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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel VIII

»Bewundernden Auges schaut' er sie an
Den Tugend und rührende Schönheit gewann,
Ihr süßes Bild trat vor ihn Tag um Tag,
Bis er nun ohne dies nicht leben mag.«

LEIGH HUNT.

Es muss um Alice Darvil ein geheimnisvoller Zauber geschwebt haben, der sie – trotz ihrer Verbindung mit Bildern äußerst schäbiger Verbrechen – immer noch rein und lieblich erscheinen ließ, in den Augen eines so anspruchsvollen Mannes wie Ernest Maltravers nicht weniger als bei einem, der von allen Gedanken und Theorien der Welt beeinflusst war wie der durchtriebene Bankier von C***. Inmitten von Verdorbenheit und Hass war diese schöne Blume aufgeblüht, wie um die ererbte göttliche Anmut menschlichen Wesens zu bewahren und vom Schöpfungswerk Gottes an Schauplätzen zu künden, wo die menschliche Natur durch gesellschaftlichen Missbrauch am meisten entwürdigt schien und das göttliche Licht besonders verfinstert war.

Dass solche Gegensätze, wenn auch nur selten und zufällig, auftreten, muss jeder einräumen, der sorgfältig die Schutthalden und Wüsteneien des Lebens untersucht hat. Ich habe Alice Darvil peinlich genau nach dem Leben gezeichnet und darf behaupten, dass ich bei diesem Bildnis weder im Farbton noch in der Linienführung übertrieben habe. Ich unterstelle nicht, wie unser guter Bankier, dass sie irgendetwas, bis vielleicht auf eine größere Anmut der Züge und der Figur, der wie auch immer gearteten Beimischung von ›edlem Blut in ihren Adern‹ verdanke. Aber so oder so: in ihrem ursprünglichen Wesen bestand eine glückliche Neigung – wie bei einer Pflanze – nach Reinheit und Licht. Denn trotz Helvetius Claude Adrien Helvétius (1715-1771) vertrat erkenntnistheoretisch und ethisch materialistische Positionen; er beeinflusste den Positivismus (Auguste Comte, Cours de philosophie positive, ab 1826), dessen Menschenbild – der Mensch als Produkt aus Erbe und Umwelt – Bulwer hier hinterfragt. – Anm.d.Übers. lehrt uns alltägliche Erfahrung, dass, auch wenn Erziehung und Umstände die Masse formen mögen, bisweilen die Natur selbst das Individuum gestaltet und in die Materie, oder in seinen Geist, soviel Schönheit oder Missbildung hineinlegt, dass nichts die ursprünglichen Wesenselemente unterdrücken kann. Aus Süßem bezieht das eine Gift – aus Giften holt sich anderes nur das Süße.

Aber so oft ich über Alice Darvils Seelenentwicklung grübelte: ich glaube, dass eine grundlegende Ursache, weshalb sie der frühen Verderbnis um sie herum entrann, in der verzögerten Entwicklung ihrer intellektuellen Fähigkeiten liegt. Ob tatsächlich die brutale Gewalt des Vaters in ihrer Kindheit über die Nerven auf das Gehirn gewirkt hat – sicher ist: bevor sie Maltravers kennenlernte – bevor sie ihn liebte – bevor sie selbst Wertschätzung erfuhr – schien ihr Verstand träge und verschlossen. Wahr ist, Darvil hatte sie nichts gelehrt und ihr sogar verboten, irgendetwas zu lernen; aber diese völlige Unwissenheit wäre für einen raschen, achtsamen Verstand kein Hindernis gewesen. Ihre Sinne selbst waren so stumpf, dass sie wie eine Festung zwischen ihrem Verstand und den Abscheulichkeiten um sie herum arbeiteten. Es war die rohe, dumpfe Hülle der Larve, dazu bestimmt, grobe Berührung und scharfe Witterung zu bestehen, die dem Schmetterling erlaubte, zu seiner Zeit in Pracht geflügelt hervorzubrechen. Wäre Alice ein aufgewecktes Kind gewesen, so wäre aus ihr wahrscheinlich eine verwahrloste Schlampe geworden; aber sie begriff, dass sie wenig oder nichts verstand, bis sie erweckt wurde durch jene Neigung, die Tier und Mensch beseelt, die den Hund (in seinem Naturzustand einer der Schlimmsten wilder Art) zum Gefährten macht, zum Wächter und Beschützer, und den bloßen Instinkt zur halben Höhe der Vernunft erhebt.

Der Bankier achtete Alice sehr; als er heim kam, vernahm er mit großem Schmerz, dass sie in hohes Fieber verfallen war. Sie blieb für diese Nacht unter seinem Dach, und die ältliche Dame, seine Verwandte und Gouvernante, pflegte sie. Der Bankier schlief nur wenig; am nächsten Morgen war sein Gesicht ungewöhnlich blass. Gegen Tagesanbruch hatte Alice ein gesunder, erfrischender Schlaf übermannt; und als sie aufwachte und durch eine Notiz Ihres Gastgebers inne wurde, das der Vater ihr Haus verlassen habe und sie sicher und angstfrei zurückkehren könne, entwich ihr eine heftige, von einem langen Dankgebet gefolgte Tränenflut, die zur Wiederherstellung ihrer Besinnung und ihrer Nerven beitrug. So unvollkommen diese junge Frau Recht und Unrecht begrifflich immer noch wahrnahm, hatte sie doch Verständnis für die Ansprüche eines – noch so verbrecherischen – Vaters an sein Kind, weil sich aus ihren guten, wahrhaftigen Gefühlen in hohem Maße ihre Grundsätzen speisten. Sie hätte nicht unter demselben Dach mit ihrem grässlichen Erzeuger leben können, empfand aber doch unbehagliche Gewissensbisse bei dem Gedanken, dass er elend und bedürftig von dort vertrieben worden war.

Sie eilte sich anzuziehen und ein Gespräch mit ihrem Beschützer zu suchen; dieser sah sich voller Bewunderung und Freude bestätigt, dass er lediglich ihren eigenen spontanen, unbewussten Plan bei seinem Arrangement mit Darvil vorweg genommen hatte. Dann erläuterte er Alice den bereits mit ihrem Vater geschlossenen Vertrag; sie küsste seine Hand und benetzte sie mit Tränen, als sie dies hörte, und nahm sich insgeheim vor, zur Erhöhung der verabredeten Summe recht hart zu arbeiten. Oh, wenn ihre Mühen bewirken könnten, auch nur einen Vater von dunklen Unterhaltsquellen fort zu locken! Aber ach! beim gewohnheitsmäßigen Verbrechen ist es wie mit Spiel oder Alkohol – der Reiz wird zur Sucht. Wäre Luke Darvil plötzlich Erbe des Rothschild-Vermögens geworden, er wäre dennoch auf die eine oder andere Art ein Schurke geblieben, oder ennui Langeweile. – Anm.d.Übers. hätte sein Gewissen geweckt, und er wäre am Wechsel seiner Lebensgewohnheiten gestorben.

Unser Bankier schien von Alice' moralischem Empfinden stets mehr ergriffen als sogar von ihrer leiblichen Schönheit. Die Liebe zu ihrem Kind etwa beeindruckte ihn mächtig; er schaute sie immer mit weicherem Blick an, wenn er sie das kleine, vaterlose und gesundheitlich nun labile Geschöpf liebkosen oder stillen sah. Es ist schwer zu sagen, ob er überhaupt in Alice verliebt war; der Ausdruck scheint vielleicht zu stark, um ihn auf einen Mann jenseits der Fünfzig anzuwenden, welcher genügend Gemütsregungen und Versuchungen durchgemacht hatte, um seine Herzensfrische zu erschöpfen. Insgesamt waren seine Gefühle für Alice und die Absichten, die er ihr gegenüber verfolgte, von höchst komplizierter Natur; und es mag wohl ein wenig dauern, bis der Leser sie durchaus zu begreifen vermag.

Er brachte Alice an diesem Tag nach Hause, sprach aber wenig unterwegs, vielleicht wegen seiner weiblichen Verwandten, die sie des Anstands wegen ebenfalls begleitete. Er warnte Alice jedoch in wenigen Worten, unter keinen Umständen irgend jemandem gegenüber verlauten zu lassen, dass ihr Vater der Besucher war; und sie erschauerte noch zu sehr bei der bloßen Erinnerung, um auch noch darüber reden zu wollen.

Der Bankier hielt es weiterhin für ratsam, Alice' Dienstmagd ins Vertrauen zu ziehen; man nahm sie beiseite und erzählte ihr, dass es sich bei dem heillosen Fremde vom vergangenen Abend um einen sehr entfernten Verwandten von Mrs. Butler handle, welcher infolge notorischer Trunkenheit auf üble und liederliche Pfade geraten sei. Der Bankier fügte mit scheinheiliger Miene hinzu, dass er überzeugt sei, mit einer kurzen, ernsthaften Aussprache den armen Mann auf bessere Gedanken gebracht zu haben, und dass er mit verwandeltem Gemüt zu seiner Familie heimgekehrt sei.

»Aber, meine gute Hannah«, schloss er, »Sie wissen, dass Sie eine höherstehende Person sind und über die Sünde unbedachten Geschwätzes erhaben; erwähnen Sie daher nichts von dem Vorfall zu irgend jemandem; es kann Mrs. Butler keinen Nutzen bringen – es könnte den Mann selbst kränken, der wohlhabender ist als man denkt, und der, wie ich hoffe, in der Gnade des Herrn aufrichtig Buße tun wird; zudem würde es mir selbst – aber das spielt keine Rolle – sehr ernstlich missfallen. Irgendwann, Hannah, werde ich übrigens Ihren Enkel auf der Freischule unterbringen können.«

Der Bankier war schlau genug zu erkennen, dass er den Punkt getroffen hatte, und ging heim, im Ganzen zufrieden mit der Regelung dieser Angelegenheit, als er einen Magistratskollegen traf.

»Ha!« sagte dieser, »wie geht's, werter Herr? Wissen Sie, dass wir die Bow-Street-Beamten Die Londoner Bow Street beherbergte, solange es in England noch keine reguläre Polizei gab, zur Verfolgung Krimineller eine Behörde namens »Bow Street Runners«. – Anm.d.Übers. hier hatten? Sie suchen einen bekannten Schurken, der aus dem Gefängnis ausgebrochen ist. Er ist einer der entschlossensten und gewandtesten Einbrecher von ganz England, und die ›Runners‹ haben ihn bis in unsere Stadt gehetzt. Seine ganzen Einbrüche bezeichneten nebenbei seine Fährte. Vorgestern stahl er einem Herrn seine Uhr und überließ ihn auf der Straße dem Tode – das war keine dreißig Meilen von hier.«

»Du lieber Himmel!« rief der Bankier erregt; »und wie heißt der Schuft?«

»Oh, er hat so viele Namen wie ein spanische Grande; aber ich glaube, sein letzter lautet Peter Watts.«

»Ah!«, erwiderte unser Freund erleichtert, – »nun, haben die ›Runners‹ ihn gefunden?«

»Nein, aber sie sind auf seinen Spuren. Ein Bursche, auf den seine Beschreibung passt, wurde von dem Mann am Schlagbaum gesehen, bei Tagesanbruch heute morgen, auf dem Weg nach F***; die Beamten sind hinter ihm her.«

»Ich hoffe, er erhält seinen verdienten Lohn – Verbrechen bleibt auch in dieser Welt nie ohne Strafe. Mit besten Grüßen an die werte Gattin: – und wie geht's dem kleinen Jack? – Gut! freut mich zu hören – feiner Junge, der kleine Jack! guten Tag.«

»Guten Tag, werter Herr. Ein würdiger Mann, das!«

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