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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel VIII

»Dort fliegt Gewölk wie Geier auf den Raub.
…………………………………………………………….
Nie wieder schmückt Azur das Firmament
Noch Sternenpracht.«

BYRON, Himmel und Erde

Es war ein lieblicher Abend im April, das Wetter war ungewöhnlich mild und heiter für die Jahreszeit in den nördlichen Gebieten unserer Insel, und die hellen Tropfen des letzten Schauers glitzerten auf den Knospen von Flieder und Goldregen, die sich um Maltravers' Landhaus scharten. Der kleine Springbrunnen, der in der Mitte eines runden Bassins plätscherte, auf dessen klaren Spiegel die breitblättrige Wasserlilie ihren schönen Schatten warf, gesellte sich zum frischen Grün des Rasens;

»Und weich wie Samt das junge Gras«,

auf welchem die seltenen frühen Blumen ihre schweren Lider schlossen. Dieser Schauer zur Dämmerstunde hatte der Luft eine schwungvolle und kräftige Süße verliehen, die über etliche Veilchenreihen strich und leicht die goldenen Locken von Alice berührte, als sie sich an die Seite ihres gebannten und schweigenden Geliebten begab. Sie saßen auf einer schlichten Bank unmittelbar vor dem Landhaus, und das offene Fenster hinter ihnen gestattete den Einblick in diesen Raum des Glücks, der – übersät mit Büchern und Musikinstrumenten – beredt die Poesie der Häuslichkeit bezeugte.

Maltravers war schweigsam, denn seine geschmeidige, entzündbare Vorstellungskraft beschwor tausend Gestalten herauf zu dieser durchsichtigen Atmosphäre oder diesen beschatteten Veilchenreihen. Er dachte nicht, er wähnte. Sein Genie ruhte verträumt auf dem ruhigen, aber hochgestimmten Gefühl seines Glücks. Alice befand sich nicht ausschließlich in seinen Gedanken. Aber unbewusst gab sie ihnen allen die Farbe – hätte sie seine Seite verlassen, so wäre der ganze Zauber entschwunden. Aber Alice, die weder Dichterin war noch Genie besaß, dachte, und sie -dachte nur an Maltravers … Sein Bild war wie »der zerbrochene Spiegel«, vervielfältigt in tausend getreue Bruchstücke ausgebreitet über alles Schöne und Zarte in diesem lieblichen Mikrokosmos. In einem Punkt aber gab es zwischen ihnen keinen Unterschied: nicht die Zukunft beschäftigte sie, sie kannten nur die Gegenwart, – das Gefühl unmittelbaren Lebens, der Genuss der atmenden Zeit erfüllte sie. Dies ist das Vorrecht der Extreme unserer Existenz – der Jugend und des Alters. Das mittlere Lebensalter wohnt niemals im Heute, sein Heim ist das Morgen … ängstlich, pläneschmiedend und sehnsüchtig wünschend, dass dieser Entwurf zur Reife gelange und jene Hoffnung sich erfülle, während jede Welle der vergessenen Zeit näher und näher zum Ende aller Dinge drängt. Die Hälfte unseres Lebens vergeht in dem Verlangen, sich dem Tode zu nähern.

»Alice«, sagte Maltravers schließlich, aus seinem Sinnen erwachend, und zog die leichte, kindhafte Gestalt näher zu sich, »du hast an dieser Stunde ebensoviel Freude wie ich.«

»Oh, viel mehr!«

»Mehr! Und warum?«

»Weil ich an dich denke und du vielleicht nicht an dich selber denkst.«

Maltravers lächelte, schob ihre schönen Locken beiseite und küsste die sanfte, unschuldige Stirn; Alice schmiegte sich an seine Brust.

»Wie jung du bei diesem Licht aussiehst, Alice!« sagte er, zärtlich hinunterblickend.

»Würdest du mich weniger lieben, wenn ich alt wäre?« fragte Alice.

»Ich nehme an, ich würde dich nie auf dieselbe Art geliebt haben, wenn du alt gewesen wärest, als ich das erste Mal sah.«

»Aber ich hätte bestimmt dasselbe für dich gefühlt, wenn du auch noch so alt gewesen wärest.«

»Was? Mit verschrumpelten Backen, lahmem Kopf, einer braunen Perücke und zahnlos, wie Mr. Simcox?«

»Oh, du könntest niemals so sein! Du würdest immer jung aussehen – dein Herz wäre immer in deinem Gesicht zu erkennen. Dieses klare Lächeln – ach, bis zum letzten Atemzug würdest du schön aussehen!«

»Simcox wirkt vielleicht jetzt nicht sehr reizend, ist aber früher, glaube ich, hübscher als ich gewesen, Alice; und ich werde zufrieden sein, so auszusehen, wenn ich genauso alt bin.«

»Ich würde gar nicht wissen, dass du alt wärest, weil ich dich gerade so sehen kann, wie es mir gefällt. Wenn du manchmal gedankenvoll bist, ziehen sich deine Brauen zusammen und du siehst so streng aus, dass ich zittere; aber dann denke ich an dich, wie du das letzte Mal gelächelt hast, und schaue wieder auf, und obwohl du immer noch die Stirn runzelst, scheinst du zu lächeln. Bestimmt erscheinst du anderen Augen anders als meinen … aber die Zeit müsste mich töten, bevor sie dich in meinen Augen verändern könnte.«

»Süße Alice, du sprichst beredt, denn aus dir spricht die Liebe.«

»Mein Herz spricht zu dir. Ach, ich wünschte, ich könnte alles sagen, was ich fühle. Ich wünschte, ich könnte etwas dichten, das wie du wäre, oder dass Worte Musik würden – ich würde nie mehr anders zu dir sprechen. Ich bin so froh, Musik zu erlernen, denn wenn ich spiele, kommt es mir vor, als spräche ich zu dir. Bestimmt hat jemand die Musik erfunden, weil er sehr geliebt hat und das sagen wollte. Ich sage er, aber ich glaube, es war eine Frau, oder?«

»Die Griechen, von denen ich dir erzählt habe und deren Leben Musik war, dachten, es sei ein Gott gewesen.«

»Ach, aber du sagtest, die Griechen hätten die Liebe zu einer Gottheit gemacht. Waren sie deshalb sündig?«

»Unser eigener Gott dort oben ist die Liebe«, sagte Maltravers ernst, »wie unsere eigenen Dichter sagen und singen. Aber es ist Liebe von anderer Art – göttlich, nicht menschlich. Komm, wir gehen hinein, die Luft wird kalt.«

Sie traten ins Haus, er hielt dabei ihre Hüfte umfasst. Der Raum entbot ihnen lächelnd sein ruhiges Willkommen; und Alice, deren Herz seine Fülle nicht zur Hälfte herausgelassen hatte, setzte sich ans Instrument, um noch auf ihre Weise »Liebe sprechen« zu lassen.

Aber es war Samstagabend. Jeden Samstag erhielt Maltravers von der benachbarten Stadt die Provinzzeitung – es war sein einziges Medium der Kommunikation mit der großen Welt. Aber nicht um dieser Kommunikation willen ergriff er sie stets mit Begierde und stürzte sich mit Interesse auf sie. Der Bezirk, in dem sein Vater residierte, grenzte an die Grafschaft, in der Ernest weilte, und die Zeitung enthielt Neuigkeiten aus diesem vertrauten Distrikt in ihren umfangreichen Kolumnen. Daher beruhigte es Ernests Gewissen und dämpfte seine Ängste als Sohn, wenn er von Zeit zu Zeit las, dass »Mr. Maltravers eine erlesene Gesellschaft von Freunden in seinem prächtigen Schloss zu Lisle Court bewirtet habe«; oder dass »Mr. Maltravers' Fuchshunde sich an dem und dem Tag bei irgendeinem Wäldchen versammelt hätten«; oder dass »Mr. Maltravers in seiner gewöhnlichen Freigiebigkeit zwanzig Guineen für das neue Bezirkstor beigesteuert habe« … Und als nun Maltravers die erwartete Zeitung neben der zischenden Teemaschine liegen sah, ergriff er sie eifrig, riss den Umschlag auf und eilte zu der wohlbekannten Seite, die über den väterlichen Distrikt berichtete. Die allerersten Worte, auf die sein Blick fiel, waren die folgenden:

»Besorgnis erregende Krankheit bei Mr. Maltravers

Wir bedauern melden zu müssen, dass dieser beispielhafte und hervorragende Gentleman Mittwochabend plötzlich ernsthaft an spasmischen Krämpfen erkrankte. Man ließ sofort Dr. – – herbeiholen, der erklärte, dass es sich um Magengicht handle. Um medizinischen Beistand aus London wurde ersucht.

Nachschrift. – Wir hören soeben auf unsere Anfrage in Lisle Court, dass es dem geachteten Besitzer bedeutend schlechter geht: schwache Hoffnung auf Genesung besteht jedoch. Captain Maltravers, sein ältester Sohn und Erbe, befindet sich auf Lisle Court. Per Eilbote wird nach Ernest Maltravers gesucht, der aufgrund seines hochsinnigen englischen Temperaments in eine gewisse Auseinandersetzung mit den Autoritäten einer despotischen Regierung verwickelt wurde und plötzlich aus Göttingen verschwand, wo er sich durch seine außerordentlichen Talente aufs Höchste hervorgetan hatte. Man nimmt an, er halte sich in Paris auf.«

Die Zeitung fiel zu Boden. Ernest warf sich zurück auf den Sessel und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Alice war in einem Augenblick neben ihm. Er schaute auf und gewahrte ihren wehmütigen und erschreckten Blick. »Oh, Alice!« rief er verbittert und schob sie beinahe fort, »wenn du nur ahnen könntest, welche Gewissensbisse du mir verursachst!« Dann sprang er auf und stürzte aus dem Zimmer.

Sogleich war das ganze Haus in Aufruhr. Der Gärtner, der zum Abendessen immer im Haus war, eilte zur Stadt, um Postpferde zu bestellen. Die alte Frau war in Verzweiflung wegen der Wäscherin, denn ihr erster und einziger Gedanke richtete sich auf »die Hemden des Herrn«. Ernest schloss sich in seinem Zimmer ein. Alice! Arme Alice!

In kaum mehr als zwanzig Minuten war die Kutsche vor der Tür: und Ernest kam bleich wie der Tod in das Zimmer, wo er Alice verlassen hatte.

Sie saß auf dem Boden mit der verhängnisvollen Zeitung auf ihrem Schoß. Vergeblich hatte sie sich angestrengt herauszubekommen, was Maltravers so empfindlich zugesetzt hatte, denn wie ich bereits erwähnte, war sein wirklicher Name ihr unbekannt, und daher kam die ominöse Notiz für ihr Auge nicht einmal in Betracht.

Er nahm ihr die Zeitung fort, denn er wollte sie wieder und wieder lesen: irgendein kleines Wort der Hoffnung oder Ermutigung musste ihm entgangen sein. Und dann schmiegte sich Alice an seine Brust. »Weine nicht«, sagte er, »der Himmel weiß, dass ich selbst Kummer genug habe! Mein Vater stirbt! So freundlich ist er, so großzügig, so nachsichtig! O Gott, vergib mir! Nimm dich zusammen, Alice. In wenigen Tagen wirst du von mir hören.«

Er küsste sie, aber der Kuss war kalt und bemüht. Er eilte fort. Sie hörte die Räder auf dem Kies knirschen und lief zum Fenster, aber das geliebte Gesicht war nicht mehr zu sehen. Maltravers hatte die Vorhänge zugezogen und sich zurückgeworfen, um sich seinem Gram zu überlassen. Einen Augenblick später war auch das Fahrzeug, das ihn fort trug, nicht mehr zu sehen. Und vor ihr lagen die Blumen und der sternenbeschienene Rasen, der verspielte Springbrunnen und die Bank, auf der sie in so herzlicher, heiterer Freude gesessen hatten. Er war fort; und oft, oh, wie oft, erinnerte sich Alice, dass seine letzten Worte in fremdem Ton gemurmelt worden waren – dass seine letzte Umarmung ohne Liebe gewesen war!

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