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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel XII

»Gewiss gibt's Dichter, die auf dem Parnass
noch niemals träumten.«

DENHAM

   

»Geh nüchtern fort, bevor ein rascheres Geschlecht
Dich auslacht und von dieser Bühne fegt.«

POPE

   

»Drum war es klug, mir gänzlich zu vertrauen.«

DRYDEN'S Absalom und Achitophel

Mr. Frederick Cleveland, ein jüngerer Sohn des Earl of Byrneham und damit befugt zu Titel und Würde eines »Honourable«, war der Vormund von Ernest Maltravers. Er war nun etwa dreiundvierzig Jahre alt, Schriftsteller und ein Mann von Mode, sofern dieser halb veraltete Ausdruck uns gestattet ist, der schließlich klassischer und definitiver ist als jeder andere, den moderne Ziererei zur Übermittlung derselben Bedeutung erfunden hat. Hochgebildet und mit angeborener Begabung weit über dem Durchschnitt, hatte sich Mr. Cleveland in frühen Jahren für ein Dasein als Autor erwärmt … Er schrieb angenehm und elegant, aber der, wenn auch respektable, Erfolg erfüllte nicht seine Erwartungen. Tatsache ist, dass den Kritikern zum Trotz eine neue Literaturschule die Öffentlichkeit beherrschte – eine Schule, die sehr verschieden war von der, nach welcher Mr. Cleveland seine leidenschaftslosen und geschliffenen Perioden formte. Und wie der alte Earl, ich glaube von Norwich, der in der Zeit Karls I. der beherrschende Witzbold des Hofes gewesen war, in der Zeit Karls II. sogar als Zielscheibe des Witzes für zu langweilig galt, so hat jede Zeit ihre eigene literarische Münzprägung und sortiert, was bislang kursierte, als überflüssige Kuriositäten ins Archiv. Cleveland wurde kein Publikumsliebling, obwohl die Cliquen ihn hochjubelten und die Kritiker ihn verehrten – und Damen von Stand sowie laienhafte Dilettanten seine Bücher mit ihrer sorgfältigen Poesie und rhythmischen Prosa kauften und sie einbinden ließen.

Cleveland war indes von hoher Geburt und verfügte über ein hübsches Auskommen – seine Umgangsformen waren angenehm, seine Konversation beredt – und sein Gemüt war ebenso liebenswert wie sein Geist kultiviert war. Er wurde daher ein in Gesellschaft sehr gesuchter Mann, der Respekt und Zuneigung gleichermaßen genoss. Wenn er auch kein Genie besaß, so hatte er doch ein gutes Gespür; er quälte sein weltgewandtes Temperament und sein freundliches Herz nicht damit, einem eitlen Schattengebilde nachzujagen und sich vergebens in Unruhe zu versetzen. Zufrieden mit einem ehrenwerten und neidlos anerkannten Ruf, gab er die Träume jenes höheren Ruhmes auf, der, wie er klar erkannte, seinem Anspruch vorenthalten blieb – und behielt seine gute Laune der Welt gegenüber bei, obwohl er in seinem tiefsten Innern überzeugt war, dass sie sehr Unrecht hatte mit ihren literarischen Kaprizen.

Cleveland hatte nicht geheiratet: er lebte teilweise in London, aber im Allgemeinen in Temple Grove, einem Landbesitz nicht weit von Richmond. Mit einer exzellenten Bibliothek, schönen Außenanlagen und einem Kreis anhänglicher und ihn bewundernder Freunde, welche all die gebildeteren und intellektuelleren Mitglieder der sogenannten guten Gesellschaft durchaus ersetzten – so führte diese vollendete, elegante Persönlichkeit ihr Leben, das vielleicht viel glücklicher war als eines, das seine jugendlichen Visionen erfüllt hätte, wenn ihn etwa ein stürmisches Schicksal bestimmt hätte, die rebellierende und leidenschaftliche Demokratie der Literatur anzuführen.

Cleveland belegte in der Tat, wenn er auch kein Mensch von hohem und ursprünglichem Genie war, zumindest doch einen sehr hohen Rang in der Gesamtheit der heimischen Autoren. Nachdem er sich von dem oftmaligen Kampf in der Arena zurückgezogen hatte, gab er sich in erneuter Begeisterung den Gedanken und Meisterwerken anderer hin. Aus dem belesenen Mann wurde ein tief unterrichteter. Die metaphysischen, aber auch die Naturwissenschaften erweiterten einen sonst eher auf Leichtes und Allgemeines gerichteten Kenntnisstand um neue Schätze und trugen dazu bei, einem Geist Gewicht und Würde zu verleihen, der sonst ein wenig feminin und frivol hätte werden können.

Seine gesellschaftlichen Gewohnheiten, sein klarer Verstand und sein wohlwollendes Urteil machten ihn auch zu einem ausgezeichneten Richter in all jenen unbestimmbaren Nichtigkeiten oder Kleinigkeiten, die insgesamt betrachtet die Kenntnis der Großen Welt bilden. Ich sage der Großen Welt – von der Welt ohne den Kreislauf der großen wusste Cleveland natürlich nur wenig. Aber alles, was sich auf diesen subtilen Orbit bezog, in dem sich Ladies und Gentlemen in gehobener, ätherischer Ordnung bewegen, war Cleveland ein gründlicher Philosoph. Unter vielen seiner Bewunderer war es Mode, ihn als den Horace Walpole unserer Tage zu stilisieren. Aber obgleich sie in einigen eher äußerlichen Punkten des Charakters übereinstimmten, besaß Cleveland erheblich weniger Gerissenheit und unendlich mehr Herz.

Der verstorbene Mr. Maltravers, ein Mann ohne literarische Neigungen zwar, aber ein Bewunderer derer, die sie besaßen, – ein eleganter, vornehmer, gastfreundlicher seigneur de province – war einer der ältesten von Clevelands Freunden gewesen – Cleveland hatte in Eaton seinen ›Fuchs‹ Junger Internatsschüler, der einem älteren, dem ›Präfekten‹, bestimmte Dienste zu leisten hat. – Anm.d.Übers. dargestellt – und er bemerkte, dass Hal Maltravers (der hübsche Hal!) zum Liebling der Clubs geworden war, als er sein eigenes debut in der Gesellschaft hatte. Für ein oder zwei Saisons waren sie unzertrennlich – und als Mr. Maltravers heiratete, sich hingezogen fühlte zu ländlicher Betätigung, stolz war auf seinen alten Landsitz und vernünftig genug zu begreifen, dass er auf seinem eigenen weiten Land ein bedeutenderer Mann war als in der republikanischen Aristokratie von London, und sich in Lisle Court friedlich niederließ, korrespondierte Cleveland regelmäßig mit ihm und besuchte ihn zweimal im Jahr.

Mrs. Maltravers starb bei der Geburt von Ernest, ihrem zweiten Sohn. Ihr Gatte liebte sie zärtlich und war lange untröstlich über ihren Verlust. Er konnte den Anblick des Kindes, das ihn ein so teueres Opfer gekostet hatte, nicht ertragen. Cleveland und seine Schwester, Lady Julia Danvers, hielten sich zum Zeitpunkt dieses traurigen Ereignisses bei ihm auf; und mit umsichtiger, feinfühliger Freundlichkeit schlug Lady Julia vor, den unfreiwilligen Missetäter für einige Monate zu ihren eigenen Kindern zu nehmen. Der Vorschlag wurde akzeptiert, und es dauerte zwei Jahre, bevor der kleine Ernest wieder ins väterliche Haus zurückkam. Während des größeren Teils dieser Zeit war er hindurch gegangen durch alle Ereignisse und Umwälzungen eines Kleinkindlebens unter dem Jungesellendach von Frederick Cleveland.

Das Ergebnis davon war, dass letzterer das Kind wie ein Vater liebte. Ernests erstes erkennbares Wort galt Cleveland als »Papa«; und als der Bengel schließlich nach Lisle Court kam, brachte Cleveland alle Kindermädchen außer Atem mit seinen Ermahnungen, Warnungen und Aufforderungen, Versprechungen und Drohungen, was viele sorgsame Mütter zur Weißglut gebracht hätte. Dieser Umstand erzeugte ein neues Band zwischen Cleveland und seinem Freund. Clevelands Besuche erfolgten nun drei Mal anstatt zwei Mal im Jahr. Nichts wurde für Ernest getan ohne Clevelands Rat. Ihm wurde nicht einmal eine Hose angezogen, ohne dass Cleveland seine Zustimmung gab. Cleveland wählte seine Schule und begleitete ihn hin, – und er verbrachte in den Ferien immer eine Woche in Clevelands Haus. Der Junge kam niemals in Schwierigkeiten, oder gewann einen Preis, oder brauchte einen Zuschuss, oder war versessen auf ein Buch, ohne dass Cleveland es zuerst wusste.

Glücklicherweise offenbarte Ernest beizeiten Geschmacksrichtungen, die der elegante Autor für den seinen ähnlich hielt. Er entwickelte früh sehr bemerkenswerte Talente und eine Liebe zum Lernen, auch wenn diese einhergingen mit einer Kraft von Leib und Seele, einer Energie, einem Wagemut, dass es Cleveland einiges Unbehagen verschaffte und ihm überhaupt nicht passend schien zur launischen Scheu eines werdenden Genies oder zur normalen Gemütsruhe eines frühreifen Gelehrten.

Inzwischen war die Beziehung zwischen Vater und Sohn eine einzigartige geworden. Mr. Maltravers hatte seinen ersten, nicht unnatürlichen Widerstand gegen den unschuldigen Grund seines unwiederbringlichen Verlustes überwunden. Er liebte nun seinen Jungen und war stolz auf ihn – wie auf alles, das ihm gehörte. Er verwöhnte und hätschelte ihn mehr als Cleveland. Aber er griff nur wenig in seine Erziehung oder seine Beschäftigungen ein.

Sein ältester Sohn, Cuthbert, beanspruchte nicht sein ganzes Herz, dafür aber seine gesamte Fürsorge. Mit Cuthbert verband er das Erbe seines altehrwürdigen Namens und die Nachfolge in seinem angestammten Besitz. Cuthbert besaß kein Genie noch wollte er eines sein; er wollte ein anerkannter Gentleman sein, ein bedeutender Grundbesitzer. Der Vater verstand Cuthbert und erfasste klar seinen Charakter und künftige Laufbahn. Er hatte keine Bedenken, seine Erziehung zu leiten und seinen wachsenden Verstand zu formen.

Ernest aber verwirrte ihn. Mr. Maltravers war sogar ein wenig befangen in der Gesellschaft des Jungen; er überwand niemals ganz das Fremdheitsgefühl ihm gegenüber, das er erfahren hatte, als er ihn zum ersten Mal von Cleveland empfangen und dessen Richtlinien für seine Gesundheit &c. entgegengenommen hatte. Es kam ihm vor, als ob der Freund sein Recht auf dieses Kind teile; und er hielt es für eine Art Anmaßung, mit Ernest zu schimpfen, obwohl er dasselbe mit Cuthbert ziemlich oft und heftig tat. Als der jüngere Sohn älter wurde, war es offensichtlich, dass Cleveland ihn besser verstand als sein eigener Vater; und so war es, wie bereits erwähnt, dem Vater nicht unangenehm, die Verantwortung der Erziehung auf Cleveland zu verlagern.

Vielleicht hätte Mr. Maltravers sich nicht so gleichgültig verhalten, wären Ernests Aussichten die typischen eines jüngeren Sohnes gewesen. Wenn ein Beruf für ihn notwendig gewesen wäre, hätte Mr. Maltravers sich gewiss ängstlich bemüht, ihm die entsprechende Form zu geben. Aber von Mutterseite erbte Ernest ein Vermögen, das etwa viertausend Pfund im Jahr abwarf; und damit war er von seinem Vater unabhängig. Dies löste ein weiteres Band zwischen ihnen; und so betrachtete Mr. Maltravers Ernest zunehmend weniger als seinen eigenen Sohn, der zu ermahnen oder zu tadeln, zu loben oder zu kontrollieren war, sondern als einen sehr herzlichen, vielversprechenden und gewinnenden Jungen, der irgendwie ohne jeden Ärger seinerseits wahrscheinlich der Familie viel Ehre machen würde, und sah ihm seine Verschrobenheiten in Anbetracht von viertausend Pfund im Jahr nach.

Das erste Mal, dass Mr. Maltravers ernsthaft in Verwirrung wegen ihm geriet, war, als der Junge im Alter von sechzehn sich selbst Deutsch beibrachte und, nachdem er seine wilde Vorstellungskraft mit Werther und Die Räuber berauscht hatte, seinen Wunsch ankündigte, der eher wie eine Forderung klang, nach Göttingen anstatt nach Oxford zu gehen. Nie waren Mr. Maltravers' Begriffe eines ordentlichen und für einen Gentleman notwendigen Bildungsabschlusses vollständiger und härter angegriffen worden. Er stotterte ein »Nein« heraus und eilte zu seinem Arbeitszimmer, um einen langen Brief an Cleveland zu schreiben, der, selbst ein preisgekrönter Oxford-Mann, die Angelegenheit, so war er überzeugt, im selben Licht sehen würde. Cleveland beantwortete den Brief, indem er selber kam: er lauschte schweigend allem, was der Vater zu sagen hatte, und streifte dann mit dem jungen Mann durch den Park. Das Ergebnis dieser letzteren Konferenz war, dass Cleveland sich zugunsten von Ernest erklärte.

»Aber mein lieber Frederick«, sagte der vom Donner gerührte Vater, »ich dachte, der Junge würde in Oxford alle Preise abräumen?«

»Ich habe selbst ein paar abgeräumt, Maltravers; aber ich kann nicht erkennen, was sie mir Gutes gebracht haben sollen.«

»Aber, Cleveland!«

»Ich meine es ernst.«

»Aber es ist so eine überaus merkwürdige Vorstellung.«

»Dein Sohn ist ein überaus merkwürdiger junger Mann.«

»Ich fürchte, das ist er, armer Freund! Aber was soll er in Göttingen lernen?«

»Sprachen und Unabhängigkeit«, sagte Cleveland.

»Und die Klassiker – die Klassiker – du bist so ein exzellenter Gräzist

»Es gibt großartige Gräzisten in Deutschland«, versetzte Cleveland, »und Ernest kann nicht gut verlernen, was er schon weiß. Mein lieber Maltravers, der Junge ist nicht wie die meisten anderen gescheiten jungen Männer. Er muss entweder durch Handeln, durch Abenteuer und Aufregung seinen eigenen Weg gehen, oder er wird ein nutzloser Träumer oder ein unpraktischer Enthusiast für sein ganzes Leben. Lass ihn! – Cuthbert ist also zur Garde gegangen?«

»Aber er war zuerst in Oxford!«

»Hm, was für ein feiner junger Mann er ist!«

»Nicht so groß wie Ernest, aber -«

»Ein hübsches Gesicht«, sagte Cleveland. »Er ist ein Sohn, auf den man in seiner Art stolz sein kann; wie ich hoffe, wird Ernest es in einer anderen sein. Möchtest du mir dein neues Jagdpferd zeigen?«

* * *

Zu dem Haus dieses Gentleman, der so umsichtig zu seinem Vormund bestellt worden war, nahm der Student von Göttingen seinen traurigen Weg.

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