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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel VI

»In solch einer Verfassung befand ich mich, als ich eines Tages, um Luft zu schöpfen, aus dem Fenster blickte und so einen Bauern wahrnahm, der mich aufmerksam anschaute.«

Gil Blas

Ein Sommerabend in einer zurückgezogenen Landstadt hat etwas Melancholisches an sich. Man hat die Straßen einer Metropole ohne deren lebhaftes Getriebe – man hat die Stille des Landes ohne dessen Vögel und Blumen. Der Leser stelle sich gefälligst eine ruhige Straße in der ruhigen Landstadt C*** vor, an einem ruhigen Abend im ruhigen Juni; das Bild stimmt nicht heiter – zwei junge Hunde spielen auf der Straße, ein alter Hund hält Wache an einer neugestrichenen Tür. Einige Damen mittleren Alters bewegen sich, auf der Rückkehr nach Hause zum Tee, geräuschlos über das Pflaster: sie tragen weiße Musselinkleider, etwas verblichene grüne Spencer Eine kurze Jacke. – Anm.d.Übers. und Strohhüte straw poke bonnets: sackartige Strohhüte mit Kinnband. – Anm.d.Übers. mit grünen oder kaffeefarbenen Schleiern. Zu zweit oder dritt verschwinden sie über die Schwellen niedlicher kleiner Häuschen mit schmalen Geländern zur Abgrenzung kleiner Gärten. Schwelle, Haus, Geländer und Garten: eines gleicht dem anderen bei diesen »Schachtel-Tische« genannten kleinen Grundstücken, die, »wie von einem zerbrochenen Spiegel vervielfältigt«, dem verwirrten Auge zahllose Wiederholungen einer einzigen vierbeinigen Figur heraufbeschwören. Paradise Place bestand aus einer Reihe solcher Schachtel-Häuser.

Eine Kuh war mit einer Milchfrau dahinter durch die Straßen gekommen; zwei junge, fröhliche Kommis Handlungsgehilfen. – Anm.d.Übers. hatten das Gelände rekognosziert, um »den Mädels hinterherzuschauen«, und verschwanden enttäuscht. Die Dämmerung schritt nur gemächlich fort; ein oder zwei Sterne waren bereits aufgegangen, doch der Himmel war noch klar. Am offenen Fenster eines der Wohnhäuser dieser Straße saß Alice Darvil. Sie hatte sich mit Handarbeit beschäftigt (dieser hübsche weibliche Vorwand zum Nachdenken), und während ihr die Gedanken aufstiegen und das Abendlicht verblasste, war ihr die Arbeit auf die Knie gefallen, ihre Hände waren mechanisch in ihren Schoß gesunken. Ihr Profil wies zur Straße; ohne dass sie den Kopf bewegte oder ihre Haltung änderte, schweifte ihr Auge von Zeit zu Zeit zu ihrem kleinen Mädchen, das müde vom Spielen sich hinter ihr auf dem Boden behaglich niedergelassen hatte, und, vielleicht verwundert, dass es nicht schon im Bett war, ebenso besinnlich schien wie die junge Mutter selbst. Bisweilen füllten sich Alice' Augen mit Tränen – dann seufzte sie, wie um die Tränen fort zu seufzen. Arme Alice! Wenn sie Kummer hatte, so musste er nun schweigend erduldet werden.

Die Straße war ganz von Menschen verlassen, als ein Mann über das Pflaster auf der Alice' Haus gegenüberliegenden Seite vorbei ging. Seine Kleidung, zwischen denen eines Arbeiters und eines Landwirts stehend, war grob und schlicht, wirkte aber dennoch flitterhaft durch ein hellrotes Tuch, das nach Matrosen- oder Schmugglerart um den sehnigen Hals gewunden war; der Hut saß keck auf einer Seite, und etliche Zentimeter von einem fröhlich gestreiften Wams herab baumelnd glitzerte eine Uhr an einer Kette mit Verschluss, was verdächtig wenig zum Rest des Aufzuges passte. Der Passant war staubbedeckt; und da die Straße in einem Vorstadtviertel mit der Landstraße verbunden war und einen der Zugänge zur Stadt bildete, hatte er wahrscheinlich nach einer langen Tagestour sein abendliches Ziel erreicht.

Dieser Fremde schaute ängstlich, rastlos und verstört drein. In seinem stolzierenden Gang verriet sich das Draufgängertum des berufsmäßigen Gauners; seine wachsam spähenden, argwöhnischen Augen jedoch prägte, wie bei einem geschlagenen Hund, ein Ausdruck der Furcht. Er schien ein Mann, dem das Verbrechen seinen erkennbaren Stempel aufgedrückt hatte – der mit dem einen Auge auf einen Geldbeutel, dem anderen auf den Galgen schielt.

Alice bemerkte den Fremden nicht, bevor sie selbst seine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Er hielt abrupt an, als er einen Blick auf ihr Gesicht geworfen hatte – beschattete seine Augen mit der Hand, als ob er so schärfer sähe – und brach schließlich in einen Ruf freudiger Überraschung aus. Im dem Augenblick wendete sich Alice, und ihr Blick traf den des Fremden. Die betäubende Faszination eines Basilisken kann sein Opfer kaum mehr lähmen, als der Blick dieses Fremden, der mit der entsetzlichen Kraft des Schreckens Auge und Seele Alice Darvils bannte. Ihr Gesicht nahm unverzüglich einen verschlossenen, starren Ausdruck an – sie presste ihre Hände krampfartig zusammen und erschauerte – bewegte sich jedoch noch nicht.

Der Mann nickte, grinste, und dann überquerte er bedächtig die Straße, erreichte die Tür und klopfte laut. Alice rührte sich immer noch nicht – ihre Sinne schienen sie verlassen zu haben. Sogleich war des Fremden rauhe Stimme unten zu hören, welche den Fragen der einzigen Dienstmagd antwortete, die Alice in ihrem Haushalt besaß; und sein schwergewichtiger Tritt brachte die leichte Treppe krachend zum Zittern. Instinktiv erhob sich Alice, nahm ihr Kind auf die Arme und stand gerade und bewegungslos mit dem Gesicht zur Tür. Sie öffnete sich – und Vater und Tochter befanden sich wieder einmal von Angesicht zu Angesicht innerhalb derselben Wände.

»Hallo, Alley, wie geht's dir, mein Mädel? Erfreut, deinen Alten wieder zu sehen, möcht' ich schwören. Keine Umstände, setz dich hin. Ha, ha! schnuckelig hier – sehr schnuckelig – wir werden reizend zusammen leben. Handel auf eigene Rechnung – ha? Schlau! – also, kannst deinen armen alten Vater nicht im Stich lassen. Gibt's was zu essen und zu trinken?«

Dabei warf er sich der Länge nach auf das adrette, zierliche Chintz-Sofa, Chintz: dünnes, glänzendes Baumwollgewebe, fand Verwendung in Vorhängen und Mobiliar, aber auch in der Kleidung. – Anm.d.Übers. mit dem Ausdruck eines Mannes, der sich vollständig wie zu Hause fühlt.

Alice starrte ihn an und zitterte heftig, aber sagte immer noch nichts – die Stimme hatte sie tatsächlich verlassen.

»Na los, beweg deinen Hintern! Soll ich mich etwa selbst bedienen? – feine Sitten! – Aber, ho, ho, – eine Glocke! meine Güte! – ganz großartig – macht nix – ich bin's gewohnt, für mich selbst zu sorgen.«

Ein beherzter Zug am morschen Glockenseil sandte einen schrillen Alarm über die Hälfte der langen Latten-und-Pflaster-Reihe von Paradise Place und hinterließ das Instrument dieses Klanges in der Hand des Verursachers.

Herauf kam die Dienstmagd, eine stattliche, höchst achtbare alte Frau.

»Hör mal, altes Mädel!« sagte Darvil; »bring das Beste 'ran, das du zu essen hast – nix Besond'res – nur genug. Und vor allem – 'ne Flasche Branntwein. Na los, steh da nicht 'rum und glotz' wie 'n abgestoch'nes Schwein. Beweg dich! Hölle und Teufel! Hörst du nicht?«

Die Magd zog sich zurück, als ob ihr eine Pistole an den Kopf gesetzt worden wäre, und Darvil warf sich laut lachend wieder auf das Sofa. Alice schaute ihn an, und ohne eine Wort zu sagen, schlüpfte sie aus dem Zimmer – ihr Kind im Arm. Sie eilte treppab und traf im Flur ihre Dienerin. Diese war ihrer Herrin sehr zugetan und war beunruhigt, dass sie das Haus verlassen wollte.

»Ach, Ma'am, wohin wollen Sie? Herzchen, Sie haben keine Haube an! Was ist los? Wer ist das?«

»Oh!« schrie Alice in Todesangst; »was soll ich tun? – wohin kann ich fliehen?« Die obere Tür öffnete sich. Alice hörte es, zuckte zusammen und befand sich im nächsten Moment auf der Straße. Sie rannte atemlos wie eine Wahnsinnige davon. Ihr Verstand war in der Tat vorerst dahin; und hätte sie auf ihrem Weg einen Fluss gehabt, so hätte sie sich in ihm versenkt, um einer Welt zu entfliehen, die für einen Vater und sein Kind zu eng schien.

Aber gerade als sie um die Ecke einer Straße bog, die in belebteren Verkehr mündete, fühlte sie sich am Arm ergriffen, und eine Stimme nannte überrascht ihren Namen.

»Himmel, Mrs. Butler! Alice! Was sehe ich? Was ist geschehen?«

»Oh, Sir, retten Sie mich! – Sie sind ein guter Mensch – ein bedeutender Mann – retten Sie mich – er ist zurückgekehrt!«

»Er? wer? Mr. Butler?« fragte der Bankier (denn dies war der Herr) mit verändertem, zitterndem Klang.

»Nein, nein – ach, nicht er! – ich meinte nicht ihn – ich meinte meinen Vater – meinen – meinen – ach – schauen Sie sich um – schauen Sie sich um: kommt er?«

»Beruhigen Sie sich, meine liebe junge Freundin – niemand ist in der Nähe. Ich werde zu ihrem Vater gehen und ihm zureden. Niemand soll Ihnen etwas zu Leide tun – ich werde Sie schützen. Gehen Sie zurück – Gehen Sie zurück, ich folge Ihnen – wir dürfen nicht zusammen gesehen werden.« Und der große Bankier schien auf die Größe einer Nußschale schrumpfen zu wollen.

»Nein, nein«, sagte Alice noch bleicher werdend, »ich kann nicht zurück gehen.«

»Nun, dann folgen Sie mir bis zur Tür – Ihre Dienerin wird Ihre Haube holen und Sie zu meinem Haus begleiten, wo Sie bis zu meiner Rückkehr warten können. Inzwischen spreche ich mit deinem Vater und befreie Sie hoffentlich von seiner Gegenwart.«

Der Bankier klang eilig und geradezu ungeduldig; er wartete nicht auf Antwort, sondern schritt auf Alice' Haus zu. Alice selbst folgte nicht, sondern blieb auf demselben Fleck, bis Ihre Dienstmagd zu ihr traf, welche sie zu des reichen Mannes Wohnsitz geleitete … Alice' Verstand hatte sich aber noch nicht von diesem Schock erholt, und ihre Gedanken wanderten bedenklich hin und her.

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