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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel II

»Du bist wieder ein freies Weib
Hier löse ich deine Bande.«

JOHN FLETCHER & PHILIP MASSINGER,
The Custom of the Country

Und zahlreich waren die Prüfungen, armes Kind; so unbeschreiblich zahlreich, dass dieses Buch zu mehr Bänden anwachsen müsste, als Mönche jemals über das Leben von Heiligen oder Märtyrern verfasst haben (obwohl hundert Bände zwei Jahre lang den Rekord hielten nur für das Leben des heiligen Antonius!). Wir könnten die Glaubwürdigkeit von Büchern besprechen, aber niemand schrieb jemals auch nur seine eigene Biographie, ohne gezwungenermaßen wenigstens neun Zehntel der wichtigsten Dinge auszulassen. Was sind drei – was sechs Bände? Wir leben sechs Bände an einem Tag! Gedanken, Gefühle, Freude, Sorgen, Hoffnung, Furcht, – wie weitschweifig würde es, wollten alle diese erzählen, was sie stündlich erleben! Doch das Menschenleben selbst ist nur ein kurzer Auszug aus dem Grenzenlosen und Ewigen; und noch seine genauesten Bekenntnisse sind nicht mehr als die elende Kurzfassung eines hastig verfassten wirren Kompendiums.

Es waren über drei Monate vergangen seit der Nacht, in welcher Alice sich selbst in den Schlaf geweint hatte unter den wilden Kumpanen, als sie die Flucht aus ihres Vaters wachsamen Augen plante. Sie befanden sich damals an der irischen Küste. Darvil hatte sich von Walters getrennt und von seinen zur See fahrenden Kumpanen: den größten Teil seines ergaunerten Geldes hatte er durchgebracht, er begann ernsthaft die Ausführung seines schrecklichen Planes zu erwägen, zu seinem Unterhalt die Tochter zu verkaufen. Freilich hätte Alice für sündige Zwecke geformt werden können, bevor sie Maltravers kennen gelernt hatte; aber von dieser Stunde an machte eben jener Fehltritt sie tugendhaft – sie hatte im Augenblick der Liebe begriffen, was weibliche Ehre bedeutet; und durch eine plötzliche Offenbarung hatte sie Anstand, Zartgefühl und Seele in der Aufopferung ihrer selbst erworben.

Vieles von unserer stolzen und systemgerechten Moral im Hinblick auf den ersten falschen Schritt einer Frau führt uns bekanntlich zu barbarischen Irrtümern wie auch zu individuellen Ausnahmen. Wo aus reiner und vertrauender Liebe dieser erste falsche Schritt unternommen wurde, war manche Frau im späteren Leben vor tausend Versuchungen gefeit. Die armen Unglücklichen, die unsere Straßen und Schaubühnen bevölkern, wurden selten bei der ersten Gelegenheit durch Liebe verdorben, sondern durch Armut und durch die Ansteckung an Verhältnissen und Vorbildern. Eine niederträchtige heuchlerische Phrase nennt sie Verführungsopfer; sie wurden Opfer von Hunger, von Eitelkeit, von Neugier, von schlechten weiblichen Ratgebern; die Verführung durch Liebe jedoch führt kaum je zu einem lasterhaften Leben. Wenn eine Frau einmal wirklich geliebt hat, baut die Liebe eine unüberwindliche Barriere zwischen ihr und anderen Männern; deren Avancen bereiten ihr Angst und Aufregung. Während der Mann das Geschlecht liebt, liebt die Frau nur das Einzelwesen; und je mehr sie es liebt, um so kälter ist sie gegenüber der Species. Denn die Leidenschaft der Frau liegt in der Empfindung – der Einbildungskraft – dem Herzen. Es hat wenig zu tun mit den groben Vorstellungen, welche Buben und alte Männer – die Unerfahrenen und die Verbrauchten – damit verbinden.

Obwohl ihr bei des Vaters furchtbaren Reden das Blut in den Adern gefror, sah Alice jedoch in eben diesen seinen Plänen ihre Fluchtmöglichkeit. In einer trunkenen Stunde stieß er sie aus dem Haus und bezog Posten, sie zu beobachten – es war in der Innenstadt von Cork. Sie fasste sofort ihren Entschluss – wandte sich zu einer nahen Gasse und floh in voller Geschwindigkeit. Darvil mühte sich vergebens mit ihr Schritt zu halten – mit seinem vom Rausch verschwimmenden Blick und schwankendem Gang. Sie vernahm seinen letzten, entfernt verklingenden Fluch, und ihre Furcht beflügelte ihren Fuß: endlich hielt sie ein und fand sich in der Vorstadt wieder. Sie blieb von Angst überwältigt und totenblass stehen; und da fühlte sie zum ersten Mal, dass ein fremdes neues Leben sich in ihr regte. Sie hatte schon längst gewusst, dass sie in ihrem Schoß Maltravers' ungeborenen Sprössling trug, und dieses Wissen hatte ihr Kraft zu Kampf und Weiterleben gegeben. Aber nun hatte der Embryo schneller sein Dasein vermeldet – er bewegte sich – er rief sie an, ein – Unsichtbares, Unbekanntes; ein Lebewesen jedenfalls, das sich an seine Mutter wendete. Oh, diese Erregung, halb unaussprechliche Zärtlichkeit, halb rätselhafter Schrecken, in einem solchen Augenblick! – Welch neues Kapitel im Leben einer Frau kündigte es an: – Ja, jetzt musste sie auf sich acht geben – musste sich gegen Erschöpfung schützen – musste verzweifelt ringen. Eine ernste Pflicht war ihr auferlegt – das Leben eines anderen – das Kind des Angebeteten. Es war eine Sommernacht – sie saß auf einem großen Stein, zur einen Seite die Stadt mit ihren Lichtern, daneben die von Mond und Sternen in weißes Licht getauchten Felder; und sie hob ihre tränenüberströmten Augen empor und dachte, dass Gott, der Beschützer, auf sie vom wundervollen Himmel auf sie herablächle. So stand sie nach einer Pause und einem stillen Gebet auf und setzte ihren Weg fort. Als sie müde war, kroch sie in eine Scheune und fand, zum ersten Mal seit Wochen, in Sicherheit und voller Hoffnung ruhigen Schlaf.

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