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Ernest Maltravers

Edward Bulwer-Lytton: Ernest Maltravers - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bulwer-Lytton
titleErnest Maltravers
publisherProjekt Gutenberg-DE
year2014
firstpub2014
translatorbruce.welch@gmx.de
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141014
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Kapitel VII

»Wie ähnlich einem Wildfang und Verschwender
Eilt das beflaggte Schiff aus heim'scher Bucht!«

SHAKESPEARE, Der Kaufmann von Venedig, II, 6

Wir verbinden gerne die Stimme des Gewissens mit der Stille zur Mitternacht. Damit tun wir dieser unschuldigen Stunde wohl Unrecht. Es ist dieser furchtbare »nächste Morgen«, wenn die Vernunft hellwach ist und die Reue ihre Fangzähne einschlägt. Hat ein Mann alles verspielt oder seinen Freund im Duell erschossen – hat er ein Verbrechen begangen oder sich zum Gespött gemacht: es ist der nächste Morgen, an dem sich die unwiederbringliche Vergangenheit wie ein Schreckgespenst vor ihm erhebt; dann bringt der Friedhof der Erinnerung wieder seinen grausigen Toten empor – dann schlägt die Geisterstunde, wenn der böse Feind in uns vielleicht am wenigsten locken, aber am meisten quälen kann. Nachts haben wir etwas, worauf wir hoffen können, eine Zuflucht: Vergessen und Schlaf! Aber am Morgen ist der Schlaf vorbei und wir sind berufen, kalt zu prüfen, wieder zu handeln und abermals die erweckende Bitterkeit des Selbsttadels zu erleben.

Maltravers stand auf als reumütiger und unglücklicher Mensch – Reue war etwas Neues für ihn, und er fühlte sich, als hätte er mit arglistigem Betrug Schuld auf sich geladen. Das arme Mädchen, es war so unschuldig, so zutraulich, so schutzlos, selbst nach ihrem eigenen Rechtsgefühl. Teilnahmslos und entmutigt ging er hinunter. Er sehnte sich danach und fürchtete zugleich, Alice anzutreffen … Er hörte ihren Schritt im Wintergarten – wartete unentschlossen und ging nach einiger Zeit zu ihr. Zum ersten Mal errötete und zitterte sie, und ihre Augen wichen ihm aus. Aber als er ihre Hand schweigend küsste, flüsterte sie: »Und muss ich Sie jetzt verlassen?« Und Maltravers antwortete feurig: »Niemals!« Da strahlte ihr Gesicht so vor Freude, dass Maltravers trotzdem getröstet war. Alice kannte keine Reue, obgleich sie aufgewühlt und beschämt war; da sie die Gefahr nicht begriffen hatte, war sie sich des Sachverhalts auch nicht bewusst. Sie dachte tatsächlich nie an sich selbst. Sie war mit ganzer Seele bei ihm; sie gab ihm mit der Liebe den Geist zurück, den sie von ihm mit dem Wissen erhalten hatte …

   

So schlenderten sie den ganzen Tag durch den Garten, und Maltravers söhnte sich wieder mit sich selbst aus. Er hatte einen Fehler begangen, das ist wahr; aber andererseits hatte Alice vielleicht schon nach Meinung der Welt genug gelitten, indem sie mit ihm, wenn auch unschuldig, so lange gelebt hatte. Und nun besaß sie einen immerwährenden Anspruch auf seinen Schutz – sie sollte niemals Schande oder Not kennenlernen. Und die Liebe, die zu diesem Fehler geführt hatte, würde allem durch Treue und Ergebenheit den Charakter der Sünde nehmen.

Banale Sophisterei! L' homme se pique! wie der alte Montaigne sagt; der Mensch ist sein eigener Betrüger! Das Bewusstsein ist das elastischste Material der Welt. Heute reicht es nicht über einen Maulwurfshügel, morgen verbirgt es einen Berg.

Oh, wie glücklich war es jetzt, das junge Paar! Wie Träume verflogen die Tage! Die Zeit verstrich, der Winter ging vorüber, und der Frühling mit seinen Blumen und seinem Sonnenschein spiegelte ihre Jugend. Alice begleitete Maltravers nie auf seinen Spaziergängen, weil sie ihren Vater zu treffen fürchtete, doch auch weil Maltravers selbst aller Öffentlichkeit durchaus abgeneigt war. Aber sie hatten ja auch ihre kleine Welt von drei Morgen – Rasen und Springbrunnen, Gebüsch und Terrasse – ganz für sich selbst, und Alice fragte niemals, ob es eine andere Welt ohne dies gebe. Sie war nun eine richtige ›Gelehrte‹, wie Mr. Simcox versicherte. Sie konnte laut lesen – und flüssig (für Maltravers), sie verfertigte Abschriften seiner Dichtwerke in kleiner, unregelmäßiger Schrift, und er musste nicht mehr in seinem Vokabular nach einem kurzen sächsischen Einsilbler suchen, um eine Brücke zwischen ihren Gedanken zu schaffen … Eros und Psyche sind stets vereint, und Liebe öffnet alle Blütenblätter der Seele.

Nur bei einem Gegenstand war Maltravers weniger gesprächig als früher. Er war moralisch nicht weiter gekommen und hielt es für verlogen, etwas zu predigen, das er selbst nicht ausübte. Aber Alice war feiner und reiner und, soweit sie wusste – süßer Dummkopf! – besser als je – sie hatte ein neues Gebet für sich erfunden; und sie betete so regelmäßig und innig, als ob sie nichts Unstatthaftes getan hätte. Aber das Gesetz des Himmels ist sanfter als das der Erde und verfährt nicht nach dem Grundsatz, dass Unwissenheit das Verbrechen nicht entschuldige.

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