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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel IV

                  »Höchst gefährlich
Ist die Versuchung, die durch Tugendliebe
Zur Sünde reizt.«

SHAKESPEARE, Maß für Maß, II, 2

»Morgen zu ihr gehen! – dieser Morgen ist gekommen!« dachte Maltravers, als er sich am nächsten Tag schlaflos vom Lager erhob. Bevor er noch den ungeduldigen Aufforderungen Ferrers', der dreimal zu sagen anhob, dass »er niemals Leute warten lasse«, Folge geleistet hatte, kam sein Diener herein mit einem Paket aus England. Es war gerade von einem jener seltenen Eilboten gebracht worden war, die bisweilen dieses Neapel beehren, welches so ein lohnender Markt für den englischen Handel sein könnte, wenn sich neapolitanische Könige aus dem Gewerbe oder englische Senatoren aus der »Außenpolitik« etwas machen würden. Briefe von Verwaltern und Bankiers waren bald überflogen, ein Sendschreiben von Cleveland hatte Maltravers als letztes zurückgelegt. Vieles darin berührte ihn von daheim. Nach einigen trockenen Einzelheiten bezüglich des Vermögens, über das Maltravers nun verfügte, und einigen unwesentlichen Kommentaren zu unwesentlichen Bemerkungen in Ernests früheren Briefen hob Cleveland folgendermaßen an:

»Ich gestehe, mein lieber Ernest, dass ich mich danach sehne, dich wieder zurück in England willkommen zu heißen. Du bist lange genug im Ausland gewesen, um andere Länder zu sehen; bleibe nicht so lange, dass du sie unserem eigenen vorziehst. Du bist auch in Neapel – ich zittere für dich. Ich kenne gut das köstliche träumerische Ferienleben Italiens, es ist so eine Wonne für gebildete, fantasievolle Menschen, für die Jugend, für das Vergnügen! Aber, Ernest, fühlst du nicht schon, wie es enerviert? – wie das schwelgerische far niente uns unfähig macht für ernste Betätigung? Männer können zu verfeinert und zu verwöhnt für nützliche Zwecke werden; und nirgendwo geschieht das schneller als in Italien.

Mein lieber Ernest, ich kenne dich gut; du bist nicht bestimmt, zu einem virtuoso Hier im Sinne von »Dilettant«. – Anm.d.Übers. hinabzusinken mit einem Kabinett voller Caméen und einem Kopf voller Gemälde; noch weniger bist zu bestimmt, ein indolenter cicisbeo Hausfreund, Galan. – Anm.d.Übers. für eine hübsche Italienerin zu werden mit einer Leidenschaft und zwei Gedanken: und dennoch habe ich Männer, die ebenso klug waren wie du, kennengelernt, welche dieses behexende Italien zu der einen oder anderen dieser belanglosen Existenzen hinabgezogen hatte. Lauf nicht davon mit der Bemerkung, du habest noch so viel Zeit vor dir. Du hast sie nicht. In deinem Alter und bei deinem Vermögen (ich wünschte, du wärest nicht so reich) werden die Ferien eines Jahres zur Gewohnheit für das nächste. In England musst du arbeiten, um ein nützlicher oder angesehener Mann zu sein. Nun, Arbeit ist an sich eine Wonne, wenn wir früh an ihr Gefallen finden. Wir sind ein hartes Volk, aber ein männliches; und unsere Bühne ist die erregendste in Europa für ein befähigtes und ehrliches Streben. Vielleicht wirst du mir sagen, dass du jetzt nicht ehrgeizig seiest; schon möglich – aber du wirst ehrgeizig sein; und glaube mir, es gibt keinen unglücklicheren Wicht als einen Mann, der ehrgeizig ist, aber enttäuscht, – den es nach Ruhm verlangt, der aber die Kraft, ihn zu erlangen, verlor – der sich nach einem Ziel sehnt, aber nicht im Stande ist, seine Pantoffel abzustreifen, um darauf zuzugehen.

Was ich am meisten für dich fürchte, ist eines dieser beiden Übel: eine frühe Heirat oder eine fatale liaison mit einer verheirateten Frau. Das erste Übel ist gewiss das geringere, aber für dich wäre es doch ein großes. Bei deiner gefühlvollen Romantik, deiner krankhaften Gier nach dem Idealen würde häusliches Glück bald öde und fade werden. Du würdest nach neuer Erregung verlangen und ein rastloser und lebensüberdrüssiger Mensch werden. Du musst dich unbedingt all des falschen Lebensfiebers entschlagen, bevor du dich für immer bindest. Du weißt noch nicht, was du willst; du würdest deine Partnerin aus irgendeiner fantastischen Laune oder einem augenblicklichen Impuls wählen und nicht aus der tiefen, genauen Kenntnis jener Qualitäten, die am meisten mit deinem Charakter harmonieren würden. Damit Menschen glücklich miteinander leben, müssen sie sich ohnehin anpassen, – die Stolzen den Demütigen, die Reizbaren den Behutsamen und so fort. Nein, mein lieber Maltravers, denke vorerst noch nicht an Heirat; und sollte es da irgendeine Gefahr geben, komm sofort zu mir herüber.

Doch wenn ich dich vor einer gesetzlichen Verbindung warne, wieviel mehr erst vor einer gesetzes widrigen? Du hast genau das Alter und das Gemüt, welche die Versuchung so stark und tödlich machen. Bei dir wäre es nicht die Sünde einer Stunde, sondern eine Gefangenschaft für's ganze Leben. Ich kenne dein ritterliches Ehrgefühl – dein empfindsames Herz; ich weiß, wie treu du jemandem wärest, der sich für dich geopfert hätte. Aber diese Treue, Maltravers, zu welch einem Leben verschwendeter Begabung und Kraft würde sie dich verdammen! Lassen wir für den Augenblick (denn dies bedarf keiner Erläuterung) die Frage der gewaltigen Unsittlichkeit beiseite – was ist fataler für ein kühnes, stolzes Temperament, als beim ersten Schritt ins soziale Leben gleich Krieg mit der Gesellschaft zu beginnen? – was vernichtender für männliche Ziele und Zwecke, als sich dem Gewahrsam einer Frau zu ergeben, deren Interesse auf deine Liebe gerichtet ist, aber gegen deine Karriere, die dich eines Tages von ihrer Seite lösen könnte – ein Hemmnis für dein künftiges Geschick?

Ich könnte noch mehr sagen, aber ich glaube, was ich gesagt habe, ist hinreichend; wenn es so ist, gib mir bitte darüber Gewissheit. Verlass dich drauf, Ernest Maltravers: wenn du die Erwartungen der Natur an dein Schicksal nicht erfüllst, wird aus dir ein kränklicher Misanthrop oder ein gefühlloser Wüstling, abgewirtschaftet und teilnahmslos im Mannesalter, mürrisch und freudlos als Greis. Aber wenn du dein Schicksal erfüllst, musst du rasch deine Lehrzeit beginnen. Lass mich dich streben und arbeiten sehen – gleichgültig was oder wozu. Arbeite, arbeite – das ist alles, worum ich dich bitte.

Ich wünschte, du könntest dein altes Landhaus sehen; es sieht ehrwürdig und pittoresk aus. Während deiner Minderjährigkeit ließ man das Efeu drei Seiten davon bedecken. Montaigne könnte dort gelebt haben.

Adieu, liebster Ernest!

Dein ängstlicher und liebevoller Beschützer,
FREDERICK CLEVELAND.«

P.S. – Ich schreibe ein Buch – das wird mich zehn Jahre beanspruchen – es nimmt mich in Beschlag, ermüdet mich jedoch nicht. Schreib selbst ein Buch.«

Maltravers war gerade fertig mit diesem Brief, als Ferrers ungeduldig eintrat. »Willst du ausreiten?« fragte er. »Ich habe das Frühstück fortgeschickt; ich sah, dass es heute eine Verschwendung gewesen wäre – mir ist tatsächlich der Appetit vergangen.«

»Pah!« versetzte Maltravers.

»Pah! Hm! ich für meinen Teil mag wohlerzogene Leute.«

»Ich habe einen Brief von Cleveland erhalten.«

»Und was zum Teufel hat das mit der Schokolade zu tun?«

»Oh, Lumley, du bist unerträglich; du denkst an nichts als an dich selbst, und an dich selbst bedeutet nichts, was nicht tierisch ist.«

»Nun ja; ich glaube, ich habe etwas Vernunft«, gab Ferrers selbstgefällig zurück. »Ich kenne die Lebensphilosophie. Alle ungefiederten Zweibeiner sind Tiere, nehme ich an. Hätte die Vorsehung mich zum Grasfresser bestimmt, nun, so hätte ich Gras gegessen; als Wiederkäuer hätte ich wiedergekäut; aber indem sie mich zum fleischfressenden, kulinarischen und lachfreudigen Tier bestimmt hat, esse ich ein Kotelett, schimpfe über die Soße und lache über dich; und das ist es, was du selbstsüchtig nennst!«

   

Es war spät am Mittag, als Maltravers sich im Palazzo der Madame de St. Ventadour wiederfand. Er war angenehm überrascht, dass er zum ersten Mal Zutritt zum privaten Allerheiligsten hatte, das den abgedroschenen Titel eines Boudoirs trägt. Aber es gab wenig genug von dem feinen Boudoir einer Dame in dem schlichten Tageswohnzimmer der Madame de St. Ventadour. Es war ein vornehmes Gemach, mit Büchern ausgestattet und nicht ohne Anspruch auf Eleganz, aber wenig luxuriös möbliert.

Valerie war nicht da, und Maltravers, allein gelassen, lehnte sich nach einem flüchtigen Blick über den Raum abwesend an die Wand und vergaß, ach! alle Ermahnungen Clevelands. Einige Augenblicke später öffnete sich die Tür und Valerie trat ein. Sie wirkte ungewöhnlich blass; Maltravers glaubte, dass ihre Augenlider Tränenspuren verrieten. Er war berührt, sein Herz schlug höher.

»Ich ließ Sie warten, fürchte ich«, sagte Valerie und dirigierte ihn zu einem Sitz etwas entfernt von dem, auf welchem sie selbst Platz nahm, »aber Sie werden mir vergeben«, fügte sie mit einem leichten Lächeln hinzu. Als sie beobachtete, dass er sprechen wollte, fuhr sie eilig fort: »Hören Sie, Mr. Maltravers – bevor Sie sprechen; hören Sie mich an! Sie äußerten letzten Abend Worte, die niemals an mich hätten gerichtet werden dürfen. Sie bekundeten, mich zu – lieben.«

»Bekundeten!«

»Antworten Sie mir«, sagte Valerie mit plötzlicher Energie, »nicht als ein Mann der Frau, sondern als ein menschliches Geschöpf einem anderen. Vom Grunde Ihres Herzens, aus dem Inneren Ihres Bewusstseins rufe ich Sie auf, die ehrliche und einfache Wahrheit zu sprechen. Lieben Sie mich, wie Ihr Herz, Ihr Genius zu lieben fähig sein muss?«

»Ich liebe Sie wahrhaftig – leidenschaftlich!« sagte Maltravers überrascht und verwirrt, aber noch mit Begeisterung in seiner musikalischen Stimme und seinen ernsten Augen. Valerie schaute ihn, als ob sie in seine Seele einzudringen suchte. Maltravers fuhr fort: »Ja, Valerie, als wir uns zum ersten Mal trafen, weckten Sie eine lange schlummernde köstliches Empfindung. Aber welch tiefe Gefühle hat seit damals diese Empfindung hervorgerufen? Ihr anmutiger Geist – Ihre reizenden Gedanken, klug, und doch weiblich – haben die Eroberung vollendet, die Ihr Antlitz und Ihre Stimme begann. Valerie, ich liebe Sie. Und Sie – Sie, Valerie – ach! Ich täusche mich nicht – auch Sie …«

»Liebe!« unterbrach ihn Valerie, tief errötend, aber mit ruhiger Stimme. »Ernest Maltravers, ich leugne es nicht, ehrlich und freimütig bekenne ich den Fehler. Ich habe mein Herz geprüft während der ganzen letzten schlaflosen Nacht, und ich gestehe, dass ich Sie liebe. Nun denn, verstehen Sie mich: wir werden uns nicht mehr sehen.«

»Was?!« sagte Maltravers, indem er ihr unwillentlich zu Füßen fiel und ihre festzuhalten suchte, die er ergriffen hatte. »Was! Nun, wo Sie dem Leben neuen Reiz verliehen haben, wollen Sie es genauso plötzlich vernichten? Nein, Valerie, nein, ich werde Ihnen nicht zuhören.«

Madame de St. Ventadour erhob sich und sagte mit kalter Würde: »Hören Sie mich ruhig an, oder ich verlasse den Raum; und alles, was ich nun sagen würde, bliebe für immer unausgesprochen.«

Maltravers stand ebenfalls auf, verschränkte seine Arme hochmütig, biss sich auf die Lippen und stand aufgerichtet Valerie mehr in der Pose eines Klägers als eines Bittstellers gegenüber.

»Madame«, sagte er ernst, »ich werde Sie nicht weiter verletzen; ich vertraue auf Ihr Verhalten, weil ich Ihren Worten nicht glauben kann.«

»Sie sind grausam«, sagte Valerie traurig lächelnd, »aber so sind alle Männer. Nun, ich will versuchen, mich Ihnen verständlich zu machen. Ich wurde Monsieur de St. Ventadour in meiner Kindheit verlobt. Ich sah ihn erst einen Monat vor unserer Heirat. Ich hatte keine Wahl. Französische Mädchen haben keine. Wir wurden getraut. Ich hatte keine andere Bindung aufgebaut. Ich war stolz und eitel: Wohlstand, Ehrgeiz und gesellschaftlicher Rang befriedigten meine Fähigkeiten und mein Herz eine Zeit lang. Auf die Dauer wurde ich ruhelos und unglücklich. Ich spürte, das etwas in meinem Leben fehlte. Monsieur de St. Ventadours Schwester war die erste, die mir das geläufige Hilfsmittel unseres Geschlechts – jedenfalls in Frankreich – empfahl: einen Liebhaber. Ich war schockiert und entsetzt, weil ich zu einer Familie gehöre, in der Frauen keusch und Männer tapfer sind. Gleichwohl begann ich mich umzuschauen und die Wahrheit der Philosophie des Lasters zu prüfen. Ich fand heraus, dass keine Frau, die wahrhaftig und tief einen ungesetzlichen Liebhaber liebte, glücklich war. Ich erkannte ebenfalls die Tiefgründigkeit von Rochefoucaulds François de La Rochefoucauld (1613-1680), französischer Schriftsteller, der älteste der französischen Moralisten. – Anm.d.Übers Maxime, dass eine Frau – ich spreche von französischen Frauen – ohne Liebhaber leben könne, aber, wenn sie einmal einen Liebhaber zugelassen habe, nicht mehr durch's Leben komme mit nur einem einzigen. Sie ist vereinsamt; sie kann die Qual des Alleinseins nicht ertragen; sie füllt die Leere mit einem zweiten Götzen. Von der Tugend abfallen kann sie nicht mehr: es ist ein gleitender und unwillentlicher Abstieg, Sünde für Sünde, bis das Alter kommt und sie ohne Liebe und ohne Achtung zurücklässt. Ich überlegte in aller Ruhe, denn meine Leidenschaften machten meinen Verstand nicht blind. Die Egoisten um mich herum konnte ich nicht lieben. Ich entschied mich für die von mir eingeschlagene Laufbahn; und jetzt, angesichts der Versuchung, werde ich an ihr festhalten. Tugend ist mein Liebhaber, mein Stolz, meine Bequemlichkeit, mein Leben des Lebens. Sie lieben mich und wollen mir doch diesen Schatz rauben? Als ich Sie sah, fühlte ich zum ersten Mal ein vages berauschendes Interesse an einem anderen; aber von Gefahr ließ ich mir nichts träumen. Als unsere Bekanntschaft fortschritt, entwickelte ich eine herrliche romantische Vision. Ich würde Ihre beständigste, Ihre treueste Freundin sein; Ihre Vertraute, Ihre Ratgeberin – in manchen Lebensabschnitten vielleicht Ihre Inspiration und Ihr Wegweiser. Ich wiederhole, dass ich keinerlei Gefahr in Ihrer Gesellschaft erwartete. Ich fühlte mich selbst als edleres, besseres Geschöpf. Ich fühlte mich wohltätiger, toleranter, erhabener. Ich betrachtete das Leben durch das Medium einer reinigenden Bewunderung für eine begabte Natur, eine tiefgründige, edelmütige Seele. Ich stellte mir vor, wir könnten uns auf diese Weise für immer gegenseitig stärken, sichern, unterstützen. Nein, ich erwog mit Vergnügen die Aussicht auf Ihre künftige Ehe mit einer anderen, darauf sie zu lieben, mit ihr an Ihrem Glück mitzuwirken – meine Einbildung ließ mich vergessen, dass wir aus Staub geschaffen sind. Plötzlich waren alle diese Visionen verflogen – der schöne Palast war umgestürzt, und ich fand mich selbst erwacht wieder am Rande des Abgrundes – Sie liebten mich, und in dem Augenblick jenes schicksalhaften Geständnisses fiel die Maske von meiner Seele; ich spürte, dass Sie mir zu lieb geworden waren. Schweigen Sie noch, ich flehe Sie an! Ich erzähle Ihnen nichts von den Erregungen, den Kämpfen, welche ich in den letzten Stunden durchschritt – die Krise eines Lebens. Ich teile Ihnen einzig den Entschluss mit, zu dem ich gekommen bin. Ich schulde es Ihnen ebensosehr wie mir selbst, die Wahrheit zu sagen. Vielleicht wäre es weiblicher, sie zu verbergen; aber mein Herz ist in dieser Beziehung eher männlich. Ich vertraue stark auf Ihren Edelmut. Ich glaube, Sie können mit dem Besten in unserer menschlichen Schwachheit Mitleid empfinden. Ich sage Ihnen, dass ich Sie liebe – ich verlasse mich ganz auf Ihren Großmut. Ich bitte Sie flehentlich: stärken Sie mein eigenes Rechtsgefühl, denken Sie gut von mir, ehren Sie mich – und verlassen Sie mich!«

Während des letzten Teils dieses seltsamen, freimütigen Bekenntnisses war Valeries Stimme unbeschreiblich anrührend geworden: ihre Zärtlichkeit zwang sie zu diesem Verhalten; und als sie aufhörte, bebten ihren Lippen; Tränen, von heftiger Anstrengung zurückgehalten, zitterten in ihren Augen – sie rang die Hände – ihre Haltung war demütig, ohne Stolz.

Maltravers stand da wie gebannt. Schließ schritt er vor, sank auf's Knie, küßte ihre Hand in ehrfürchtiger Huldigung und wendete sich um, den Raum schweigend zu verlassen, weil er nicht zu sprechen vermochte.

Valerie starrte ihm in angstvollem Schrecken nach. »Oh nein, nein! rief sie, »verlassen Sie mich jetzt nicht, dies ist unser letztes Treffen, unser letztes! Sagen Sie mir wenigstens, dass Sie mich verstanden haben, dass Sie mich nicht für einen dummen Schwächling halten, aber auch nicht für eine herzlose Kokette. Sagen Sie mir, dass Sie erkennen, dass ich nicht so hart bin wie ich schien, dass ich nicht wissentlich mit Ihrem Glück scherzte, dass ich sogar jetzt nicht selbstsüchtig bin. Ihre Liebe – ich verlange nicht mehr nach ihr! Aber Ihre Wertschätzung – Ihre gute Meinung! Oh, sprechen Sie – sprechen Sie, ich flehe Sie an!«

»Valerie«, sagte Maltravers, »wenn ich schwieg, so war es, weil mein Herz zu voll für Worte war. Sie haben das ganze weibliche Geschlecht in meinen Augen erhöht. Ich liebte Sie – nun verehre ich Sie und bete Sie an. Ihr edler Freimut, welcher der unentschlossenen Schwäche und den elenden Listen Ihres Geschlechts so unähnlich ist, hat eine Saite meines Herzens berührt, die Jahre lang stumm blieb. Ich verlasse Sie und denke besser von der menschlichen Natur. Oh!« fuhr er fort, »mich rasch ganz zu vergessen, könnte Sie Schmerzen kosten. Ich möchte in trauriger Abwesenheit gerne glauben, dass ich Ihr Freund bleibe – nur Freundschaft soll es sein – die Inspiration, der Wegweiser, wovon Sie sprachen; und wenn hiernach Menschen mich mit Lobpreis und Auszeichnung nennen, so fühlen Sie, Valerie, fühlen Sie, dass ich mich über den Verlust Ihrer Liebe damit getröstet habe, Ihres Vertrauens, Ihrer Wertschätzung wert zu werden. Oh, wären wir doch früher zusammengetroffen, als noch kein Hindernis zwischen uns lag!«

»Gehen Sie, Gehen Sie, jetzt« stammelte Valerie von Ihren Gefühlen nahezu überwältigt. »Möge der Himmel Sie segnen! Gehen Sie!«

Maltravers murmelte einige unverständliche unzusammenhängende Worte und verließ die Wohnung.

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