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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel X

»Die schützende Eiche
Hing weinend über'm Hausdach: die säm'ge Luft
Plagt' sich mit dumpfem Laut.«

ELLIOT von Sheffield.

Viele Tage waren vergangen, und Alice war immer noch allein; aber sie hatte zwei Mal von Maltravers gehört. Die Briefe waren kurz und eilig. Das eine Mal ging es seinem Vater besser, und es gab Hoffnung; ein andermal erwartete man, dass er die Woche überleben werde. Dies waren die ersten Briefe, die Alice jemals von ihm erhalten hatte. Diese ersten Briefe sind ein Ereignis im Leben eines Mädchens – in Alice' Leben waren sie ein sehr trauriges. Ernest bat sie nicht, ihm zu schreiben; tatsächlich spürte er zu einer solchen Stunde einen Widerstand, seinen wahren Namen zu enthüllen und Briefe einer heimlichen Geliebten in dem Haus zu empfangen, in dem sein Vater im Sterben lag. Er hätte die fingierte Adresse angeben können, die er früher bei einem etwas entfernten Postamt unterhalten hatte, wo seine Person unbekannt war. Aber dann hätte er, um diese Briefe zu bekommen, für Stunden von seines Vaters Seite weichen müssen. Das war unmöglich. Diese Schwierigkeiten erklärte Maltravers Alice nicht.

Sie dachte einzig, er wünsche nicht von ihr zu hören; doch Alice war bescheiden. Was hatte sie zu sagen, das es wert war, ihn zu betrüben, und zu solcher Stunde? Aber wie freundlich von ihm zu schreiben! Wie kostbar diese Briefe! Und dennoch enttäuschten sie sie und kosteten sie Fluten von Tränen: sie waren so kurz – so voller Kummer – es gab so wenig Liebe in ihnen; und »liebe« oder sogar » liebste Alice«, was von der Stimme geflüstert so zärtlich klang, sah auf dem leblosen Papier kalt aus. Wenn sie nur den genauen Orte wüsste, wo er war, das würde einen gewissen Trost darstellen; aber sie wusste nur, dass er fort war und voller Gram; und obwohl er kaum dreißig Meilen entfernt war, fühlte sie sich, als ob unermesslicher Raum sie trennte. Gleichwohl tröstete sie sich selbst, so gut sie konnte; und um den langen, elenden Tag zu verkürzen, beschäftigte sie sich damit, alle Melodien, die er mochte, zu spielen und alle Textstellen, die er empfohlen hatte, zu lesen. Sie wollte sich so sehr verbessert haben, wenn er zurückkehrte; und wie lieblich der Garten aussehen würde; an jedem Tag erhielten seine Bäume und Blumen ein neues Lächeln vom kraftvoller werdenden Frühling. Oh, sie würden noch einmal so glücklich sein! Alice hatte nun etwas über das Leben herausgefunden, das in der Zukunft liegt; doch ihr junges Herz hatte bis jetzt noch nicht herausgefunden, dass es von dieser Zukunft manchen Propheten gibt, nur nicht die Hoffnung!

Maltravers hatte beim Verlassen des Häuschens vergessen, dass Alice ohne Geld war, und als er nun bemerkte, dass sein Bleiben sich unbestimmt verlängern werde, sandte er ihr eine Überweisung. Verschiedene Rechnungen war unbezahlt -die Miete war fällig; und als Alice dies vorgestellt wurde, vertraute sie der alten Dienstmagd eine Banknote an, mit der sie diese geringfügigen Schulden begleichen sollte. Als sie eines Abends Alice das Überzählige brachte, schien die gute Frau in großer Aufregung. Sie war bleich und durcheinander, oder, wie sie es ausdrückte, »hatte einen furchtbaren Zitteranfall«.

»Was ist los, Mrs. Jones. Sie haben keine Neuigkeiten von ihm – von – von meinem – von Ihrem Herrn?«

»Herzchen, Miss – nein«, versetzte Mrs. Jones; »wie sollt' ich? Aber ich will Sie nicht erschrecken; es hat zwei Raubüberfälle in der Nachbarschaft gegeben.«

»Oh, dem Himmel sei Dank, wenn das alles ist!«

»Oh, danken Se bloß nich dem Himmel dafür, Miss; 's is schockierend für zwei alleinstehende Frauen wie uns, und dazu die Fenster hier, immer offen bis auf den Boden! Wissen Se, als ich zum Geldwechseln bei Mr. Harris's, dem großen Lebensmittelladen, 'reinging, wo alle armen Leute einkaufen waren wegen morgen« (denn es war Samstag Abend, der zweite Samstag nach Ernests Abreise; von dieser Hedschra leitete sich Alice' gesamte Zeitrechnung ab), »da sprachen alle nur über die Raubüberfälle letzte Nacht. Ja, Miss, sie ha'm die alte Betty gefesselt – Sie kennen ja Betty – 'ne sehr ehrenwerte Frau, hat ihre Sorgen gehabt und trinkt einmal die Woche Tee mit mir. Also, Miss, denken Se nur: sie ha'm Betty an den Bettpfosten gefesselt mit nix als ihrem Unterhemd an – die Ärmste! Und als Mr. Harris mir das Wechselgeld gab (bitte gucken Sie, es is' alles richtig), und ich um Kleingeld bat, Miss, das is' praktischer, da stand so'n übel aussehender Kerl bei mir, kaufte Tabak, und der starrte so auf das Geld, dass ich dachte, er will damit todsicher vom Schalter wegrennen. Also raff ich es zusammen und geh weg. Aber würden Se's glauben, Miss, als ich g'rad' auf die Straße kam, bevor's durch's Tor geht, guck ich zufällig zurück, und da is' ganz genau dieser hässliche Kerl direkt hinter mir und läuft wie'n Verrückter. Oh, ich fing so zu kreischen an, und der junge Dobbins holte seine Kuh vom Feld runter, und dann glotzt er über die Hecke, als er mich hört, und die Kuh auch mit ihren Hörnern, der Herr segne sie! Da hielt der Kerl an, und ich rannte durch das Tor und kam nach Hause. Na, Miss, wenn wir alle beraubt und ermordet werden?«

Alice hatte nicht viel von dieser Tirade gehört; aber was sie hörte, griff kaum ihre starkes, bäuerliches Nervenkostüm an; nicht halb so viel gewiss wie der Lärm, den Mrs. Jones machte, indem sie alle Türen doppelt verschloss und, so gut wie ein Haken und eine rostige Kette es erlaubten, alle Fenster – was mindestens eineinhalb Stunden beanspruchte.

Schließlich war alles ruhig. Mrs. Jones war ins Bett gegangen – in den Armen des Schlafes hatte sie ihre Ängste vergessen – und Alice war hoch geschlichen, entkleidete sich, sprach ihre Gebete und weinte ein bisschen; und mit noch tränenfeuchten Augenlidern glitt sie hinüber zu Träumen von Ernest. Mitternacht war vorbei – Schlag eins der Uhr am Fuß der Treppe verklang ungehört. Der Mond war verschwunden – ein feiner Nieselregen fiel auf die Blumen, und rasch ballten sich in der Dunkelheit Wolken am Himmel dicht zusammen.

Um diese Zeit setzte ein leises, regelmäßige Kratzen an den dünnen Fensterläden des Wohnzimmers unten ein, dem ein sehr schwaches Geräusch wie das Klingeln von kleinen Glasstücken auf dem Kies draußen vorangegangen war. Endlich hörte es auf, und das behutsame, verdeckte Schimmern einer Laterne drang auf den Flur; im nächsten Augenblick standen zwei Männer im Raum.

»Beeil dich, Jack!« flüsterte der eine, »dreh das Licht hoch und lass uns 'rumschau'n!«

Die nun ungedämpfte Laterne präsentierte dem Blick der Räuber nichts, was ihre Gier befriedigen konnte.

Bücher und Musikinstrumente, Sessel, Tische, Schrank und Feuereisen, wertvoll genug für den Hausbesitzer, sind in den Augen eines Einbrechers wertlos. Sie murmelten leise miteinander.

»Jack«, sagte der erste, »wir müssen 'ran ans Besteck und dann schwupps! zum Geld. Die Alte hatte dreißig Knicker, abgesehen vom Kleingeld.«

Der Komplize nickte; die Laterne wurde wieder teilweise abgedunkelt, und mit geräuschlos schleichendem Schritt verließen die Männer das Gemach. Einige Minuten vergingen, als Alice von einem lauten Schrei, den sie selbst ausstieß, aus ihrem Schlummer erwachte, alles war wieder still: sie musste es geträumt haben: ihr kleines Herz schlug zuerst heftig, wurde allmählich aber wieder ruhig. Sie erhob sich indes, und da die Gütigkeit ihres Wesens empfindlicher war als ihre Furcht, dachte sie, Mrs. Jones könnte erkrankt sein – sie wollte zu ihr gehen. Mit diesem Gedanken begann sie sich anzuziehen, als sie deutlich kräftige Fußtritte und eine fremde Stimme im Raum drüben hörte. Nun war sie durch und durch alarmiert – ihr erster Impuls war, aus dem Haus zu fliehen – ihr nächster, die Tür zu verriegeln und laut um Hilfe zu rufen. Aber wer sollte ihr Rufen hören? Sie verweilte unentschlossen zwischen den beiden Absichten … und blieb blass und zitternd zu Füßen des Bettes sitzen, als helles Licht durch die Ritzen der Tür strömte – einen Augenblick später ergriff sie eine rauhe Hand.

»Komm' Se, Ma'm, keine Angst, wir woll'n Ihn' nix tun. Aber wo ist der Zaster – wo ist das Geld? Die Alte sagt, Sie ha'm's. Rücken Se's 'raus!«

»Oh Gnade, Gnade! John Walters, sind Sie's?«

»Verdammnis!« murmelte der Mann zurückweichend, »dann kennste mich also. Aber du wirst mich nich' verpfeifen, du wirst mich nich' an'n Galgen bring', – du Miststück!«

Während er sprach, ergriff er Alice wieder und drückte sie mit einer Hand fest nieder, während er mit der anderen bedächtig ein langes Messer aus einer Seitentasche zog. In diesem Augenblick tödlicher Gefahr stürzte der zweite Gauner heran, der bisher damit beschäftigt gewesen war, die Dienstmagd festzusetzen. Er hatte den Ausruf von Alice gehört, er vernahm die Drohung seines Kumpanen; er eilte zur Bettkante, warf einen raschen Blick auf Alice und schleuderte den Mordgesellen auf die andere Seite des Zimmers.

»Was denn, Mann? Biste wahnsinnig?« knurrte er zwischen den Zähnen. »Kennste se nich'? Das is' Alice, das is' meine Tochter.«

Alice war aufgesprungen, als sie vom Messer des Mörders befreit war, und starrte nun mit vor Schreck geweiteten, zuckenden Augen auf das dunkle böse Gesicht ihres Erretters.

»Oh Gott, es ist – es ist mein Vater!« murmelte sie und fiel in Ohnmacht.

»Tochter oder nicht«, sagte John Walters, »ich werd' nich' mein' Hals in ihre Schlinge legen. Denk dran, wie se uns angeschmiert hat, als se weggelaufen is'!«

Darvil stand nachdenklich und verwirrt da; und sein Genosse näherte sich verbissen mit solch entschiedener Wildheit, dass sogar Darvil ihn nicht ohne Schaudern anschauen konnte.

»Du hast recht«, murmelte der Vater nach einer Pause, behielt jedoch die Schulter seines Kumpanen fest im Griff, – »das Mädel darf nich' hier bleiben – der Karren hat 'ne Plane. Wir gehen 'raus aus dem Land; ich hab 'n Recht auf meine Tochter – sie wird mit uns gehen. Da, Mann, schnapp dir das Geld – es is' auf'm Tisch … du hast das Besteck. Los dann …«. Während Darvil sprach, hielt er seine Tochter in den Armen, warf einen Schal über sie und einen Mantel, der gerade zur Hand war, und befand sich schon auf der Schwelle.

»Gefällt mir gar nich'«, grummelte Walters, »is' nich' sicher.«

»Is' mindestens genauso sicher wie Mord!« gab Darvil zurück und wandte sich mit einem gräulichen Grinsen um. »Beil dich!«

Als Alice wieder bei Bewusstsein war, brach inmitten trostloser, düsterer Hügel die Dämmerung langsam an. Sie lag auf rohem Stroh – der Karren holperte über die Furchen einer abschüssigen, einsamen Straße – und ihr zur Seite das finstere Gesicht dieses schrecklichen Vaters.

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