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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel V

»Glaub mir, sie rang mir ab, viel Mitleid zu gewähren.
Ach! Nicht war bestimmt ihr feines Wesen
Mit Widrigkeit zu kämpfen.«

ROWE

   

»Nüchtern war er und ernst seit seiner Jugend,
Auf Form bedacht, doch mehr auf wahre Tugend;

Nur lichtes Grau stets kleidete den Mann,

Gelassenheit sah man der heit'ren Miene an.

Sein funkelnd Auge Kühnheit ließ erkennen,
Verschlagen wollten's Übelwoll'nde nennen.
Kein Fehl hat Freund noch Feind an ihm entdeckt,
Sein Handeln wie sein Reden war korrekt. -

Rein, nüchtern, ernst und fromm ward er genannt:
In diesem Ruf hat er sich selbst erkannt.«

CRABBE

   

»Nur hin und dies Geheimnis lüften!«

BEAUMONT & FLETCHER

Mrs. Leslie, die Dame, die der Leser im letzten Kapitel kennen gelernt hat, war eine Frau, in der sich entschiedenster Verstand mit weichstem Herzen verband – keine ungewöhnliche Kombination. Alice' Geschichte erfüllte sie mit Bewunderung und Mitgefühl. Die natürliche Unschuld und Ehrlichkeit der jungen Mutter sprachen so beredt aus ihren Worten und Blicken, dass Mrs. Leslie, während sie ihrer Erzählung lauschte, viel weniger zu vergeben fand als sie vorausgesetzt hatte.

Dennoch hielt sie es für angemessen, Alice in Bezug auf die Strafwürdigkeit des von ihr eingegangenen Verhältnisses aufzuklären. Aber hier verhielt das Mädchen sich sonderbar unzugänglich – sie hörte demütig Mrs. Leslies Strafpredigt an; aber sie machte augenscheinlich so gut wie keinen Eindruck auf sie. Sie kannte die gesellschaftlichen Verhältnisse noch nicht genügend, um die ersten Eindrücke eines natürlichen Verhältnisses berichtigen zu können: alles, was sie Mrs. Leslie als Antwort zu geben vermochte, war: »Das mag alles sehr zutreffend sein, Madame, aber ich bin so viel besser geworden, seit ich ihn kannte!«

Obwohl Alice jeden Tadel an ihr selbst ergeben hinnahm, war sie nicht bereit, auch nur ein auf Maltravers anspielendes Wort anzuhören. Wenn Mrs. Leslie ihn in sehr verständlicher Empörung als ihren Unschuldsräuber beschuldigte – sie hatte ja keine Einsicht in die Milderungsgründe für sein Vergehen –, fuhr Alice mit blitzenden Augen und hochschlagendem Herzen empor und war im Stande, dem einzigen Schutz, den sie in der Welt besaß, zu entfliehen: eher wäre sie gestorben, eher hätte sie ihr Kind sterben sehen, als über diesen Abgott ihrer Seele, der in ihren Augen allein irgendwo auf einem Gipfel zwischen Himmel und Erde stand, solche falschen Schmähungen anzuhören. Schwer wurde es Mrs. Leslie, sie zu bezähmen, noch schwerer, sie zu beruhigen; doch für des Mädchens Gereiztheit, welche anderen dreist und undankbar gedünkt hätte, liebte das weibliche Herz von Mrs. Leslie sie um so stärker. Je mehr sie von Alice wahrnahm und je mehr sie ihre Geschichte und ihren Charakter begriff, um so mehr verlor sie sich in Verwunderung über die Romanze, in der dieses schöne Kind die Heldin gewesen war, und um so ratloser war sie im Hinblick auf Alice' Zukunftsaussichten.

Als sie jedoch Alice' tatsächlich nicht geringe musikalische Fertigkeiten erkannte, ging ihr schließlich ein Licht auf. Hier war die Quelle ihrer künftigen Unabhängigkeit. Maltravers war, wie man sich erinnert, ein Musiker von hoher Kunstfertigkeit und großem Geschmack, und Alice' natürliche Begabung für diese Kunst hatte ihr in diesen Monaten einen Grad von Vollkommenheit ermöglicht, die andere – wie sogar den raschen Maltravers selbst – Jahre gekostet hätte. Man lernt eben so rasch, wenn man die Lehrer liebt; außerdem ist zu beobachten, dass, je geringer das Wissen, je geringer vielleicht überhaupt die Begabung für andere Dinge ist, um so müheloser Erfolge in der Musik erreicht werden: sie beherrscht äußerst eifersüchtig die Seele. Mrs. Leslie entschied, sie in dieser Kunst vervollkommnen zu lassen, damit sie andere unterrichten könne.

In C***, etwa 30 Meilen von Mrs. Leslies Haus, wenn auch in derselben Grafschaft, gab es einen nicht unbeträchtlichen Kreis wohlhabender und gescheiter Personen; es war nämlich eine Domstadt, und der hier residierende Klerus scharte die Provinzaristokratie um sich. Hier gehörte, wie in den höheren und mittleren Schichten der meisten ländlichen Städte, Musik zur Kultur. Amateurkonzerte wurden veranstaltet, es gab Gesangvereine, Abonnements für geistliche Musik und alle fünf Jahre sogar die großen C***-Festspiele. In dieser Stadt führte Mrs. Lelsie Alice ein: sie brachte sie bei einem ehemaligen Musiklehrer unter, der im Ruhestand nicht mehr eifersüchtig auf Konkurrenten schaute und, durch lukrative Bedingungen veranlasst, Alice' Ausbildung zu Ende führen sollte. Die Wohnung war nicht nur geeignet, sondern auch behaglich, und der Musiklehrer und seine Frau stellten ein gutmütiges altes Ehepaar dar.

Drei Monate entschiedenen unablässigen Durchhaltens, verbunden mit Alice' einzigartiger Bildsamkeit und ihrer natürlichen Begabung, reichten dem guten Musiker zu der Erkenntnis, dass sie die verheißungsvollste Schülerin war, die er je betreut hatte; und in weiteren drei Monaten konnte Alice, von Mrs. Leslie bei vielen Familien am Ort eingeführt, ihr eigenes Heim einrichten; durch ordentlichen Unterricht und gelegentliche Aushilfe bei musikalischen Veranstaltungen erwarb sie zu Recht, was ihr Tutor zutreffend als »eine sehr manierliche Unabhängigkeit« bezeichnete.

Nun war bei diesen Vorkehrungen (wir müssen uns hier nämlich ein wenig zurückbegeben) eine gewaltige Schwierigkeit für Gewissen und Gefühl zu überwinden gewesen. Mrs. Leslie erkannte mit einem Male, dass trotz der Verheimlichung von Alice' Unglück alle Tugenden und Talente der Welt sie nicht in Stand setzten, diesen einen falschen Schritt zurück zu tun. Mrs. Leslie, eine Frau von strikter Rechtlichkeit und gewöhnt, die Wahrheit zu sagen, sah sich völlig ratlos zwischen der vom Anstand gebotenen Aufrichtigkeit und der aus ihr erwachsenden Grausamkeit. Sie fühlte sich nicht der Lage, hier die Verantwortung selbst zu übernehmen; nach langem Überlegen entschied sie, ihre Bedenken jemandem anzuvertrauen, der von allen ihren Bekannten das höchste Ansehen besaß, wenn es um moralische Würde und religiöse Unbescholtenheit ging.

Dieser kürzlich verwitwete Herr lebte am Rande der für Alice' künftigen Wohnsitz erkorenen Stadt und befand sich damals gerade auf einem Besuch in Mrs. Leslies Nachbarschaft. Er war ein reicher Mann, ein Bankier; er hatte einst die Stadt im Parlament vertreten, und obwohl er sich aus Unlust an ermüdenden Nachtsitzungen und sonstigen Beschwerlichkeiten – selbst in einem noch nicht reformierten Reform Act von 1832, auch als Great Reform Act bezeichnet, war ein Gesetz, mit dem die Wahlkreiseinteilung für die Wahl des britischen Parlaments zum ersten Mal seit fast 150 Jahren geändert wurde. Nötig geworden waren die Änderungen vor allem durch das Phänomen der Rotten boroughs (»verfaulte Bezirke«) – Wahlkreise, deren Wählerzahl im Verlauf der Jahre durch das Zensuswahlrecht so stark gesunken war, dass die wenigen verbliebenen Wählerstimmen im Parlament weit übergewichtet waren. Besondere öffentliche Empörung erregten die Beispiele Gatton und Old Sarum mit sieben bzw. elf verbliebenen Wählern.
Die Tories, die ähnliche Reformvorhaben zuvor blockiert hatten, bekämpften auch diese Vorlage. Nach der ersten Lesung am 14. März 1831 waren die persönliche Einflussnahme von König Wilhelm IV., der Rücktritt der Whig-Regierung unter Earl Grey und Neuwahlen erforderlich, bis das Gesetz schließlich am 7. Juni 1832 in der dritten Lesung im House of Commons mit einer Mehrheit von einer Stimme angenommen wurde.
Aus historischen Gründen besaßen gewisse englische Boroughs das Recht, einen Abgeordneten ins Parlament zu entsenden, während jeweils der gesamte Rest jeder einzelnen County ein einziger Wahlkreis war. Mit den Jahren waren durchaus einige wenige Boroughs hinzugefügt oder entfernt worden. Doch der Reform Act ermöglichte erstmals überhaupt eine grundlegende Änderung der Wahlkreiseinteilung. Viele Städte, die erst während der Industrialisierung entstanden und nicht im Parlament vertreten waren, erhielten das Recht, ihre eigenen Abgeordneten zu wählen. Dagegen verloren zahlreiche rotten boroughs ihren Sitz.
Mit dem neuen Gesetz wurde auch die Anzahl der Wahlberechtigten von 435 000 auf 652 000 erhöht (rund ein Siebtel der männlichen Bevölkerung). Davon profitieren konnten vor allem wohlhabende Stadtbewohner, die eine jährliche Miete von mehr als £10 bezahlten. Dadurch verschob sich das politische Gewicht vom ländlichen, aristokratisch geprägten Süden zu den neuen Großstädten im Norden. Es wurden 58 rotten boroughs aufgelöst und Boroughs mit weniger als 4 000 Einwohnern mussten einen ihrer zwei Sitze aufgeben.
Doch auch mit dem neuen Gesetz war der Einfluss der gentry, des englischen Landadels, noch immer sehr hoch. Premierminister John Russell hatte gehofft, dass weitere Reformen nicht mehr notwendig sein würden, doch der Druck der Öffentlichkeit führte zu weiteren großen Veränderungen wie dem Reform Act 1867. – Anm.d.Übers.
Unterhaus – zurückgezogen hatte, besaß er immer noch genügend Einfluss, um eines, wenn nicht beide Parlamentsmitglieder für C*** zu bestimmen. Dieser Einfluss wurde stets zum Besten seiner eigenen Interessen bei den jeweils herrschenden Kräften geltend gemacht und um gewisse ehrgeizige Projekte zu fördern (denn auf seine Weise hatte sein großtuerisches Wesen einen Hang zum Ehrgeiz), und es schien leichter, dies durch Stellvertreter zu erreichen als durch eigenen Sitz und Stimme im Parlament, dessen Atmosphäre sein Licht nicht zum Leuchten brachte. Mit wundersamer Gewandtheit brachte es der Bankier fertig, einerseits die Regierung zu unterstützen und zugleich durch häufiges Äußern liberaler Anschauungen die Whigs und die Andersgläubigen in seiner Nachbarschaft günstig zu stimmen. Politische und religiöse Parteien waren damals noch nicht so unversöhnlich wie heute.

Im der ganzen Grafschaft wurde niemand so respektiert wie diese herausragende Persönlichkeit, die zwar ein arbeitsamer, tatkräftiger Geschäftsmann war, ohne jedoch irgendein strahlendes Talent vorweisen können. Es war einzig und allein die Macht des sittlichen Ansehens, die ihm seine Stellung in der Gesellschaft gab. Dies war ihm bewusst, und ein empfindlicher Stolz darauf erfüllte ihn, so dass er sich geradezu ängstlich sorgte, auch nur ein Atom dieses Rufes zu verlieren, der wachsam zu schützen war.

Sehr bemerkenswert, wenn auch nicht (könnten wir in alle Herzen schauen!) besonders ungewöhnlich war der Charakter dieses Bankiers. Er war aufgestiegen aus vergleichsweise niederer Herkunft und kleinen Verhältnissen, und dies gänzlich durch den gewissenhaften und bedächtigen Anstand seines nach außen gezeigten Gebarens. Mit dieser Haltung verknüpfte er somit unauflöslich jegliche Vorstellung von irdischem Wohlstand und Ehrenhaftigkeit. Wenn auch weit davon entfernt, ein schlechter Mensch zu sein, war er doch gewissermaßen zur Heuchelei gezwungen.

Jedes Jahr wuchs seine Macht und seine Unantastbarkeit. Er hütete das Gewissen der gesamten Stadt; kaum jemand traute sich, ohne seinen Rat ein Testament zu unterzeichnen oder für einen wohltätigen Zweck zu spenden. Weil er ein durchtriebener Mann in Dingen dieser Welt war und zugleich ein beglaubigter Lotse in die nächste, brachte sein Rat genauestens Gewissen und Vorteil in Einklang; so stellte er eine Art Unterhändler in der wechselseitigen Diplomatie von Himmel und Erde dar. Tatsächlich aber war unser Bankier ein gemeinnütziger Mensch, ein wohlwollender Mann und von Herzen gläubig. Warum sollte er dann ein Heuchler sein? Einfach weil er den Anschein erweckte, weitaus gemeinnütziger, wohlwollender und frömmer zu sein als er war.

Sein Ruf hatte nun jenen Grad makellosen Glanzes erlangt, dass der geringste Hauch, das Ansehen eines anderen keineswegs trübend, seines mit einem untilgbaren Flecken beschmutzt hätte. Indem er vortäuschte, strenger als der Kirchenmann zu sein, und von allen, welche die Kirchenmänner für lauwarm hielten, als ein großes Orakel betrachtet wurde, beobachtete der gesamte rechtgläubige Domklerus sein Gebaren sehr genau, – gute Männer zweifellos, die freilich nicht vorgaben, Heilige zu sein, und die die Eifersucht gepackt hatte, weil ein Laie und eine Autorität der Sektierer sie mit seinem Licht dermaßen in den Schatten stellte. Auf der anderen Seite versetzte die ihm bezeigte intensive Huldigung und Bewunderung seine Tugendhaftigkeit in eine Spannung, die, wenn sie nicht alles menschliche Maß überschritt, so doch sicherlich sein eigenes. Denn (wie irgendwo richtig gesagt wurde) »Bewunderung ist ein Art Aberglaube in Erwartung von Wundern«.

Die Natur hatte diesen Herrn mit einer außerordentlichen Portion triebhafter Neigungen versehen: aufgrund seines sensualistischen Temperaments plagten ihn heftige Leidenschaften. Er liebte gutes Essen und guten Wein – er liebte Frauen. Die beiden erstgenannten Segnungen fleischlichen Lebens gelten nicht als unvereinbar mit der Heiligsprechung; der Heilige Antonius jedoch hat gezeigt, dass Frauen, so engelgleich sie auch sein mögen, nicht genau die Klasse von Engeln bilden, mit denen Heilige sich ungefährdet gemein machen dürfen. Während seines langen Wüstenaufenthalts wurde Antonius immer wieder von quälenden Visionen heimgesucht. Der Teufel soll ihm in verschiedener Gestalt, u.a. auch in der einer oder mehrerer verführerischer Frauen, erschienen sein, um ihn von seinem asketischen Leben abzubringen. – Anm.d.Übers. Wenn er darum jemals Versuchungen geschlechtlicher Natur nachgab, geschah es mit gründlicher Geheimhaltung und Vorsicht; nicht einmal seine rechte Hand wusste, was seine linke tat.

Dieser Ehrenmann hatte eine Frau geheiratet, die weitaus älter war als er selbst; ihr Vermögen war aber eine der notwendigen Stufen seiner Karriereleiter gewesen. Sein beispielhaftes Verhalten dieser Dame gegenüber, so häßlich und alt sie war, hatte nicht wenig zum wachsenden Ruf seiner Heiligkeit beigetragen. Sie erlag einem Fieber; und der Witwer verhielt sich berechenbar, indem er vermied, durch Zurschautragen eines allzu bitteren Schmerzes Befremden auszulösen.

»Des Herrn Wille geschehe!« sagte er; »sie war eine gute Frau, aber wir sollten unsere Gefühle nicht zu sehr auf seine vergänglichen Geschöpfe richten!«

Das war alles, was man ihn je zu diesem Thema sagen hörte. Er nahm eine entfernt mit ihm verwandte ältliche Dame zu sich, sein Haus zu führen und am Kopf seiner Tafel zu sitzen; es wurde, obwohl der Witwer jenseits der Fünfzig war, nicht für unmöglich gehalten, dass er noch einmal heiraten könnte.

Dies war der Herr, den Mrs. Leslie, welche denselben religiösen Überzeugungen anhing und ihn lange kannte und verehrte, hinzuzog, die Gewissensangelegenheit mit Alice zu entscheiden.

Und dieser Mann übte einen so starken und nachhaltigen Einfluss auf Alice Darvils Schicksal aus, dass seine Ratschläge in der anstehenden Frage ausführlich dargelegt werden müssen.

   

»Und so«, erklärte Mrs. Leslie, ihren Bericht abschließend, »werden Sie verstehen, werter Herr, dass dieses arme junge Geschöpf weniger Schuld auf sich geladen hat, als es scheint. Aufgrund der ungewöhnlichen Fertigkeit, die sie in der Musik nach ihrer eigenen Darstellung in unglaublich kurzer Zeit erreicht hat, neige ich zu der Annahme, dass ihr gewissenloser Verführer ein Künstler gewesen sein muss. Es ist durchaus möglich, dass sie sich wieder begegnen und dass er, indem der Standesunterschied nicht sehr groß gewesen sein kann, sie heiratet. Sicherlich könnte er nichts Besseres oder Klügeres tun, denn sie liebt ihn trotz ihrer Verfehlungen zu zärtlich. Wäre es unter diesen Umständen eine … eine … eine entschuldbare Maskierung der Wahrheit, sie als verheiratete, getrennt von ihrem Mann lebende Frau zu präsentieren und ihr den Namen ihres Verführers zu geben? Ohne eine solche Vorsichtsmaßregel werden Sie verstehen, Sir, dass alle Hoffnung, ihr einen achtbaren Platz im Leben zu schaffen – jede Aussicht, ihr eine belastbare Unabhängigkeit zu sichern, ausgeschlossen ist. Dies ist mein Dilemma. Wie lautet Ihr Rat? – sei er mir schmackhaft oder nicht: ich werde mich an ihn halten.«

Des Bankiers ernste, düstere Miene verriet leichte Verlegenheit über den ihm unterbreiteten Fall. Er begann mit dem Ärmel seines schwarzen Gehrocks einige Staubpartikel von seinen grauen Hosen zu streifen und antwortete nach einer kleinen Pause: »Oh wahrlich, liebe Frau, die Frage ist höchst delikat – ich zweifle, dass Männer hier ein Urteil fällen können; Ihr Geschlecht verfügt über mehr Takt und Instinkt in solchen Sachen – mehr als unser Scharfsinn. Die Weisungen Ihres eigenen Herzens bedeuten viel, denn denen, die im Stande der Gnade des Herrn sind, kündet er huldreich sein Wohlgefallen durch geistliche Fingerzeige und innere Regungen.«

»Wenn das so ist, teurer Sir, ist die Sache entschieden; denn mein Herz sagt mir, dass die leichte Abweichung von der Wahrheit ein geringeres Vergehen wäre als ein so junges und, wie ich bereits sagte, unschuldiges Geschöpf hilflos der Welt zu überantworten. Ich darf also Ihre Meinung als Bestätigung auffassen.«

»Oh, wahrlich, ich vermag dem kaum ganz beizupflichten«, bemerkte der Bankier mit einem schwachen Lächeln. »Eine Abweichung vom Wege der Wahrheit kann man nur unter einiger Pflichtverletzung auf sich nehmen.«

»In keinem Fall? Ach, ich hatte das befürchtet!« rief Mrs. Leslie verzagt.

»In keinem Fall? Oh, es mag Fälle geben! Aber hätte ich nicht erst die junge Frau kennen lernen sollen, um sicherzustellen, dass Ihr wohlwollendes Herz Sie nicht täuscht?«

»Das entspricht meinem Wunsch«, erwiderte Mrs. Leslie; »sie befindet sich gerade im Haus. Ich will nach ihr läuten.«

»Sollten wir nicht allein sein?«

»Gewiss; ich werde Sie allein lassen.«

Man schickte nach Alice, und sie erschien.

»Dieser gottesfürchtige Herr«, sprach Mrs. Leslie, »wird sich einige Zeit mit Ihnen unterhalten, mein Kind. Fürchten Sie nichts; er ist der Beste der Menschen.« Mit diesen ermutigenden Worten verschwand die gute Dame, und Alice sah sich vor einem großen, dunklen Mann mit einem an der Stirn kahlen Kopf, der hinten fast breiter war als vorne, mit einer Brille vor einem Paar schlauer, durchdringender Augen und mit Gesichtszügen, die verrieten, dass er zu seiner Zeit ein gutaussehender Mann gewesen sein musste.

»Meine junge Freundin«, begann der Bankier Platz nehmend nach einer bedächtigen Begutachtung des hübschen Gesichts, das unter seinem Blick errötete, »Mrs. Leslie und ich haben Ihre zeitliche Wohlfahrt besprochen. Sie haben Unglück gehabt, mein Kind?«

»Oh – ja.«

»Nun gut, Sie sind sehr jung, wir dürfen nicht zu streng mit der Jugend sein. Sie werden es niemals wieder tun?«

»Was tun, bitte, Sir?«

»Was? Hm! Ich meine, dass Sie unnachgiebiger, umsichtiger sein sollten. Männer sind tückisch; Sie müssen auf der Hut gegen sie sein. Sie sind hübsch, Kind, sehr hübsch – um so schlimmer.« Und der Bankier erfasste Alice' Hand und drückte sie salbungsvoll. Alice betrachtete ihn ernst und zog instinktiv die Hand fort.

Der Bankier nahm seine Brille ab und starrte sie ohne deren Hilfe an; seine Augen waren immer noch schön und ausdruckvoll. »Wie lautet Ihr Name?« fragte er.

»Alice – Alice Darvil, Sir.«

»Also, Alice, wir haben überlegt, was am besten für Sie ist. Sie möchten Ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen und vielleicht eines Tages in der Zukunft einen ehrlichen Mann heiraten.«

»Heiraten, Sir – niemals!« rief Alice mit großem Ernst; ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Und warum?«

»Weil ich ihn auf Erden nie wiedersehen werde, und man heiratet nicht im Himmel.«

Der Bankier war bewegt, denn er war nicht schlechter als seine Nachbarn, obwohl er versuchte sie glauben zu machen, er sei um so vieles besser.

»Nun, Zeit genug, darüber zu sprechen. Aber inzwischen möchten Sie sich selbst durchbringen?«

»Ja, Sir. Sein Kind sollte für niemanden eine Last sein – und ich ebensowenig. Ich wünschte einmal zu sterben, aber wer würde dann mein Kleines lieben? Nun möchte ich leben.«

»Aber welche Art des Lebensunterhalts würden Sie vorziehen? Wollen Sie irgendeiner Funktion in einer Familie tätig sein? Nicht als Dienstmädchen – dafür sind Sie zu zart!«

»Oh, nein – nein!«

»Aber nochmals: warum dies nicht?« fragte beschwichtigend, doch überrascht der Bankier.

»Weil es«, antwortete Alice fast traurig, »Stunden gibt, in denen ich allein sein muss. Manchmal denke ich, ich bin hier«, sie berührte ihre Stirn, »nicht ganz richtig. Sie nannten mich eine Idiotin, bevor ich ihn kennen lernte! – Nein, Ich könnte mit anderen nicht leben, denn ich kann nur weinen, wenn niemand außer meinem Kind bei mir ist.«

Dies war mit solch unbewusster und darum so leidenschaftlicher Schlichtheit gesagt worden, dass der Bankier erkennbar berührt war. Er erhob sich, schürte das Feuer, ließ sich wieder nieder und sagte nach einer Weile mit Nachdruck: »Alice, ich werde dein Freund sein. Lass mich glauben, dass es verdienst.«

Alice beugte ihren reizenden Kopf, und als sie sah, dass er in ein abwesendes Schweigen verfallen war, hielt sie es für geboten, sich zurückzuziehen.

»Sie ist in der Tat schön«, sagte der Bankier fast vernehmlich zu sich selbst, als er allein war; »und die alte Dame hat Recht – sie ist so unschuldig, als wäre sie nicht fehlgetreten. Ich möchte wissen -« Hier hielt er kurz ein, schritt zu dem Spiegel über dem Kamin und starrte immer noch auf seine Züge, als Mrs. Leslie zurückkehrte.

»Nun, Sir«, sagte sie, etwas überrascht von der offensichtlichen Eitelkeit eines so frommen Mannes.

Der Bankier zuckte zusammen. »Madame, ich ehre Ihren Scharfblick ebenso wie Ihre Barmherzigkeit; ich denke, es wäre einiges zu befürchten, ließe man alle Welt um den vergangenen Fehler dieser jungen Frau wissen, so dass ich, ohne einen Ratschlag geben zu wollen, Ihre Absicht der Geheimhaltung nicht tadeln kann.«

»Aber Sir, Ihre Worte sind tief in mein Denken eingedrungen; Sie sagten, jede Abweichung von der Wahrheit sei eine Pflichtverletzung.«

»Sicherlich; aber es gibt einige Ausnahmen. Die Welt ist eine schlechte Welt, wir alle sind in Sünde geboren und Früchte des Zorns. Wir sagen den Kindern nicht die ganze Wahrheit, wenn sie uns Fragen stellen: die richtige Antwort würde sie verführen statt aufzuklären. In manchem verhält sich die ganze Welt wie Kinder. Die eigentliche Führungsweisheit besteht im Verbergen der Wahrheit – so funktioniert das Handelssystem. Wir dürfen den Kaufmann nicht tadeln, welcher der Öffentlichkeit nicht mitteilt, dass er bankrott wäre, wenn all seine Schulden eingetrieben würden.«

»Und er könnte sie am Ende doch noch heiraten – dieser Mr. Butler.«

»Beim Himmel, nein – der Gauner! – Also, Madame, ich werde mich um dieses arme junge Ding kümmern – es soll ihr an Anleitung nicht fehlen.«

»Der Himmel vergelte es Ihnen! Wie boshaft einige Leute sind, Sie streng zu nennen!«

» Diesen Tadel trage ich mit ergebenem Gemüt, Madame. Guten Tag.«

»Guten Tag. Sie bedenken die strikte Vertraulichkeit unseres Gesprächs.«

»Nicht ein Hauch verlässt meine Lippen. Ich werde Ihnen – so es beliebt – morgen einige Erbauungsschriften senden. Der Himmel segne Sie.«

   

Nach Bewältigung dieser Schwierigkeit entdeckte Mrs. Leslie, dass sie eine andere mit Alice selbst auszufechten hatte. Denn zum einen begriff Alice, dass sie, wenn sie ihren Namen änderte und ihr Geheimnis bewahrte, damit eingestand, dass sie sich ihrer Liebe zu Ernest schämen sollte anstatt stolz auf sie zu sein, und sie hielt das für undankbar ihm gegenüber! – und zweitens: seinen Namen anzunehmen, um als seine Frau zu gelten – welche Dreistigkeit – er hätte sicher das Recht, dies als Beleidigung auffassen.

Über all diese Bedenken verlor Mrs. Leslie beinahe jede Geduld; und der Bankier wurde zu seiner eigenen Überraschung wiederum herbei gerufen. Wir hatten erwähnt, dass er ein erfahrener und geschickter Ratgeber war, was die Fähigkeit zur Überredung einschließt. Er erkannte rasch die Handhabe, um Alice' Widerstand zu brechen – das Wohl ihres kleinen Mädchens. Er stellte ihr dies so machtvoll vor Augen und erklärte ihr so eindringlich, dass des Kindes künftiges Geschick nicht nur von ihrem eigenen guten Betragen abhänge, sondern von ihrer gesellschaftlichen Achtbarkeit, dass sie sich am Ende geschlagen gab; und womöglich hatte ein von ihm eher nebenbei gebrauchtes Argument ebenso viel Wirkung wie die übrigen zusammen:

»Dieser Mr. Butler könnte, falls er sich noch in England aufhält, einmal durch unsere Stadt kommen, – er könnte bei uns Besuche machen, – er könnte davon hören, dass Sie denselben Namen tragen wie er, und aus Neugier würde er so nach Ihnen suchen. Nehmen Sie diesen Namen an, und Sie werden stets ein ehrenwertes Zeichen tragen, um sich gegenseitig zu entdecken und wiederzuerkennen. Außerdem: wenn Ihre Stellung respektabel und ehrenvoll ist und Sie sich ihre Unabhängigkeit verdient haben, wird er vielleicht nicht zu stolz sein, Sie zu heiraten. Behalten sie aber Ihren eigenen Namen und bekennen Sie Ihre wahre Geschichte, so wird nicht nur Ihr Kind eine Ausgestoßene sein und Sie selbst eine Bettlerin oder bestenfalls eine abhängige Dienstbotin, sondern Sie verlieren jede Hoffnung, den Gegenstand Ihrer allzu hingebungsvollen Anhänglichkeit zurück zu gewinnen.«

So war denn Alice überzeugt. Von dieser Zeit an wurde sie sparsam und zurückhaltend in ihren Mitteilungen. Mrs. Leslie hatte in weiser Voraussicht eine genügend weit entfernte Stadt ausgewählt, um mögliche Enthüllungen durch Gesinde auszuschließen; und als Mrs. Butler erwarb Alice allgemeine Sympathie und Respekt durch die Ausübung ihrer Begabung, die bescheidene Anmut ihres Verhaltens und den makellosen Anstand ihres Lebenswandels. Als sie irgendwann die Lehre der Geheimhaltung begriffen hatte, machte sie einen großen Fortschritt in ihrer Weltkenntnis. Und war sie auch von jungen Faulenzern in C*** schmeichelnd umworben: sie hielt ihren Kurs mit so viel Gewandtheit, dass Verfolgungen ausblieben. Nur wenige Männer unternehmen nämlich Annäherungsversuche ohne jegliche Ermutigung.

Der Bankier überwachte ihr Betragen mit schweigsamer Aufmerksamkeit. Er traf sie, er besuchte sie oft. Er war bekannt in den Familien, die sie zum Unterrichten und oder bei Aufführungen aufsuchte. Er lieh ihr gute Bücher – er beriet sie – er predigte ihr. Alice begann zu ihm aufzuschauen – ihn zu mögen – ihn so betrachten, wie ein Dorfmädchen in katholischen Ländern einen wohlwollenden, freundlichen Priester anschaut. Und er – was hatte er vor? – zu dieser Zeit ist es unmöglich einzuschätzen: – er wurde nachdenklich und zerstreut.

   

Eines Tages begegneten sich eine alte Jungfer und ein alter Geistlicher auf der Hochstraße von C***.

»Und wie ist Ihr Befinden, Ma'am?« fragte der Geistliche; »wie steht's mit dem Rheumatismus?«

»Besser, ich danke Ihnen, Sir. Gibt's Neuigkeiten?«

Der Geistliche grinste, und irgendetwas schwebte auf seinen Lippen, das er unterdrückte.

»Waren Sie«, fuhr die alte Jungfer fort, »gestern Abend bei Mrs. Macnab? Entzückende Musik?«

»Entzückend! Wie hübsch diese Mrs. Butler ist! und wie bescheiden! Kennt ihre Stellung – anders als sonst Leute ihres Fachs.«

»Ja, in der Tat! – Welche Aufmerksamkeit ein gewisser Bankier ihr schenkte!«

»Er! er! er! ja, er benimmt sich sehr väterlich – sehr!«

»Vielleicht möchte er wieder heiraten; er redet beständig vom heiligen Stand der Ehe – ein heiliger Stand mag es sein – aber der Himmel weiß, seine Gattin, die arme Frau, machte ihn nicht zu einem erfreulichen.«

»Es mag dafür mehr Gründe geben, als wir uns vorstellen«, bemerkte der Geistliche geheimnisvoll. »Ich möchte nicht lieblos erscheinen, aber …«

»Aber was?«

»Oh, in seiner Jugend war unser großer Mann nicht so fehlerlos wie jetzt, glaub' ich.«

»Von dem Gerücht hab' ich gehört; aber es ist niemals etwas gegen ihn bekannt geworden.«

»Hm – es ist sehr sonderbar!«

»Was heißt sonderbar

»Oh – aber es ist ein Geheimnis – ich würde sage, es ist alles völlig in Ordnung.«

»Ach, ich werd' keine Silbe verraten. Gehen Sie zum Dom? Jetzt bleiben Sie doch stehen! Erzählen Sie bitte weiter!«

»Na gut, also gestern ging ich in einem Dorf mehr als 20 Meilen von hier meiner Pflicht nach und verweilte dort, um ein frühes Abendessen einzunehmen; und während danach mein Pferd gefüttert wurde, schlenderte ich im Grünen herum.«

»Na ja – und nun?«

»Ich sah einen sorgfältig verhüllten Herrn mit über's Gesicht gezogenem Hut an der Tür eines Landhauses, ein kleines Kind in seinen Armen, und das küsste er gründlicher als wir es gewöhnlich tun, wenn wir uns 'mal dazu herablassen, anderer Leute Kinder zu küssen; und dann gab er es einer neben ihm stehenden Dienerin, zäumte sein am Tor gebundenes Pferd und trabte hinter mir; und wer, glauben Sie, war's?«

»Warten Sie – nein, ich krieg's nicht 'raus!«

»Na, unser heiliger Bankier. Ich nickte ihm zu, und ich versichere Ihnen: er wurde rot, Ma'am, wie Ihr Rockbund.«

»Herrjeh«!

»Ich wandte mich, als er außer Sichtweite war, sofort zu dem Landhaus, weil mich dürstete, und bat um ein Glas Wasser – das sah ich das Kind. Ich will um keinen Preis lieblos sein, aber ich dachte, es ähnle ungeheuer – Sie wissen, wem!«

»Grundgütiger! Sie behaupten doch nicht …«

»Ich fragte die Frau, ob es ihres sei. Sie sagte, nein, aber es kam sehr kurz.«

»Du liebe Zeit, das muss ich 'rausfinden! Wie heißt das Dorf?«

»Covedale.«

»Ah, ich weiß – ich weiß.«

»Kein Wort darüber; ich würd' sagen, da ist nichts dran. Aber ich bin nicht sehr für diese neuen ›Leuchten‹.« Protestantische Sekten. – Anm.d.Übers.

»Ich auch nicht. Was gibt's besseres als die gute alte Kirche von England?«

»Madam, Ihre Gefühle ehren Sie; Sie sagen selbstverständlich nichts von unserem kleinen Geheimnis?«

»Kein einziges Wort.«

   

Zwei Tage später unternahmen drei alte Jungfern einen Ausflug zu dem Dorf Covedale, und schau an! das fragliche Landhaus war geschlossen – die Frau und das Kind waren fort. Die Dorfbewohner wussten nichts von ihnen – hatten nichts Besonderes an der Frau und dem Kind gesehen – hatten sie immer für Mutter und Tochter gehalten; und der Herr, den der geistliche Inquisitor mit dem Bankier identifiziert hatte, war nur ein einziges Mal am Ort beobachtet worden.

»Der widerwärtige alte Pfaffe«, sagte die Betagteste der alten Jungfern, »einem so guten Manne den Ruf zu schmälern! – und die Fahrt wird – einschließlich Rast – ein Pfund zwei Schilling kosten!«

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