie gespielt hatte, und brachte eine lebhafte Beschreibung des damaligen französischen Hofes zu einem plötzlichen Abschluss, »schauen wir nun also, ob wir uns nicht schämen sollten – unser Gespräch hat auf jeden Fall die Musik unterbrochen. Haben Sie gesehen, wie Lord Doningdale sie angehalten hat mit einer Verbeugung gegen mich, wie um mir mit einem vornehmen Tadel zu sagen: ›Es wird Sie nicht länger stören, Madam‹? Ich werde nicht mehr als Komplizin am Verbrechen schlechten Geschmacks mitwirken!«

Damit erhob sich die Französin, schlüpfte durch den Kreis und zog sich zurück in einen entfernten Teil des Raumes. Ernest folgte ihr mit den Augen. Plötzlich winkte sie ihm, und er kam herzu und setzte sich an ihre Seite.

»Mr. Maltravers«, sagte Valerie dann in lieblichem Ton, »ich habe Ihnen noch nicht die Freude bekannt, die mir Ihre Schöpferkraft bereitete. Trotz Ihrer Abwesenheit haben Sie mir ermöglicht, mich mit Ihnen zu unterhalten – Ihre Bücher waren mir liebe Freunde; da wir uns bald wieder trennen werden, lassen Sie mich davon zu Ihnen sprechen, freimütig und ohne Kompliment.«

Dies ebnete den Weg zu einem Gespräch, das sich den Bezirken der Vergangenheit stärker näherte als jedes andere bisher. Aber Ernest war vorsichtig; und Valerie beobachtete seine Worte und Blicke mit einem Interesse, das sie nicht verheimlichen konnte – einem Interesse, das Enttäuschung zur Teilhaberin hatte.

»Es ist aufregend«, sagte Valerie, »auf einen Berg zu steigen, obwohl es ermüdet; und wenn auch Wolken den Ausblick vom Gipfel versagen – bleibt es eine Aufregung, die ein sehr umfassendes Vergnügen gewährt, und das erscheint fast, als wäre es das Ergebnis eines natürlichen menschlichen Instinkts, der uns wünschen lässt aufzusteigen – über die gewöhnlichen Verkehrsstraßen und Lebensniveaus hinaus zu gelangen. Einiges von solchem Vergnügen müssen Sie in Ihrem intellektuellen Ehrgeiz spüren, in dem der Geist den aufwärts Steigenden darstellt.«

»Nicht der Ehrgeiz vergnügt«, antwortete Maltravers, »es liegt im Verfolgen eines Pfades, der unserem Geschmack wesensverwandt und uns in kurzer Zeit durch Gewohnheit lieb geworden ist. Die Augenblicke, in denen wir über unsere Werke hinaus schauen und uns vorstellen, wie wir selbst unter dem ewig währenden Lorbeer sitzen, sind selten. Es ist das Werk selbst, bestehe es im Handeln oder in Literatur, das uns interessiert und erregt. Und am Ende nimmt die Trockenheit der Mühsal die vertraute Süße der Gewohnheit an. Aber die intellektuelle Arbeit enthält noch einen anderen Reiz – wir lernen unsere eigene Natur immer genauer kennen. Herz und Seele werden gleichsam Freunde, Gefühle und Bestrebungen vereinen sich. So sind wir nie ohne Gesellschaft – wir sind nie allein; alles, was wir gelesen, erfahren, entdeckt haben, begleitet uns. Das ist vergnüglich«, fügte Maltravers hinzu, »für die, welche in der äußeren Welt keine zwingenden Bindungen besitzen.«

»Und ist dies Ihr Fall?« fragte Valerie mit einem scheuen Lächeln.

»Oh ja! und nachdem ich eine Neigung überwunden habe, – Madame Ventadour, denke ich fast, ich habe meine Liebesfähigkeit überlebt. Ich glaube, wenn wir Vernunft und Einbildungskraft sehr weitgehend kultivieren, stumpfen wir in einem gewissen Umfang unsere jugendliche Empfindlichkeit für die heiteren Dinge des wirklichen Lebens ab. ›Am Müßiggang‹, sagt der alte römische Dichter, ›entzündet Liebe ihre Fackel‹.«

»Sie sind zu jung, um so zu sprechen.«

»Ich rede, wie ich fühle.«

Valerie verstummte.

Kurz darauf kam Lord Doningdale hinzu und schlug vor, am nächsten Tag einen Ausflug zu machen, um die Ruinen eines wenige Meilen entfernten alten Kloster anzuschauen.

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