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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel XI

Noch sieht er mit dem Aug' der Seele sie –;
Schaut die Gestalt, die er nie mehr soll treffen –
Sie kam und ging wie ein verzückter Traum
Und ihm zu Füßen rinnt der helle Schaum.

Elliot von Sheffield.

Es waren wenig mehr als drei Wochen nach dieser angstvollen Nacht vergangen, als Maltravers' Kutsche vor der Landhaustür anhielt – die Fenster waren geschlossen; niemand antwortete dem wiederholten Ruf des Postillons. Maltravers stieg selbst beunruhigt und erstaunt vom Fahrzeug: er war in tiefer Trauer. Ungeduldig schritt er zum Hintereingang; der war ebenfalls verschlossen; sogar die Fenstertüren des Salons, bislang immer halb geöffnet, selbst in frostigen Wintertagen, waren nun zu wie die übrigen. Angstvoll rief er: »Alice, Alice!« – keine süße Stimme antwortete in atemloser Freude, keine Fee sprang ihm zum Willkommen entgegen.

In diesem Augenblick jedoch erschien die Gestalt des Gärtners auf der Wiese. Die Geschichte war bald erzählt; das Haus war beraubt, die alte Frau am Morgen geknebelt und an ihren Bettpfosten gefesselt worden – Alice geflohen. Ein Untersuchungsrichter war eingesetzt worden – der Verdacht fiel auf die Flüchtige. Niemand wusste etwas von ihrer Herkunft oder ihrem Namen, nicht einmal die alte Frau. Maltravers hatte natürlich Alice eifrig dazu bestimmt, dieses Geheimnis zu wahren, und sie hatte zu viel Furcht, entdeckt und von ihrem Vater beansprucht zu werden, um dieser Anweisung nicht mit empfindlicher Sorgfalt zu gehorchen. Aber es wurde schließlich bekannt, dass sie das Haus als armes Bauernmädchen betreten hatte; und was war gewöhnlicher für Damen einer gewissen Art, als ihrem Liebhaber zu entlaufen und einiges von seinem Eigentum mitgehen zu lassen? Und ein Mädchen wie Alice, was konnte man da erwarten?

Der Untersuchungsrichter lächelte, und der Wachtmeister lachte. Im Grunde genommen war es ein guter Scherz auf Kosten des jungen Gentleman! Weil man keine Verfügungen von Maltravers besaß und nicht wusste, wo er zu finden war, und auch glaubte, dass er zu einer Verfolgung wenig geneigt sein werde, wurde womöglich die Suche nicht sehr gründlich durchgeführt. Jedoch waren zwei Häuser in der Nacht davor beraubt worden. Ihre Besitzer waren besser auf der Hut. Der Verdacht fiel auf einen Mann von niederträchtigem Charakter, John Walters; er war von der Bildfläche verschwunden. Zuletzt war er gesehen worden mit einem faulen Trunkenbold, der früher einmal bessere Tagen gesehen haben sollte und einst ein geschickter und gutbezahlter Handwerker gewesen war, bis seine Diebstähle und seine Trunkenheit ihn aus seinem Beschäftigungsverhältnis geworfen hatten; und seitdem war er der Verbindung mit einer Bande von Geldfälschern beschuldigt und vor Gericht gestellt worden – und war mangels Beweisen freigekommen. Dieser Mann war Luke Darvil. Seine Hütte wurde durchsucht; aber er war auch geflohen. Die Spur von Wagenrädern an Maltravers' Tor gab einen schwachen Anhaltspunkt für die Verfolgung; und nach einer lebhaften Suche von einigen Tagen kam heraus, dass Personen, auf welche die Beschreibung der verdächtigen Einbrecher passte, begleitet von einer jungen Frau zu einem kleinen, als Unterschlupf von Schmugglern bekannten Gasthof an der Küste gezogen waren. Aber dort verlor sich jede Spur ihres vermutlichen Aufenthaltsortes.

All dies wurde dem verblüfften Maltravers erzählt; die Geschwätzigkeit des Gärtners machte eigene Nachforschungen überflüssig, und der Name Darvil enthüllte ihm alles, was für die anderen dunkel war. Alice wurde der gemeinsten, schwärzesten Schuld verdächtigt! Als unbekannte beschützte Geliebte, die sie gewesen war, konnte sie dem Rufmord, vor dem er sie auf ewig zu bewahren gehofft hatte, nicht entkommen. Aber teilte er diesen hasserfüllten Glauben? Dazu war Maltravers zu großzügig und zu aufgeklärt.

»Hund!« sagte er, mit den Zähnen knirschend und die Fäuste ballend, »wage es, eine Silbe von Verdacht gegen sie zu äußern, und ich trete dir den Atem aus dem Leib!«

Die alte Frau, die schworen hatte, dass sie um Nichts in der Welt in diesem Haus nach solch einer »Nacht des Zitterns« bleiben werde, hatte jetzt die Neuigkeit von der Rückkehr ihres Herrn erfahren und humpelte heran. Sie hörte gerade noch seine Drohung ihrem Mitangestellten gegenüber.

»Ach, das is' recht! Geben Se's ihm, Euer Ehren; Gott segne Ihr gutes Herz! Das isses, was ich sage. Die Miss und das Haus berauben! sag ich – die Miss und weglaufen. Oh nein – verlassen Se sich drauf: sie ha'm se gemordet und ihren Leichnam verbuddelt.«

Maltravers rang nach Luft, aber ohne noch ein Wort zu verlauten, bestieg er wieder die Kutsche und fuhr zum Untersuchungsrichter. Er fand in diesem Beamten einen würdigen und einsichtsvollen Weltmann. Ihm vertraute er das Geheimnis von Alice' und seiner eigenen Geburt an. Der Beamte stimmte mit ihm überein in der Annahme, dass Alice von ihrem Vater entdeckt und fortgeschafft worden sei. Eine neue Suche wurde unternommen – Geld wurde verschwendet. Maltravers führte in eigener Person die Suche an. Aber es kam dasselbe Ergebnis wie zuvor heraus, außer dass er aufgrund der Beschreibungen, die er von der Person hörte, – die Kleidung, die Tränen einer jungen Frau, die begleitet war von zwei Männern, die vermutlich Darvil und Walters waren, – überzeugt war, dass Alice noch lebte; er hoffte, sie könnte dennoch entfliehen und zurückkehren.

In dieser Hoffnung hielt er sich Wochen, Monate in der Umgebung auf; aber die Zeit verstrich ohne Neuigkeiten … Schließlich sah er sich gezwungen, alsbald eine so traurig stimmende und zugleich so geliebte Umgebung zu verlassen. Aber er versicherte sich eines Freundes in dem Untersuchungsrichter, der ihn zu verständigen versprach, falls Alice zurückkehrte oder ihr Vater entdeckt wurde. Er machte Mrs. Jones für ihr ganzes Leben reich zum Dank für ihre Rechtfertigung seiner verlorenen frühen Liebe; er versprach den reichsten Lohn für den geringsten Anhaltspunkt. Niedergedrückt und verzagt entsprach er am Ende den wiederholten ängstlichen Vorstellungen des Vormunds, dessen Sorge der junge Waise, bis er die Volljährigkeit erreicht hatte, nun anvertraut war.

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