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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel VII

»Außerhalb der Stadt war das erste, was ich tat, dass ich mein Maultier nach seinem eigenen Kopf laufen ließ.«

Gil Blas.

Wenngleich Maltravers' Charakter schrittweise härter und strenger geworden war, – wenngleich sich seine Vernunft muskulöser entwickelt, seine Fantasie etwas von ihrer ersten Blüte verloren hatte und er schon sehr verschieden war von dem wilden Burschen, der die deutsche Jugend entflammt und das kleine Landhaus verwandelt hatte in ein Schloss der Muße, das Poesie und Alice bewohnten, – hatte er doch manche seiner alten Angewohnheiten beibehalten; er liebte es, in raschen Abständen die große Welt zu verlassen – Bücher und Bekannte, Luxus und Wohlstand loszuwerden und einsame Ausflüge, bisweilen zu Fuß, manchmal beritten, durch diesen schönen Garten von England zu machen.

An einem milden Tag im Mai befand er sich auf solch einem Streifzug und ritt bedächtig einen der grünen Wege von ***shire. Sein Umhang und seine Satteltaschen umfassten sein gesamtes Gepäck, und die Welt lag vor ihm, »um dort einen Ruheort zu wählen«. Beliebtes Zitat einer Stelle aus John Milton, Paradise Lost, 12,647-648. – Anm.d.Übers. Der Weg wand sich schließlich hin zur Hauptstraße, und gerade als er sie erreichte, traf er mit einer munteren Reiterschar zusammen.

Diesem Zuge vorweg ritt eine Dame in einem grünen Reitkleid auf einem englischen Vollblut, das sie mit so leichter Anmut führte, dass Maltravers in unwillkürlicher Bewunderung stehen blieb. Er war selbst ein vollendeter Reiter und besaß das rasche Auge des Wohlwollens für die, welche diese Fertigkeit teilten. Er dachte, als er sie betrachtete, dass er nur eine Frau gesehen habe, deren Gestalt und Gebaren zu Pferde von dieser unbeschreiblichen Eleganz war, welche Geschick und Mut bei jeder Kunstfertigkeit gewährt – diese Frau war Valerie de St. Ventadour. Sogleich ritt zu seiner Überraschung die Dame vor Ihren Begleitern heran, näherte sich Maltravers und sagte mit einer Stimme, die er zuerst nicht genau erkannte: »Ist es möglich? – sehe ich Mr. Maltravers?«

Sie hielt einen Augenblick ein, warf dann ihren Schleier zurück und Ernest erblickte – Madame de St. Ventadour! Während dessen hatte sich ein großer, dünner Herr zu der Französin gesellt.

»Hat Madame einen Bekannten getroffen?« sagte er; »wird sie mir in diesem Fall gestatten, an ihrer Freude teilzuhaben?«

Die Unterbrechung schien Valerie zu erleichtern; – sie lächelte errötend.

»Darf ich Ihnen Mr. Maltravers vorstellen? Mr. Maltravers, dies ist mein Gastgeber, Lord Doningdale.«

Die beiden Herren verbeugten sich, der Rest der Reitergruppe umringte das Trio, und Lord Doningdale lud Maltravers mit gesetzter, doch freimütiger Höflichkeit ein, mit der Gesellschaft zu seinem Haus zurückzukehren, das etwa vier Meilen entfernt lag. Wie leicht vorzustellen ist, nahm Ernest die Einladung bereitwillig an. Der Reitzug schritt voran, und Maltravers beeilte sich, von Valerie eine Erklärung zu erhalten. Die wurde rasch gegeben. Madame de St. Ventadour besaß eine jüngere Schwester, die kürzlich einen Sohn Lord Doningdales geheiratet hatte. Die Trauung war in Paris vollzogen worden, und Monsieur und Madame Ventadour befanden sich seit einer Woche in England auf Besuch bei dem englischen Peer.

Das rencontre Zusammentreffen. – Anm.d.Übers. war so plötzlich und unerwartet, dass sich auch die Selbstbeherrschung noch nicht wieder genügend eingestellt hatte, um ein flüssiges Gespräch zu führen. Nachdem sie ihre Erklärung gegeben hatte, versank Valerie in ein gedankenschweres Schweigen, und Maltravers ritt gleichermaßen stumm ihr zur Seite, während er über den seltsamen Zufall grübelte, der sie nach manchem Jahr wieder zusammengebracht hatte.

Lord Doningdale, der zuerst bei seinen anderen Besuchern verblieben war, schloss sich ihnen nun an, und Maltravers war beeindruckt von seinem vornehmen Auftreten und einem ungewöhnlichen, etwas gekünstelten sprachlichen Schliff in Betonung und Ausdruck. Sie betraten bald einen prachtvollen Park, der weit mehr Sorgfalt und Aufmerksamkeit verriet, als sie im Allgemeinen solchen, für England typischen, Landgütern zuteil wird. Junge Pflanzungen hoben sich von altehrwürdigen Hainen ab – neue Häuschen von malerischer Gestalt zierten die Randbereiche – Obelisken und Säulen, der Antike nachgeahmt und offenbar erst jüngst verfertigt, strahlten ihnen entgegen, als sich dem Haus näherten – einem langgestreckten Bauwerk, in welchem die Mode aus Königin Annes Queen Anne Style, klassizistischer Barock, nach Anne Stuart (1655-1714), der letzten britischen Königin aus dem Hause der Stuarts. – Anm.d.Übers. Tagen bei den Dächern und Fenstern zur französischen Architektur der Tuilerien Palais des Tuileries in Paris, das frühere Stadtschloss der französischen Herrscher; seit Errichtung des Schlosses von Versailles (ab 1661) bedeutungslos. Erst die Revolutionäre zwangen 1789 Louis XVI., wieder in den Tuilerien zu residieren. – Anm.d.Übers abgewandelt worden war.

»Sie wohnen sicherlich viel auf dem Land, mein Lord«, sagte Maltravers.

»Ja«, antwortete Lord Doningdale mit versonnener Miene, »dieser Ort ist mir überaus lieb geworden. Hier beehrte mich Seine Majestät, Ludwig XVIII. Louis XVIII. (1755-1824), aus der Dynastie der Bourbonen, wegen der französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons bis 1814 im Exil (in England seit 1807), dann ab 1814 in der restaurierten Monarchie französischer König. – Anm.d.Übers. während seines englischen Aufenthalts mit einem jährlichen Besuch. Aus Höflichkeit ihm gegenüber suchte ich meine ärmliche Villa zu einer bescheidenen Ähnlichkeit mit seinem eigenen Palast umzugestalten, so dass er die verlorenen Rechte so wenig wie möglich vermissen möchte. Seine eigenen Räume waren genauso möbliert wie diejenigen, die er in den Tuilerien innehatte. Ja, der Ort ist mir ans Herz gewachsen – ich denke mit Stolz an die alten Zeiten. Es bedeutet mir etwas, einem Bourbonen in seinem Unglück Schutz gewährt zu haben.«

»Diese Veränderungen haben Milord eine enorme Summe gekostet«, bemerkte Madame de St. Ventadour mit schelmischem Blick auf Maltravers.

»Oh ja«, sagte der alte Lord, während sich sein zuvor heiteres Gesicht bewölkte – »nahezu dreihunderttausend Pfund: aber was ist das schon? – › Les souvenirs, madame, sont sans prix!‹« Erinnerungen sind unbezahlbar. – Anm.d.Übers.

»Haben Sie Paris seit der Restauration besucht, Lord Doningdale?« fragte Maltravers.

Seine Lordschaft warf einen scharfen Blick auf ihn, wandte sodann sein Auge Madame de St. Ventadour zu.

»Oh nein,« lachte Valerie, »ich habe diese Frage nicht zu verantworten.«

»Ja«, sagte Lord Doningdale, »ich bin in Paris gewesen.«

»Seine Majestät muss sehr erfreut gewesen sein, die Gastlichkeit Ihrer Lordschaft zu erwidern.«

Lord Doningdale schaute etwas verlegen drein; er gab keine Antwort, sondern setzte sein Pferd in einen kurzen Galopp.

»Sie haben unseren Gastgeber ziemlich verärgert«, sagte Valerie lächelnd. »Ludwig XVIII. und seine Freunde lebten hier, so lange es ihnen gefiel und so kostspielig es eben ging; ihre Aufenthalte haben den Besitzer halbwegs ruiniert: er ist das Modell eines gentilhomme und preux chevalier. Edelmann; tapferer Ritter. – Anm.d.Übers Er ging nach Paris, um Zeuge ihres Triumphes zu sein, und erwartete, glaube ich, den Orden von St. Esprit. Der bedeutendste Ritterorden Frankreichs und einer der angesehensten Europas. – Anm.d.Übers. Lord Doningdale hat königliches Blut in seinen Adern. Seine Majestät lud ihn einmal zum Abendessen ein und sagte zu ihm, als er ging: ›Wir sind glücklich, Lord Doningdale, auf diese Weise unsere Schulden Ihrer Lordschaft gegenüber abgegolten zu haben.‹ Lord Doningdale kam sehr aufgebracht zurück, rühmt sich jedoch weiterhin seiner Souvenirs – der arme Mann.«

»Fürsten sind nicht dankbar, ebensowenig Republiken«, sagte Maltravers.

»Ach, wer ist schon dankbar«, gab Valerie zurück, »außer Hunden oder Frauen?«

Maltravers wurde zu einem ausgedehnten Umkleideraum geleitet und von einem französischen Diener informiert, dass Lord Doningdale auf dem Lande um sechs diniere – das erste Glockenzeichen werde in wenigen Minuten erklingen. Während der Diener dies erkläre, betrat Lord Doningdale selbst den Raum. Seine Lordschaft hatte inzwischen erfahren, dass Maltravers einem bedeutenden und alten Grundbesitzergeschlecht entstamme, dessen Repräsentation sein Bruder innehabe; und mehr noch: dass er jener Mr. Maltravers sei, von dessen Schriften jedermann – lobend oder schmähend – spreche. Lord Doningdale besaß die beiden Merkmale eines vornehmen Gentleman alter Schule – Achtung vor hoher Geburt und Respekt für das Talent; er bezeigte darum Ernest mehr als gewöhnliche Höflichkeit und drängte ihn mit solcher Herzlichkeit, einige Tage zu bleiben, dass Maltravers nur einwilligen konnte. Seine Reisetoilette war dürftig, aber Maltravers dachte wenig an Kleidung, Das Folgende wurde in der zweiten Auflage gestrichen. – Anm.d.Übers. und auch in eines Kärrners Kleid wäre er erschienen als das, was er war: ein Abkömmling der Normannen – ein Aristokrat von Welt. Aber wie die Normannen verdankte er sein gebietendes Wesen seinem Geist, nicht seiner Geburt.

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