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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Drittes Buch.

»Nicht allen Menschen zeigt Apollo sich …
Doch wer ihn sieht – ist groß!«

CALLIM. Ex Hymno in Apollinon

Kapitel I

»Hier sitzen wir und lassen die Musik
Zum Ohre schlüpfen; sanfte Still' und Nacht
Stimmt zu den Klängen süßer Harmonie.«

SHAKESPEARE, Der Kaufmann von Venedig, V, 1

   

SCHIFFERLIED AM COMER SEE

   

I.

Du schönes Gefilde! – der Liebe Reich!
      Bist Du, Italien, mir!
Wie der Mutter Blick schaut ein ernstes Geschick
      Lächelnd nur zur Dir!
Keine Blume blüht, kein Strahl erglüht
      Ohne sehnlichste Liebe zu Dir!

II.

Du schöner See, du Larischer See! antiker Name von Como
      Wie silbern und zart scheinst du mir!
Göttin Artemis und die Nymphen gewiss
      Badeten einst in Dir.
Schau, des Mondes Gesicht und der Sterne Licht
      Sind versunken nun ganz in Dir.

III.

Schönes Kind von der einsamen Alm
      Sei dein Schlummer gesegnet hier!
Dass nicht Trauer trat an die Lagerstatt,
      Und Sorge sei fern von Dir! –
Wenn zur Lagerstatt sanft ein Trauernder trat –
      Sei das Leben ein Traum – wie bei Dir!

Derart, wenn auch in weichem Italienisch und nur unvollkommen übersetzt, waren die Klänge, die an einem lieblichen Sommerabend über dem Comer See schwebten. Das Boot, von dem das Lied kam, trieb sanft die funkelnden Wellen hin zu den moosigen Ufern an einer Wiese, von wo auf einer kleiner Erhebung das weiße Mauerwerk einer Villa mit Weingärten erstrahlte. Auf diesem Rasen stand eine junge, hübsche Frau; sie stützte sich auf den Arm ihres Gatten und lauschte dem Lied. Aber ihr Vergnügen verwandelte sich in ein persönlicheres Interesse, als die Schiffer, dem Ufer sich nähernd, ihren Takt wechselten, und sie spürte, dass die Sangeskunst nun an ihr war.

SERENADE AN DIE SÄNGERIN

I.

§§§CHOR

Langsamer endlich die Ruder nun gehn,
Nicht weit ist jetzt schon das Ufer zu sehn:–
Ehrwürdig der Ort, wo die Welle anschlägt;
Süßer Zitronduft weht vom Strand unentwegt.
Wie gebannt trägt die Welle uns in dies Gebiet
Und die letzte der Musen, sie singt uns dies Lied.

REZITATIV

          Der Adler, altbekannt,
          Die Kron' von Lombard's Land
Und Mailands mächt'ger Name sind nicht mehr;
          Harmonias Tochter doch,
          Die jüngste, rettet noch
Vor'm Blitz den Lorbeer uns, so wie von alters her.

II.

§§§CHORUS

Der Gallier, Teresa, hört dich und Teuton;
Sie richteten auf hier der Nordmänner Thron;
Sie hör'n dich und neigen sich vor deinem Lied,
So wie rohe Kraft vor der Liebe flieht,
Wie der Mond der Luft und die Seele dem Staub
Ward der Welt Nichtigkeit deines Liedes Raub.

REZITATIV

          Ehre der Deuterin,
          Sie deutet hell den Sinn
von dem Geheimnis großer Kunst entzückter Schar;
          dies weckt Tyrannenhass;
          doch Rom die Schmach vergaß;
Schwertlos die Welt vom Lied zurückerobert war! Die »Serenade an die Sängerin« spielt an auf die politischen Verhältnisse in Italien: das alte Römische Reich (»Adler«) ist dahin, damit auch die italienische Einheit; auch die Einheit wenigstens Oberitaliens (»Kron' von Lombards Land«) existiert nicht mehr; ebenso ist Mailands Macht gebrochen; statt dessen leidet Italien unter Fremdherrschaft (»Gallien«, also Frankreich – »Teuton«, hier Österreich); die Macht und der Stolz Italiens liegen nun in der Musik, insbesondere im Gesang (»Harmonia«), was die anderen Nationen anerkennen müssen. – Anm.d.Übers.

»Du bereust, meine Teresa, dass du deine blendende Karriere für ein langweiliges Heimwesen aufgabst und für einen Gatten, der alt genug ist, dass er dein Vater sein könnte«, sagte der Gatte zu seiner Frau mit einem Lächeln, das Vertrauen in die Antwort ausdrückte.

»Ach, nein! sogar diese Huldigung besäße keine Musik für mich, wenn du sie nicht hörtest.«

Sie war eine gefeierte Persönlichkeit in Italien – Signora Cæsarini, nun Madame de Montaigne. Ihre frühere Jugend hatte sie auf der Bühne verbracht, und sie versprach eine herausragende Gesangskünstlerin zu werden. Doch nach einer kurzen, glänzenden Karriere heiratete sie einen französischen Edelmann von hoher Geburt und Vermögen, zog sich von der Bühne zurück und verbrachte ihre Tage abwechselnd in den heiteren Salons von Paris und am Ufer des Comer Sees, an dem Ihr Gatte eine kleine, hübsche Villa erworben hatte. Sie übte allerdings privat noch ihre faszinierende Kunst, die sie – denn sie war eine Frau von einzigartigen Gaben und Fähigkeiten – noch um die Improvisation Dies ist in Italien zu dieser Zeit eine besondere Kunstform; einem Künstler werden Motive, Wörter u.dgl. zugerufen, und er muss daraus ein vollständiges Lied extemporieren und vortragen. (Siehe auch den Roman »Der Improvisator« von Hans Christian Andersen.) – Anm.d.Übers. vermehrt hatte. Sie war gerade für den Sommer zu dieser lieblichen Zuflucht zurückgekehrt, und eine Gesellschaft enthusiastischer Jugendlicher aus Mailand hatte den Comer See aufgesucht, um ihre Ankunft mit der angemessenen Huldigung von Lied und Musik zu bewillkommnen.

Es ist dies ein bezauberndes Überbleibsel aus den besseren Tagen Italiens; ich habe selbst am stillen Wasser desselben Sees einer ähnlichen Begrüßung eines größeren Genius gelauscht – der königlichen, unerreichten Pasta – der Semiramis des Liedes! Und während mein Boot hielt und ich etwas von der Begeisterung der Musiker auffing, berührte mich der Schiffer, zeigte auf einen Teil des Sees, wo der Sonnenuntergang sein rosigstes Lächeln ausgoss, und sagte: »Dort, Signor, ertrank einer Ihrer Landsleute, › bellissimo uomo! che fù bello!‹« – ja, dort waren – im Stolze seiner vielversprechenden Jugend, seiner edlen und geradezu gottgleichen Schönheit, genau vor den Fenstern – genau vor den Augen – seiner Braut – die Wellen ohne auch nur ein Stirnrunzeln über das Idol vieler Herzen geschwappt – den anmutigen und beherzten L***e. Capitain William Locke von der Leibgarde (der einzige Sohn des großartigen Mr. Locke von Norbury Park), ausgezeichnet durch einen höchst liebenswerten Charakter und außergewöhnliche Schönheit, die gewiss dem höchsten Meisterwerk griechischer Skulptur gleichkam, wenn sie diese nicht gar überragte. Er kehrte in einem Boot von Como zu seiner Villa am Seeufer zurück, als das Boot durch eine jener geheimnisvollen Unterströmungen, denen der See gefährlicher Weise unterworfen ist, umgekippt wurde; und er ertrank vor den Augen seiner Braut, die seine Rückkehr von der Terrasse oder dem Balkon ihres Hauses beobachtete. [Anmerkung des Verfassers aus der zweiten Auflage. Der Name »Locke« erscheint dort im Text auch ausgeschrieben.] Und über seinem Grab schwelgte der Himmel, und siegestrunken schwebten die Klänge der Musik. Es war wie bei den römischen Dichtern, wenn sie die Lebenden zu einer Totengedenkfeier herbeiriefen.

Als das Boot nun den Strand berührte, sprach Madame de Montaigne die Musiker an, dankte ihnen in liebenswürdigem Ernst für ihre so feinsinnig dargebrachte Huldigung und bat sie an Land zu kommen. Die sechs Mailänder nahmen die Einladung an und vertäuten ihr Boot am hervorspringenden Ufer. In dem Moment zeigte Monsieur de Montaigne seiner Gattin ein Boot, das unter dem Schatten der Böschung verweilte, es war gemietet von einen jungen Mann, welcher anscheinend der Musik hingerissen gelauscht hatte und einmal in den Chor (als er wiederholt wurde) mit eingestimmt hatte, mit einer so wohlklingenden Stimme, die so reich in ihrer tiefen Kraft war, dass dies sogar die Bewunderung der Musiker selbst erregt hatte.

»Gehört dieser Herr nicht zu Ihrer Gesellschaft?« fragte De Montaigne die Mailänder.

»Nein, Signore, wir kennen ihn nicht« lautete die Antwort; »sein Boot kam unversehens zu uns, während wir sangen.«

Während dieser Befragung hatte der junge Mann seinen Haltepunkt verlassen, und seine Ruder durchschnitten die spiegelnde Oberfläche des Sees gerade vor dem Platz, an dem De Montaigne stand. Mit der Höflichkeit seines Landes lüftete der Franzose seinen Hut und nahm Blick und Ruder des einsamen Bootsmanns durch seine Gebärde in Beschlag. »Würden Sie uns die Ehre geben«, sagte er, »sich zu unserer kleinen Gesellschaft zu gesellen?«

»Das wäre ein zu begehrenswertes Vergnügen, um es zurückzuweisen«, erwiderte der Ruderer mit einem leichten ausländischen Akzent, und im nächsten Augenblick befand er sich am Ufer. Er war eine bemerkenswerte Erscheinung. Sein langes Haar wallte in sorgloser Anmut über eine Stirn, die gelassener und gedankenvoller erschien, als in seinem Alter zu erwarten war; er verhielt sich ungewöhnlich ruhig und gefasst und nicht ohne eine gewisse Würde, die eindrucksvoll hervorgerufen wurde durch seine hohe Statur, einen gebieterischen Zug in seinem Gesicht und einen abgeklärten, aber entschiedenen Ausdruck von Schwermut in seinen Augen und seinem Lächeln.

»Sie werden gerne glauben«, sagte er, »dass ich, so kalt, wie meine Landsleute eingeschätzt werden (denn Sie müssen längst entdeckt haben, dass ich ein Engländer bin), kaum anders konnte, als die Begeisterung meiner Umgebung zu teilen, während ich ganz in der Nähe jenes der Inspiration geheiligten Grundes weilte. Im Übrigen wohne ich gegenwärtig in der Villa dort drüben, der Ihren gegenüber; mein Name ist Maltravers, und ich freue mich, dass ich für jemanden, dessen Ruf mich bereits erreichte, kein Fremder mehr bin.«

Madame de Montaigne war von Haltung und Ton des Engländers geschmeichelt, das erheblich mehr als seine Worte aussagte; in wenigen Minuten erschien, unter dem Einfluss glücklicher kontinentaler Leichtigkeit, die ganze Gesellschaft, als ob sie einander schon Jahre gekannt hätte. Wein, Früchte und andere schlichte Erfrischungen wurden herausgebracht und auf einem einfachen Tisch auf dem Rasen angeordnet; die Gäste setzten sich mit ihren Gastgebern in die Runde, und der klare Mond schien auf sie nieder, während der See unten silbern seinen Schlaf hielt. Es war ein Schauplatz für einen Boccaccio Giovanni Boccaccio (1313-1375), italienischer Humanist und Dichter, der mit seinem Novellen-Zyklus »Decamerone« eines der bedeutendsten Erzählwerke der Weltliteratur verfasste. – Anm.d.Übers oder einen Claude. Claude Lorrain (1600-1682), in England gewöhnlich nur Claude genannt, frz. Maler des Barock; entwickelte einen eigenen lyrisch-romantischen Stil klassizistisch barocker Landschaftsmalerei. – Anm.d.Übers.

Das Gespräch wandte sich natürlich zur Musik; sie ist fast das Einzige, von dem Italiener im Allgemeinen etwas zu verstehen scheinen – und sogar diese Kenntnis kommt ihnen, wie Dogberrys Dogberry ist eine Figur aus Shakespeares »Viel Lärm um nichts«. – Anm.d.Übers. Lesen und Schreiben, von der Natur – denn von Musik als einer Kunst verstehen laienhafte Liebhaber nur wenig. Hochmütig und eitel auf den letzten Rest ihres nationalen Genius, wie die alten Römer auf ihre Weltherrschaft über alle Kunst und Waffenhandwerk, so betrachten sie die Klänge anderer Nationen als barbarisch; weder zu würdigen noch überhaupt zu verstehen vermögen sie die machtvolle deutsche Musik – jenes zu einer mannhaften Nation passende Musikantentum, eine Musik der Philosophie, des Heldentums, des Verstandes und der Vorstellungskraft, neben der die Anstrengungen des modernen Italien tatsächlich weibisch, unwahr und künstlerisch dürftig wirken. Rossini Gioachino Antonio Rossini (1792-1868), einer der bedeutendsten Opernkomponisten des Belcanto; einige seiner Opern gehören bis heute zu den meistgespielten der Welt. – Anm.d.Übers. ist der Canova Antonio Canova (1757-1822, italienischer Bildhauer. Er gilt als einer der Hauptvertreter des italienischen Klassizismus. – Anm.d.Übers. der Musik: viel Hübsches, aber nichts Großes!

Gleichwohl unterhielt sich die kleine Gesellschaft über Musik so lebhaft und geschmackvoll, dass Maltravers, der wochenlang keinen anderen Begleiter gehabt hatte als seine eigenen Gedanken und doch jederzeit für jedwede Kunst zu begeistern war, aus seiner Schwermut gelockt wurde. Er lauschte aufmerksam, sprach aber wenig und vergnügte sich zeitweise, wenn die Konversation nachließ, mit der Begutachtung seiner Gesellschaft.

Die sechs Mailänder hatten weder in ihren Mienen noch in ihrer Rede etwas Bemerkenswertes; ihnen wohnte die charakteristische redselige Energie ihrer Landsleute inne bei einiger männlicher Würde, die den Lombarden vom Süditaliener unterscheidet, und etwas französischem Schliff, welchen die Einwohner Mailands selten versäumen sich aufzulegen. Sie gehörten augenscheinlich der Mittelschicht an; denn Mailand besitzt eine Mittelschicht, und zwar eine für die Zukunft sehr vielversprechende. Aber sie unterschieden sich in keiner Weise von tausend anderen Mailändern, die Maltravers in den Gassen und Cafés ihrer prächtigen Stadt angetroffen hatte.

Der Gastgeber interessierte schon mehr. Er war ein großer, gutaussehender Mann von etwa achtundvierzig Jahren, mit einer hohen Stirn und Zügen, die stark geprägt waren von nüchternem Denken. In seinem Wesen fand sich nur wenig französische Lebhaftigkeit, und ohne dass man sein Gesicht sah, hätte man ihn ohne Weiteres für den Ältesten der Gesellschaft halten mögen. Seine Gattin war mindest zwanzig Jahre jünger als er, heiter und verspielt wie ein Kind, aber mit einer gewissen faszinierenden weiblichen Sanftheit in ihrer unangestrengten Gestik und funkelnden Heiterkeit; dies schien ihre natürliche Fröhlichkeit zu Verhaltensformen konventioneller Eleganz zu bändigen. Nachlässig geordnetes dunkles Haar, eine offene Stirn, große, schwarze, lachende Augen, eine kleine gerade Nase, ein Teint, der sich gerade von seinem Olivton durch ein schwindendes, jedoch stets wiederkehrendes Erröten befreite; runde Wangen mit Grübchen, ein ausnehmend schön geschnittener Mund mit kleinen Perlenzähnen und eine schlanke und zierliche Figur etwas unter Standardgröße vervollständigten das Bild von Madame de Montaigne.

»Nun«, sagte Signore Tirabaloschi, der Gesprächigste und Gefühlvollste der Gäste, während er sein Glas füllte, »an solche Stunden denkt man sein ganzes Leben. Aber wir dürfen nicht hoffen, dass die Signora sich lange an etwas erinnern wird, das wir nie vergessen können. Paris, sagt das französische Sprichwort, est le paradis des femmes: und im Paradies – verlassen Sie sich drauf! – werden wir uns sehr wenig erinnern, was auf Erden geschah!«

»Oh«, sagte Madame de Montaigne mit einem hübschen melodischen Lachen, »in Paris ist es große Mode, das frivole Stadtleben zu verachten und des sentiments romanesques zur Schau zu tragen. Das ist genau die Szenerie, über die zu sprechen und zu schreiben unsere feinen Damen und feinen Schriftsteller versessen sind. Stimmt's, mon ami?« wendete sie sich liebevoll zu De Montaigne.

»Allerdings«, versetzte er, »aber du bist einer solchen Szenerie nicht würdig: du lachst über Gefühl und Romantik.«

»Nur über französisches ›Gefühl‹ und die Romantik der Chaussee d' Antin. Vornehme Viertel in Paris bzw. London. – Anm.d.Übers. Ihr Engländer«, fuhr sie, den Kopf zu Maltravers drehend, fort, »habt uns verdorben; es reicht uns nicht, euch nachzuahmen, wir müssen euch übertreffen; wir bringen das Grauen Anspielung auf die »Gothic Novel«, den um 1800 erfolgreichen englischen Schauerroman. – Anm.d.Übers. zum Grausen und rasen von der Ausschweifung zum Wahnsinn!«

»Das Ferment der neuen Schule ist vielleicht besser als die Stagnation der alten«, erwiderte Maltravers. »Jedoch selbst Sie«, wandte er sich an die Italiener, »die zuerst in Petrarca, Tasso und Ariost Francesco Petrarca (1304-1374), italienischer Dichter und Geschichtsschreiber. Er gilt als Mitbegründer des Humanismus und zusammen mit Dante Alighieri und Boccaccio als einer der wichtigsten Vertreter der frühen italienischen Literatur; – Torquato Tasso (1544-1595), italienischer Dichter (»Das befreite Jerusalem«); – Ludovico Ariosto (1474-1533), italienischer Dichter; sein Hauptwerk, das Versepos Orlando furioso (»Der rasende Roland«), gilt als einer der wichtigsten Texte der italienischen Literatur und wurde in ganz Europa rezipiert. – Anm.d.Übers. Europa das Muster des Sentimentalen und Romantischen gaben; die genau zwischen die Ruinen der klassischen Schulen, inmitten ihrer korinthischen Säulen und ausladenden Bögen die Spitzen und Zinnen der Gotik errichteten, – sogar Sie verlassen Ihre alten Modelle und literarischen Prinzipien und wandeln auf neueren, wilderen Pfaden. So läuft die Welt: ewiger Fortschritt bedeutet ewigen Wechsel.«

»Sehr wahrscheinlich«, warf Signore Tirabaloschi ein, der nichts von dem Gesagten verstand. »Nein, das ist überaus gründlich, und wenn man drüber nachdenkt, ist es schön – herrlich! ihr Engländer seid so – so – kurz: es ist bewundernswert. Ugo Foscolo Ugo Foscolo, eigentl. Niccolò Foscolo (1778-1827), italienischer Dichter, der wegen seines politischen Engagements immer wieder unter Repressalien zu leiden hatte. – Anm.d.Übers. ist ein großer Geist – Monti Vincenzo Monti (1754-1828) war ein italienischer Schriftsteller, der sich allerdings gegenüber Napoleon wie danach gegenüber dem österreichischen Kaiser Franz I. wie ein Hofdichter verhielt. – Anm.d.Übers. ebenso; und was Rossini angeht, – Sie kennen seine letzte Oper – cosa stupenda

Madame de Montaigne schaute auf Maltravers, klatschte in ihre kleinen Hände und lachte frei heraus. Maltravers wurde angesteckt und lachte ebenfalls. Aber er beeilte sich, den kleinen Fehler, über die Köpfe der Gesellschaft hinweg gesprochen zu haben, wieder auszubessern. Er nahm die Gitarre, welche die Musiker neben anderen Instrumenten mitgebracht hatten, schlug einige Akkorde an und sagte kurz darauf: »Im Grunde genommen, Madame, haben wir alle in Ihrer Gesellschaft und mit diesem mondhellen See vor uns das Gefühl, als ob Musik unser bestes Verständigungsmittel wäre. Vielleicht gelingt es uns, diese Herren dazu zu bewegen, uns noch einmal zu erfreuen.«

»Sie nehmen vorweg, was ich fragen wollte«, sagte der frühere Sänger; und Maltravers übergab die Gitarre Tirabaloschi, der in der Tat darauf brannte, seine Künste erneut vorzuführen. Er nahm das Instrument, verzog das Gesicht zu einem bescheidenen Lächeln, sagte dann zu Madame de Montaigne: »Ein junger Freund von mir hat ein Lied komponiert, das von den Damen sehr bewundert wird, obwohl es mir etwas sentimental vorkommt«, und sang dann die folgenden Stanzen (wie gute Sänger es vermögen) mit so viel Gefühl, als ob er sie verstanden hätte!

NACHT UND LIEBE

Wenn Sterne am stillen Himmelszelt stehn,
      Verzehre ich mich nach dir;
Dein Auge möchte so gern ich sehn,
      Wie der Stern auf das Meer scheint es mir.

Die Gedanken gleiten wie Wellen bei Nacht
      So still wie der Sternenschein;
Meine irdische Liebe ist sanft erwacht
      Und sehnt sich, im Himmel zu sein.

Es gibt eine Stunde, wo Engelshand
      Den Menschen schützend hält;
Wenn gröbere Seelen in Schlaf gesandt,
      Dein Geist sich zu mir gesellt.

Ein heiliger Traum, der zu dieser Zeit
      So sanft durch den Schlummer schwebt,
Macht geheimnisvoll meine Seele bereit,
      Dass die Nacht sie mit dir belebt.

Zu heilig Gedanken an dich mir sind;
      Am Tag ist für sie kein Raum.
Als Sternschein nur ich dich wiederfind',
      Mein Engel du, und mein Traum!

   

Und da nun das Beispiel gegeben war und das Lob der schönen Wirtin allgemeine Nachahmung erregt hatte, wanderte die Gitarre von Hand zu Hand, und jeder der Italiener trug etwas vor; man glaubte auf einem dieser altgriechischen Feste zu sein, wo Lyra und Myrthenzweig herumgingen.

Doch die Italiener spürten, wie auch der Engländer, dass der Abend nicht vollständig wäre, ohne die gefeierte Vokalistin und Improvisatorin zu hören, die dem kleinen Bankett präsidierte; und Madame de Montaigne ahnte mit weiblichem Empfinden den allgemeinen Wunsch und kam der gewiss erfolgenden Bitte zuvor. Sie nahm die Gitarre vom letzten Sänger und sagte, zu Maltravers gewandt: »Sie haben gewiss einige unserer bedeutenden Improvisatoren gehört, und deshalb bitte ich Sie um ein Thema; es soll Ihnen nur beweisen, dass dieses Talent unter den Italienern nicht allgemein üblich ist.«

»Ach«, erwiderte Maltravers, »ich habe in der Tat einige hässliche alte Männer mit gewaltigen Schnäuzern und Gebärden höchst alarmierender Wildheit ihre ungestümen impromptus ausstoßen hören, aber bisher niemals einer jungen hübschen Dame gelauscht. Ich werde der Eingebung erst Glauben schenken, wenn ich sie unmittelbar von der Muse höre.«

»Nun, dann will ich mein Bestes tun, Ihre Komplimente zu verdienen – Sie müssen mir das Thema geben.«

Maltravers schlug nach einer kurzen Besinnung vor: Des Lobpreises Einfluss auf den Genius.

Die Improvisatorin nickte zustimmend, und nach einem kurzen Vorspiel brach sie los mit einer wilden, vielfältigen lyrischen Kraft, mit so ausnehmend lieblicher Stimme, mit so feinem Geschmack und tiefem Gefühl, dass die Poesie den begeisterten Zuhörern klang wie die Sprache, die Armida gebraucht haben könnte. Dennoch entschwanden die Verse ihrem Wesen nach, wie alle extemporierten Ergüsse, der Erinnerung und trotzten der Niederschrift.

Als Madame de Montaignes Lied endete, folgte kein stürmischer Applaus – die Italiener waren zu sehr von der Kunstfertigkeit übermannt, Maltravers vom Gefühl, um grob in fertigen Jubel zu verfallen, – und bevor dieses entzückte Schweigen, das die erste Reaktion ausmachte, gebrochen war, erschien ein Neuankömmling, vom Gehölz herabsteigend, das den Anstieg hinter dem Haus abschloss, inmitten der Gesellschaft.

»Ach, mein werter Bruder«, rief Madame Montaigne aufspringend und hing sich zärtlich an den Arm des Fremden., »warum bist du so lange durch den Wald gestreift? Wo du so empfindlich bist! Und wie geht es dir? Wie blass du aussiehst!«

»Das ist nur der Widerschein des Mondlichts, Teresa«, sagte der Eindringling; »ich fühle mich gut.« Mit diesen Worten blickte er düster auf die fröhliche Gesellschaft und wandte sich um, als wolle er davonschleichen.

»Nein, nein«, flüsterte Teresa, »du musst einen Augenblick bleiben und dich meinen Gästen vorstellen lassen: es ist ein Engländer da, den du mögen wirst – der dich interessieren wird.«

Damit dränge sie ihn geradezu vorwärts und stellte ihn den Gästen vor. Signore Cæsarini erwiderte ihre Begrüßung mit einer Mischung aus Verlegenheit und hauteur, Hochmut. – Anm.d.Übers. zugleich unbeholfen und anmutig, und sank, irgendeinen unhörbaren Gruß murmelnd, auf einen Sitz, wo er sofort in Träumerei verloren schien. Maltravers betrachtete ihn und war von seinem Äußeren angetan, das, wenn auch nicht hübsch, so doch seltsam und eigentümlich wirkte. Er war außerordentlich schlank, nachgerade dünn, seine Wangen sahen hohl und farblos aus, seidenweiche Locken wallten reich bis auf seine Schultern. Er besaß große, stark glänzende, tiefliegende Augen, und zusätzlich Strenge verlieh ein dünner, abwärts gekräuselter Schnauzbart seinem Mund, der in finsterer, halbsarkastischer Bestimmtheit geschlossen war. Seine Kleidung entsprach nicht der Konvention, vielmehr trug er einen Gehrock aus dunklem Wollstoff mit großem, heruntergeschlagenem Kragen und ein schmales schwarzes Seidentuch, das um seinen Hals mehr gewickelt als gebunden war; die Unterkleidung saß eng auf seinen Gliedern, und ein paar Reitstiefel vervollständigten sein Kostüm. Augenscheinlich hatte sich der junge Mann (und er war sehr jung – vielleicht um die neunzehn oder zwanzig Jahre) der Stutzerei des Pittoresken ergeben, das eitlere Geister kennzeichnet im Unterschied zur gewöhnlichen Stutzerei der Mode.

Erstaunlich oft reicht die Einführung eines einzelnen Eindringlings in eine Gesellschaft, jede zuvor existierende familiäre Harmonie zu zerstören. Selbst bei einem verträglichen, mitteilsamen Eindringling ist das so – aber im gegenwärtigen Fall hätte ein Gespenst ein kaum unwillkommenerer und weniger grußfreudiger Besucher sein können. Die Gegenwart dieses scheuen, sprachlosen, arrogant wirkenden Mannes dämpfte die gesamte Gruppe. Der heitere Tribaloschi erkannte umgehend, dass es Zeit zu gehen sei – dies war keinem bislang aufgefallen, aber es war gewiss spät. Die Italiener fuhrwerkten herum, sammelten ihre Musikalien ein, um dann feine Redensarten zu äußern, sich zu verbeugen und zu lächeln, in ihr Boot zu klettern und zum Gasthof von Como zu fahren, wo sie ein Quartier für die Nacht genommen hatten.

Als das Boot davon glitt, waren zwei von ihnen an den Rudern beschäftigt, während die übrigen vier ihre Instrumente ergriffen und ein Abschiedslied sangen. Es war soeben Mitternacht – die Stille ringsum war tiefer geworden, eine wunderbare Macht des Schweigens herrschte in der glänzenden Atmosphäre und unter den Schatten, die von den nahen Uferbänken und den entfernten Hügeln über dem Wasser lagen, so dass, während die sich mit den Rudergeräuschen mischende Musik immer schwächer wurde, der so hervorgebrachte, zauberhaft erregende Effekt unbeschreiblich war.

Die Gesellschaft am Ufer sprach nicht; in den hellen Augen Teresas stand eine wohltuende Feuchtigkeit, als sie sich an die männliche Gestalt De Montaignes lehnte, der ihre Zuneigung vielleicht wegen des Altersunterschiedes noch tiefer und reiner empfand. Ein Mädchen, das einmal einen Mann liebt, der nicht wirklich alt, aber um einiges älter ist als es selbst, liebt ihn mit einer sozusagen aufschauenden und verehrenden Liebe!

Maltravers stand etwas entfernt von dem Paar bei der Böschung mit untergeschlagenen Armen und nachdenklicher Miene. »Wie kommt es«, sagte er, unbewusst halblaut sprechend, »dass die alltäglichsten Wesen der Welt im Stande sind, uns so unweltliche Freuden zu gewähren? Welch ein Gegensatz zwischen diesen Musikern und dieser Musik. Auf diese Entfernung sind ihre Gestalten nur undeutlich zu sehen; man könnte sich beinahe einbilden, dass die Schöpfer solch süßer Klänge aus einem anderen Stoff seien als wir. Vielleicht erklingt sogar deshalb die Poesie alter Zeit soviel tiefer und göttlicher an unsere Ohren, weil sie entfernt ist von dem Staub, aus dem die Dichter gemacht sind. O Kunst, Kunst! wie verschönst und erhebst du uns, was ist Natur ohne dich!«

»Sie sind ein Dichter, Signore«, sprach eine sanfte klare Stimme neben dem Selbstgesprächigen; und Maltravers musste bemerken, dass er unwissentlich einen Zuhörer in dem jungen Cæsarini gehabt hatte.

»Nein«, sagte Maltravers, »ich pflücke die Blumen, ich kultiviere nicht den Boden.«

»Und warum nicht?« sagte Cæsarini mit unvermittelter Energie, »Sie sind ein Engländer – Sie besitzen eine Öffentlichkeit – Sie haben einen Staat – Sie haben eine lebendige Bühne, ein atmendes Publikum; wir Italiener haben nichts als den Tod.«

Als der den jungen Mann anschaute, war Maltravers erstaunt, die plötzliche Belebung zu sehen, die auf seinen bleichen Zügen glühte.

»Sie haben mir eine Frage gestellt, die ich gern an Sie richten würde«, sagte der Engländer nach einer Pause. » Sie, scheint's, sind ein Dichter?«

»Ich habe mir eingebildet, dass ich einer sein könnte. Aber Poesie ist bei uns ein Vogel in der Wildnis – er singt aus einer Anwandlung – das Lied stirbt ohne einen Zuhörer. Oh, gehörte ich doch zu einem lebenden Land – Frankreich, England, Deutschland, Amerika, – und nicht zu dem Verderbnis toter Größe – denn ein solches ist nun das Land der alten Leier.«

»Wir wollen und wieder treffen, und bald«, sagte Maltravers und streckte seine Hand aus.

Cæsarini zögerte einen Augenblick, nahm sie dann und erwiderte den angebotenen Gruß. Reserviert wie er war, zog ihn doch etwas in Maltravers an; und in der Tat gab es etwas in Ernest, was die meisten jener unglücklichen Exzentriker faszinierte, die sich nicht auf die allgemeine Weltbahn begeben.

Einige Augenblicke später hatte der Engländer dem Besitzer der Villa Lebewohl gesagt, und sein schlankes Boot flog rasch über die Welle.

»Was denkst du über den Inglese?« fragte Madame de Montaigne ihren Gatten, als sie sich zum Haus wendeten. (Sie wechselten kein Wort über die Mailänder.)

»Er zeigte ein edles Betragen für einen so jungen Mann«, antwortete der Franzose; »er scheint die Welt gesehen zu haben und hat dabei profitiert, aber auch gelitten.«

»Er wird sich als Gewinn für unsere Gesellschaft hier erweisen«, gab Teresa zurück; »er interessiert mich; und du, Castruccio?« wendete sie sich suchend an den Bruder; aber Cæsarini war mit seinem gewöhnlichen lautlosen Schritt schon im Haus verschwunden.

»Ach, mein armer Bruder!« sagte sie, »ich kann ihn nicht begreifen. Wonach verlangt ihn?«

»Nach Ruhm!« versetzte De Montaigne ruhig. »Es ist ein eitler Schatten; kein Wunder, dass er sich selbst vergeblich quält.«

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