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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel XVII

»Es gibt Zeiten, wo wir von allerlei Irrtümern abgelenkt, aber nicht aus ihnen hinausgepredigt werden könnten. – Es gibt Ärzte, die uns von einer Krankheit zu heilen vermögen, obwohl sie gewöhnlich nur armselige Medizinmänner sind, nein: gefährliche Quacksalber.«

STEPHEN MONTAGUE

Lumley Ferrers, der zufällige Erfüllungsgehilfe dieser Wiedergeburt, war alles andere als ein Engel; denn es sind nicht immer die besten Werkzeuge, die zu den besten Ergebnissen führen; sonst wäre Martin Luther nicht als führender Kopf der Reformation erwählt worden. Die Passage nach dem Semikolon wurde in der zweiten Auflage gestrichen. – Anm.d.Übers. Lumley Ferrers befolgte eine Lebensregel, welche forderte, sich alle Dinge und alle Personen dienstbar zu machen. Er hatte nun vor, für einige Jahre ins Ausland zu gehen, und brauchte einen Begleiter, weil er Einsamkeit hasste: nebenbei war ein Begleiter an den Unkosten beteiligt. Und ein Mann von achthundert im Jahr, der allen Luxus des Lebens verlangt, verachtet keinen Partner bei den zu bezahlenden Ausgaben. Ferrers mochte zu dieser Zeit Ernest zumeist: es war bequem, sich Freunde zu suchen, die reicher waren als man selbst, und er beschloss, als er nach Temple Grove kam, dass Ernest sein Reisebegleiter sein solle. Dieser Beschluss war sehr einfach auszuführen.

Maltravers war jetzt seinem neuen Freund herzlich zugetan und begierig auf Veränderung. Cleveland tat es leid, sich von ihm zu trennen; aber er fürchtete einen Rückfall, wenn der junge Mann wieder sich selbst überlassen würde. Und so erteilte der Vormund die Zustimmung; ein Reisewagen wurde gekauft und mit allerlei Komfort und Koffern Der englische Text hat hier die frz. Wörter »impérial« (hier: mit Sitzen versehenes Oberdeck) und »malle« (Koffer). – Anm.d.Übers. ausgestattet. Ein Schweizer (halb Diener, halb Reiseleiter) wurde engagiert, eintausend pro Jahr wurden Maltravers bewilligt; – und an einem milden, angenehmen Morgen Ende Oktober fanden sich Ferrers und Maltravers mitten auf der Straße nach Dover.

»Wie froh bin ich, aus England herauszukommen«, sagte Ferrers, »es ist ein famoses Land, wenn man reich ist; aber mit achthundert im Jahr, ohne einen Beruf außer dem des Vergnügens, landet man bei Wasser und Brot; im Ausland dagegen hat man ein luxuriöses Auskommen.«

»Ich hörte, glaube ich, Cleveland sagen, dass Sie eines Tages reich sein werden.«

»Oh ja! Ich habe sogenannte ›Aussichten‹! Sie müssen wissen, dass ich sozusagen auf zwei Stühlen sitze; dem der Hochgeborenheit und dem der Wohlhabenheit; aber zwischen den Stühlen – Sie kennen das Sprichwort! Der gegenwärtige Lord Saxingham, einst ein bloßer Frank Lascelles, und mein Vater, Mr. Ferrers, waren Cousins ersten Grades. Zwei oder drei Verwandte starben freundlicher Weise, und Frank Lascelles wurde Earl; die Ländereien wechselten aber nicht mit dem Titel; er war arm und heiratete eine reiche Erbin. Die Lady starb; ihr Vermögen war ihrem einzigen Kind vermacht, dem hübschesten kleinen Mädchen, das man jemals gesehen hat. Reizende Florence, ich wünschte oft, ich könnte zu dir aufschauen! Ihr Vermögen wird ihr auch nahezu ganz zur eigenen Verfügung stehen, wenn sie volljährig wird; derzeit befindet sie sich noch in der Kinderstube und ›isst Brot und Honig‹. Mein Vater, weniger glücklich und klug als sein Cousin, hielt es für passend, eine Miss Templeton zu heiraten – ein Niemand. Der Saxingham-Zweig der Familie zog sich höflich zurück. Nun, meine Mutter hatte einen Bruder, einen gescheiten, arbeitsamen Burschen, im sogenannten ›Geschäftsleben‹; er wurde immer reicher. Aber mein Vater und meine Mutter starben, ohne dass sie davon etwas gehabt hätten. Und ich wurde volljährig und kam zu einem Wert (ich mag diesen Ausdruck) von nicht einem Viertelpenny mehr als diesen oft zitierten achthundert Pfund im Jahr. Mein reicher Onkel ist verheiratet, aber kinderlos. Ich bin daher der mutmaßliche Erbe, – jedoch ist er ein Heiliger und ein Geizkragen, dabei allerdings großtuerisch. Das Zerwürfnis zwischen Onkel Templeton und den Saxinghams dauert weiter an. Templeton ärgert sich, wenn er die Saxinghams sieht, und die Saxinghams – Mylord schließlich – ist mitnichten so sicher, dass ich Templetons Erbe werde, um nicht zu bezweifeln, dass ich nicht eines Tages seine Lordschaft wegen einer Stelle belästige. Lord Saxingham ist nämlich in der Regierung tätig. Irgendwie habe ich eine zweideutige, amphibische Position in der Londoner Gesellschaft, das gefällt mir nicht; auf der einen Seite stelle ich eine patrizische Verbindung dar, der sich die parvenu-Zweige stets liebend zuneigen – und auf der anderen Seite bin ich ein halb-abhängiger jüngerer Sohn, auf den die adligen Verwandten mit höflicher Verlegenheit herabschauen. Wenn ich eines Tages des Reisens und Müßigganges müde bin, komme ich zurück und plage mich mit diesen kleinen Schwierigkeiten ab; ich versöhne mich mit meinem methodistischen Onkel und kämpfe mit meinem adligen Cousin. Aber jetzt steht mir der Sinn nach etwas Besserem als in der Welt vorwärtszukommen. Trockene Scheite, nicht grünes Holz, machen die Flamme! Wie langsam dieser Bursche fährt! He, mein Herr! Vorwärts! Wenigstens zwölf Meilen in der Stunde! Sie bekommen einen Sixpence pro Meile. Geben Sie mir Ihre Börse, Maltravers; ich darf auch die Kasse übernehmen, weil ich der Ältere und Klügere bin; am Ende der Reise können wir die Konten abgleichen. – Himmel, was für ein hübsches Mädel!«

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