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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel III

Versuch mich nicht, oh Lieb',
Ein dunkles Los mir blieb
beraubt von Dir.«

HEMANS, Genius' Gesang an die Liebe

Ich fürchte, dass Ernest Maltravers bisher wenig Erfahrung gewonnen hatte, außer wenigen, nicht sonderlich wertvollen Münzen weltlicher Weisheit, während er viel von jenem edleren Vermögen verloren hatte, mit dem jugendliche Begeisterung zur Lebensreise aufbricht. Erfahrung gibt offen, stiehlt aber heimlich. Zu ihren Gunsten muss freilich gesagt werden, dass wir ihr Gaben behalten; und falls man je ernsthaft Rückgabe verlangt, steht's allenfalls zehn zu eins, was man von ihren Diebstählen wiedergewinnt.

Maltravers hatte in Ländern gelebt, wo die öffentliche Meinung weder einen starken Einfluss hat noch streng in ihren Regeln ist; und das bringt keinen besseren Menschen hervor. Kopfüber mitten in die Versuchungen geworfen, was die erste Tortur der Jugend ausmacht, mit brennenden Leidenschaften und intellektueller Überlegenheit, war er vielmehr von einem zu vielen Irrtümern geführt worden, aus den Folgen, von denen der andere ihn entbunden hatte; die Notwendigkeit, sich durch die Welt zu schlagen, – heute dem Betrug, morgen der Gewalt die Stirn zu bieten, – hatte oberflächlich sein Herz verhärtet, während auf dem Grunde die Quellen noch frisch und lebendig sprangen. Er hatte vieles von seiner ritterlichen Verehrung für die Frau verloren, weil er sie weniger oft betrogen als betrügend erlebt hatte. Zudem waren auch die die letzten paar Jahre ohne höhere Ziele oder feste Beschäftigungen verbracht worden. Maltravers hatte in verschwenderischer, spekulierender Geisteshaltung vom Kapital seiner Fähigkeiten und Neigungen gelebt. Für einen klugen und feurigen Mann ist es schlecht, nicht von Beginn an irgendein erstrangiges Lebensziel zu verfolgen.

Bei alldem kann es kaum wundern, dass Maltravers unwillkürlich einem System, seine Vergnügungen zu bedienen, verfiel, ohne sich viele Gedanken wegen des Schadens oder des Wohls zu machen, die sie für andere oder ihn selbst bedeuten würden. Wenn man die Voraussicht vernachlässigt, verliert man das Pflichtgefühl; und wenn es auch wie ein Paradox wirkt: man kann kaum sorglos sein, ohne selbstsüchtig zu werden.

Im Verlangen nach Madame de St. Ventadours Gesellschaft gehorchte Maltravers lediglich dem mechanischen Impulse, der den Müßiggänger in die Arme derjenigen Gesellschaft führt, die seiner Muße am meisten willfährt. Er war interessiert und erregt; und Valeries Benehmen, das ihn heute umschmeichelte und morgen pikierte, weckte neben seiner Fantasie seine Eitelkeit und seinen Stolz. Obwohl jedoch Monsieur de St. Ventadour, als einem frivolen und lasterhaften Franzosen, gänzlich gleichgültig schien, was seine Frau tat – und in Valeries Gesellschaftsklasse hatte fast jede Dame ihren Kavalier, – hätte Maltravers doch mit Unglauben oder Bestürzung reagiert, wenn ihn jemand beschuldigt hätte, planvoll auf ihre Gefühle zu setzen. Aber er lebte mit der Welt, und die Welt beeinflusste ihn, wie sie es fast immer bei jedem tut. Noch spürte er zeitweise das Gefühl, er erfülle nicht pflichtgemäß seine wahre Bestimmung; und wenn er sich von den glanzvollen Orten unwürdiger und herzloser Zerstreuungen fortstahl, wurde er dann und wann heimgesucht von seinen alt-vertrauten Neigungen für das Schöne, das Tugendhafte, das Große. Allerdings ist die Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert; und so ergab sich Maltravers inzwischen der köstlichen Gegenwart von Valerie de St. Ventadour.

Eines Abends bildeten Maltravers, Ferrers, der französische Minister, ein hübscher Italiener und die Prinzessin di – – – die ganze bei Madame Ventadour versammelte Gesellschaft. Die Unterhaltung wendete sich Skandalgeschichten über Engländer zu, wie sie auf dem Kontinent so verbreitet sind.

»Stimmt es, Monsieur«, sagte der französische Minister ernst zu Lumley, »dass Ihre Landsleute viel unmoralischer sind als andere? Es ist sehr seltsam, aber in welche Stadt ich komme, immer vernimmt man irgendeine Geschichte, in der les Anglais die Helden sind. Ich höre nichts von französischem Skandal, nichts von italienischem, – toujour les Anglais

»Weil wir über diese Dinge schockiert sind und Lärm um sie machen, während Sie ihnen mit Stillschweigen begegnen. Laster ist bei uns Episode, bei Ihnen Epos.«

»Ich denke, das es sich so verhält«, sagte der Franzose mit gekünsteltem Ernst. »Wenn wir im Spiel betrügen oder mit einer Lady liebäugeln, tun wir es mit Anstand, und unsere Mitmenschen geht es nichts an. Aber Sie behandeln jede Schwäche, die Sie bei Ihren Landsleuten finden, als öffentliche Angelegenheit, über die man empört aufschreien, die man diskutieren und besprechen und der ganzen Welt erzählen muss.«

»Mir gefällt dieses Skandalsystem«, sagte Madame de St. Ventadour unvermittelt, »sagen Sie, was Sie wollen: die Höflichkeit der Furcht erhält vielen von uns die Tugend. Sündigen wäre nicht abstoßend, wenn wir nicht vor den Folgen auch nur des Scheins zittern würden.«

»Hm, hm«, grunzte in den Raum schlurfend Monsieur de St. Ventadour. »Wie geht es Ihnen? Wie geht es Ihnen? Erfreut Sie zu sehen. Düsterer Abend – ich fürchte, wir werden Regen bekommen. Hm, hm. Ah, Monsieur Ferrers, comment ç a va-t-il? Werden Sie mir Revanche beim é carté geben? Ich habe meine Bedenken, dass mir heute abend Glück beschieden ist. Hm, hm.«

»É carté! – nun, mit Vergnügen«, sagte Ferrers.

Ferrers spielte gut.

Die Unterhaltung endete augenblicklich. Die kleine Gesellschaft versammelte sich um den Tisch – alle, außer Valerie und Maltravers. Die verlassenen Sessel hinterließen eine Art Lücke zwischen ihnen; doch immer noch waren sie einander nahe, und sie waren verlegen, weil sie sich allein fühlten.

»Spielen Sie nie?« fragte Madame de St. Ventadour nach einer Pause.

»Ich habe gespielt«, sagte Maltravers, »und ich kenne die Versuchung. Ich mag jetzt nicht mehr spielen. Ich liebe den Reiz des Spiels, aber es demütigte mich bis zur Entwürdigung: es stellt eine moralische Trunkenheit dar, die schlimmer als die physische ist.«

»Sie sprechen mit Wärme.«

»Weil ich leidenschaftlich fühle. Ich gewann einst gegen einen von mir respektierten, aber armen Mann. Seine Qual war mir eine furchtbare Lektion. Ich ging heim und war entsetzt, dass ich so viel Vergnügen am Leid eines anderen hatte empfinden können. Seit dieser Nacht habe ich nie wieder gespielt.«

»So jung und so entschieden!« sagte Valerie mit Bewunderung in Ton und Blick, »Sie sind eine eigenartige Person. Andere wären durch Verlust geheilt worden, Sie wurden es durch Gewinn. Es ist eine feine Sache, in Ihrem Alter Prinzipien zu haben, Mr. Maltravers.«

»Ich fürchte, es war mehr Stolz als Prinzip«, sagte Maltravers. »Irrtum ist manchmal süß, aber nichts peinigt mehr als ein Irrtum, der uns beschämt. Ich kann es nicht hinnehmen, über mich selbst zu erröten.«

»Ach!« murmelte Valerie, »das ist ein Echo meines eigenen Herzens!« Sie stand auf und ging zum Fenster. Maltravers folgte ihr nach einer Weile. Vielleicht hielt er ihre Bewegung für eine halbe Einladung.

Die stille Straße lag vor ihnen mit ihren seltenen schwachen Lichtern; in der Ferne kämpften sich einige Sterne durch eine ungewöhnlich bewölkte Atmosphäre und brachten das raunende Meer teilweise zur Ansicht. Valerie lehnte sich gegen die Wand. Die Fenstervorhänge verbargen sie vor all den Gästen, nicht jedoch Maltravers. Zwischen ihnen stand eine große Marmorvase mit Blumen. Bei diesem ungewissen Licht wirkte Valeries blendende Wange blass, zart und nachdenklich. Maltravers hatte sich nie zuvor so verliebt in diese schöne Französin gefühlt.

»Ach, Madame!« sagte er zärtlich, »es gibt einen Irrtum, wenn er denn einer ist, der mir niemals Scham verursachen würde.«

»Tatsächlich!« sagte Valerie mit einer ungekünstelten Bewegung, denn sie hatte nicht bemerkt, dass er ihr so nahe war. Als sie sprach, begann sie – ein bekannter weiblicher Kunstgriff –, die Blumen aus der Vase zwischen ihr und Ernest zu pflücken. Diese kleine, erlesene, nahezu durchsichtige Hand! – Maltravers starrte auf die Hand, dann auf ihr Gesicht, dann wieder auf die Hand. Der Ort schwamm ihm vor Augen, und ohne es zu wollen, wie durch einen unwiderstehlichen Antrieb befand sich diese Hand im nächsten Augenblick in seiner eigenen.

»Verzeihen Sie mir, – verzeihen Sie mir«, stammelte er, »aber dieser Irrtum liegt in den Gefühlen, die ich für Sie hege.«

Valerie hob ihre großen leuchtenden Augen zu ihm und gab keine Antwort.

Maltravers fuhr fort: »Schelten Sie mich, zürnen Sie mir, hassen Sie mich, wenn Sie wollen. Valerie, ich liebe Sie.«

Valerie zog ihre Hand fort und verharrte schweigend.

»Sprechen Sie zu mir«, sagte Ernest, sich vorbeugend, »ein Wort, ich beschwöre Sie – sprechen Sie zu mir!«

Er wartete, – immer noch keine Antwort; er lauschte atemlos – er hörte sie schluchzen. Ja, diese stolze, diese kluge, diese vornehme Weltdame war in diesem Augenblick so schwach wie das schlichteste Mädchen, das je einem Geliebten gelauscht hatte. Doch wie anders waren die Gefühle, die sie schwach machten! – welch zärtliche und welch ernste Gefühle vermischten sich!

»Mr. Maltravers«, sagte sie, nachdem sie ihrer Stimme wieder mächtig war, obwohl diese hohl, zugleich fast unnatürlich sicher und klar klang, »der Würfel ist gefallen, und ich habe für immer den Freund verloren, für dessen Glück ich nicht leben kann, aber für dessen Wohlergehen ich gestorben wäre; ich hätte das vorhersehen müssen, aber ich war blind. Nicht mehr – nicht mehr; kommen Sie morgen zu mir und verlassen Sie mich jetzt!«

»Aber, Valerie -»

»Ernest Maltravers«, sagte sie und legte ihre Hand leicht auf seine, » nichts peinigt mehr als ein Irrtum, der uns beschämt

Bevor er auf dieses Zitat seines eigenen Aphorismus antworten konnte, war Valerie fort geschlüpft und saß bereits am Kartentisch neben der italienischen Prinzessin.

Maltravers schloss sich ebenfalls dieser Gruppe an. Er richtete seine Augen auf Madame de St. Ventadour, ihr Gesicht jedoch war ruhig – keine Spur einer Erregung war feststellbar. Ihre Stimme, ihr Lächeln, ihr bezauberndes vornehmes Wesen: alles war so, wie er sie zum ersten Mal erblickt hatte.

»Diese heuchlerischen Weiber!« murmelte Maltravers bei sich, und seine Lippe kräuselte sich höhnisch, was in letzter Zeit oft den heiteren und liebenswürdigen Ausdruck seiner früheren Jahre verdrängte hatte, bevor er wusste, was es hieß zu verachten. Aber Maltravers missverstand die Frau, die er zu verachten trachtete.

Bald zog er sich vom Palazzo zurück und suchte sein Hotel auf. Dort traf er, noch im Ankleidezimmer grübelnd, mit Ferrers zusammen. Die Zeiten waren vorbei, zu denen Ferrers Einfluss auf Maltravers ausgeübt hatte; der Junge war zu einem vollwertigen Mann geworden in der Handhabung jenes zweischneidigen Schwertes – des Verstandes. Und Maltravers fühlte nun ungetrübt das ruhige Bewusstsein seiner überlegenen Begabung. Er konnte Ferrers nicht bekennen, was zwischen ihm Valerie vorgefallen war. Lumley war zu hart für einen Vertrauten in Herzensangelegenheiten. In Hochstimmung und inmitten leichfertiger Abenteuer bestach Ferrers in der Tat. Aber in Augenblicken der Trauer oder tiefer Gefühle wünschte man sich Ferrers aus dem Weg.

»Du bist reichlich übel gelaunt, mon cher«, sagte Lumley gähnend. »Ich denke, du solltest zu Bett gehen – einige Leute sind so unerzogen, so selbstsüchtig, dass sie nie an ihre Freunde denken. Niemand fragt mich, was ich beim é carté gewonnen habe. Komm morgen nicht zu spät – ich hasse es, alleine zu frühstücken, und ich komme nie nach Viertel vor Neun – ich hasse egoistische Leute mit schlechten Manieren. Gute Nacht.«

Damit verschwand Ferrers in seinem eigenen Zimmer; dort monologisierte er, während er sich langsam entkleidete: »Ich glaube, ich habe von diesem Menschen jeden mir möglichen Gebrauch gemacht. Wir ziehen nicht mehr am gleichen Strang; vielleicht bin ich diese Sorte von Leben ein bisschen leid. Das ist nicht gut. Ich werde nach und Ehrgeiz entwickeln, aber ich halte es für ein schlechtes Kalkül, nicht das Beste aus der Jugend herauszuholen. Mit Vier- oder Fünfunddreißig wird noch genügend Zeit sein zu bedenken, was man mit Fünfzig sein sollte.«

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