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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Zweites Buch.

»Blüht dem Sterblichen noch holdselig die Blume der Jugend,
Sinnt er mit leichtem Gemüt vieles von nichtiger Art.«

SIMONIDES, in Vit. Hum.

Kapitel I

» Il y eut certainement quelque chose de singulier dans mes sentimens pour cette charmante femme.« Es gab gewiss etwas Einzigartiges in meinen Gefühlen für diese bezaubernde Frau. – Anm.d.Übers. – ROUSSEAU.

Es war ein glänzender Ball im Palast der österreichischen Botschaft in Neapel, und eine Menge von Tagedieben jeden Alters, die stets die herrschende Schönheit umlagern, hatte sich um Madame de St. Ventadour versammelt. Im Allgemeinen entscheidet mehr Willkür als Geschmack die Wahl zur italienischen Schönheitskönigin. Nichts enttäuscht einen Fremden mehr, als zum ersten Mal die Frau zu sehen, der die Welt den goldenen Apfel Im Streit um den Apfel der Eris wurde der als Knabe ausgesetzte unerkannt als Hirte in den Idabergen lebende Paris als Richter gefragt. Den goldenen Apfel mit der Aufschrift »Der Schönsten« hatte die Göttin der Zwietracht Eris auf die Festtafel bei der Hochzeit von Peleus und Thetis geworfen, Zwietracht säend, weil sie nicht geladen war. Den Apfel beanspruchten die Göttinnen Hera, Athena und Aphrodite. Hera versprach Paris im Falle ihrer Wahl Macht, Athene versprach Weisheit und Aphrodite versprach Liebe. Paris wählte Aphrodite (Urteil des Paris). In der Folge wurde Paris als trojanischer Königssohn wiedererkannt und von der königlichen Familie in Troja aufgenommen. Paris verursachte durch den Raub der Helena später den trojanischen Krieg. – Anm.d.Übers. verliehen hat. Dennoch verfällt er zuletzt auch dem gängigen Götzendienst und schwenkt mit unbegreiflicher Schnelligkeit von ungehaltenem Skeptizismus zur abergläubischer Verehrung. In der Tat bedarf es tausenderlei Dinge neben bloßem Ebenmaß der Erscheinung, um die kytherische Aphrodite Aphrodite ist nach der griechischen Mythologie die »Meerschaumgeborene«; nach einer Version der Sage betrat sie auf Kythera das Land. – Anm.d.Übers. der Stunde zu werden – gesellschaftlicher Anstand, charmantes Auftreten, namenlos pikanter Glanz. Darin findet die Welt die Grazien, welche die Venus proklamieren. Wenige erzielen herausragendes Ansehen ohne hinzutretende äußere Umstände, die nichts mit der gefeierten Sache selbst zu tun haben. Manche Eigenschaften oder Umstände werfen ein geheimnisvolles Licht auf die Person. »Ist Mr. So-und-So wirklich solch ein Genie?« »Ist Mrs. Die-und-Die wirklich solch eine Schönheit?« fragt man ungläubig. »Oh ja«, lautet die Antwort. »Wissen Sie alles über sie? Dies wird gesagt, oder jenes ist geschehen.« Das Idol ist interessant an sich und wird darum für sein maßgebliches populäres Merkmal verehrt.

Madame de St. Ventadour war nun zu dieser Zeit die Schönheit Neapels; und obwohl fünfzig Frauen im Raum hübscher waren, hätte keiner gewagt, das so zu auszusprechen. Sogar die Frauen gestanden ihr die Vorherrschaft zu – denn ihre Gewandung war die vollkommenste, die selbst Frankreich aufweisen konnte. Keinen Ansprüchen beugen sich Damen mit so wenigen Einwänden wie denen, die auf jener weiblichen Kunst beruhen, welche alle studieren und in der nur wenige sich auszeichnen. Für Frauen ist ein Gesicht unter einer seltsamen Haube niemals schön, ebensowenig ist es hässlich, wenn seine Kopfbedeckung nicht aus der Reihe fällt.

Madame de St. Ventadour besaß also den Zauber, der sich aus instinktiver hoher Lebensart ergibt, die von der Gewohnheit bis zum Äußersten geschliffen worden ist. Sie verkörperte in Aussehen und Bewegung die grande dame, als ob die Natur von der Rangordnung engagiert worden wäre, um sie so zu schaffen. Sie stammte aus einem der berühmtesten Häuser Frankreichs, hatte mit Siebzehn einen Mann von gleicher Geburt geheiratet, der indes alt, fade und aufgeblasen war – eher eine Karikatur als ein Abbild jener großen französischen noblesse, welche nun fast ganz ausgelöscht ist. Aber ihre Tugend war makellos – aus Stolz, sagten einige, andere aus Kälte. Sie besaß einen feinen, wachen, doch dezenten esprit, denn die hohe französische Lebensart war sehr verschieden von der lethargischen, wortkargen Unerschütterlichkeit der englischen.

Schweigsame Menschen gelten herkömmlich als elegant. Ein Groom heiratete eine reiche Dame; er fürchtete, sich vor den Gästen, die sich ob seines neuen Ranges an der Tafel einfanden, lächerlich zu machen – ein alter Oxfordianer, ein Geistlicher, gab ihm den Rat: »Ziehen Sie eine schwarze Jacke an und halten Sie den Mund!« Der Groom befolgte den Tipp und wird seitdem als einer der vornehmsten Burschen in der Grafschaft betrachtet. Konversation ist der springende Punkt wahren Zartgefühls und subtiler Anmut, was das Ideal des sittlich-feinen Verhaltens ausmacht.

Und da saß Madame de St. Ventadour, ein wenig entfernt von den Tänzern, mit dem schweigenden englischen Dandy Lord Taunton, der exquisit gekleidet und herrlich groß kerzengerade hinter ihrem Sessel stand; und dem sentimentalen deutschen Baron von Schomberg, der – mit Orden bedeckt, mit Backenbart und Perücke perfekt bis zum letzten Haar – zu ihrer linken Hand seufzte; und dem französischen Minister, durchtrieben, nichtssagend und eloquent, im Sessel zu ihrer Rechten; und rund herum auf allen Seiten gedrängt, gebückt und beglückwünscht eine Schar von diplomatischen Sekretären und italienischen Prinzen, deren Platz der Spieltisch ist und deren Vermögen ihre Galerie und die ein Gemälde verkaufen, während englische Gentlemen einen Wald fällen, wenn die Karten schlecht stehen.

Die bezaubernde de St. Ventadour! Sie hatte Anziehungskraft für sie alle: Lächeln für die Schweigenden, Neckerei für die Heiteren, Politik für die Franzosen, Dichtung für die Deutschen, die Beredsamkeit der Anmut für alle! Sie sah bestens aus – die zarteste Tönung von Rouge verlieh ihrem durchsichtigen Teint einen Schimmer und erhellte diese großen, dunklen, in verborgener Sanftheit funkelnden Augen, die außer in französischen Gesichtern selten zu sehen sind – weit entfernt von dem ungeistigen Schmachten des spanischen oder der vollen, majestätischen Wildheit des italienischen Blicks. Ihr Kleid von schwarzem Samt und der zierliche Hut mit seinem fürstlichen Putz standen im Gegensatz zur Alabasterweiße von Arm und Hals. Und bei diesen Augen, dieser Haut, dieser reichen Färbung des Teints, diesen rosigen Lippen und diesen kleinen Elfenbeinzähnen hätte niemand in kalter Weise überkritisch wahrgenommen, dass das Kinn zu spitz, der Mund zu breit und die Nase, so schön sie von vorne erschien, im Profil keineswegs vollkommen war.

»Ach bitte, waren Madame heute auf der Strada Nuova?« fragte der Deutsche mit soviel Süße in der Stimme, als ob er ewige Liebe geloben würde.

»Was sonst sollen wir Frauen mit dem Morgen anfangen?« gab Madame de St. Ventadour zurück. »Unser Leben ist Faulenzerei von der Wiege bis zum Grabe; und unsere Nachmittage sind nur Kennzeichen unserer Laufbahn. Ein Spaziergang und eine Ansammlung von Menschen, – voila tout! Wir sehen nie die Welt – außer in einem offenen Wagen.«

»Das ist die erfreulichste Art sie zu sehen«, sagte der Franzose trocken.

» J' en doute; die schlimmste Erschöpfung kommt aus Mangel an Bewegung.«

»Würden Sie mir die Ehre geben und mit mir Walzer tanzen?« fragte der große englische Lord, der verstanden zu haben glaubte, dass Madame de St. Ventadour lieber tanzen würde als stillzusitzen. Der Franzose lächelte.

»Lord Taunton vollstrecken Ihre eigene Philosophie«, sagte der Minister.

Lord Taunton lächelte, weil alle anderen auch lächelten; und übrigens hatte er schöne Zähne. Aber er erwartete ängstlich eine Antwort.

»Heute abend nicht, – ich tanze selten. Wer ist diese ausgesprochen hübsche Frau? Welch anmutigen Teint die Engländerinnen haben! Und wer«, fuhr Madame de St. Ventadour fort, ohne eine Antwort auf ihre Frage abzuwarten, »wer ist dieser Gentleman, den jungen meine ich, der dort an der Tür lehnt?«

»Was? Der mit dem dunklen Schnäuzer?« sagte Lord Taunton. »Er ist ein Cousin von mir.«

»Oh nein; nicht Colonel Bellfield; ich kenne ihn – wie amüsant er ist! – Nein, der Gentleman, den ich meine, trägt keinen Schnäuzer.«

»Oh, der große Engländer mit den hellen Augen und der hohen Stirn«, sagte der französische Minister. »Er ist gerade angekommen – aus dem Orient, glaube ich,«

»Es ist ein bemerkenswertes Gesicht«, sagte Madame de St. Ventadour; »es liegt etwas Ritterliches in der Wendung des Kopfes. Zweifellos, Lord Taunton, ist er noble

»Er ist, was Sie noble nennen«, versetzte Lord Taunton, »und was wir einen Gentleman nennen; sein Name ist Maltravers. Er ist gerade volljährig geworden und hat, glaube ich, ein ziemlich großes Vermögen.«

»Monsieur Maltravers, nur Monsieur« wiederholte Madame de St. Ventadour.

»Ah«, sagte der französische Minister, »Sie müssen wissen, dass der englische gentilhomme kein de oder einen Titel braucht, um ihn von dem roturier gentilhomme - roturier: Edelmann - Bürgerlicher. – Anm.d.Übers. zu unterscheiden.«

»Ich weiß das, aber er hat eine Ausstrahlung, die über einen einfachen gentilhomme hinausgeht. Es liegt etwas Großes in seiner Erscheinung; aber es ist nicht, muss ich gestehen, die konventionelle Größe des Ranges. Vielleicht würde er ebenso ausgesehen haben, wenn er als Bauer geboren wäre.«

»Sie halten ihn nicht für hübsch?« sagte Lord Taunton fast ärgerlich (denn er war einer von den Schönlingen, und Schönlinge sind manchmal eifersüchtig).

»Hübsch! Davon war nicht die Rede«, antwortete Madame de St. Ventadour lächelnd; »es ist mehr ein feiner Kopf als ein hübsches Gesicht. Ist er klug, frage ich mich? Aber ihr Engländer, Mylord, seid alle sehr gebildet.«

»Ja, gründlich – gründlich, wir sind gründlich, nicht oberflächlich«, gab Lord Taunton zurück, seine Manschetten herunterziehend.

»Wollen Madame de St. Ventadour mir erlauben, ihr einen meiner Landsleute vorzustellen?« sagte sich nähernd der englische Minister: »Mr. Maltravers.«

Madame de St. Ventadour lächelte errötend, als sie aufschaute und, bewundernd zu ihr geneigt, das stolze und ernste Gesicht sah, das sie bemerkt hatte.

Man stellte sich vor, einige Worte wurden gewechselt. Der französische Diplomat erhob sich und ging mit dem englischen fort. Maltravers nahm den leeren Sessel ein.

»Waren Sie lange im Ausland?« fragte Madame de St. Ventadour.

»Nur vier Jahre; aber lange genug um zu fragen, ob ich in England nicht ganz und gar im Ausland wäre.«

»Sie waren im Orient – ich beneide Sie. Und Griechenland und Ägypten, all die Assoziationen! Sie sind zurück in die Vergangenheit gereist; Sie sind, wie sich Madame d'Epinay Louise Florence Pétronille Lalive, marquise d'Épinay, besser bekannt als Madame Louise d'Épinay (1726-1783), französische Schriftstellerin und bekannte Salonnière. – Anm.d.Übers. wünschte, aus der Zivilisation und in die Romantik geflüchtet.«

»Gleichwohl verbrachte Madame d'Epinay ihr Leben damit, hübsche Romanzen in einer sehr annehmbaren Zivilisation zu erleben«, bemerkte Maltravers lächelnd.

»Dann kennen Sie ihre Memoiren«, sagte Madame de St. Ventadour leicht errötend. »In der Gegenwart einer aufregenderen Literatur nehmen wenige sich die Zeit für zweitklassige Werke der Vergangenheit.«

»Sind nicht diese zweitklassigen Leistungen oft die reizvollsten«, entgegnete Maltravers, »wenn die Mittelmäßigkeit des Intellekts fast erscheint, als wäre sie der Effekt einer berührenden, wenn auch zu matten, Zartheit des Gefühls? Madame d'Epinays Memoiren haben diesen Charakter. Sie war keine tugendhafte Frau – aber sie spürte die Tugend und liebte sie; sie war keine Frau von Genie – aber sie bebte lebhaft allen Einflüssen des Genies entgegen. Manche scheinen geboren zu sein mit dem Temperament und dem Geschmack des Genies, jedoch ohne seine schöpferische Kraft; sie besitzen sein Nervensystem, aber etwas fehlt im Intellektuellen. Sie fühlen intensiv, finden aber nur zahme Worte. Diesen Personen eignet in ihrem Charakter stets eine unaussprechliche Art von Pathos – eine feinsinnige Zivilisation bringt viele von Ihnen hervor – und die französischen Memoiren des letzten Jahrhunderts sind besonders belastet mit solchen Beispielen. Das ist interessant – der Kampf gefühlvoller Seelen gegen die Lethargie einer stumpfsinnigen, aber glänzenden Gesellschaft, die sie anstarrt, als wolle sie sie damit einschläfern. Das kommt uns bekannt vor; denn«, fügte Maltravers mit leicht veränderter Stimme fort, »wieviele von uns bilden sich ein, wir würden unser eigenes Abbild im Spiegel sehen!«

Und wo war der deutsche Baron? – flirtete am anderen Ende des Raumes. Und der englische Lord? – ließ Einsilbiges zu den Dandys am Türdurchgang fallen. Und die kleineren Satelliten? – tanzten, flüsterten, schnitten die Cour oder nippten an der Limonade. Und Madame de St. Ventadour war allein mit dem jungen Fremden in einer Menge von achthundert Personen; ihre Lippen sprachen von Gefühl und ihre Augen wendeten es unwillentlich an.

Während sie sich so unterhielten, wurde Maltravers plötzlich aufgeschreckt, als er nahe hinter sich eine scharfe, charakteristische Stimme hörte, die auf Französisch sagte: »Hm, hm! Ich habe meine Bedenken – ich habe meine Bedenken.«

Madame de St. Ventadour schaute sich mit einem Lächeln um. »Es ist nur mein Gatte«, sagte sie ruhig, »ich werde Sie ihm vorstellen.«

Maltravers erhob sich und beugte sich zu einem kleinen dünnen Mann, der höchst aufwendig gekleidet war und auf einer langen scharfen Nase eine immense Brille trug.

»Erfreut, ihre Bekanntschaft zu machen, Sir!« sagte Monsieur de St. Ventadour. »Sind Sie schon lange in Neapel? … Schönes Wetter – wird nicht lange anhalten – hm, hm, ich habe meine Bedenken! Keine Neuigkeiten, bis auf Ihr Parlament – wird bald aufgelöst! Schlecht, die Oper in London dieses Jahr! – hm, hm, ich habe meine Bedenken.«

Dieser rasante Monolog wurde abgeliefert mit entsprechender Gestik. Jeden neuen Satz begann Mons. de St. Ventadour mit einer Art Verbeugung, und wenn er bei der höchst unveränderlichen, seine Gerissenheit und Skepsis versichernden Schlussbemerkung angelangt war, machte er ein geheimnisvolles Zeichen mit dem Zeigefinger, indem er ihn aufwärts in eine parallele Linie zur seiner Nase brachte, welche zur gleichen Zeit ihre eigene Rolle in dieser Zeremonie durch ein dreifaches konvulsives Zucken spielte, das wiederum den Nasenrücken bis ins Fundament zu erschüttern schien.

Maltravers schaute mit stummer Überraschung auf den ehelichen Partner des anmutigen Geschöpfes an seiner Seite, und Mons. de St. Ventadour, der soviel gesagt hatte, wie er für nötig hielt, führte seine Beredsamkeit zum Ende, indem er dem Entzücken Ausdruck verlieh, das er empfinden würde, Mons. Maltravers in seinem Hotel zu sehen. Dann begann er, sich zu seiner Gattin wendend, ihr zu versichern, dass es schon spät sei und man zweckmäßiger Weise aufbreche. Maltravers stahl sich davon, und als er die Tür erreichte, wurde er von unserem alten Freund Lumley Ferrers gepackt. »Kommen Sie, mein Lieber«, sagte der Letztere, »ich warte schon eine halbe Stunde auf Sie. Allons. Aber während ich todmüde bin, haben Sie womöglich beschlossen, zum Abendessen zu bleiben. Manche Menschen nehmen keine Rücksicht auf die Gefühle anderer.«

»Nein, Ferrers, ich stehe zu Ihrer Verfügung«; und die jungen Männer schritten die Stufen hinab und gingen die Chiaia Gemeint ist die Via Riviera di Chiaia; Chiaia ist ein am Meer liegender, wohlhabender, zum historischen Zentrum Neapels gehörender Stadtteil. – Anm.d.Übers. entlang zu ihrem Hotel. Als sie zu dem breiten, offenen Platz kamen, an dem es stand, mit dem herrlichen, in den Armen der Uferkrümmung schlafenden Meer vor ihnen, hielt Maltravers, der bis dahin schweigend der Redseligkeit seines Begleiters gelauscht hatte, abrupt an.

»Schauen Sie auf die See, Ferrers … Welch eine Szene! – welch köstlicher Duft! Wie sanft dieses Mondlicht! Können Sie sich nicht die alten griechischen Abenteurer vorstellen, als sie erstmals diese göttliche Parthenope Historischer Name der Stadt Neapel. – Die Sirenen sollen nach der griechischen Sage am Ende durch Sprung ins Meer Selbstmord begangen haben. Eine von ihnen, Parthenope, sei bei Neapel tot angeschwemmt und dort bestattet worden. Bei den zunächst dort lebenden Griechen, später von den Römern wurde sie als Stadtgöttin verehrt. – Anm.d.Übers. besiedelten – den Liebling des Ozeans – und auf diese Wellen blickten, ohne sich noch nach Griechenland zu verzehren?«

»Ich kann mir nichts dergleichen vorstellen«, sagte Ferrers … »Und verlassen Sie sich drauf: wenn sich die besagten Gentlemen nicht auf einem Piratenzug befanden – denn sie waren verwünschte Rabauken, diese alten griechischen Kolonisten – dann schliefen sie um diese Stunde fest in ihren Betten.«

»Haben Sie je etwas Poetisches verfasst, Ferrers?«

»Um es klarzustellen: alle klugen Männer haben einmal in ihrem Leben etwas Poetisches verfasst – Pocken und Poesie, das sind unsere Kinderkrankheiten.«

»Und haben Sie je poetisch gefühlt

»Gefühlt!«

»Ja, wenn Sie den Mond in Ihre Verse brachten, fühlten Sie ihn da zuerst in ihrem Herzen scheinen?«

»Mein lieber Maltravers, wenn ich den Mond in meine Verse brachte, dann war es aller Wahrscheinlichkeit nach aus Gründen des Reims. ›Die Nacht kam sieggewohnt‹ ist ein kapitaler Schluss für den ersten Hexameter – und der ›Mond‹ ist reserviert für die nächste Zeile. Kommen sie hinein!«

»Nein, ich werde draußen bleiben.«

»Seien Sie nicht unsinnig!«

»Bei Mondlicht gibt es weder Unsinn noch Sinn.«

»Was! Wir, die wir die Pyramiden erklommen haben, den Nil entlanggesegelt sind, den Zauber Kairos sahen und in Konstantinopel fast ermordet, eingesackt und bosporisiert worden wären; – wir, die wir so viele Abenteuer bestanden, so viele Schauplätze betrachtet haben, und das in vier Jahren voller Ereignisse, was den Appetit eines Romanvielfraßes befriedigt hätte, wenn er alt wie ein Phönix geworden wäre; – müssen wir hier den Hübschling geben und den Mond anseufzen wie ein schwarzhaariger Lehrbursche ohne Halstuch an Bord des Margate-Schulschiffs? Unsinn, sage ich – wir haben zuviel gelebt, um nicht unsere jugendliche Sentimentalität hinter uns gelassen zu haben.«

»Vielleicht haben Sie Recht, Ferrers«, sagte Maltravers lächelnd. »Aber ich vermag eine schöne Nacht immer noch zu genießen.«

»Oh, wenn Sie Fliegen in Ihrer Suppe mögen, wie der Mann zu seinem Gast sagte, als er sorgfältig diese entomologischen Mohren in die Schüssel zurückwarf, nachdem er sich bedient hatte – wenn Sie Fliegen in Ihrer Suppe mögen, nun gut – buona notte

Ferrers hatte gewiss recht mit seiner Theorie, dass man für Sentimentalität nicht mehr so anfällig ist, wenn man reale Abenteuer erlebt hat. Das Leben ist ein Schlaf, in dem man meist zu Beginn und am Ende träumt – der mittlere Teil nimmt uns zu sehr in Anspruch, um zu träumen. Aber immer noch können wir, wie Maltravers sagte, eine schöne Nacht genießen, besonders an den Ufern von Neapel.

Maltravers blieb sinnend dann und wann einige Zeit stehen. Sein Herz war besänftigt – alte Reine klangen in seinem Ohr – alte Erinnerungen durchzogen sein Hirn. Aber die süßen dunklen Augen von Madame de St. Ventadour leuchteten vorwärts durch alle Schatten der Vergangenheit. Köstliches Gift – ein Schluck aus der rosenfarbigen Phiole – das ist fantastisch, scheint aber Liebe.

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