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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel VII

» Miramont. – Sie werden recht warm?
Andrew. – Ganz wie mit Seife eingerieben,
Dann laute Flüche, Sir, und wieder Ruhe
Wie Glocken, deren Klang der Wind hervorbringt,
Dann sitzen sie, verhandeln, was zu tun,
Dann wieder Streit, wie man zu handeln habe.

BEAUMONT & FLETCHER

Oh! welch ein Bild menschlicher Natur, als der Bankier und der Vagabund zusammen in dem kleinen Wohnzimmer saßen und sich gegenseitig anstarrten – der eine im Lehnstuhl, der andere auf dem Sofa! Darvil war immer noch mit etwas kaltem Fleisch beschäftigt und zog Grimassen über den sehr durchschnittlichen Branntwein, zu dessen Kauf er die alte Dienerin zur nächsten Schankwirtschaft gescheucht hatte; und gegenüber saß der geachtete – hoch geachtete Mann, ein Mensch der Formen und Rituale, der Schicklichkeit und – der Schwindelei, und starrte ernst auf diesen niederträchtigen, verwegenen Schuft – der vermögende Heuchler – der mittellose Spitzbube; – der Mann, der alles zu verlieren hatte – der Mann, der nichts in der Welt besaß als sein bösartiges Halunkenleben, eine Golduhr mit verschließbarer Kette, die er am Tag zuvor gestohlen hatte, sowie dreizehn Schillinge und dreieinhalb Penny in seiner linken Hosentasche.

Der wohlhabende Mann war ganz und gar nicht vertraut mit der Natur des Scheusals vor ihm. Er hatte von Mrs. Leslie (wie wir gehört haben) zwar in Umrissen von Alice' Geschichte gehört und war sicher, dass der Vater ihres gemeinsamen Schützlings ein großer Lump war, hatte aber an Mr. Darvil lediglich einen stumpfsinnigen, rohen Schurken – einen bäuerlichen Raufbold – einen ungehobelten Landarbeiter ohne Hirn, oder dessen Ersatz: Unverfrorenheit erwartet. Aber Luke Darvil war ein gerissener, halb gebildeter Bursche: er sündigte nicht aus Unkenntnis, sondern war gewitzt genug, um böse Grundsätze zu verfolgen, und er verhielt sich so dreist, als hätte er sein gesamtes Leben in bester Gesellschaft verbracht. Des Bankiers graue Hosen und sein Imponiergehabe ängstigten ihn nicht – nein, ihn nicht! Den Herzog von Wellington hätte Luke Darvil nicht gefürchtet, wenn Dero Gnaden nicht die Wachtmeister zum Gefolge gehabt hätte.

Dem Bankier hatte es, um die einschlägige Wendung zu gebrauchen, »die Sprache verschlagen«.

»Sehn Sie mal, Herr So und So!« sagte Darvil, ein Glas des groben Schnapses wie Wasser hinabstürzend – »sehn Sie mal – Sie können mich nich' 'reinlegen. Was zum Teufel scheren Sie sich um Achtbarkeit und Bequemlichkeit meiner Tochter oder sonst was, Sie grämlicher alter Köter! Es is' meine Tochter, nach der Sie Ihr braunes, altes Maul lecken! – und, meiner Treu! meine Alley is' 'n sehr hübsches Mädel – oh ja – aber wunderlich wie Mondschein. Sie wer'n mit mir viel besser ins Geschäft komm' als mit ihr.«

Der Bankier wurde scharlachrot – er biss sich auf die Lippen und maß seinen Genossen von Kopf bis Fuß (während dieser sich auf dem Sofa lümmelte), als ob er die Möglichkeit erwäge, ihn die Treppe hinunter zu werfen. Aber Luke Darvil hätte den Bankier und sein gesamtes Personal zu Mus gehauen. Sein Körper war wie ein Baumstamm aus Sehnen und Muskeln, von jener fürsorglichen Dame Natur so fest wie möglich zusammengepackt; ein Preisboxer hätte es sich zweimal überlegt, gegen so einen heiklen Kunden in den Ring zu steigen. Der Bankier war zu klug, einen Fehler zu begehen; er schob seinen Stuhl sechs Zoll zurück, als er seine Prüfung abgeschlossen hatte.

»Sir«, sagte er dann sehr ruhig, »dass wir einander nicht missverstehen: Ihre Tochter ist sicher vor Ihrem Zugriff – wenn Sie sie belästigen, wird das Gesetz sie schützen …«

»Sie is' nich' volljährig«, sagte Darvil. »Auf Ihre Gesundheit, alter Knabe!«

»Ob sie volljährig ist oder nicht«, erwiderte der Bankier ungeachtet der im letzten Satz enthaltenen Liebenswürdigkeit, »kümmert mich einen feuchten Kehricht – ich kenne das Gesetz genügend, um zu wissen, dass sie, wenn sie reiche Freunde in dieser Stadt hat, und Sie haben keine, geschützt sein wird, und Sie werden in die Tretmühle kommen.«

»So spricht 'n gescheiter Mann«, sagte Darvil, zum erstenmal mit einem Schimmer von Achtung in seinem Benehmen; »Sie betrachten nun die Dinge von 'nem praktischen Standpunkt, wie wir im Quassel-Club zu sagen pflegten.«

»Ich sage Ihnen, was ich täte, wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Mr. Darvil. Ich würde meine Tochter und diese Stadt morgen früh verlassen und würde versprechen, niemals zurückzukehren, sie nie wieder zu belästigen, unter der Bedingung, dass sie mir in vierteljährlicher Zahlung einen gewissen Anteil an ihrem Verdienst zugesteht.«

»Und wenn ich vorziehe, bei ihr zu leben?«

»In diesem Fall müsste ich als ein Magistrat dieser Stadt Sie fortschicken als ein Landstreicher oder Sie verhaften lassen …«

»Ha!«

»Verhaften wegen Verdachts auf Raub dieser goldenen Uhr mit der Kette, die Sie so pompös tragen.«

»Donnerlittchen, sind Sie 'n geriss'ner Bursche«, sagte Darvil unwillkürlich; »Sie versteh'n die menschliche Natur.«

Der Bankier lächelte: es scheint seltsam, aber das Kompliment freute ihn.

»Aber«, fuhr Darvil fort, indem er sich zu einem weiteren Stück Rindfleisch verhalf, »Sie sind auf 'm Holzweg – in der Klemme, wie wir in London sagen; denn wenn Sie sich 'n' Dreck um die Achtbarkeit meiner Tochter sorgen, wer'n Sie niemals ihrem Vater wegen Verdacht auf Diebstahl auf die Füße tret'n – somit also: Wurst wider Wurst, alter Herr.«

»Ich werde leugnen, dass Sie Ihr Vater sind, Mr. Darvil; und ich denke, Sie werden schwerlich den Gegenbeweis antreten in einer Stadt, in der ich ein Magistrat bin.«

»Donnerwetter, was für ein Schelm hätt' aus Ihn' werden können! Sie sind scharf wie 'n Nagelbohrer. Sicher wurden Sie in Old Bailey groß gezogen?«

»Mr. Darvil, seien Sie vernünftig. Sie scheinen ein Mann, der für Argumente nicht taub ist, und ich frage Sie, ob in irgendeiner Stadt dieses Landes ein armer Mann in verdächtigen Umständen irgendetwas tun kann gegen einen Mann von anerkanntem Ruf? Vielleicht haben Sie im Allgemeinen recht: ich habe nichts damit zu tun. Aber ich sage Ihnen, dass Sie dieses Haus in einer halben Stunde verlassen werden – dass Sie es nie wieder betreten werden, es sei denn auf eigene Gefahr; und wenn Sie es tun – innerhalb von zehn Minuten werden Sie im Stadtgefängnis sein. Es ist nun nicht mehr eine Auseinandersetzung zwischen Ihnen und ihrer wehrlosen Tochter; es ist ein Kampf zwischen …«

»Ei'm Landstreicher in Barchentklamotten und ei'm Ehrenmann, der in 'ner Kutsche fährt«, unterbrach ihn Darvil bitter, aber herzlich lachend. »Gut – gut.«

Der Bankier stand auf. »Ich glaube, Sie haben eine sehr kluge Definition gegeben«, sagte er. »Eine halbe Stunde – besinnen Sie sich – guten Abend.«

»Bleiben Sie«, sagte Darvil; »Sie sind seit vielen Jahren der erste Mann, an dem ich Geschmack finde. Setzen Sie sich – setzen Sie sich, sag ich, reden wir 'n bisschen, und wir werden uns bald arrangieren, will ich meinen – so ist's recht. Herrgott! ich hätt' Sie lieber auf der Landstraße bei mir als in diesen vier Nippes-Wänden. Ha! Ha! Das Rumstreiten würde dann ganz zu meinen Gunsten ausfallen.«

Der Bankier war kein mutiger Mensch, und er verfärbte sich leicht bei der Andeutung dieses freundlichen Wunsches. Darvil musterte ihn herausfordernd mit grimmiger Miene.

Der reiche Mann fuhr fort: »Das mag sein oder nicht sein, Mr. Darvil, je nachdem ob ich zufällig Pistolen bei mir hätte. Aber zur Sache. Verlassen Sie das Haus ohne weitere Debatte, ohne Lärm, ohne zu irgendjemandem Ihren Anspruch auf seine Besitzerin verlauten zu lassen …«

»Gut, und was springt für mich dabei 'raus?«

»Zehn Guineen jetzt, und dieselbe Summe vierteljährlich, so lange die junge Dame in dieser Stadt lebt, und Sie werden sie niemals verfolgen – weder durch Ansprache noch durch Briefe.«

»Das macht vierzig Guineen im Jahr. Davon kann ich nicht leben.«

»Im Zuchthaus werden Sie weniger kosten, Mr. Darvil.«

»Kommen Sie, machen Sie hundert draus: das is' Alley allemal wert.«

»Nicht einen Heller mehr«, sagte der Bankier und schloss seine Hosentaschen mit entschlossener Miene.«

»Also, dann 'raus mit den Moneten.«

»Versprechen Sie es oder nicht?«

»Ich versprech's.«

»Hier sind Ihre zehn Guineen. Wenn Sie in einer halben Stunde nicht weg sind –, ja, dann …«

»Dann?«

»Ja, dann haben Sie mich um zehn Guineen beraubt und müssen die üblichen Konsequenzen für Diebstahl auf sich nehmen.«

Darvil stellte sich auf die Füße – seine Augen blitzten – er packte das vor ihm liegende Tranchiermesser.

»Sie sind ein wagemutiger Bursche«, sagte der Bankier ruhig, »aber ich würde es nicht tun. Es lohnt die Mühe nicht, mich zu ermorden; und ich bin jemand, den man sicher sofort vermissen wird.«

Darvil sank mürrisch über seine Niederlage nieder. Der Ehrenmann war dem Gauner mehr als ebenbürtig.

»Wären Sie so arm gewesen wie ich, – Herrjeh! Was für ein Schurke wäre aus Ihnen geworden!«

»Das glaube ich nicht«, erklärte der Bankier; »ich halte Gaunerei für eine sehr schlechte Strategie. Vielleicht war ich einst fast so arm wie Sie jetzt sind, aber ich habe nie einen Schurken aus mir gemacht.«

»Sie war'n niemals in meinen Umständen«, erwiderte Darvil düster. »Ich war der Sohn eines Gentleman. Kommen Sie, hören Sie meine Geschichte an. Mein Vater war von guter Geburt, heiratete aber 'n Dienstmädchen, als er auf der Hochschule war. Seine Familie enterbte ihn und ließ ihn hungern. Er starb im Kampf gegen eine Armut, für die er nich' geschaffen war, und meine Mutter ging wieder in Dienst, wurde Haushälterin bei einem alten Junggesellen – schickte mich zur Schule – aber Mutter bekam Nachwuchs von dem alten Junggesellen, und ich wurde von der Schule genommen und ins Geschäft gesteckt. Alle hassten mich – weil ich hässlich war, zur Hölle mit ihnen! Mutter wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich brauchte Geld – bestahl den alten Junggesellen – wurde ins Gefängnis gesperrt und lernte da in ein, zwei Lektionen, in Zukunft erfolgreicher zu stehlen. Mutter starb, – ich stand verlassen in der Welt. Die Welt war mein Feind – konnte mich mit ihr nich' aussöhnen, so führten wir Krieg gegeneinander; – versteh'n Sie, alter Knabe? Heiratete 'ne arme hübsche Frau, – das Weib machte mich eifersüchtig – hatte jedem zu misstrauen gelernt. Alice wurde geboren – glaubte nicht, dass sie meine Tochter sei – war nicht wie ich – vielleicht eines Gentleman Kind. Ich hasse – ich verabscheue Gentlemen. War eines Nachts besoffen – stieß meinem Weib in den Bauch drei Wochen nach ihrer Entbindung. Das Weib starb – man wollte mir ans Leben – ich haute ab. Kam in 'ne andere Grafschaft – hatte 'ne gewisse Bildung erhalten, war schlau genug, bekam Arbeit als Mechaniker. Hasste Arbeit ebenso wie ich Gentlemen hasste – war mein Blut nich' das eines Gentleman? Das war der Fluch. Alice wuchs auf; sah sie nie als mein Fleisch und Blut an. Ihre Mutter war 'ne Hure! Warum hätte sie keine sein sollen? So, das reicht. Jede Menge Entschuldigung, glaub' ich, für alles, was ich je getan hab'. Zur Hölle mit der Welt – zur Hölle mit den Reichen – zur Hölle mit den Schönen – zur Hölle mit allen!«

»Sie sind ein sehr dummer Kerl gewesen«, sagte der Bankier, »und scheinen mir doch sehr gute Karten gehabt zu haben, wenn Sie gewusst hätten, sie auszuspielen. Doch das ist Ihre Sache. Zur Reue ist es noch nicht zu spät; das Alter kommt allmählich heran. – Mann, es gibt eine andere Welt.«

Der Bankier sagte die letzten Worte in einem Tone feierlicher und geradezu ehrfürchtiger Beschwörung.

»Glauben Sie das – tatsächlich?« fragte Darvil ihn anstarrend.

»Von ganzem Herzen.«

»Dann sind Sie nich' der verständige Mann, für den ich Sie hielt«, antwortete Darvil trocken, »und ich würd' gern mit Ihnen darüber reden.«

Aber unser Dives Reicher Mann, siehe Lukas 16,19-31. – Anm.d.Übers. war, wenngleich aufrichtig gläubig, keineswegs jemand

                   »an dessen Hand
Angst und Verzweiflung einen Ausweg fand.« Aus: »The Deserted Village, A Poem« von Oliver Goldsmith. – Anm.d.Übers.

Er hatte Worte des Trostes für die Frommen, aber nicht für die Zweifler – zu beschwichtigen vermochte er, nicht aber zu bekehren; es war ihm nicht gegeben. Zudem betrachtete er die Bekehrung von Lukas Darvil nicht als verdienstlich. Folglich erhob er sich recht rasch und sagte:

»Nein, Sir; das ist nutzlos, fürchte ich, und ich habe keine Zeit zu verlieren; deshalb nochmals: gute Nacht Ihnen.«

»Aber es wurde nich' vereinbart, wohin mein Unterhalt geschickt werden soll.«

»Ah ja, richtig; ich werde dafür einstehen. Mein Name wird Ihnen hinreichende Sicherheit bieten.«

»Es is' wenigstens die beste, die ich kriegen kann«, antworte Darvil unbekümmert; »alles in allem is' das kein schlechtes Ergebnis für diesen Arbeitstag. Allerdings kann ich nich' angeben, wohin das Geld geschickt werden soll. Ich kenne niemanden, der es nicht klauen würde.«

»Ganz recht. Dann – wird es das Beste sein (ich spreche als Geschäftsmann), auf meinen Namen vierteljährlich zehn Guineen abzuheben. Wo immer Sie sich aufhalten: jeder Bankier wird ihnen dies verabfolgen. Aber bedenken Sie, dass Ihr Konto erlischt, wenn Sie es überziehen.«

»Verstehe«, sagte Darvil; »und wenn ich Flasche leer hab', hau' ich ab.«

»Das wäre am Besten«, erwiderte der Bankier, während er die Tür öffnete.

Der reiche Mann kehrte eilig zurück nach Hause. »So hat also Alice nach alledem einiges edle Blut in ihren Adern«, dachte er. »Aber dieser Vater – nein, das wird niemals gehen. Ich wünschte, er würde gehängt und keiner wüsste es. Ich würde die Sache gerne ohne Heirat arrangieren; aber dann – der Skandal – der Skandal – der Skandal. Zuletzt sollte ich wohl besser alle Gedanken an sie fahren lassen. Nur ist sie ungeheuer hübsch, und so … hm: – Ich werde niemals ein alter Mann werden.«

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