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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel V

»Männer mit Verstand, diese Götzen der Oberflächlichkeit, sind leidenschaftlichen Männern sehr unterlegen. Es sind die starken Leidenschaften, die uns, indem sie uns vor der Trägheit retten, einzig diese fortgesetzte und ernste Aufmerksamkeit gewähren, welche für große intellektuelle Anstrengungen notwendig ist.«

HELVETIUS

Als Ferrers an diesem Tag von seinem gewöhnlichen Ausritt zurückkehrte, war er überrascht, das Foyer und den Flur des Appartements, das er mit Maltravers bewohnte, übersät zu finden mit Gepäckstücken, Koffern, Kisten und Büchern, während Ernests Schweizer Diener Träger und Kellner in einem Kauderwelsch von Französisch, Englisch und Italienisch dirigierte.

»Nun«, sagte Lumley, »und was bedeutet dies alles?«

» Il signore va partir, ...reist ab. – Anm.d.Übers sare, ah! mon Dieu! – tout plötzlich.«

»O–h! – und wo ist er gerade?«

»In seinem Zimmer, sare

Ferrers schritt über das Chaos und öffnete die Tür von seines Freundes Ankleidezimmer ohne Umschweife; er sah Maltravers vergraben in einen Lehnsessel, seine Hände schlaff auf den Knien, sein Kopf über die Brust gebeugt: seine gesamte Haltung gab Niedergeschlagenheit und Erschöpfung kund.

»Was ist los, mein lieber Ernest? Du hast doch nicht etwa einen Mann im Duell getötet?«

»Nein.«

»Was dann? Warum gehst du fort, und wohin?«

»Egal. Lass mich in Ruhe.«

»Freundlich!« sagt Ferrers, »sehr freundlich! Und was soll aus mir werden – welche Rolle soll ich an diesem verwünschten Ort von Altertümlern und lazzaroni Tagedieben. – Anm.d.Übers. spielen? Sie haben kein Gefühl, Mr. Maltravers!«

»Willst du dann also mit mir kommen?« fragte Maltravers, sich vergeblich zu erheben bemühend.

»Aber wohin gehst du?«

»Irgendwohin, nach Paris – nach London.«

»Nein, ich habe bereits Pläne für den Sommer. Ich bin nicht so reich wie gewisse Leute. Ich verabscheue Veränderung: sie ist so teuer.«

»Aber, meine lieber Freund …«

»Heißt das fair mit mir umgehen?« fuhr Lumley fort, der, einmal in seinem Leben, wirklich wütend war. »Wenn ich ein alter Mantel wäre, den du fünf Jahre getragen hättest, könntest du mich nicht mit größerer nonchalance Nachlässigkeit. – Anm.d.Übers. fortwerfen.«

»Ferrers, verzeih mir. »Es betrifft meine Ehre. Ich muss diesen Ort verlassen. Ich hoffe, du wirst hier mein Gast bleiben, wenn auch in Abwesenheit deines Gastgebers. Du weißt, dass ich die Wohnung für die nächsten drei Monate gemietet habe.«

»Hm!«sagte Ferrers, »wenn das so ist, kann ich genauso gut hier bleiben. Aber warum so geheimnisvoll? Hast du Madame de St. Ventadour verführt, oder hat ihr kluger Ehemann ›seine Bedenken? Hm, hm!‹«

Maltravers erstickte seinen Ekel über diese Ungehobeltheit; vielleicht gibt es keine größere Charakterprüfung als grobe Bemerkungen eines Freundes in Herzensangelegenheiten.

»Ferrers«, sagte er, »wenn dir etwas an mir liegt, verliere kein respektloses Wort über Madame de St. Ventadour: sie ist ein Engel.«

»Aber warum dann Neapel verlassen?«

»Störe mich nicht weiter.«

»Guten Tag, Sir«, sagte Ferrers schwer beleidigt und stolzierte aus dem Raum. Ernest sah ihn nicht wieder vor seiner Abreise.

  

Spät an diesem Abend verfolgte Maltravers allein in seinem Wagen bei Sternenschein die alte melancholische Straße nach Mola di Gaëta. Früherer Name der Stadt Formia. – Anm.d.Übers.

Seine Einsamkeit empfand Maltravers als Wohltat. Ihn überkam ein unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung, von Ferrers befreit zu sein. Die Hartherzigkeit, die unnachgiebige, wenn auch humorvolle Herrschsucht, die animalische Sinnlichkeit seines Begleiters hätte ihn in seinem gegenwärtigen Geisteszustand nur gequält.

   

Als er am nächsten Morgen aufstand, leuchteten die Orangenblüten von Mola di Gaëta wonnig unter dem Fenster seines Gasthofs, in dem er logierte. Es herrschte nun Vorfrühling; es duftete frisch, Erde und Luft atmeten Gesundheit – es ist unmöglich zu beschreiben. Italien selbst weist nur wenige lieblichere Orte auf als dieses selbe Mola di Gaëta, ebensowenig lächelt dieses halkyonische Meer Eigentlich in der Antike eine Bezeichnung für die östlichste Bucht des korinthischen Meerbusens; hier im Zusammenhang zu sehen mit dem Begriff der »halykonischen Tage«, die in der Antike eine stille, melancholische Gemütsstimmung bzw. eine Zeit der Windstille im Mittelmeer zur Winterzeit bezeichnen. – Anm.d.Übers. – nicht einmal bei Neapel oder Sorrent – schmeichlerischer oder einladender.

So strich Maltravers nach einem hastigen Frühstück, von dem er kaum etwas geschmeckt hatte, durch die Orangenhaine und erreichte das Ufer; und dort, müßig ausgestreckt neben den rauschenden Wellen, ergab er sich seinen Gedanken und versuchte das erste Mal seit seiner Trennung von Valerie sich in seinem Geistes- und Gefühlszustand zu sammeln und zu prüfen. Maltravers fand sich zu seiner Überraschung nicht so unglücklich, wie er erwartet hatte. Andererseits schwebte eine zarte, geradezu köstliche Empfindung, die er kaum bestimmen konnte, über all seinen Erinnerungen an die schöne Französin. Vielleicht lag das Geheimnis darin, dass weder sein Stolz gedemütigt noch sein Gewissen belastet worden war – vielleicht hatte er Valerie auch nicht so tief geliebt, wie er gewähnt hatte.

Das Geständnis und die Trennung hatten sich glücklicher Weise ereignet, bevor ihre Gegenwart Lebensbedürfnis geworden war. Er fühlte sich, so wie die Dinge lagen, wie durch ein heiliges, geheimnisvolles Opfer versöhnt mit sich selbst und mit der Menschheit. Er war erwacht zu einem gerechteren, höheren Verständnis der menschlichen Natur und der weiblichen Natur im Besonderen. Er hatte Aufrichtigkeit und Wahrheit erfahren, wo er sie am wenigsten erwartet hatte – bei einer Frau vom Hofe, – einer Frau, die von lasterhaften, frivolen Bekanntschaften umgeben war, – einer Frau, die weder nach Ansicht ihrer Freunde noch ihres Landes, ihres Ehemannes oder des gesellschaftlichen Gefüges, in dem sie sich bewegte, irgendetwas besaß, das sie von Betrug hätte abhalten können, – einer Frau von Welt, – einer Frau aus Paris! – ja, es war eigentlich seine Enttäuschung, die den Nebel und Dunst vertrieb, welche sich aus den Sümpfen der großen Welt erhoben und um seine Seele gelegt hatten.

Valerie de St. Ventadour hatte ihn gelehrt, nicht ihr Geschlecht zu verachten, nicht vom Erscheinungsbild her zu urteilen, sich nicht anzustecken an einer niedrigen, heuchlerischen Welt. Er schaute in sein Herz wegen Valeries Liebe und fand die Liebe zur Tugend. Während er so seine Blick nach innen richtete, erwachte er schrittweise zu einer Empfindung der dort eingemeißelten wahren Eindrücke. Und er spürte, dass der bitterste Tropfen nicht dem Kummer wegen ihm selbst entquoll, sondern wegen Valerie. Welche Schmerzen musste diese hochstehende Seele ertragen haben, bevor sie sich zu dem Geständnis, das sie gemacht hatte, durchringen konnte! Doch sogar in diesem Leid fand er schließlich einen Trost. Ein so starkes Gemüt konnte der Schwäche des Herzens beistehen und ihr abhelfen. Er spürte, dass Valerie de St. Ventadour nicht die Frau war, ungehemmt in krankhaften, heillosen Gefühlen schwelgend dahinzusiechen. Er konnte sich nicht schmeicheln, dass sie nicht versuchen würde, eine Liebe auszumerzen, die sie bereute; und er seufzte aus natürlicher Selbstsucht, als er einräumte, dass sie früher oder später damit Erfolg haben würde. »Aber mag es so sein«, sprach er halblaut, »ich werde von Herzen frohlocken, wenn ich erfahre, dass sie an mich nur noch als Freund denkt. Der Stolz auf ihre Wertschätzung kommt gleich nach der Seligkeit über ihre Liebe.«

Dies war die Empfindung, mit der seine Betrachtungen schloss – und mit jeder Wegstunde, die ihn weiter vom Süden entfernte, wurde dies Gefühl stärker und sicherer.

Ernest Maltravers spürte, dass es in den Empfindungen so viel zu reinigen und zu erheben gab, dass sogar eine irrende Liebe, die ohne kaltes Kalkül empfangen und (wenn ihr Wesen richtig verstanden wird) gegen die mit edlem Gemüt gekämpft wird, das Herz duldsamer und zärtlicher zurücklässt und die Vernunft entschiedener und vermehrt. Die vom Verstand begrenzte Philosophie bringt die heimlichen Automaten in Bewegung – aber bei wem die Welt die Bühne bildet und wer bemerkt, dass sein Herz ein großer Akteur ist, bei dem müssen Erfahrung und Weisheit aus der Philosophie der Leidenschaften herausgearbeitet werden.

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