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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel XVI

»Der helle Morgenstern, des Tages Herold,
Kommt tanzend aus dem Osten nun.«

MILTON

Bis jetzt hatte Ernest noch niemanden getroffen, der einen so großen Einfluss auf ihn ausübte. Zu Hause, in der Schule, in Göttingen, überall war er der brillante, eigenwillige Anführer anderer gewesen, der Klügere oder Ältere als er selbst überredet oder kommandiert hatte; sogar Cleveland gab ihm immer nach, auch wenn er es nicht bemerkte. Tatsächlich geschieht es selten, dass wir sehr stark von viel Älteren beeinflusst werden. Es ist eher der zwei bis zehn Jahre Ältere, der uns am meisten verführt und fesselt. Er hat dieselben Beschäftigungen, Ansichten, Interessen, Vergnügungen, aber mehr Kunstfertigkeit und Erfahrung darin. Er geht mit uns den Weg, den wir zu beschreiten bestimmt sind, vor dem uns aber die ältere Generation warnen möchte. Es gibt sehr wenig Einfluss, wo es keine große Sympathie gibt.

In Maltravers' intellektuellem Leben gab es nun einen Einschnitt. Er traf das erste Mal auf einen Geist, der seinen eigenen kontrollierte. Vielleicht lag es am physischen Zustand seiner Nerven, dass er weniger fähig war, mit der halbtyrannischen, aber durchweg gutgelaunten Herrschsucht Ferrers zu wetteifern. Jeden Tag gewann dieser Fremde mehr Macht über Maltravers. Ferrers war ein völliger Egoist und bat seinen Freund nie, ihm sein Vertrauen zu schenken; er kümmerte sich keinen Pfifferling um anderer Leute Geheimnisse, solange sie nicht irgendeiner seiner Absichten dienten. Aber er sprach so reizvoll von sich selbst – über Frauen, Vergnügungen und das heitere, bewegte Stadtleben – dass Maltravers' junge Seele aus ihrer finsteren Lethargie emporgehoben wurde, ohne eigenes Zutun. Die düsteren Fantome verschwanden allmählich – sein Gefühl löste sich von der dunklen Wolke – er spürte wieder, dass Gott die Sonne geschaffen hatte, um den Tag zu erleuchten, und sogar inmitten der Dunkelheit rief er die Heerschar der Sterne an.

Kein anderer hätte wohl so rasch Erfolg gehabt, Maltravers von seiner kranken Schwärmerei zu heilen: einem groben, sarkastischen Ungläubigen hätte er nicht zugehört; einen gemäßigten, aufgeklärten Geistlichen hätte er missachtet als einen weltlichen, listigen Schadenssachbearbeiter himmlischer Gesetze bei irdischen Kunden. Lumley Ferrers jedoch, der in der Argumentation niemals ein Gefühl oder ein Gleichnis bei der Entgegnung zuließ, der seine geradlinige ironische Logik wie einen Hammer handhabte, welcher, obwohl sein Metall geistlos schien, den ätherischen Funken mit jedem Schlag entzündete – Lumley Ferrers war genau der Mann, um Maltravers' Einbildungskraft zu widerstehen und seinen Verstand zu überzeugen; und in dem Augenblick, wo die Sache zur Verhandlung kam, war die Heilung bald vollständig: denn so sehr wir uns selbst auch mit Fantasien, Visionen und kunstvollen Machwerken eines fanatischen Mystizismus in dunklen Rätseln verstricken – kein Mensch kann mathematisch oder syllogistisch beweisen, dass die von Gott erschaffene und von einem Erlöser besuchte Welt zur Verdammnis bestimmt ist.

Ernest Maltravers schlich eines Nachts zu seinem Zimmer und öffnete das Neue Testament; er las dessen himmlisch-sittliche Grundsätze mit gereinigten Augen; und als er das getan hatte, fiel er auf die Knie und betete zum Allmächtigen, dem undankbaren Herzen zu verzeihen, dass er, schlimmer als ein Atheist, Gottes Existenz zwar bekannt, aber seine Güte geleugnet hatte. Sein Schlaf war süß, und seine Träume waren heiter: am nächsten Morgen erwachte er versöhnt mit Gott und Mensch Statt des Satzes nach dem Doppelpunkt folgt in der zweiten Auflage:
»Glaubte er nach dem Aufstehen, dass die Bußfertigkeit, die sein Herz erschüttert hatte, von nun an sein Leben vor allem Irrtum bewahren werde? Ach, leider bringt überzogene Reue zu oft gefährliche Reaktionen mit sich; der schlichte Luther macht deutlich, dass »die Seele sich verhält wie der trunkene Bauer auf dem Pferderücken: stützt man ihn auf der einen Seite, nickt er ein und fällt auf die andere«. – Es gibt im Leben gewisse Krisen, die uns längere Zeit schwächen, – von denen sich das System mit häufigen Umschwüngen und beschwerlichen Rückfällen erholt, – auf die wir jedoch, nach Jahren zurückschauend, die Grundlegung unserer Kraft oder die Heilung von Krankheit zurückführen. Es sind nicht gemeine Seelen, denen sich die Schöpfung zu verdunkeln scheint aus Furcht vor dem Zorn Gottes.« – Anm.d.Übers.
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