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Erlebtes Leben

Rudolf Georg Binding: Erlebtes Leben - Kapitel 8
Quellenangabe
typeautobio
authorRudolf G. Binding
titleErlebtes Leben
publisherRütten & Loening
addressPotsdam
printrun46.-50. Tausend
year1941
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100314
projectid2a53abe9
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Sechstes Kapitel

Äußerlich betrachtet durchlief ich von nun ab in der Anzahl der Jahre die man im allgemeinen darauf verwandte mein juristisches Studium bis zur ersten Staatsprüfung, dem Referendarexamen. Ich bestand es schlecht und recht – mehr schlecht als recht in meinen Augen. Jedenfalls hatte ich nicht die geringste Freude daran; ich schämte mich im Grunde daß ich mit so geringen und – wie soll ich sagen? – unangeeigneten Kenntnissen bis dahin gelangt war, das Examen zu bestehen. Ich wurde nicht bevorzugt. Viele andere wußten es auch nicht besser; aber die waren so überzeugt. Ich sah sie aus dem Saal der Entscheidung gehen als ob sie Wunder etwas wären. Als meine Prüfung schon beendet war – es war eine mündliche Prüfung – blieb ich noch lange ganz gebannt in dem Saal nur um dieses Merkwürdige, mir Fremde und Versagte an den andern vielen, die nach mir geprüft wurden und bestanden, zu beobachten oder einen zu entdecken dem es so erginge wie mir. Aber sie waren alle überzeugt von sich –, auch solche die viel weniger wußten als ich, solche die gerade noch davon gekommen waren. Sie schienen alle in der Prüfung etwas geworden zu sein was sie vorher noch nicht waren. Nur ich war nichts geworden.

Dieses Erlebnis beschäftigte mich sehr. Ich pflegte damals, wie auch später, alles was mich nachdenklich machte zunächst gegen mich auszulegen. Erst wenn ich mich selber sozusagen aus dem Wege geräumt hatte ging ich daran zu untersuchen, was nun an der Sache sei. Aber alles schien sich zusammenzutun, das Wahre und das Falsche zu vermischen, daß eines in das andere überging und ich selbst, auf beste Art geblendet, nichts mehr unterschied. Alle Welt beglückwünschte mich und ich – wie es die Art der Zeit erforderte - - machte ein verbindliches und erfreutes Gesicht dazu. Man konnte doch nicht wohl ein verbindliches und erfreutes Gesicht durch seine Handlungen Lügen strafen – wenigstens ich vermochte es nicht – und so ließ ich mich weiterziehen.

Die Wenigen die um mich wußten und meine Unüberzeugtheit ahnten gingen ihr nicht auf den Grund. Meine Großmutter, um mich zu ermutigen, schrieb, in der Praxis – also auf den Gerichten, in den Anwaltsstuben, später als Richter – würde mich mein Beruf schon befriedigen. Ich hatte ihr vom günstigen Verlauf des Examens geschrieben, weil es sie freute. Sie hatte mir in der angedeuteten Weise zurückgeschrieben, weil es mich freuen würde. Ich fühlte daß auch sie mir nur eine Freude machen wollte. Es war ein liebenswürdiges Spiel, ganz rein und kindlich von mir und ganz rein und mütterlich von ihr. Aber es war eben doch nur eine Maskerade. Es war bezeichnend für das Leben jener Jahre und Jahrzehnte. Man belog sich. Das Leben nahm diesen Charakter unweigerlich an, er wurde ihm zuteil, er kam ihm offenbar zu. Es war die Form des Lebens, war dieser Zeit Form, war unsere Form. Oder wußten Menschen nichts voneinander? Doch. Man wußte voneinander. Es war ganz nach der Art der Zeit was in dem angesehenen Haus am Park vorging. Ich kannte den einen der Söhne, aber es betraf ihn nicht allein. Die Eltern lebten zwanzig Jahre in einer Ehe. Die Frau war reizend, liebenswert und lang geliebt. Der Mann war zart und rücksichtsvoll und fühlte sich verpflichtet. Sie zeigten sich immer miteinander. Sie taten so als ob sie sich noch liebten; sie taten so einander zu Gefallen; sie mochten sich nicht kränken. Aber die Liebe schwand wie Liebe schwindet. Sie sah es, wußte es. Da log sie daß er sie noch liebe – der Kinder wegen. Sie bat ihn daß auch er lüge, den Schein aufrechterhalte daß er sie noch liebe – der Kinder wegen. Er tat es ihr zuliebe.

Die Kinder, rasch erwachsen, waren hellsichtig, verständig. Sie sahen daß der Vater die Mutter nicht mehr liebte, sie hatten Beweise die sie sich heimlich gestanden. Sie wußten daß ihr Vater und ihre Mutter logen wenn sie taten als liebten sie sich noch. Sie wußten daß sie ihretwegen logen – und taten selbst bedrückten Herzens so als ob sie es nicht wüßten. Sie logen mit den andern. Sie sahen alles und ersparten doch den eigenen Eltern ihre Lüge nicht. Denn es geschah um ihretwillen daß sie logen. Aus Liebe wurden sie belogen und aus Liebe logen sie. Die Eltern hatten bald bemerkt daß ihre Kinder alles wußten und aus Liebe logen. Aber sie logen dennoch weiter, weil sie aus Liebe belogen wurden und jene andern Lügenden nicht Lügen strafen wollten. So lebte man dahin.

Mein Leben steht für viele Leben. Ich weiß jetzt daß es auch hierin nicht sehr verschieden war von jenen andern. Ich tat so als ob ich hoffte, meinen Eltern zuliebe, der Großmutter zuliebe, vielen Menschen zuliebe die unbegreifliche Erwartungen in mich setzten. Ich hätte es nicht tun sollen.

Mein Vater durchschaute mich. Doch er hütete sich nach seiner Art, mich im leisesten zu bestimmen. Ich mußte meinen Weg selbst finden. Im letzten war mir das auch ganz recht und genehm. Aber ich wußte immer noch nicht was mich erfüllen oder auch nur ergreifen könnte. Diese unbegreiflichen Erwartungen der andern in mich! – sie waren so sicher daß ich sie erfüllen würde. Sie erschreckten mich fast. Woraus schöpften sie dieses seltsame Zutrauen zu mir? Ich bewahre noch den Brief der schönsten und liebsten Freundin meines Vaters aus damaliger Zeit – und diese Frau lebt noch – in dem sie an mich wie an einen schönen Schmetterling schrieb, der in seiner Puppe steckte und sie so sicher sprengen werde zum lichtesten, glänzendsten Flug wie sie selber lebe; ich brauche ja nur die Flügel zu regen, ich brauche ja nur zur Sonne zu fliegen! – Ich habe diesen Brief hundert Male gelesen – schaudernd und ungläubig. Was erwartete sie? Ich vermochte nichts. Meine Anteilnahme an dem ergriffenen Beruf, an dem Leben rings um mich, das die andern in einer mir unverständlichen Begeisterung und Erregung führten oder betrieben, das sie mit Eifer verbesserten und mit Vorteil fortsetzten, war nicht mehr als eine Verpflichtung, eine Verbundenheit, eine freundliche Miene zu einem gleichgültigen oder für andere gültigen Spiel. Ich blieb unüberzeugt von mir und vom Leben.

Dennoch war ich nicht etwa unglücklich oder voller unbestimmter Sehnsüchte. Keine Nähe und keine Ferne machten mich schwierig. Ich war heiter und unbedenklich, weil ich's nicht anders verstand, weil ich von Natur nicht traurig oder bedenklich war, ja ein gewisses Geschick und die Absicht besaß, damit über die Dinge wegzukommen. Es war mir schon wie ein äußerster mir zustehender Erfolg, es unauffällig, ohne Ehre aber auch ohne eigentliche Schande, weiter zu treiben; und weil ich es so dachte fiel es so aus. Das Leben belohnte mich genau mit dem was ich von ihm verlangte. Es war wenig. Ich war sehr genügsam – ich weiß. Es gehörte zur Zucht meines Wesens, genügsam zu sein. Ich verlangte nie daß ich mich glücklich fühle. Ich war immer im Zustande froher Aufnahme – ich bin es noch heute –, Erlebnissen offen, aber sie nicht suchend. Wenn sie nicht kamen, war ich gleichwohl nicht enttäuscht. Es enttäuschte mich nichts. Ich gewöhnte mich daran daß mich nichts zu enttäuschen die Kraft besaß, wie ich mich daran gewöhnte daß mich nichts eigentlich begeisterte.

Mich weiter in Zucht meines Leibes zu setzen, weiter mich meinem stummen Lehrmeister zu vertrauen, machte mich ruhig und sicher. Es war eine Überlegenheit für irgendein Unbekanntes, Zukünftiges darin, für ein Äußerstes an das ich immer wieder gern dachte als an ein Ernstes, Männliches, vor dem man eben doch bestehen müsse. Es war eine Überlegenheit nicht nur des Leibes sondern auch der Seele. Ich will nicht sagen daß ich im Geistigen nichts fand. Ich habe vor großen, wundervollen Einfachheiten wissenschaftlicher und menschlicher Erkenntnis gestanden wie vor aufgerissenen Toren, stolz und glücklich durch sie hineinzublicken. Wenn mein Vater seine Vorlesungen über Enzyklopädie des Rechts, die man freilich erst nach Kenntnis einiger besonderen Eingangs- und Schulgebiete zu hören bekam, mit dem Satze begann: »Alles Recht ist von Menschen für Menschen gemacht«, so ward mir wohl. Das »göttliche« Recht, das Recht »das mit uns geboren wird«, von dem man allenthalben so tut als ob es existiere, als ob es mächtig sei, war also auch von Menschen für Menschen gemacht. Gut! das war bescheiden und stolz zugleich. Damit ließ sich leben. Aber das Erste, das Tatsächliche, das Noch-nicht-Rechtliche, das rein Menschliche das vor allem Rechte war, war mir aus irgendeinem Grunde wunderbarer, heiliger, beständiger. Es war seltsam unnahbar; die Wissenschaften schienen anderes zu begreifen, anderes zu enthalten. Jenes andere Gebiet hatte doch offenbar keinen Raum im Leben. Das Leben wurde durch Gesetze geregelt.

Aber Gesetze gefielen mir nicht. Sie schienen mir, so sehr ich mich mühte sie zu lernen, wie ein Instrument das ich nicht zu spielen vermochte weil ich kein Gehör für es hatte. Das alles diente irgendeinem Zweck, der gar nicht mein Zweck war – obgleich ich durchaus nicht hätte angeben können was mein Zweck gewesen wäre und welches Instrument ich zu spielen begehrte. Es berührte mich nicht, wenn man Angelegenheiten der Menschen durch Anwendung von Gesetzen regelte, wenn man Recht sprach, ein Urteil fällte, einen Konkurs anordnete, eine Strafe verhängte. Das alles betraf andere; ich wußte nicht, wie ich einen Reiz darin finden könnte, diesen Beweis für andere zu führen, jenes Urteil für einen Zweiten zu sprechen und zu begründen, jene Vermögensverhältnisse eines Dritten gerichtlich zu regeln oder jene Strafe auszusprechen, deren Wirkung ich danach nicht zu verfolgen hatte; und deren Wirkung mich auch nichts anging, nicht einmal eigentlich etwas angehen durfte.

Jetzt weiß ich daß das Gesetz erst der zweite Akt der Gewalt ist, wie die Ehe der zweite Akt der Liebe ist. Und wie mich nicht die Ehe angeht sondern die Liebe als das rein Menschliche (ich kann kein Gedicht über die Ehe machen aber tausend über die Liebe) so auch ging mich im Grunde Gewalt mehr an als Gesetz.

Indessen die Begegnungen mit so fundamentalen Sätzen wie dem angeführten über die Entstehung des Rechts waren selten. Immer führten die Lehren wie die Bücher auf die speziellen Gebiete der Wissenschaft, auf denen ich mich nicht zu betätigen vermochte. Nichts nahm mich hin. Einmal indessen – merkwürdig genug, lag auf meines Vaters Tisch ein Buch das er selbst offenbar sehr eifrig las; denn es waren eine Menge Stellen mit Bleistift angestrichen bis zu der aufgeschlagenen Seite. Ich las, in dem Buche blätternd, einen Satz. Er war nicht angestrichen, aber ich habe ihn mein Leben lang nicht vergessen. »Der Krieg ist das Gebiet der Gefahr, es ist also Mut vor allen Dingen die erste Eigenschaft des Kriegers.« Warum ging mich das an? – Ich las diesen Satz nicht wegen des Wortes Krieg, sondern wegen der Worte Mut und Gefahr. – Aber auch anderes konnte man aus dem Buche erfahren – etwa über das Verhältnis der Theorie zur Erfahrung; es war schön, wie mir schien, und stark ausgedrückt: »so wie manche Pflanzen nur Früchte tragen, wenn sie nicht zu hoch in den Stengel schießen, so müssen in praktischen Künsten die theoretischen Blätter und Blumen nicht zu hoch getrieben, sondern der Erfahrung, ihrem eigentümlichen Boden, nahe gehalten werden.« – »Im Kriege ist alles einfach, aber das Einfachste ist schwer.« – Diese Sätze, diese Worte ließen mich nicht los; sie waren mit einer mir bisher ganz unbekannten Gewalt ausgerüstet, in das Unwiderlegliche einer sicheren, geschlossenen, lückenlosen Vorstellungswelt eingebettet, die hinter jedem Worte stand und die unbedingte Wahrheit gewährleistete. Bei diesem Mann – denn ein Mann mußte es ja doch sein – ging es um Erstes und Letztes. Das fühlte ich. Wer war es, der so schreiben konnte? Ich wendete jetzt erst, den Finger noch immer zwischen den von meinem Vater aufgeschlagenen Seiten, um das Buch so wieder hinlegen zu können wie er es verlassen, zum ersten Blatt zurück: »Vom Kriege« hieß das Buch und »Carl von Clausewitz« las ich als Verfasser. Der Name war mir fremd. Unser Geschichtsunterricht war bis zum Zeitalter Ludwigs XIV. geführt worden. Ich las wenig. Das also gab es? Ich war das erste Mal tief und unvergeßlich getroffen. Ich habe das Buch heimlich, wahrend es mein Vater langsam weiter las, immer mit dem Finger zwischen den Seiten die ich aufgeschlagen vorfand, heiß und erschüttert in mich aufgenommen in den Stunden in denen es mir die Abwesenheit meines Vaters erlaubte. Welche Schauer des Ernstes und zugleich der Offenbarung des Menschlichsten mich durchdrangen als ich vor dem Satze stand: »auch die gebildetsten Völker können gegeneinander leidenschaftlich entbrennen«, ist gar nicht zu beschreiben. Ich las ihn unzählige Male – und jetzt denke ich, es wäre gut, wenn ihn der Mensch unzählige Male gelesen hätte zu damaliger Zeit und lesen würde in alle Zukunft – ich las ihn unzählige Male und schlug ihn immer wieder auf als die tiefste unseligste Wahrheit, obgleich ich ihn längst auswendig wußte.

Gewiß weiß ich erst heute ganz was mich damals gefangennahm. Aber ich wußte schon damals daß es nicht das Metier des Feldherrn war oder das Handwerk des Kriegs – obwohl mir beides wegen der Zucht und Unbedingtheit die sie forderten naheliegen mochte – sondern daß es um ein Äußerstes ging. Es gab noch anderes Äußerstes: ich ahnte nicht was. Aber hier endlich, im Gegensatz zu der Welt, in der man lebte, offenbar leben mußte, war ein Ungeschminktes, Unerbittliches, Ehrliches, Unbeschönigtes. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich jenen Mut besaß, von dem in dem Buch die Rede war, und ob er für das »Gebiet der Gefahr«, das hier geschildert war, ausreiche. Aber es beschäftigte mich daß man ihn haben müsse.

Wie es meine Art war, sprach ich mit meinem Vater nicht über diese Entdeckung und das was mich bewegte. Damit mußte ich allein fertig werden. Ich sprach vielleicht nicht einmal über das Buch, und wenn ich darüber mit ihm gesprochen habe, so suchte er wohl damals anderes darin als ich. Aber ich erinnere mich daß auf einem Spaziergang die Rede auf den General von Clausewitz kam und daß mein Vater mir einiges von ihm erzählte.

Wenn ich mir vergegenwärtigte, was damals an geistigen und gesellschaftlichen Eindrücken sich anbot und wie wenig mir wirklichen Eindruck machte – ich begriff mich in der Tat nicht. War ich wirklich zu anspruchsvoll? – Immer erhob sich in mir eine Gegnerschaft, ein höherer Anspruch. Von vielem das damals begeistert aufgenommen wurde, hielt ich mich wie aus Instinkt fern. Ohne Kampf mit mir sollte mich nichts unterwerfen. Ich beschied mich dessen daß andere sich für Dinge begeisterten, die mich nicht zu begeistern vermochten. Aber wenn ich die Begeisterung der Menschen ansah, so schien sie mir oft auch verlogen oder ein Tun-als-ob wie vieles andere. In der Bibliothek meines Vaters standen hoch die Wände hinauf, gesondert von der gewaltigen Literatur seines Faches aber kaum einen minder großen Raum einnehmend, die Werke der großen Historiker, Philosophen, Denker und Dichter, die neuesten auch die damals von sich reden machten. Ich suchte mich zurechtzufinden. Ich suchte, ob ich etwas fände das mich wahrhaft ergriffe und unterwürfe – nicht ohne eine gewisse Angst daß ich es fände und in Gefolgschaft geriete. »Lies was du willst! es steht alles da«, war die bezeichnende Anweisung meines Vaters.

Ich warf den Werther, der mir als Zwanzigjähriger in die Hände fiel, enttäuscht in die Ecke. Das war kein Held. – Die Braut von Messina, die ich auf dem Theater sah, kam mir reichlich langgezogen, unglaubhaft und unlebendig vor: eine rechte Aufführung also, meinte ich. Dagegen war der Wallenstein mein Stück; nur wenn Thekla auf der Bühne stand und von Liebe redete, war mir nicht wohl; ich glaubte, sie könne es nicht ernst meinen. Wagners Opern, damals ein Glanzgebiet der Leipziger Bühne und die wahre Musik der Zeit, machten mir schwül und übel, so daß ich es nach einigen Versuchen, die ich mir schuldig zu sein glaubte, aufgab, sie zu Ende zu hören oder weiter zu besuchen. Diesen ewig wogenden Brei schwerer, blähender Gefühle vertrug ich damals nicht; er ging mir gegen meinen straffen Leib und die vielleicht ähnliche Verfassung meines Innern. Aber bei der Aufführung von Beethovens heroischer Symphonie wäre ich am liebsten aufgesprungen um sie stehend anzuhören und sah mich um im Saal, ob es nicht einer mit mir täte. Doch alles dies: Bücher, Theater, Musik, Dichter – selbst Gottfried Keller, der damals auf meiner Mutter Tisch lag, wo mein Vater nur das schönste und lesenswerteste hinlegte und den ich mit Begierde las – einmal und danach viele Jahre nicht wieder –, waren keine Erlebnisse die hafteten oder mich im tiefsten bewegten. Jene Sätze von Clausewitz und manche meines Vaters, die sich mir fast fühlbar einverleibten, kamen mir ewig vor. Ich maß dies alles an den Erlebnissen meiner Kinder- und Jünglingsjahre, die ich heimlich mit mir trug und deren ich sicher war.

Von den großen Männern jener Zeit – von denen die damals für junge Menschen groß waren – habe ich viele gekannt. Ich sehe noch Treitschke vor mir, einen schweren lallenden Riesen. Da er völlig taub war, hörte er den Klang seines Wortes nicht und stand auf dem Katheder oder im Kreis von andern erhobenen Hauptes unverständliche Worte eines unerschöpflichen Barden formend, die er wie durch die Muschel eines Triton über das Meer seiner Zuhörer dahintönen ließ, blind und fern da er dazu die Augen schloß. – Ich erinnere mich Theodor Mommsens genau. Er blickte mich mit seinen durchdringenden Rabenaugen ruhig, gespannt und forschend an, als ich in Begleitung meines Vaters ihm das erste Mal begegnete, aber er blickte eher durch mich hindurch in eine Ferne, als ob dort der Blickpunkt sei in dem er mich sähe. Es war sehr unheimlich und großartig. Danach gab er einen kleinen tiefen Laut des Wohlwollens von sich und lief eilig davon. Ich habe diese und andere gekannt deren Namen man noch nennt und deren Namen man nicht mehr nennt, aber es war mir immer als hätte ich nicht das Recht ihnen mich wahrhaft zu nähern. Was sie taten vermochte ich nicht. Ihre Gebiete mit der gleichen Inbrunst zu begehen wie sie, war mir nicht gegeben. Vermochte ich mein Leben einem Ziel zu opfern? Ich wußte wohl woran ich krankte. Ich las in ihren Werken – fast vorsichtig. Auch das war mir kaum noch erlaubt.

Denn es vollzog sich. Die juristische Praxis, in die ich nun eintrat, gab mir noch weniger als das Studium. Da waren diese einfachen Diebstähle, Unterschlagungen, Betrugsfälle, diese Beleidigungen, Körperverletzungen, Tierquälereien, danach auch wirkliche Totschläge und Morde. Da war der Streit um die Ware, das Haus, den Mietzins, den angerichteten Schaden, die Erbschaft, den entgangenen Gewinn. Aber ich wußte eigentlich nicht, warum ich mich mit all diesen Dingen beschäftigte, sie in Protokolle faßte, die gefällten Urteile begründete, die Zeugen vernahm und sie beschwören oder nicht beschwören ließ was sie ausgesagt hatten. Ich fühlte mich wahrhaft betrogen und fühlte mich selber betrügen.

Man hatte im sächsischen Staatsdienst als Referendar damals eine gewisse Selbständigkeit, man übte kleine richterliche Funktionen aus, man bezog sogar ein kleines Gehalt – es kam mir groß und unverdient vor für das was ich tat. Ich steckte es jeden Monat halb mit dem unangenehmen Gefühl daß es unverdient war, halb mit dem angenehmen daß es Geld war in die Tasche. Denn ich tat immer weniger in meinem Beruf. Ich weiß daß ich mich nur ein einziges Mal einsetzte, ein einziges Mal während dieser jahrelangen Tätigkeit gefiel mir und befriedigte mich ein Schriftsatz den ich angefertigt hatte, weil ich Kraft und Willen darauf verwandte. Ich arbeitete damals – oder arbeitete meistens nicht – in dem Büro eines der angesehensten Anwälte der Stadt, welche Beschäftigung für die Ausbildung der Referendare vorgesehen war. Eines Tages kam der Justizrat in mein kleines Zimmer und legte ein starkes, neues Aktenstück auf die Ecke meines Tisches. »Hier!« sagte er; »es ist ein verzweifelter Fall; und wird wohl nichts zu machen sein.« Diesen verzweifelten Fall begann ich zu betrachten; ich gewann ihn lieb wie einen verkommenen Sohn. Denn wenn ich auch meine Kraft und meine Teilnahme für eine ganz nichtsnutzige, faule, verkommene und geradezu schlechte Gesellschaft von Geschwistern eines Adelsgeschlechtes einsetzte, die man mit gutem Recht enterbt hatte (die Sache spielte schon lange und war schon in den Händen anderer Anwälte gewesen) so reizte mich etwas von dem ich nicht weiß was es war. Es war etwas Abgrundhaftes in diesen Menschen die wußten daß sie gar kein Recht hatten und doch versuchten, wider das bessere Recht in das stärkere Recht zu gelangen, Mit der unverfrorensten Miene muteten sie einem Anwalt zu, wider das bessere Recht den Ausweg für sie zu finden. Ich habe keine Erklärung für mich, es sei denn das Außerordentliche, das Ungemeine und das wahrhaft Furchtbare dieses Falles. Nachdem ich jenen Schriftsatz angefertigt hatte, nahm mir der Justizrat die Sache wieder ab. Kurz darauf war meine Zeit bei ihm um. Ich wurde auf das Landgericht übernommen.

Die Brache wuchs in mir. Ich starb aus diesem Beruf heraus, dem nichts Nahrung zuführte. Statt meine Kenntnisse zu festigen und neue zu erwerben entfielen sie mir wie angemaßtes Gut. Ich hatte sie ja nie besessen. Als ich mich der großen Staatsprüfung näherte, wußte ich tatsächlich nur noch die Hälfte von dem was ich zum Bestehen der ersten gewußt. Keine der gestellten Aufgaben – ich war schon im voraus und völlig mit Recht davon überzeugt – vermochte ich zu lösen. Trotzdem tat ich so und phantasierte – als ob es bis zu Ende getrieben werden müßte – über juristische Fragen des Erbrechts, des Konkursrechts, die mir verschlossene und sich immer mehr verschließende Gebiete waren, leere und unbegründbare Entscheidungen, wirkliche gewissenlose, unüberzeugte Gespinste auf das Papier. Einer meiner Vorgesetzten der mir wohlwollte – und sie wollten mir alle wohl – riet mir es aufzugeben. Ich gab es auf; ich gab ja eigentlich nichts auf. Ich wäre sicher glatt durchgefallen.

Mein Vater zeigte sich nicht im mindesten verwundert. Er hätte auch blind sein müssen. »Was willst du nun tun?« fragte er. Ich begehrte wenigstens der Natur näher zu sein. Angeregt und ermutigt von einem begabten jungen Mediziner, dem sich schnell eine hohe Laufbahn und eine weithin wirkende Stellung aufgetan hatte, ergriff ich das Studium der Medizin mit dem inneren Vorbehalt, zu den reinen Naturwissenschaften hinüber zu wechseln. Es geschah nicht mit unbedingter Zuversicht, es geschah aus Hoffnung. Ich hoffte, es habe nur am Gebiet gelegen daß ich nicht vorwärts gekommen war.

Aber alles wiederholte sich. Wieder stand ich vor wundervollen Einfachheiten. Ich gewann sogar wirkliche Kenntnisse und klare Vorstellungen deren Besitz mich freute. Die Welt gewann ein Gesicht. Aber als ich meine Kenntnisse am Kranken anwenden sollte, wurde der Kranke zum Fall, zum häufig, ja immer gleichgültigeren Fall wie der kleine Dieb, der gewöhnliche Betrüger, der Tierquäler und der Mörder es gewesen waren. Wieder bewunderte ich die großen Überzeugten ihrer Wissenschaft, die Gegenbauer, Czerny, Erb, die Thiersch, Curschmann, Romberg, die mich in ihre Nähe zogen, und wieder empfand ich daß ich kein Recht hatte, mich auf ihrem Gebiete ihnen zu nähern. Ich war wiederum mit einem verbotenen Tun befaßt. Es verbot sich mir, es entzog sich mir, und ich gelangte nicht zu mir. Wiederum bestand ich eine erste Prüfung, gut sogar und ohne Aufenthalt. Ich brauchte mich ihrer nicht einmal zu schämen. Aber wieder schauderte ich wie vor einer Unehrlichkeit, diesen Dingen als Beruf zu dienen. Ich war nicht berufen – das fühlte ich.

Nach diesen Erfahrungen dünkte ich mich tatsächlich für nichts Ernstes gut. Wenn mich nichts zu fesseln vermochte, so lag es doch an mir. Es kam die Zeit in der ich mich gerade für wert hielt, mich zu verbrauchen; nicht ganz ungenützt zwar, aber ohne Ehre und innere Genugtuung, wie ich es von anderen sah, die das Leben so nebenher als eigentlich überflüssig hervorgebracht hatte und unbedenklich wieder verschluckte. Es gab so viele die auf unerklärliche Weise ihr Dasein fristeten: man wußte nicht wer sie waren oder was sie taten. Wer sagte mir daß ich mehr war? Aber im tiefsten sagte ich mir doch daß ich mehr war. Ich konnte nur den Beweis nicht führen.

So begann ich eine Art Hochstapelei: eine Hochstapelei gegen mich. Sie ging durch viele Jahre. Ich lebte auf meine, eines anderen und besseren Kosten, aus meinen, eines anderen und besseren Kräften der dabei zugrunde ging. Ich wußte das. Ich ließ den andern verkommen: allmählich, unbemerkt, mit einem dolus eventualis, weil ich ihn doch vielleicht für nicht lebensfähig hielt. Es war eine gefährliche und selbstgefällige Kunst, eigentlich nichts zu erleben und den anderen besseren um das Erleben zu betrügen um einer Unberührtheit willen, die mir erlaubte mich zu exponieren während ich von allem im tiefsten mich unberührt und verschlossen hielt. Ich bildete eine Art von wollüstiger und verdächtiger Fertigkeit aus, zufrieden zu scheinen; was sich bot mitzumachen; nichts zu tun; ohne innern Aufwand davonzukommen; mich zu sparen. Denn für das was ich trieb genügte weniges. Ich entschuldigte mich vor dem andern, besseren, auf dessen Kosten ich lebte, daß es ja so wenig koste was ich tue, daß ich ihm so viel spare.

Wenn ich sage daß es viele gab die in jener Zeit auf unerklärliche Weise ihr Dasein fristeten, so trifft das jedenfalls für mich zu. Ich kann mir mein Dasein damals nicht erklären. Man führte allgemein ein unerklärliches Dasein. Eine Barttracht konnte damals auf unerklärliche Weise wichtig werden. Es war die Zeit, da der deutsche Kaiser mit einem hochgebürsteten, Haar für Haar und Härchen für Härchen hervorgezogenen und unter der Brennschere eines Friseurs hochgebogenen, mit Airativen unter einer täglich angelegten Binde hochdressierten Schnurrbart herumlief. Alle Welt, soweit sie meinte es zu sein, tat mit. Englische Offiziere haben mir, als wir uns über die Unerklärlichkeiten jener Jahre unterhielten, gestanden, daß so mancher von ihnen genau so mit einer Bartbinde im Koffer reiste wie der Kaiser.

Auf unerklärliche Weise vermehrten sich wie es schien die Garnisonen im Reich, die Generalkommandos in den Städten, die Offiziere auf den Straßen, und wenn man auch wußte daß alles nach dem Gesetz und mit rechten Dingen zuging, so berührte doch der Anblick wie etwas Unerklärliches.

Aus einem unerklärlichen Grunde gehörte eine zur Schau getragene Blödigkeit des Ausdrucks über einem unsinnig hohen steifen Kragen des Waffenrocks zum Benehmen und Auftreten des deutschen Offiziers; sie wurde angestrebt. Denn ich weiß aus eigenster Anschauung daß diese jungen Männer gar nicht so blöde waren wie sie sich den Anschein gaben zu sein.

Auf unerklärliche Weise kam eine anmaßende, knarrende Redeweise unter ihnen auf die früher nicht bestand. Man verspottete sich selbst damit.

Auf unerklärliche Weise mischten sich in der Gesellschaft, die alle eigentlich persönliche Beziehung verlor und den Freundeskreis vergaß aus dem sie hervorgegangen war, die Kreise der Gelehrten mit denen der Beamten und beide mit denen der Offiziere. Um dieser letzteren willen entfaltete der verkehrsfähig gewordene reiche Kaufmann und Fabrikant jungen Aufstiegs – als der vierte im seltsamen Bunde – eine mühsame, nachgeahmte, traditionslose hilflose Pracht. Das Essen, der Ball, die er nächste Woche gab, ließen ihn schon heute und nächtelang nicht schlafen.

Die Üppigkeit, das Vielerlei bei den Tafeleien, wurde selbst im Hause meiner Eltern sinnlos. Mein Vater schimpfte aber es ging bei ihm erst recht am feinsten her. Man saß überall anderthalb, zwei Stunden bei Tisch, vor vielen Gläsern bei vielerlei Weinen und vielen seltsam ausgeschmückten, bewimpelten, Burgen und Schlösser, Tiere und Blumen darstellenden, aufgeputzten und garnierten Gerichten. Jeder Rehrücken hatte sein Takelage und der Fisch schwamm gekocht durch einen Pavillon aus gebackenem Kartoffelbrei. Keinesfalls suchten meine Eltern diese Pracht. Sie war, wie bei vielen, der Nachhall eines gemeinsamen Lebensgefühls, dem man sich, obgleich man ihm oft innerlich ahnungsvoll widerstrebte, doch nicht zu entziehen vermochte. Das Gefühl eines allgemeinen Aufstiegs, einer blinden Sicherheit, Unbesorgtheit, Gehobenheit überwog zu sehr. Es war an das Tatsächliche eines mächtigen Reichs, einer noch immer hohen Politik, großer junger geistiger Kräfte gebunden gewesen. Aber man wußte nicht, daß nach und nach der Inhalt schon aus dem Gefäß herausgesickert war das man noch begeistert emporhielt, und daß es schon leer war als man noch immer daraus trank.

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