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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel XIII

»Doch wenn du eine kleine Übung wählst,
Hab Freude dran, 's ist nicht verboten hier;
Wenn du im Hain der Muse dich vermählst,
Grüß' auch das Frühlingsjahr mit Blütenzier.«

JAMES THOMSON, The Castle of Indolence

Mr. Clevelands Haus war eine an das englische Klima angepasste italienische Villa. Durch einen ionischen Bogen betrat man Landgut von nur etwa dreißig bis vierzig Hektar, aber so gut bepflanzt und kunstvoll errichtet, dass man nicht angenommen hätte, dass die unsichtbaren Grenzen keinen größeren Raum einschlossen. Die Straße wand sich durch den grünsten Rasen, in dem Bäume ehrwürdigen Alters sich ablösten mit reichem Gebüsch, und Blumen versammelten sich, verflochten mit Schlinggewächsen in Pflanzkörben oder blühten in klassischen Vasen, die geschmackvoll so aufgestellt waren, wie das Auffüllen es erforderte, und mit der Umgebung in schönem Einklang standen. Jeder alte, efeubewachsene gekappte Baum, jede bescheidene gebeugte Weide war von der kunstvollen Sorgfalt des Besitzers in eine besondere Form gebracht worden. Ohne überladen oder zu minuziös ausgearbeitet zu sein (der gewöhnliche Fehler bei Landsitzen reicher Leute), wirkte die ganze Anlage wie ein abwechslungsreicher, kultivierter Garten; sogar die Luft nahm je nach der Vegetation mit jeder Straßenwindung einen anderen Duft an; und die Farben von Blumen und Blättern veränderten sich bei jedem Ausblick.

Nach einiger Zeit war das Haus selbst zu sehen, auf einem Rasen stehend, der zu einem glasklaren See abfiel, umstanden von Linden und Kastanien und dahinter ein Waldhang; und da schien der gesamte Anblick plötzlich seine abschließende und krönende Besonderheit zu erhalten. Das Haus war lang und niedrig. Ein tiefes Peristyl zur Unterstützung des Daches erstreckte sich über die ganze Länge und erschien, indem es zu ebener Erde errichtet war, als überdachte Terrasse; breite Treppenfluchten mit massiven Balustraden, die Vasen mit Aloe und Orangenbäumchen trugen, führten zum Rasen; und unter dem Peristyl waren Statuen, römische Antiquitäten und seltene exotische Sammlerstücke aufgestellt. Auf dieser Seite des Sees gab es eine weitere sehr breite, in weiten Zwischenräumen mit Urnen und Skulpturen geschmückte Terrasse, die mit der schattigen und abfallenden Böschung jenseits kontrastierte und aufgrund unerwarteter Lichtungen im Wald ausgiebige Blicke in die entfernte Landschaft gestattete mit der stattlichen Themse, die sich mitten hindurch wand.

Das Innere des Hauses bestätigte den draußen herrschenden Geschmack. Alle entscheidenden Räume, sogar die Schlafzimmer, lagen auf demselben Flur. Eine kleine, aber hohe achteckige Halle führte zu einer Suite von vier Räumen. Am einen Ende befand sich ein Speiseraum von mäßiger Größe mit einem Deckengemälde, das eine Kopie von Guidos »Stunden« Gemeint ist der Ausschnitt »Horae« aus dem »Zug der Aurora«, einem Deckenfresko von Guido Reni (1575-1642) im Palazzo Rospigliosi in Rom. – Anm.d.Übers. mit seinen reichen, heiteren Farben darstellte; und Landschaften, die Cleveland selbst mit durchaus unverächtlicher Kunstfertigkeit gemalt hatte, waren in die Wände eingelassen. Eine einzelne Skulptur, eine Kopie des Flötenden Fauns, die aufgrund von purpurnen und orangenen Gardinen dahinter fleischfarben schimmerte, zierte, ohne es zu verdunkeln, das breite und gebogene Fenster in seiner Nische.

Dies passte gut zu einem kleinen Bildersaal, der durchaus nicht reich an jenen Gemmen war, für welche Fürsten sich interessieren; denn Clevelands Vermögen war nur das eines einfachen Gentleman, das gleichwohl, umsichtig und zugleich großzügig verwaltet, zur Befriedigung all seiner geschmackvollen Wünsche ausreichte. Doch die Bilder besaßen ein Interesse jenseits bloßer Kunst, und sie waren erschwinglich für einen Sammler von gewöhnlichem Reichtum. Sie bestanden in einer Serie von Porträts – die einen als Originale, andere als Kopien (und diese waren oft die besten) von Clevelands Lieblingsautoren. Es charakterisierte diesen Mann, dass Popes Alexander Pope (1688-1744), englischer Dichter, Übersetzer und Schriftsteller des Klassizismus in der Frühzeit der Aufklärung. – Anm.d.Übers. zerarbeitetes, nachdenkliches Antlitz vom zentralen Ehrenplatz herunterschaute.

Dazu passend führte dieser Raum in die Bibliothek, den größten Raum im Haus, den einzigen in der Tat, der in Größe und Ausstattung bemerkenswert war. Die Länge betrug etwa achtzehn Meter. Die Bücherregale waren gekrönt mit bronzenen Büsten, während dazwischen Statuen in offenen Bögen vor Spiegeln standen und den Anschein einer Galerie erweckten, die sich aus den Bücherwänden öffnete und eine unsagbare Atmosphäre von klassischer Leichtigkeit und Ruhe in den Raum brachte.

Mit diesen Bögen harmonierten die Fenster, die zum Peristyl lagen und einen erfreulichen Blick auf die Skulptur, die Blumen, die Terrassen draußen erlaubten, – so gut, dass dieser Ausblick zu dem Glauben verführte, man betrachte die von Meisterhand geschaffenen poetischen Gärten, die doch die Hügel von Rom zieren. Gerade an einem sonnigen Tag begünstigten die Farben dieser Aussicht die Täuschung wegen der tiefen, reichen Abtönung der einfachen Gardinen und des farbigen Glases, aus dem die oberen Fensterscheiben gefertigt waren.

Cleveland liebte besonders die Skulptur; er war auch empfänglich für den starken Impuls, den diese Kunstform in Europa in der letzten Jahrhunderthälfte erhalten hatte. Er konnte sogar die in diesem Land noch nicht hinreichend bekannte Auffassung bestätigen, dass Flaxman John Flaxman (1755-1826), britischer Bildhauer. – Anm.d.Übers. Canova Antonio Canova (1757-1822, italienischer Bildhauer. Er gilt als einer der Hauptvertreter des italienischen Klassizismus. – Anm.d.Übers. übertraf. Skulpturen liebte er auch nicht nur wegen ihrer eigenen Schönheit, sondern wegen ihrer verschönernden und intellektuellen Wirkung, die sie überall hervorbringen, wo sie zugelassen wird. Es ist ein großer Fehler, pflegte er zu sagen, bei Statuen-Sammlern, sie pê le-mê le frz., bunt gemischt, durcheinander. – Anm.d.Übers. in einer langen monotonen Galerie aufzustellen. Das einzelne Relief oder die Statue oder Büste oder die einfache Urne ergötzen uns, wenn sie in geeigneter Weise im kleinsten bewohnten Raum aufgestellt sind, unendlich mehr als jene gigantischen Museen mit überfüllten Räumen, die, außer zum Anschauen, niemals und auch dann nicht ohne ein kaltes, unangenehmes Schaudern betreten werden. Außerdem entzieht diese von der Masse für richtig gehaltene Praxis von Galerien die Skulpturen der öffentlichen Anteilnahme. Kaum ein Dutzend kann sich Galerien leisten. Aber Gentlemen mit sehr bescheidenem Wohlstand können sich doch eine Statue oder eine Büste leisten. Der Einfluss auf den menschlichen Geist und Geschmack, wie er durch konstantes und gewohnheitsmäßiges Betrachten von Monumenten der einzigen unvergänglichen Kunst erzeugt wird, die auf physisches Material zurückgreift, ist zudem unaussprechlich. Wenn wir auf griechische Marmorplastiken schauen, werden wir geradezu unmerklich bekannt mit dem Charakter des griechischen Lebens und seiner Literatur. Dieser Aristides Aelius Aristides (117–181), griechischer Rhetor und Schriftsteller. – Anm.d.Übers., dieser Genius des Todes, dieses Fragment der unerreichten Psyche sind tausend Scaligers Italienische Adelsfamilie, beherrschte im Spätmittelalter Verona. – Anm.d.Übers. wert!

»Schauen Sie jemals in die lateinische Übersetzung, wenn Sie Aischylos lesen?« fragte einmal ein Schuljunge Cleveland.

»Das ist meine lateinische Übersetzung«, sagte Cleveland und wies auf Laookon. Gemeint ist Laokoon-Gruppe in den Vatikanischen Museen, eine Marmor-Kopie des verschollenen griechischen Originals aus römischer Zeit. – Anm.d.Übers.

Die Bibliothek öffnete sich am anderen Ende zu einem kleinen Kuriositäten- und Medaillen-Kabinett, das weiter in gerader Linie zu einem langen Belvedere führte, das in einem kleinen Sommer-Rundhaus endete, welches bei einem plötzlichen Wind vom See unten senkrecht über seiner durchsichtigen Strömung hing und aus der Entfernung betrachtet wie auf Luft zu schweben schien, so leicht wirkten seine schlanken Säulen und sein Kuppelgewölbe. Eine weitere Tür der Bibliothek öffnete sich zu einem Korridor, der zu den wichtigsten Schlafgemächern führte; die nächstgelegene Tür war die zu Clevelands privatem Arbeitszimmer, das mit seinem Schlafraum und seiner Kleiderkammer verbunden war. Die anderen Räume standen für seine verschiedenen Freunde bereit und trugen ihre Namen.

Mr. Cleveland war durch einige hastige Zeilen im Bilde über die Bewegungen seines Mündels und empfing den jungen Mann mit einem Willkommenslächeln, obwohl seine Augen feucht waren und seine Lippen zitterten – denn der Junge war wie sein Vater! – eine neue Generation stand vor Cleveland!

»Willkommen, mein lieber Ernest«, sagte er, »ich bin so froh dich zu sehen, dass ich dich nicht für deine geheimnisvolle Abwesenheit schelten werde. Das ist dein Zimmer, du siehst deinen Namen über der Tür; es ist größer als dein bisheriges, denn du bist nun ein Mann; und dort anschließend ist dein deutsches Heiligtum – für Schiller und die Meerschaumpfeife! – eine schlechte Angewohnheit, diese Meerschaumpfeife! aber nicht schlimmer vielleicht als Schiller. Du bist, wie du sieht, sofort im Peristyl. Die Meerschaumpfeife ist gut für die Blumen, stelle ich mir vor, drum nur keine Bedenken. Oh je, mein lieber Junge, wie bleich du bist! Nur Mut – nur Mut. Also, ich muss jetzt gehen, oder du steckst mich noch an.«

Cleveland eilte fort; er dachte an den Freund, den er verloren hatte. Ernest sank auf den nächstbesten Sessel und vergrub sein Gesicht in den Händen. Clevelands Diener kam, fuhrwerkte herum, packte seinen Koffer aus und richtete den Abendanzug. Ernest jedoch schaute nicht auf und sprach nicht; die Glocke ertönte zum ersten Mal; auch das zweite Mal vernahm sein Ohr sie nicht. Seine Gefühle hatten ihn völlig überwältigt. Die ersten Klänge von Clevelands freundlicher Stimme hatten einen sanfte Saite berührt, welche in Monaten von Angst und Aufregung qualvoll angespannt, aber niemals zu Tränen geweckt worden war. Seine Nerven waren erschüttert – diese starken jungen Nerven! Er dachte an seinen toten Vater, als er Cleveland zuerst sah; aber als er den Blick durch den Raum schweifen ließ, der für ihn bereitet war, sorgsam seine Annehmlichkeit berücksichtigte und überall die Erinnerung seiner kleinsten Eigentümlichkeiten sichtbar machte, da erhob sich Alice vor ihm, die wachsame, bescheidene, liebevolle, verlorene Alice.

Überrascht von dem Ausbleiben seines Mündels betrat Cleveland den Raum; dort saß Ernest still, sein Gesicht in den Händen vergraben. Cleveland zog sie sacht fort, und Maltravers schluchzte wie ein Kind. Es war leicht, die Augen dieses jungen Mannes mit Tränen zu füllen: ein großzügiger oder ein zärtlicher Gedanke, ein altes Lied, die einfachste Melodie reichte, um diese Veranlagung von Mutterseite anzurühren. Aber die heftige und schreckliche Leidenschaft, die zur Männlichkeit gehört, wenn sie ganz entmannt ist – dies war das erste Mal, dass er die Linderung von jener drangvollen Bitterkeit erfuhr.

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