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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel II

Was nützt das Opfer, in beständ'ger Treu'
Der undankbaren Muse dargebracht?
Hätt' besser nicht wie and're ich's gemacht?
Mit Amaryllis tollen unterm Baum,
Neaeras Locken wirrend ohne Scheu?

Miltons Lycidas.

Nichts ist heilsamer für tätige Männer als gelegentliche Ruhezeiten, – wenn wir nach innen statt nach außen schauen und fast gefühllos prüfen (denn ich halte strenge und bewusste Selbstüberprüfung für seltener als wir annehmen), – was wir getan haben, – was wir zu tun fähig sind. Es bedeutet gewissermaßen eine Soll- und Habenrechnung mit der Vergangenheit, bevor wir uns in neue Spekulationen stürzen.

Solch eine Ruhezeit genoss Maltravers nun. In völliger Einsamkeit, soweit es vertraute Gesellschaft betrifft, hatte er sich für mehrere Wochen mit dem Zustand seines Charakters und seines Geistes vertraut gemacht. Er las und dachte viel, aber ohne einen genauen oder definierten Gegenstand. Montaigne Michel de Montaigne (1533-1592), frz. Schriftsteller, Begründer der modernen Essayistik. – Anm.d.Übers. war es, glaube ich, der irgendwo sagt: »Die Menschen sprechen über das Denken – aber ich für meinen Teil denke nie, es sei denn, ich setze mich hin und schreibe.« Ich glaube, das ist kein besonders geläufiger Fall, denn Menschen, die nicht schreiben, denken ebenso wie die, welche es tun; aber ein verknüpfter, strenger, gut entwickelter Gedanke muss, im Gegensatz zu vager Meditation, mit irgendeinem greifbaren Plan oder Gegenstand verbunden sein; und darum müssen wir entweder schreibende oder handelnde Menschen sein, wenn wir die Logik zu erproben und die verschmolzenen Farben unserer Fähigkeit zur Schlussfolgerung in eine symmetrische Gestalt zu entfalten wünschen.

Maltravers gewahrte dies noch nicht, spürte aber einen gewissen intellektuellen Mangel. Seine Ideen, seine Erinnerungen, seine Träume umwucherten ihn in dichter Wirrnis; er wollte sie in Ordnung bringen und vermochte es nicht. Er war überwältigt von dem ungeordneten Überfluss seiner Vorstellungen und Gedanken. Er hatte oft, sogar schon als Kind, geglaubt, dass er bestimmt sei, in der Welt etwas zu leisten, aber niemals zuverlässig untersucht, was es sein könne, ob er ein Mann der Bücher oder der Taten werden solle. Er hatte Poesie verfasst, wenn sie unwiderstehlich aus dem inneren Gefühlsquell geströmt war, schaute aber auf diese Ergüsse mit kaltem und gleichgültigem Auge, wenn die Begeisterung vorüber war.

Das Verlangen nach Ruhm nagte nicht sehr an Maltravers – vielleicht geschieht dies nur wenigen unter den wirklichen Genies, bis sie künstlich dazu hoch getrieben werden. Es gibt in einem gesunden und richtigen Verstand, wenn all seine Gaben vernünftig ausbalanciert sind, ein ruhiges Bewusstsein von Macht, eine Gewissheit, dass seine voll zum Einsatz gebrachte Kraft gewöhnlich zu einem entsprechend starken Ergebnis führen müsse. Männer zweitklassiger Fähigkeiten dagegen strampeln sich in nervöser Gereiztheit ab nach einem Ruhm, den sie nicht nach ihren eigenen Talenten, sondern nach denen irgendeines anderen veranschlagen. Sie sehen einen Turm, sind aber nur damit beschäftigt, seinen Schatten auszumessen, und glauben, ihre eigene Größe (die sie niemals berechnen) sei geeignet, einen ebenso großen über die Erde zu werfen. Immer wirft der kleine Mann sein Kinn auf und hält sich aufrecht wie ein Pfeil. Der große Mann geht gebückt, und der starke braucht nicht ständig Hanteln.

Maltravers sehnte sich also noch nicht mit leidenschaftlicher Begier nach Ansehen; er hatte bis jetzt weder dessen Süße und Bitterkeit geschmeckt – jenen schicksalhaften Schluck, der, einmal gekostet, zu oft einen unstillbaren Durst erzeugt! – noch besaß er Feinde und üble Nachredner, die er durch Verdienst zu beschämen trachtete. Dies ist ein durchaus üblicher Grund zur Anstrengung bei stolzen Gemütern. Er wurde zwar im Allgemeinen für klug gehalten, und Dummköpfe fürchteten ihn; aber indem er nicht aktiv andere Ansprüche beeinträchtigte, hielt niemand es für nötig, ihn als Schwachkopf zu bezeichnen.

Daher war es gegenwärtig nur natürlich, dass sein Geist sich seinen rechtmäßigen Weg zu der ihm bestimmten Betätigung erarbeitete. Er fing an, müßig und sorglos seine Gedanken und Eindrücke niederzuschreiben; was einmal aufs Papier gebracht war, erzeugte Neues; seine Ideen wurden ihm selbst deutlicher, und die Seite wurde zum Spiegel, zum Abbild eigener Merkmale. Er begann schnell und ohne Plan zu schreiben, ohne einen Zweck als den, sich selbst zu beglücken und ein Ventil zu finden für eine überlastete Seele; und wie meist bei jungen Leuten beherrschte Selbstbezogenheit das Schreiben. Man fängt an mit dem winzigen Nukleus von Leidenschaft und Erfahrung, um danach den Kreis zu erweitern; und vielleicht haben die reichhaltigsten und universalsten Lehrmeister von Leben und Persönlichkeit als Egozentriker begonnen. Denn in einem Menschen, der viel in sich trägt, wirkt eine wundervoll genaue und empfindliche Wahrnehmung seiner eigenen Existenz.

Eine fantasievolle, empfängliche Natur besitzt tatsächlich zehnmal mehr Leben als ein geistloser Kerl, »und sei er auch ein Herkules«. Er vervielfältigt sich in tausend Gegenstände, verbindet jeden mit seiner eigenen Identität, lebt in jedem und betrachtet die Welt mit ihren unbestimmten Gegenständen beinahe als Teil seines individuellen Seins. Später zieht er seine gebändigten Kräfte zurück in die Festung, verfügt aber immer noch über kundiges Interesse an dem Gebiet, das sie einst überzogen. Er versteht andere Menschen, denn er hat in ihnen gelebt – den toten und den lebendigen; – hat sich jetzt in Brutus versetzt und nun in Caesar und überlegt, wie er in fast jeder vorstellbaren Situation des Lebens handeln würde.

Wenn er jedoch menschliche Charaktere, die grundlegend von seinem eigenen abweichen, zu malen beginnt, kommt ihm seine Einsicht fast intuitiv, so als beschreibe er die Häuser, die er früher selbst bewohnt hat, wenn auch nur für kurze Zeit. Daher bei den großen historischen, epischen und dramatischen Schriftstellern der gusto, mit dem sie ihre Personen gestalten; ihre Schöpfungen sind Fleisch und Blut, keine Schatten oder Maschinen.

Maltravers war also zunächst ein Egozentriker hinsichtlich seiner rohen, flüchtigen Skizzen, – im Stil, wie gesagt, sorglos und nachlässig, wie jemand, dem noch nicht bewusst ist, dass Ausdruck eine Kunst darstellt. Noch erfreute er sich an solchen wilden, nutzlosen Versuchen, solchen entzückten, geheimen Bekenntnissen seines eigenen Herzens. Er entdeckte den Rausch, die Trunkenheit des Schreibens. Oh, und welche Schwelgerei bringt diese erste Verliebtheit in die Muse! dieser Vorgang, bei dem wir lange unfassbare, irrlichternde Visionen in greifbare Form kleiden; – der schöne Geist des Ideals in uns, welchen wir beschwören im Gadara Die griechische Stadt Gadara, heute in Jordanien (Umm Qais), eine einst auf einem 350 Meter hohen Hügel erbaute ptolemäische Festung. – Anm.d.Übers. unserer stillen Kammer, mit dem Zauberstab eines bloßen Stifts!

   

Es war zur frühen Mittagszeit am Tag, nachdem er seine Bekanntschaft mit den De Montaignes gemacht hatte, als Maltravers in seinem Lieblingszimmer saß, demjenigen, das er aus der großen Zahl von Räumen seiner weiten, einsamen Behausung für seine Studien gewählt hatte. Er saß in einer Nische am offenen Fenster, das zum See wies; Bücher lagen verstreut auf dem Tisch, und Maltravers brachte flüchtig die Gedanken zu seiner Lektüre, vermischt mit den Eindrücken dessen, was er sah, zu Papier – eine höchst erfreuliche Zusammenstellung: das Notizbuch eines Mannes, der entspannt studiert, der in Gesellschaft beobachtet, der bei allen Dingen bewundern und empfinden kann. Er befand sich noch in behaglicher Beschäftigung, als Cæsarini angekündigt wurde; der junge Bruder der schönen Teresa betrat sein Gemach.

»Ich habe raschen Gebrauch von Ihrer Einladung gemacht«, sagte der Italiener.

»Ich danke für die Ehre«, antwortete Maltravers und drückte die ihm scheu hingehaltene Hand.

»Sie haben geschrieben – ich war sicher, dass Sie etwas mit Literatur zu tun hätten. Ich las es in Ihrem Gesicht, ich hörte es in Ihrer Stimme«, sagte Cæsarini, sich setzend.

»Ich bin müßig einer sehr müßigen Beschäftigung nachgegangen, das stimmt«, sagte Maltravers.

»Aber Sie schreiben nicht allein für sich selbst – Sie denken an die großen Tribunale – Zeit und Öffentlichkeit.«

»Das nicht, versichere ich Ihnen ehrlich«, sagte Maltravers lächelnd. »Wenn Sie die Bücher auf meinem Tisch anschauen, werden Sie sehen, dass es sich um die großen antiken und modernen Meisterwerke handelt – dass sind Studien, die Anfänger entmutigen …«

»Sie aber inspirieren.«

»Das glaube ich nicht. Modelle mögen unseren kritischen Geschmack formen, geben uns aber keinen Anreiz, Autoren zu werden. Ich stelle mir vor, dass unsere eigenen Gefühle, unser eigenes Gespür für unsere Bestimmung den eigentlichen Hebel des von uns angesammelten trägen Stoffs darstellen. ›Schau in dein Herz und schreibe‹, sagt ein alter Englischer Schriftsteller, Sir Philip Sidney. [(1554-1586), einer der ersten bedeutenden Autoren von englischer Prosa.] der dennoch nicht praktizierte, was er predigte. Und Sie, Signor …«

»Ich bin nichts, und möchte etwas sein«, sagte der junge Mann kurz und bitter.

»Und wieso wird dieser Wunsch nicht Wirklichkeit?«

»Vor allem, weil ich Italiener bin«, sagte Cæsarini. »Bei uns gibt es keine literarische Öffentlichkeit – keine ausgedehnte lesende Klasse – wir haben dilettanti und literati, und Studenten, und sogar Autoren; aber diese bilden nur eine Clique ohne Öffentlichkeit. Ich habe geschrieben, ich habe veröffentlicht; aber niemand nimmt mich zur Kenntnis. Ich bin ein Autor ohne Leser.«

»Das ist in England kein ungewöhnlicher Fall«, sagte Maltravers.

Der Italiener fuhr fort: »Ich gedachte im Munde der Menschen zu leben – lange dumpf gebliebene Gedanken aufzustören – die Saiten der alten Lyra zu erwecken! Vergebens. Wie eine Nachtigall singe ich nur, um mein Herz mit einer falschen und traurigen Nachbildung anderer Klänge zu brechen.«

»Es gibt in allen Ländern Zeiten«, sagte Maltravers behutsam, »in denen besondere literarische Neigungen aus der Mode sind und kein Genie sie zu öffentlicher Wahrnehmung bringen kann. Aber Sie erwähnten vernünftigerweise die beiden Tribunale – die Öffentlichkeit und die Zeit. Sie haben immer noch das letztere, um Berufung einzulegen. Ihre großen italienischen Historiker schrieben für die Ungeborenen – ihre Werke waren bis zu ihrem Tode noch nicht veröffentlicht. Diese Gleichgültigkeit gegenüber der Anerkennung zu Lebzeiten hat für mich etwas Erhabenes.«

»Ich vermag sie nicht nachzuahmen – und sie waren keine Dichter«, sagte Cæsarini mit Schärfe. »Für Dichter ist Lob notwendige Nahrung; Mißachtung ist Tod.«

»Mein lieber Signor Cæsarini«, sagte der Engländer mit Gefühl, »geben Sie diesen Gedanken keinen Raum. In einem gesunden Ehrgeiz sollte der hartnäckige Stoff beharrlichen Ausdauerns enthalten sein; er muss weiter leben und auf den Tag hoffen, der früher oder später kommt, da all diese Mühen zum Ziel gelangen.«

»Meine tun das aber vielleicht nicht. Ich habe manchmal solche Angst – es ist ein fürchterlicher Gedanke.«

»Sie sind noch sehr jung«, sagte Maltravers. »Wie wenige Ihres Alters sind krank nach Ruhm! Dieser erste Schritt ist vielleicht der halbe Weg zum Lohn.«

Ich bin nicht sicher, ob Ernest genauso dachte, wie er sprach; aber es war der feinfühligste Trost, den er einem Mann spenden konnte, dessen unvermittelte Offenheit ihn überrascht und bestürzt hatte. Der junge Mann schüttelte verzagt seinen Kopf. Maltravers bemühte sich, das Thema zu wechseln – er erhob sich und ging zum Balkon, der über dem See hing – er sprach vom Wetter – er verweilte bei der erlesenen Landschaft – er wies auf die feinen und versteckteren Schönheiten ringsum und bewies dabei Auge und Geschmack eines Mannes, der die Natur in ihren Einzelheiten betrachtet hatte.

Der Dichter wurde lebhafter und heiterer, geradezu beredsam; er zitierte Poesie, und er sprach wie ein Dichter. Maltravers' Interesse an ihm wuchs. Er war neugierig, ob seine Talente seinen Ansprüchen entsprachen: er deutete Cæsarini seinen Wunsch an, dessen Werke zu sehen – das war genau, wonach den jungen Mann verlangte. Armer Cæsarini! Es bedeutete ihm viel, einen neuen Zuhörer zu erhalten, und stellte sich selbstverliebt vor, jeder ehrliche Zuhörer müsse ein warmer Bewunderer sein. Aber gemäß der Sprödigkeit seiner Kaste spiegelte er Abneigung und Zögern vor; er kokettierte mit seinen eigenen ungeduldigen Sehnsüchten. Um ihm den Weg zu ebnen, schlug Maltravers einen Ausflug auf dem See vor.

»Einer meiner Männer wird rudern«, sagte er. »Sie lesen mir vor, und ich werde für Sie sein, was die alte Haushälterin für Molière war.«

Maltravers' grundgütige Natur war angerührt, obwohl er keinen Überfluss an sogenanntem »guten Humor« besaß, der oberflächlich zu allem lächelt. Er besaß viel von der Milch menschlicher Freundlichkeit, aber wenig von dessen Öl.

Der Dichter gab sein Einverständnis, und bald befanden sie sich auf dem See. Der Tag war schwül, und es war Mittag; so kroch das Boot langsam den Uferschatten entlang. Cæsarini zog aus seiner Brusttasche einige Manuskripte in kleiner, schöner Schrift. Wer kennt nicht die Liebe, mit der ein junger Dichter seinen geliebten Versen ein hübsches Gewand verleiht!

Cæsarini las gut und voller Gefühl. Alles begünstigte den Leser. Seine eigene poetische Erscheinung – seine Stimme, seine – halb unterdrückte – Begeisterung – das voreingenommene Interesse des Zuhörers – die träumerische Anmut von Stunde und Landschaft – (denn wie die Zeit haben diese Dinge einen großen Anteil). Maltravers lauschte aufmerksam. Es ist sehr schwer, das genaue Verdienst von Poesie in einer anderen Sprache zu beurteilen, selbst wenn man diese Sprache gut beherrscht – so viel liegt dort im unübersetzbaren Zauber des Ausdrucks, in kleinen Stilfeinheiten. Aber Maltravers, erfrischt, wie er selbst gesagt hatte, vom Studium großer, ursprünglicher Schriftsteller, musste feststellen, dass er dürftiger, wenn auch melodischer Mittelmäßigkeit lauschte. Es war Poesie von Worten, nicht Wesen. Er hielt es trotzdem für grausam, allzu kritisch zu sein, und äußerste all die lobrednerischen Gemeinplätze, die ihm einfielen. Der junge Mann war erfreut: »Und doch«, sagte er mit einem Seufzer, »habe ich keine Öffentlichkeit. In England würde man mich anerkennen.« Ach! in England gab es derzeit fünfhundert ebenso junge, ebenso feurige und ungleich begabtere Dichter, deren Herzen mit dem demselben Verlangen schlug – deren Nerven von denselben Enttäuschungen zermürbt wurden.

Maltravers erkannte, dass dieser junge Freund keinem nicht gänzlich günstigen Urteil Gehör schenken würde. Der Erzbischof in Gil Blas Alain-René Lesage, »Geschichte des Gil Blas von Santillana« (1715-1735), bedeutendster französischer Schelmen-Roman. – Anm.d.Übers. war nicht empfindlicher gegenüber jeglicher nicht panegyrischen Kritik. Maltravers hielt dies für ein schlechtes Zeichen, erinnerte sich aber an Gil Blas und verzichtete klüglich darauf, selbst den wohlmeinenden Wunsch » beaucoup de bonheur et un peu, plus de bon gout« Viel Glück, und ein wenig mehr guten Geschmack!« – Anm.d.Übers. auszusprechen. Nachdem Cæsarini sein Manuskript beendet hatte, war er begierig, den Ausflug zu beenden – er sehnte sich, zu Hause über die Bewunderung, die er erregt hatte, nachzusinnen, überließ aber Maltravers seine Gedichte und war, am Ufer bei den Ruinen von Plinius' Villa Gaius Plinius Caecilius Secundus, auch Plinius der Jüngere (ca.61 - ca. 115), seine Plinius-Briefe, zu Lebzeiten herausgegeben, stellen ein wichtiges Zeugnis dar für das Leben und Denken in führenden Kreisen Roms. Große Bekanntheit erlangte seine Schilderung des Vesuvausbruchs 79 n.u.Z. – Plinius' Villa stand im heutigen Bellagio. – Anm.d.Übers. angekommen, bald nicht mehr zu sehen.

Maltravers las an diesem Abend die Gedichte mit Aufmerksamkeit. Seines Urteil wurde bestätigt. Der junge Mann schrieb ohne Kenntnis. Er hatte nie die geschilderten Leidenschaften gefühlt, sich nie in den beschriebenen Situationen befunden. Er besaß keinerlei Originalität, denn es fehlte die Erfahrung; es handelte sich um ausgezeichnete Mechanik, seine Verse, – sonst nichts; – dies hätte ihn wohl zu täuschen vermocht, denn es konnte seinem Ohr nur schmeicheln – und Tassos silberner Marsch klang nicht musikalischer als das Stanzen-Geläut Castruccio Cæsarinis.

Die Prüfung dieser Poesie und seine Unterhaltung mit dem Dichter stürzte Maltravers in einen Anfall tiefen Grübelns. »Dieser arme Cæsarini warnt mich vor mir selbst!« dachte er. »Besser Holz fällen und Wasser holen als sich aufopfernd einer Kunst hingeben, in der wir nicht die Kraft haben uns auszuzeichnen … Das bedeutet, gesunde Gegenstände des Lebens für einen kranken Traum wegzuwerfen, schlimmer als die Rosenkreuzer , Sammelbegriff für die Mitglieder verschiedener in den letzten Jahrhunderten fiktiver oder real existierender Geheimbünde, mystischer Gesellschaften oder Orden. – Anm.d.Übers. – es bedeutet, alle menschliche Schönheit für das Lächeln eines Sylphen Luftgeister. – Anm.d.Übers. zu opfern, der uns außer in Visionen niemals besucht.« Maltravers blickte über seine eigenen Schriftwerke und warf sie ins Feuer. Er schlief schlecht diese Nacht. Sein Stolz war ein wenig verletzt. Er fühlte sich wie eine Schöne, die eine Karikatur ihrer selbst gesehen hat.

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