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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel IV

» Lucian. Wer zum Menschen geboren wurde, soll und kann nichts Edleres, Größeres und Besseres sein als ein Mensch – und wohl ihm, wenn er weder mehr noch weniger sein will!
Peregrin. Aber, lieber Lucian, gerade um nicht weniger zu werden als ein Mensch, muß er sich bestreben mehr zu sein.«

WIELANDs Peregrinus Proteus.

Erst zwei Jahre nach dem letzten Kapitel trat Maltravers wieder in der Gesellschaft auf. Die beiden Jahre hatten hingereicht, in seinem Schicksal eine Umwälzung hervor zu bringen. Ernest Maltravers hatte auf das Glück eines Privatmannes verzichtet und sich der Öffentlichkeit dargeboten; er hatte seinen Namen dem Urteil der Menschen preisgegeben und war damit etwas, das jeder das Recht hatte zu loben, zu tadeln, zu untersuchen und zu beobachten. Ernest Maltravers war Schriftsteller geworden.

Möge niemand Götter und Kolumnen auf die Probe stellen, ohne bestens die Konsequenzen seines Experiments abzuwägen. Wer ein Buch mit einem gewissen Erfolg veröffentlicht, durchbricht eine gewaltige Schranke. Er wird oft mit einem Seufzer des Bedauerns zurückblicken auf das für immer verlassene Land. Das schöne, scheue Dunkel von Heim und Herd ist verloren. Er besitzt nicht mehr das Recht, sich in seinem männlichen Stolz zu empören, wenn er sich verhöhnt oder geschmäht sieht. Er hat sich vom Schatten seines Lebens gelöst. Seine Motive darf man verfälschen, seinen Charakter verleumden; seine Manieren, seine Persönlichkeit, seine Kleidung, der »besondere Schick in seinem Gang« – das alles ist hübsches Futter für Kritikaster und Karikaturisten. Niemals kann er zurück, er darf nicht einmal verweilen; er hat seinen Pfad gewählt, und alle natürlichen Regungen, die aus Nerven und Muskelmasse ein handelndes Wesen machen, drängen ihn voran zu schreiten. Ein kurzer Halt bedeutet schon das Scheitern. Er hat der Welt erklärt, das er sich einen Namen machen will; nun kann er sich als Schwindler entlarven lassen, oder er rackert weiter, bis das Ziel erreicht ist.

Maltravers indes erwägte nichts von alledem, als er, berauscht von seinen eigenen Träumen und Erwartungen, danach trachtete, die Welt zum Mitwisser zu machen, – als er aus der lebendigen Natur, der literarischen Tradition und dem Gemenge aus Selbstbetrachtung und äußeren Beobachtungen etwas herauszuholen suchte, das seinen Namen in erfreulicher Weise mit seiner Person verknüpfen würde. Dass er vermögend und alleinstehend war, erlaubte ihm, sich seinen eigenen Betrachtungen hinzugeben; sie erfüllten seinen Geist, bis er dorthin überfloss, wo sich einsame Quellen mit dem unendlichen Ocean menschlicher Erkenntnisse vereinigen.

Das Temperament von Maltravers war, wie wir sahen, weder reizbar noch furchtsam. Er gestaltete sich selbst, wie es ein Bildhauer tut: mit einem Modell vor Augen und einem Ideal im Herzen. Er bemühte sich fleißig und geduldig, sich mit jedem Fortschritt dem Niveau zu nähern, das er glaubte mit vertretbarem Ehrgeiz letztlich erreichen zu können; und wenn zuletzt sein Urteil zufrieden ausfiel, überlieferte er das Ergebnis mit ruhigem Vertrauen an eine unparteiischeres Tribunal.

Sein erstes Werk hatte Erfolg, vielleicht – weil es den Stempel von Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit trug. Er hatte sich nicht zum Schreiben hingesetzt, um etwas wieder zu geben, das er nie gesehen oder gefühlt hatte. Ein so ruhiger und nachdenklicher Beobachter des Lebens er war: um so lebhafter waren seine Beschreibungen, weil seine eigenen ersten Eindrücke noch nicht abgenutzt waren. Seine Erfahrung war tief eingedrungen, nicht in der Nüchternheit gereifter Jahre, sondern in der Frische jugendlicher Gefühle.

Ein anderer Grund für den Erfolg seines ersten Versuchs lag vielleicht darin, dass er weitere und tiefere Kenntnisse besaß, als junge Autoren für nötig halten. Er versuchte nicht wie Cæsarini bloße Wortkunststücke auf magerem Ideengerüst zu verfertigen. Wie beredt oder bodenständig sein Stil auch gewesen sein mag: er diente stets der getreuen Übertragung wohldurchdachter Gedanken.

Ein dritter Grund – und ich verweile bei diesen Dingen nicht nur, um Maltravers' Werdegang zu erläutern, sondern um hilfreiche Hinweise zu geben, die anderen nützlich sein mögen – ein dritter Grund also, weshalb Maltravers prompt eine günstige Aufnahme beim Publikum fand, bestand darin, dass er seine stilistischen und gedanklichen Eigentümlichkeiten nicht in der schlechtesten aller Schulen für einen literarischen Novizen abdrosch: in den Kolumnen eines Magazins.

Zeitschriften stellen eine ausgezeichnete Kommunikationsmöglichkeit zwischen dem Publikum und einem bereits etablierten Schriftsteller dar, der den Zauber der Novität schon eingebüßt, aber ein Format bestätigten Ansehens erreicht hat, und der in politischer und literaturkritischer Absicht nach häufiger und dauerhafter Gelegenheit sucht, seine besonderen Thesen und Lehrsätze zu verbreiten.

Bei einem jungen Schriftsteller jedoch wirkt diese Kommunikationsform, wenn sie zu lange währt, höchst schädlich sowohl auf seine Zukunftsaussichten wie auch auf seinen gegenwärtigen Geschmack und Stil. Im Hinblick auf ersteres macht sie die Öffentlichkeit mit seinen Manierismen (alle Schriftsteller, die es zu lesen wert sind, haben solche) vertraut, allerdings in einer Form, welcher das Publikum nicht viel Gewicht zuzumessen geneigt ist. Er nimmt in wenigen Monaten vorweg, was der Effekt von Jahren sein sollte – nämlich eine Welt zu ermüden, die bald angeekelt ist von den toujours perdrix. Zu viel von einer guten Sache. – Anm.d.Übers. Hinsichtlich des letzteren verleitet es, um kurzfristiger Wirkung willen zu schreiben, – eine falsche Glätte in Stil und Logik zu pflegen, – sein Streben nach Langlebigkeit auf den letzten Tag des Monats herunter zu schrauben, – sofortigen Lohn für seine Mühe zu erwarten, – zurückzuschrecken vor der »vertagten Hoffnung« ernsthafter Werke, für die sich ein Urteil erst langsam bildet.

Bei einem talentierten Schriftsteller, der schon früh mit Zeitschriften anfängt und lange so weiter macht, haben seine Werke wie sein Ansehen im Allgemeinen etwas Unausgegorenes, Unentwickeltes an sich. Er wird zum Orakel kleiner Cliquen, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er cockneyfiziert Der »Cockney« ist der Ur-Londoner. Der Neologismus ist hier aber pejorativ im Sinne von »banal«, »hausbacken« zu deuten. – Anm.d.Übers. und konventionell ist. Zeitschriften verpfändeten in trauriger Weise die Ansprüche, welche Hazlitt William Hazlitt (1778-1830), der literarischen Romantik in England nahestehend, arbeitete seit 1812 hauptberuflich als Essayist für Zeitschriften. – Anm.d.Übers. und manch anderer seiner Zeitgenossen auf ein reiches, zinsträchtiges Vermögen an Ruhm gehabt hätten.

Aber ich spreche hier zu politisch; einigen lassen die res augustae domi Die hochheiligen Haushaltsfragen. – Anm.d.Übers. keine Wahl. Und wie Aristoteles mit dem griechischen Sprichwort sagt: man kann nicht alles mit dem delphischen Messer Aristoteles, Politik 1252a34ff.(in der Übersetzung von E. Schütrumpf): Von Natur sind jedenfalls Frau und Sklave unterschieden; denn die Natur geht nicht sparsam vor und stellt nichts von der Art her wie die Schmiede das (vielfältig verwendbare) Delphische Messer, sondern jeweils einen Gegenstand für einen Zweck. Denn jedes Werkzeug wird dann die höchste Vollendung erhalten, wenn es nicht vielen Aufgaben, sondern einer einzigen zu dienen hat. Bei den Barbaren nehmen dagegen Frau und Sklave den gleichen Rang ein. – Anm.d.Übers. über denselben Leisten scheren.

Das zweite Werk, das Maltravers achtzehn Monate später herausbrachte, war von ernsterer und höherer Natur; es stärkte seinen Ruf: und das ist ein hinreichender Erfolg für ein zweites Werk, das gewöhnlich eines Schriftstellers » pons asinorum« Eselsbrücke. – Anm.d.Übers. darstellt. Wer nach einem triumphalen ersten Buch dem Publikum mit seinem zweiten nicht mißfällt, hat eine echte Chance, in der Literatur einen festen Platz zu erwerben. Aber nun kommen die Schmerzen und Gefahren der Nachgeburt. Bei seinem jungfräulichen Versuch macht ein Autor sich kaum Feinde. Seine Zunftgenossen betrachten ihn noch nicht als Rivalen; ist er leidlich begütert, vertrauen sie unbewusst darauf, dass er kein regulärer, oder wie sie es ausdrücken, »professioneller« Schriftsteller wird: er hat etwas gemacht, nur damit man über ihn spricht; er wird nichts mehr schreiben, oder sein zweites Buch wird durchfallen. Wenn aber das zweite Buch herauskommt und nicht durchfällt, dann schauen sie sich zuerst verunsichert um; dann erwacht der Neid und Bosheit keimt auf. Die ganze alte Schule – Gentlemen, die sich auf ihren Lorbeeren ausruhen – betrachten ihn als Eindringling; dann Spott, finstere Mienen, kaustische Ironie, bissige Rezensionen, herabsetzendes Lob. Der Neuling meint nun, weiter vom Ziel entfernt zu sein, als bevor er sich ins Rennen begab.

Maltravers besaß ein im Ganzen recht glückliches Temperament; aber er war ein sehr stolzer Mann mit der feinen Seele eines couragierten, ehrenhaften, korrekten Gentleman. Er hielt es für absonderlich, dass die Gesellschaft von ihm als Gentleman verlangen sollte, seinen besten Freund zu erschießen, bloß weil dieser ihn mit einem groben Wort beleidigt hatte; dass aber zugleich jeder Dummkopf oder Lügner bei vollkommener Straflosigkeit ganze Stapel von Papier beschmieren konnte, um ihn als Schriftsteller auf das Bösartigste persönlich zu beschimpfen.

Eines Abends im Frühsommer schlenderte Ernest, ängstlich-zweifelnde Gedanken wälzend, trübsinnig seine Terrasse entlang,

»und schaute traurig auf den Sonnenuntergang«,

als er eine staubige Reisekutsche die Straße am Ha-ha vorbeibrausen sah und eine Hand, die ihm aus offenem Fenster zuwinkte, zum Zeichen des Erkennens. Er hatte so selten Gäste gehabt und Freunde besaß er so wenige, dass Maltravers sich nicht vorstellen konnte, wer der ankommende Besucher sein solle. Sein Bruder war, wie er wusste, in London. Cleveland, von dem er am heutigen Tag Nachricht erhalten hatte, befand sich auf seinem Landsitz. Ferrers vergnügte sich in Wien. Wer könnte es sein? Man mag über Einsamkeit denken, was man will; aber nach zwei Jahren Abgeschiedenheit ist ein Besucher eine erfreuliche Aufregung. Maltravers kehrte zurück, betrat sein Haus und fand sich in genau demselben Augenblick wieder in den Armen von De Montaigne.

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