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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Viertes Buch.

»Du wohnest
in fremdem Land; verwaist ist das eh'liche
Lager, das nun des Geliebten entbehrt.«

EURIPIDES, Medea, V.434-436.

   

Kapitel I

»Ich habe
Ach! wen'ge, traur'ge Jahre nur gelebt,
Und so war mein Geschick, das mir ein Vater
Zuerst die Stunden des erwachten Lebens
Zu Tropfen machte, deren jeder mir
Der Jugend Hoffnungen vergiftete.« Nach der Übersetzung von Felix Adolphi, Verlag der Classiker, Stuttgart, 1837. – Anm.d.Übers.

P. B. SHELLEY, The Cenci, V. 118-122.

Nachdem wir Maltravers beim geräuschlosen Fortschritt seiner geistig-seelischen Bildung begleiteten, müssen wir nun eine Weile unseren Blick zurück auf die gröbere und rauhere Prüfung richten, welche Alice Darvil zu durchlaufen gezwungen war. Entlang ihrem Weg hinterließ die Poesie keine Blumen, noch waren ihre einsamen Schritte zum entfernten Heiligtum, an dem ihre Pilgerschaft zur Ruhe kommen sollte, erleuchtet von dem geheimnisvollen Licht des Wissens oder begleitet von den tausend Sternen, die niemals am Himmel ermatten für die Augen jener Bevorzugten, von welchen Genie und Einbildungskraft den trüben Schleier entfernt haben. Nicht entlang den luftigen und erhabenen Pfaden, die sich weit oberhalb der Heim- und Geschäftsstätten gewöhnlicher Menschen winden – die einsamen Alpen vergeistigter Philosophie – wanderten die Schritte dieses Kindes der Armut und des Leids. Auf den ausgetretenen harten Landstraßen des gewöhnlichen Lebens verfolgte sie schweren Herzens und mit blutenden Füßen ihren traurigen Kurs. Aber das Ziel, das große Geheimnis des Lebens, das summum arcanum Das »höchste Geheimnis«, – Begriff aus der Esoterik. – Anm.d.Übers. aller Philosophie, der praktischen sowohl wie der transzendentalen, war vielleicht nicht weniger erreichbar für das bescheidene Mädchen als für den elastischen Schritt und das hochstrebende Herz dessen, der nach dem Großen dürstete und geradezu an das Unmögliche glaubte.

Wir kehren zurück zu jener trostlosen Nacht, in der Alice des schützenden Daches ihres Geliebten beraubt worden war. Ein Bewusstsein des Geschehenen hatte sie noch lange nicht wieder gewonnen und ebenso wenig eine vollständige Wahrnehmung der furchtbaren Umwälzung, die in ihrem Geschick Platz gegriffen hatte. Es herrschte damals eine graue, trübe Morgendämmerung; und das sie tragende rohe, aber wenigstens geschlossene Gefährt rollte über die tiefen Furchen einer wenig benutzten Straße, die sich um zaunlose, bergige Wüsteneien wand, wie sie in England gewöhnlich die Nachbarschaft der See ankündigen. Schaudernd blickte Alice umher: Walters, ihres Vaters Komplize, lag ausgestreckt zu ihren Füßen, und sein kräftiger Atem bewies, dass er fest schlief. Darvil selbst drosch auf das abgestumpfte, klägliche Pferd, und sein breiter Rücken war Alice zugewandt; der Regen, gegen den er in seiner Stellung nur schwach durch die Plane geschützt war, tropfte trübselig von seinem Schlapphut; und als er sich nun herum drehte und sein finsterer Blick düster auf Alice' Gesicht ruhte, vervollständigte seine böse, vom kalten, rohen Licht der trostlosen Dämmerung noch abgezehrter wirkende Miene das abscheuliche Bild unverhüllter brutaler Niedertracht.

»Ho, ho! Alley, bist du wieder bei Besinnung«, sagte er freudlos grinsend. »Ich freu' mich drüber, ich kann nämlich keine feinen Ladies brauchen, die dauernd in Ohnmacht fallen. Du hast 'ne lange Ferienzeit gehabt, Alley; jetzt musst du wieder lernen, für dein' armen Vater zu arbeiten. Ha! du bist verdammt gerissen gewesen; aber mach dir nix draus, das ist Vergangenheit – ich vergeb' dir. Du darfst jetzt nich' mehr weg geh'n, ohne dass ich's erlaube. Wenn du versessen bist auf 'n Schätzchen, werd ich dich nicht hindern – aber teilen mit dei'm alten Vater musst du, Alley.«

Alice konnte nichts mehr hören: sie verhüllte ihr Gesicht mit dem Umhang, den man ihr umgeworfen hatte, und obwohl sie nicht ohnmächtig wurde, schienen ihre Sinne verriegelt und gelähmt. Nach und nach erwachte Walters, und die beiden Männer besprachen ungeachtet ihrer Anwesenheit ihre Pläne. Allmählich erlangte sie genügend Selbstbeherrschung zurück um zuzuhören, in der instinktiven Hoffnung, dass sich ihr irgendein Fluchtplan andeuten könnte. Aber was sie aus den von ihnen diskutierten verschiedenen zusammenhanglosen Projekten, einem nach dem anderen – jeden davon mit gräulichen Verwünschungen und in kaum verständlichem Kauderwelsch verhandelnd – sich zusammenreimen konnte, war nur, dass entschieden war, den gegenwärtigen Distrikt unter allen Umständen zu verlassen – alles Weitere schien völlig unentschieden. Die Karre hielt schließlich an einer elend aussehenden Hütte, die ein Schild als einen Gasthof mit bequemer Unterkunft für Reisende anzeigte; dieser Anzeige war folgendes epigrammatische Distichon angefügt:

»Zu Old Tom's Gin gibt's keine Wahl;
Wer je ihn trank, will ihn noch mal

Die Kaschemme stand so entfernt von allen anderen Behausungen, und das Gelände ringsum war so baum- und sogar buschlos, dass Alice verzweifelt alle Hoffnungen auf Flucht an einem solchen Ort sinken sah. Aber um die Sicherheit zu verdoppeln, hob Darvil sie selbst aus dem Gefährt, führte sie eine brüchige, unbeleuchtete Treppe hinauf in einen dachbodenartigen Raum, und drehte, nachdem er sie hineingestoßen hatte, den Schlüssel herum und stieg hinab.

Das Wetter war kalt, fahler Dunst lag auf den schäbigen Wänden, und es gab weder Feuer noch einen Herd, aber dünn bekleidet, wie sie war – ihr Umhang und ihr Schultertuch waren ihr hauptsächlicher Schutz –: sie fühlte die Kälte nicht, weil ihr Herz kühler war als die Lüfte des Himmels.

Um die Mittagszeit brachte ihr ein altes Weib ein Gericht aus Fisch und gedünstetem Wild, das besser war, als man an diesem Ort erwartet hätte und unter ihres Vaters Dach als Festmahl erachtet worden wäre. Einladend grinsend wies die alte Vettel anzüglich auf einen Zinnkrug mit derbem Schnaps, der mit dem Essen kam, und versicherte ihr mit krächzend-weinerlicher Stimme, dass »Old Tom ein besserer Freund als einer der jungen Kerle« sei! Das Eindringen nahm ein Ende, Alice wurde wieder allein gelassen bis zur Abenddämmerung, als Darvil mit einem Bündel Kleidungsstücke eintrat, wie sie von den Bauern dieses einfachen englischen Distrikts getragen wurden.

»Hier, Alley«, sagte er, »ziehe diese warmen Klamotten an; feinere gibt's jetzt nicht. Wir dürfen keine Duftspuren auf der Strecke hinterlassen; die Hunde sind hinter uns her, kleine Ausreißerin. Hier is' 'n hübsches Stoffkleid für dich, und 'n roter Umhang, der 'nen Truthahn zu Fürchten bringen würde. Keine Sorge wegen des anderen Umhangs und des Schultertuchs; sie werden nich' ins Pfandhaus wandern, wir kümmern uns schon drum, bis wir in irgend 'ne große Stadt kommen, wo die jungen Kerle mit Kies in der Tasche 'rumlaufen; du scheinst ja schon 'rausgefunden zu haben, dass dein Gesicht dein Vermögen is', Alley. Komm, mach rasch, wir müssen los. Ich komm' in zehn Minuten wieder 'rauf zu dir. Pah! Sei nicht so schüchtern; hier, nimm ›Old Tom‹ – nimm ihn, sag ich. Was, willste nicht? Na gut, auf deine Gesundheit, und dass dein Geschmack sich bessert!«

Und als nun die Tür sich wiederum hinter Darvil schloss, liefen Alice zum ersten Mal Tränen übers Gesicht, ein weiblicher Luxus, den ihr weibliche Schwäche verschaffte. Diese Kleidungsstücke – Ernests Geschenk, sein Geschmack – waren gleichsam der letzte Überrest jenes köstlichen Lebens, das nun für immer entwichen war. Alle Spuren dieses Lebens – von ihm, dem Liebenden, Schützenden, Angebeteten; jede Spur ihrer selbst, nachdem sie durch Liebe neu erschaffen worden war, all das war ihr für immer verloren. Es schien (wie sie irgendwo in den kleinen, ihr geschichtliches Wissen umreißenden Elementarbüchern gelesen hatte) wie jene letzte schicksalhafte Feierlichkeit, bei der die zum Leben in den sibirischen Minen Verdammten mit der Sklavenlivrée bekleidet werden, ihr früherer Name und ihre Erinnerung auf ewig getilgt wird und sie in die gewaltige Ödnis verstoßen werden, aus der sogar die Gnade des Despoten selbst, wenn sie je geweckt werden sollte, sie niemals zurückholen konnte; denn jeder Hinweis auf sie, – ihre gesamte Individualität, – jedes Kennzeichen, sie von der riesigen irdischen Herde zu unterscheiden, ist ausgelöscht aus dem Weltenbuch. Sie schluchzte immer noch in heftiger, ungezügelter Leidenschaft, als Darvil wieder eintrat.

»Was, noch immer nicht angezogen?« schrie er in wütender Ungeduld; »hör mal, das geht nicht. Wenn du in zwei Minuten nicht fertig bist, werd 'ich dir John Walters zum Helfen hochschicken, und er hat rauhe Pfoten, sag' ich dir!«

Diese Behandlung brachte Alice zu sich. »Ich werde tun, was du willst«, sagte sie kleinlaut.

»Gut, dann mach schnell«, sagte Darvil; »sie spannen schon die Pferde an. Und pass auf, Mädel, dein Vater haut ab, weil er nicht an den Galgen will, und dieser Gedanke bedeutet, dass er nicht auf Skrupel steht. Wenn du nur einmal versuchst mich 'reinzureiten oder irgendwas tust oder sagst, was die Bullen auf uns hetzt – beim Teufel in der Hölle – falls es tatsächlich Hölle oder Teufel gibt – dann wird mein Messer nähere Bekanntschaft mit diesem Hals machen – also nimm dich in Acht!«

Das war ihr Vater – das ihre Stellung, nachdem ihr Ohr Monate nichts vernommen hatte als schmeichelndes Liebesgeflüster – leidenschaftliches Raunen von poetischen Lippen.

Sie setzten ihre Reise bis Mitternacht fort, trafen wiederum bei einem Gasthof ein, der sich vom letzten kaum unterschied; aber hier wurde Alice nicht mehr der Einsamkeit überlassen. In einem langen, verräucherten Raum hockten zwanzig bis dreißig Rüpel um einen Tisch, auf welchem zwischen Krügen und Gläsern mit starken Getränken furchteinflößend Säbel und Pistolen verstreut herumlagen. Sie empfingen Walters und Darvil mit einem Willkommensgeschrei und hätten sich ganz ohne Federlesens um Alice geschart, wenn ihr Vater, dessen notorisch erbitterte und brutale Wildheit ihn zu einem respektierten Mann in dieser Vereinigung machte, nicht streng gesagt hätte: »Hände weg, Kumpel, und macht Platz am Feuer für mein kleines Mädel – sie ist Futter für Herren, nicht für Knechte.«

Indem er so sprach, drückte er Alice in der Kaminecke nieder auf einen gewaltigen Sessel, setzte sich nahe neben sie ans Ende des Tisches und beeilte sich, der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben.

»Also, Käp'ten«, wandte sich er zu einem kleinen dünnen Mann am Kopf des Tisches, »ich und Walters ha'm ein'n ordentlichen Schnitt gemacht und sind abgehau'n – dicke Luft auf dem Festland für uns, deshalb brauchen wir jetzt die Meeresbrise, um unser Strick-Fieber zu heilen. Da wir wussten, dass das Eure Nacht is', ha'm wir Segel gesetzt, so sind wir nun da. Ihr müsst das Mädel da mitnehm', obwohl ich weiß, dass Ihr so ein' Kram nicht mögt, und wir wer'n am Strand auflaufen so rasch wir könn'.«

»Scheint 'ne ruhige kleine Person«, erwiderte der Kapitän, »und wir würden mehr als das tun, um 'nem alten Freund wie Euch 'n Gefallen zu erweisen. In 'ner halben Stunde setzt Oliver Der Mond. – Anm.d.Übers. seine Nachtmütze auf, dann müssen wir weg sein.«

»Je eher, umso besser.«

Die Männer schienen nun Alice' Gegenwart vergessen zu haben. Sie saß müde und erschöpft da, denn sie war so todtraurig, dass sie das Essen an ihrem Platz nicht hatte berühren können, sondern nur abwesend ins Feuer starrte. Ihr Vater brachte sie vor der Abreise dazu, ein paar Biskuitstückchen hinunter zu schlucken, wenngleich jedes sie zu ersticken drohte, dann wurde sie, in eine dicke Schiffsdecke gewickelt, auf einen kleinen, gut gebauten Cutter gesetzt; und als die Seewinde um sie her pfiffen, wiegten die gegenwärtige Kälte und die vorangegangene Erschöpfung ihr leidvolles Herz in den Armen wohltätigen Schlafes.

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