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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel II

Erbärmlicher, so hub der Pilger an,
was gabst der Leidenschaft du kampflos nach?
Sie naht sich erst bloß leis und schwach dem Mann,
Geduldet, bringt sie rasch ihn dann in Schmach;
Bekämpf sie anfangs gleich, dann ist sie schwach.

SPENSER

Maltravers besuchte häufig das Haus von Madame de St. Ventadour – es stand der Öffentlichkeit zwei Mal die Woche offen, und drei Mal die Woche für Freunde.

Maltravers gehörte bald zur letzteren Gruppe. Madame de St. Ventadour hatte ihre Kindheit in England verbracht, weil ihre Eltern emigres gewesen waren. Sie sprach gut und fließend Englisch, und das freute Maltravers; denn obwohl er mit der französischen Sprache hinreichend vertraut war, ging es ihm wie den meisten, die auf ihren Geist mehr Wert legen als auf den Rest ihrer Person; er war zutiefst abgeneigt, seine besten Gedanken im Domino einer fremden Sprache aufs Spiel zu setzen. Der falsche Akzent oder die unzutreffende Redewendung machen uns nichts, wenn wir über Nichtigkeiten sprechen. Aber wenn wir etwas von der Poesie in uns äußern, erbeben wir vor der Gefahr auch des geringfügigsten Schnitzers.

Dies war besonders bei Maltravers der Fall; denn abgesehen davon, dass er gegenwärtig von seiner sorglosen Jugend zu einem stolzen und anspruchsvollen Mann herangereift war, besaß er eine natürliche Neigung für das Schickliche. Diese Neigung zeigte sich unbewusst in Kleinigkeiten: es ist der natürliche Ursprung guten Geschmacks. Tatsächlich war Ernest guter Geschmack angeboren, und dieser machte seine Sorglosigkeit in jenen persönlichen Angelegenheiten wett, bei denen gewöhnlich junge Männer Stolz entwickeln. Eine gewohnheitsmäßige, fast soldatische Ordentlichkeit, überhaupt seine Liebe zu Ordnung und Ebenmaß ersetzte bei ihm die aufwendige Beachtung von Ausrüstung und Kleidung.

Maltravers hatte in seinem Leben nie darüber nachgedacht, ob er hübsch sei oder nicht; und wie die meisten Männer, die sich mit dem »schwachen Geschlecht« auskennen, wusste er, dass Schönheit wenig bedeutete, wollte man Frauenliebe erringen. Die Ausstrahlung, die Haltung, der Ton, die Konversation, das gewisse Etwas, das interessiert und auf das man stolz sein kann – das sind die Eigenschaften, für die Männer geliebt werden. Und der »schöne Mann« stellt in neun von zehn Fällen wenig mehr dar als den Orakelspruch seiner Tanten und das »Was'n Hübscher!« der Dienstmädchen.

Um von dieser Abschweifung zurückzukehren: Maltravers war froh, sich mit Madame de St. Ventadour in seiner eigenen Sprache unterhalten zu können; ihre Konversation begann im Allgemeinen auf Französisch und glitt dann hinüber ins Englische. Madame de St. Ventadour war beredt, Maltravers auch; doch gab es kaum einen vollständigeren Gegensatz als den in ihren geistigen Standpunkten und ihren Gesprächgewohnheiten.

Madame de St. Ventadour betrachtete alles als Frau von Welt: sie war brillant, gedankenvoll und nicht ohne Delikatesse und Zartheit des Gefühls; gleichwohl wurde alles in eine weltläufige Form gegossen. Die gesellschaftlichen Einflüsse hatten sie geformt, und ihr Geist verriet ihre Erziehung. Geistreich und wehmütig zugleich (keine ungewöhnliche Verbindung), war sie Schülerin einer traurigen, doch kaustischen Philosophie, wie die Sattheit sie hervorbringt. In dem von ihr geführten Leben war weder ihr Herz noch ihr Kopf beteiligt; beider Fähigkeiten waren nur gereizt, nicht aber beschäftigt oder gar zufriedengestellt. Sie fühlte zu deutlich die Leere der großen Welt und dachte von der menschlichen Natur gering.

In der Tat war sie eine Frau, wie französische Memoiren sie uns zeigen: eine dieser bezaubernden, spirituellen Aspasien Aspasia (um 470 - um 420) gründete in Athen einen eigenen philosophischen Salon; als Lebensgefährtin des die Stadt führenden Perikles besaß sie auch politisch Einfluss. – Anm.d.Übers. der Boudoirs, die wegen ihre Subtilität, ihres Taktes, ihrer Grazie und ihrer exquisiten Raffinesse interessieren und Oberflächlichkeit und Frivolität einerseits ausgleichen durch einschlägige Kenntnis des gesellschaftlichen Systems, in dem sie sich bewegen, andererseits durch halb verschleierte, berührende Unzufriedenheit mit den Nichtigkeiten, auf die ihre Talente und Neigungen verschwendet werden. Diese Frauen enden nach einer Jugend verfehlten Vergnügens oft im Alter bei verfehlter Hingabe. Sie gehören zu einer Gruppe, die eigentümlich für jene Ränge und Länder ist, in denen dieses heitere und unglückliche Wesen erstrahlt und betrübt: eine heimatlose Frau.

Dies war nun ein Exemplar des Lebens – diese Valerie de St. Ventadour -, das Maltravers bislang nicht vor Augen gekommen war, und er war vielleicht etwas ebenso Neues für die französische Frau. Sie erfreuten sich an ihrer Gesellschaft, obwohl sie niemals übereinstimmten.

Madame de St. Ventadour ritt aus, und Maltravers war gewöhnlich einer ihrer Begleiter. Und wie schön waren die Landschaften, durch welche ihre täglichen Ausflüge führten!

Maltravers war ein vortrefflicher Gelehrter. Die Vorräte der unsterblichen Toten waren ihm ebenso vertraut wie seine eigene Sprache. Die Dichtung, die Philosophie, das Denken und die Lebensweise der anmutigen Griechen und der üppigen Römer waren ein Bestandteil, der in seinem Wissen ein geläufiges, verfügbares Element seiner eigenen Vorstellungen und gedanklichen Eigentümlichkeiten ausmachte. Er hatte seinen Intellekt gesättigt am Paktolus Ein im Alterthum wegen seines Reichtums an Goldsand berühmter Fluß Lydiens in Kleinasien; hier metaphorisch für »kultureller Reichtum der Antike«. Tmolus ist der hierzu gehörige Berg. – Anm.d.Übers. der Alten – und die Goldkörner kamen mit jeder Flut herunter vom klassischen Tmolus. Diesem oft so nutzlosen Wissen der Toten wohnt ein unaussprechlicher Zauber inne, wenn es sich andern Orten entfaltet, wo die Toten lebten. Wir machen uns nichts aus den Altertümern von Highgate Hill, Stadtteil von London. – Anm.d.Übers aber in Baiae, Antike Siedlung am Golf von Neapel. – Anm.d.Übers. Pompeji, am Hades Virgils, bilden die Altertümer eine Gesellschaft, mit der es uns vertraut zu werden dürstet.

Welch ein Cicerone war Ernest Maltravers für die angeregte und neugierige Französin! Wie geflissentlich lauschte sie den Berichten über ein Leben, das weitaus eleganter war als das von Paris! – einer Zivilisation, welche die Welt nie mehr kennenzulernen vermag! Desto besser; – denn sie war im Kern verdorben, bei allem äußeren Glanz. Jene toten Namen und substanzlosen Schatten, über die Madame de St. Ventadour gewöhnlich bei knochentrockener Geschichte gähnte, gewannen Leben durch Maltravers' Beredsamkeit – sie leuchteten und bewegten sich, – sie feierten und liebten sich, – waren weise und dumm, glücklich und traurig wie Lebewesen.

Maltravers indes erfuhr tausend neue Geheimnisse gegenwärtig exisitierenden Welt von den Lippen der vollendeten, aufmerksamen Valerie. Welch einen neuen Schritt in der Lebensphilosophie tut ein junger Mann von Genie, wenn zum ersten Mal seine Theorien und Erfahrungen zu dem Verstand einer klugen Frau von Welt in Beziehung setzt! Vielleicht hebt es ihn nicht auf eine höhere Stufe, aber aufklärend und verfeinernd wirkt es! – welche zahllose winzige, wenn auch unbedeutende Geheimnisse des menschlichen Charakters und der praktischen Weisheit trinkt er unbewusst aus der funkelnden Spöttelei einer solchen Gefährtin! Unsere Erziehung ist kaum je vollständig ohne dies.

»Und so glauben Sie also, dass diese prächtigen Römer am Ende uns selbst nicht so unähnlich waren?« sagte Valerie eines Tages, als sie über denselben Grund und dasselbe Meer schauten, über welche schon die Augen des wollüstigen, aber herrlichen Lukullus geschweift waren.

»In den letzten Tagen der Republik könnte ein coup d'œ, il Blick. – Anm.d.Übers. auf ihre gesellschaftliche Lage uns eine allgemeine Vorstellung unserer eigenen vermitteln. Ihr System, wie das unsere ein gewaltige Aristokratie, erschüttert und aufgerührt, aber ehrgeizig und intellektuell gehalten durch einen großen demokratischen Ozean, der es von unten und allen Seiten umtoste; ein immenser Unterschied zwischen Arm und Reich – ein Adel, schwelgerisch, wohlhabend, kultiviert, und doch kaum elegant oder verfeinert; ein Volk mit mächtigen Ansprüchen auf mehr Freiheit, aber in einer Krise immer anfällig, von einer tiefsitzenden Ehrfurcht für eben den Adel, gegen den es kämpft, beeinflusst und unterdrückt zu werden; – eine fertige Bresche in allen Schutzmauern von Gewohnheit und Vorrecht für jegliche Art von Talent und Ehrgeiz; jedoch ein so starker und allgemeiner Respekt vor dem Wohlstand, dass der feinste Kopf nahezu unbewusst geizig, raffgierig und korrupt wurde; und der Mann, der aus dem Volk aufgestiegen war, hatte keine Skrupel, sich zu bereichern mit Hilfe jener Missbräuche, die er zu beklagen vorgab; und der Mann, der für sein Land gestorben wäre, war außer Stande, seine Hände nicht in dessen Taschen zu stecken. Cassius, der hartnäckige und gedankenvolle Patriot mit seinem Eisenherz, juckte, wie Sie sich erinnern, die Hand. Aber was für ein Schlag für alle Hoffnungen und Träume einer Welt war der Sturz der Freiheitspartei nach Cäsars Tod! Wie viele Generationen freier Männer fielen in Philippi! 42 v.u.Z siegten Marc Anton und Oktavian, der spätere Kaiser Augustus, über die Anhänger der Republik bzw. Mörder Cäsars. – Anm.d.Übers. In England haben wir letztlich denselben Kampf; in Frankreich bemerken wir auch (vielleicht in größerem Umfang, mit weitaus erregbareren Akteuren) denselben Krieg der Elemente, der Rom in seinem Grund erschütterte, welches schließlich den freigebigen Julius durch den heuchlerischen Augustus ersetzte, der die gewaltigen Patrizier vernichtete, um den Weg freizumachen für die glitzernde Zwerge des Hofes, und das Volk substanzlos mit dem Schatten der Freiheit betrog. Wie es in der modernen Welt enden mag? Wer weiß. Aber solange eine Nation noch einen anständigen Grad von konstitutioneller Freiheit hat, halte ich keinen Kampf für so gefährlich und furchterregend wie den zwischen dem aristokratischen und dem demokratischen Prinzip. Ein Volk gegen einen Despoten – für diesen Kampf braucht es keinen Propheten; aber der Wechsel von einem aristokratischen zu einem demokratischen Gemeinwesen ist allerdings die umfassende und unbegrenzte Aussicht, mit Schatten, Wolken und Dunkelheit. Wenn er fehlschlägt, dann ist für Jahrhunderte die Zeit zurückgestellt; wenn er gelingt …«

Maltravers hielt ein.

»Und wenn er gelingt?« sagte Valerie.

»Nun ja, dann wird der Mensch Utopia besiedelt haben!« erwiderte Maltravers.

»Aber immerhin wird im modernen Europa«, fuhr er fort, »angemessener Raum sein für das Experiment. Denn wir leiden nicht unter dem Fluch der Sklaverei, die mehr als alles andere jedes System der Alten beeinträchtigte und die Reichen und die Armen wechselweise im Krieg hielt; und wir besitzen eine Presse, die nicht nur das Sicherheitsventil für die Leidenschaften jeder Partei bildet, sondern das große Notizbuch der Experimente jeder Stunde – das schlichte, das unschätzbare Hauptbuch von Verlust und Gewinn. Nein, Leute, die diesen Notizblock sauber halten, können niemals bankrott gehen. Und die Gesellschaft dieser alten Römer, ihre täglichen Leidenschaften, Beschäftigungen, Launen! – nun, die Satiren des Horaz spiegeln unsere eigenen Torheiten! Wir mögen uns seine lässigen Seiten geschrieben auf der Chaussee d'Antin oder in Mayfair Vornehme Viertel in Paris bzw. London. – Anm.d.Übers. vorstellen; aber es gab eines, das auf immer die alte Welt der unseren unähnlich sein lassen wird.«

»Und was ist das?«

»Die Alten kannten nicht die Köstlichkeit in den Gefühlen, welche die Abkömmlinge der Goten Hier gleichbedeutend mit »Germanen«. – Anm.d.Übers charakterisiert«, sagte Maltravers, und seine Stimme zitterte leicht; »sie traten dem Monopol der Sinne ab, was einen gleichen Anteil in Vernunft und Einbildungskraft haben sollte. Ihre Liebe war ein schöner schamloser Schmetterling, aber nicht der Schmetterling, der das Emblem der Seele darstellt.«

Valerie seufzte. Sie schaute scheu in das Gesicht des jungen Philosophen, aber seine Augen waren abgewendet.

»Vielleicht«, sagte sie nach einer kurzen Pause, »verbringen wir unser Leben glücklicher ohne Liebe als mit ihr. Und in unserem modernen gesellschaftlichen System« (fuhr sie gedankenvoll fort und mit tiefgründiger Wahrheit, obgleich sie kaum das Ergebnis ist, zu dem eine Frau oft gelangt) »haben wir, glaube ich, Liebe zu einem zu großen Übergewicht über die anderen Reize des Lebens hochgehätschelt. Als Kinder werden wir gelehrt, von ihr zu träumen; in der Jugend sind alle unsere Bücher, unsere Unterhaltung, unsere Spiele von ihr erfüllt. Wenn wir jedoch tatsächliche Erfahrungen machen, wenn wir diesem eingeschärften und stimulierten Verlangen nachgeben, empfinden wir uns in neun von zehn Fällen als elend und erledigt. Ach, glauben Sie mir, Mr. Maltravers, das ist keine Welt, in der wir die Philosophie der Liebe zu weit hinauf predigen sollten!«

»Und spricht Madame de St. Ventadour aus Erfahrung?« fragte Maltravers, indem er ernst auf die wechselnde Miene seiner Gefährtin schaute.

»Nein, und ich hoffe, es niemals zu tun!« sagte Valerie mit bedeutender Energie.

Ernests Lippen kräuselten sich leicht, weil sein Stolz berührt war.

»Ich könnte viele Zukunftsträume aufgeben«, sagte er, »nur um Madame de St. Ventadour diese Bemerkung widerrufen zu hören.«

»Wir sind unseren Begleitern davongeritten, Mr. Maltravers«, sagte Valerie kühl und zügelte ihr Pferd. »Ach, Mr. Ferrers«, fuhr sie fort, als Lumley und der hübsche deutsche Baron sich ihr nun zugesellten, »Sie sind zu galant; ich sehe Sie ein delikates Kompliment über meine Reitkunst andeuten, wenn Sie mich glauben machen wollen, dass Sie mit mir nicht mithalten können: Mr. Maltravers ist nicht so höflich.«

»Nein«, sagte Ferrers, der selten ein Kompliment verschleuderte ohne zufriedenstellende Rendite, »nein, Sie und Mr. Maltravers schienen verloren unter den alten Römern; und unser Freund, der Baron, ergriff die Gelegenheit, mir von allen Damen zu erzählen, die ihn bewunderten.«

» Ah, Monsier Ferrare, que vous etes mailinWie bösartig Sie sind! – Anm.d.Übers. sagte Schomberg und sah ziemlich verwirrt aus.

» Malin! no; die Rede war nicht von Eifersucht: ich wurde niemals angebetet, dem Himmel sei Dank! Wie langweilig muss das sein!«

»Ich gratuliere Ihnen zur Übereinstimmung mit Ferrers«, flüsterte Maltravers Valerie zu.

Valerie lachte; aber während des weiteren Ausflugs blieb sie gedankenvoll und abwesend, und einige Tage wurden ihre Ritte nicht fortgesetzt. Madame de St. Ventadour ging es nicht gut.

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