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Erlebtes Leben

Rudolf Georg Binding: Erlebtes Leben - Kapitel 6
Quellenangabe
typeautobio
authorRudolf G. Binding
titleErlebtes Leben
publisherRütten & Loening
addressPotsdam
printrun46.-50. Tausend
year1941
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100314
projectid2a53abe9
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Viertes Kapitel

Am Abend des Tages an dem ich mein Abgangszeugnis mit nach Hause brachte das mir alle Berufe der Welt öffnete, stand ich in meines Vaters Zimmer. Ob ich mir überlegt habe, welchen Beruf ich ergreifen wolle, fragte er. Ich sagte offen, ich habe keinerlei Fähigkeiten bei mir entdeckt die mich auf einen besonderen Beruf hinwiesen und mich veranlassen könnten mich für ihn zu entscheiden. An meine Macht über die deutsche Sprache dachte ich gar nicht und wenn ich daran gedacht hätte: Schreiben und Dichten waren doch wohl keine Berufe! Daß mir nun alles zugänglich sein sollte bedrückte mich eher als daß es mich ermutigte. Das war es eben. Diese laue, dünne und magere Universalität meiner Bildung, die ich doch kannte und die das einzige war was die Schule mir gegeben hatte –- denn erst später im Leben bemerkt man die Überlegenheit die auch die geringste humanistische Bildung und die Berührung mit alten Sprachen gewährt – war hemmend, ließ keine Entscheidung zu, wünschte sich auch andrerseits nicht aufzugeben. Sie war wie ein verschlossener, störrischer sanfter Esel auf dem ich saß.

Auch die Großmutter hatte geschrieben: nun stehe mir die Welt offen; ich habe nach ihrer Überzeugung das Zeug zu jedem Beruf. Was war das aber daß die Welt offen stand und in demselben Augenblick sollte ich mir zugunsten eines einzigen Berufs, zu dem mich nichts hinzog, diese Welt verschließen? Ich wunderte mich über die Sicherheit meiner Mitschüler. Hatten sie denn keine Bedenken wenn da in der Entlassungsfeier hinter den aufgerufenen Namen so bestimmt verkündet wurde: wird Pfarrer; – wird Offizier; – wird Lehrer; – wird Kaufmann; –- wird Buchhändler; studiert Medizin, Jurisprudenz, Naturwissenschaften? Ich sah erstaunt nach jedem einzelnen hin. Da wurde mein Name genannt. Ich erschrak und horchte auf. »Studiert Jurisprudenz«, hieß es, und ich wußte nicht warum es so hieß. Aber ich würde mich ja daran gewöhnen, wenn ich es täte. Ich hatte allerdings mit meinem Vater gesprochen, daß dies in meiner Verfassung vielleicht das unverbindlichste wäre. Es konnte nichts schaden, wenn man seine Nase einmal in die Grundgedanken des Rechts hineinsteckte, auf dem das Leben der Menschen beruhte. Ich hatte allen Willen, mir das Gebiet zu erobern. Es war das Gebiet meines Vaters. Aber konnte es je das meine sein? Wo war meine Begeisterung? Und ich sah doch die seine. Mit dem Gefühl einer neuen Gleichgültigkeit, einer nun verdienten, aus Not oder aus Unkenntnis meiner selbst fast auf Gut-Glück gewählten, verließ ich an jenem Abend meines Vaters Zimmer, als diese Entscheidung gefallen war. Mein Vater wußte auch keinen besseren Rat. Ich wollte ja so gerne das treiben wozu es mich trieb; aber zu was trieb es mich?

In dieser Verfassung setzte ich mich eines Vormittags allein in den sogenannten Saal, das große Besuchs- und Empfangszimmer der elterlichen Wohnung. Ich spielte mit den Augen an den Möbeln herum, als hätte ich sie noch nie gesehen. In welcher Welt lebte ich eigentlich? Auch das was ich hier sah, liebte ich nicht, war mir gleichgültig. Hier standen unförmige riesige Sessel mit rotem Samt puffig überzogen, an allen Ecken, an allen Armlehnen hingen zweifache schwer gefranste Troddeln, gleichfalls rot, auf speckigen Atlasrosetten, und gedrehte Schnüre, zweifach gezogen, säumten die mit Nähten aneinandergestoßenen Teile. Lange gewichtige Vorhänge, seidig glänzend, mit gewundenen, spiraligen und ewig sich neu verschlingenden Litzen und Borden benäht, waren nur wenig zur Seite gerafft, und wieder hingen die schweren Troddeln, die doppelten Schnüre und hielten den Stoff in zurechtgelegten und aufdringlich drapierten Falten. Daran an den Kanten ein Fransensaum seidener Knötchen und Büschel, Büschel und Knötchen, endlos sich wiederholend, von oben bis unten, quer unter den gerafften Überhängen, unten auf dem Boden, wo lange Schleppen von den Fenstern bis ins Zimmer lagen. Ein kleines Sofa, ähnlich den Sesseln, in gleichem rotem Samt, glich eher einer gleichmäßig gepolsterten Hohlkehle als einem Möbel. Kein Mensch konnte darauf sitzen, aber man bediente sich seiner dennoch dazu. Ein Gaslüster, aus kleinen Renaissancemotiven zusammengesetzt, hing in der Mitte. Die Türen trugen Aufsätze mit renaissancehaften Kehlungen und Simsen, und goldene Linien zierten die Pfosten und rahmten die Füllungen. Die Wände waren still dunkelblau angestrichen – eigentlich schön; aber eine unglücklich in sich verlaufende Mäanderlinie in einer andern Farbe umwandelte die Felder und versuchte sich, klassisch zu sein. In jedem der Felder hing ein Blatt jener farbigen Reproduktionen der großen Wandgemälde Raffaels und Michelangelos die damals vortrefflich von einer englischen Kunstgesellschaft hergestellt wurden. Auf den Tischen und auf kleinen tischhohen Schränken an den Wanden standen Fotografien meiner Eltern und jüngeren Geschwister – mein Konterfei war am seltensten sichtbar – vielfach in weichen, farbigen Plüschrahmen; denn auch hier schien der Tapezierer vor andern zu herrschen. Eine wirklich berufsmäßig schlecht farbig aquarellierte Fotografie meiner Schwestern in kindlichem Alter, die wie ich wußte viel bewundert wurde, hatte eine Art Ehrenplatz auf dem runden Tisch vor der roten gepolsterten Hohlkehle.

Dieses Zimmer war sicher eines der schönsten und wahrscheinlich das geschmackvollste seiner Art im Umkreis der gesellschaftlichen Bekanntschaft meiner Eltern. Wenn ich in andere Wohnungen kam, wo offenbar der Tapezierer hemmungslos waltete und vielleicht – was ich als Junge mit einem stillen empfangsbereiten Staunen bewunderte – zwei gekreuzte kurze Hellebarden mit messingpolierten nachgeahmten Spitzen durch einen kühn umgeworfenen, faltigen Samtüberhang zu einem Zeitungsständer zu vereinigen verstand, so merkte ich wohl, wie zurückhaltend und ausgesucht in allen Dingen die unsere war. Nur das Zimmer meines Vaters, wo bis zur Decke die wändebeherrschenden starken Bücherregale aufstiegen, zwischen denen eng gedrängt in ausgespartem Raum Fotografien persönlichster Erinnerung, seine Freunde, Lehrer, Schüler, das Innere einer Kirche, das ihn in eine besondere Stimmung versetzt hatte, sich aneinanderfügten; wo der gewaltige einfache Schreibtisch in der Mitte stand von dessen hoher bücherbesetzter Rückwand die zarte jugendliche Marmorbüste meiner Mutter von der Stelle herabsah von der anderswo ein kleiner gipsener Zeus von Otrikoli oder ein kriegerischer bronzener Agamemnon auf die sanfteste Stirn eines mitlebenden Gelehrten niederblickte, war ein würdigeres, persönlicheres, anziehenderes Reich, von dem ich mich denn auch gerne während der Abwesenheit meines Vaters in seinen Kollegstunden, seinen Sitzungen, seinen Verhandlungstagen umgeben ließ.

Es war beschlossen worden, ich sollte gleich das erste Semester in die Welt und eine kleinere süddeutsche Universität beziehen, was mir schon recht war. Da es ans Abschiednehmen ging – nicht schweren Herzens aber eher in Ungewißheit als in unbedingter Zuversicht – wollte ich noch einmal Zwiesprache halten mit den Dingen die mich bisher umgeben hatten und mich in ihnen ergehn. Vielleicht nicht gerade in dieser bewußten Absicht aber doch in einer dazu neigenden Stimmung hatte ich jenes Zimmer betreten und, wie ich nun bemerkte, das erste Mal vom Standpunkt einer Zuneigung oder Abneigung betrachtet. Nein; ich verließ nichts. Jahrelang war ich hier aus- und eingegangen und hatte zu keinem dieser Gegenstände mehr als eine gleichgültige Beziehung gewonnen. All das war ungeliebt. Warum liebte ich denn jene andern Räume, jene andern Dinge in meiner Großmutter Haus? Warum waren sie mir so gegenwärtig daß ich sie roch wenn ich nur daran dachte? Jene Dinge hatte ich erlebt, diese Dinge standen nur um mich her. Sie waren unerlebbar.

Aber zwischen solchen Dingen lebte man. Das Gleiche, noch Gleichgültigeres sagte ich mir, verlassen andere.

 

War es mit der Stadt die mich umgab, mit ihren Menschen zwischen denen ich lebte anders? – Ich trage kein Merkmal von ihnen. Die Sprache des Landes glitt an mir ab. Sie widersprach mir im wahrsten Sinne des Wortes. Nichts eigentlich Frohes und Freies läßt sich in ihr sagen. Ich vermochte sie im Laufe der Jahre zu gebrauchen als sei sie die meine; aber sie war nie die meine und ich gab immer etwas von mir auf wenn ich sie sprach oder hörte. – Das Nachgiebige, das alles Beschönigende, alles Begütigende, das Weiche und oft Unfrische, das Gedrückte und ängstlich Bedachte, das überall Einlenkende und Selbstzufriedene dieses Volkes in allen Schichten bis hinauf zu seinen genialen Naturen, was alles vereint und verwoben einen eingeborenen Bestandteil seines Wesens ausmacht, war mir fremd und unzugänglich; ich konnte mich ihm nie ergeben, ich suhlte ein anderes Blut in meinen Adern und hörte eine andere Stimme in meinem Ohr. Alle die große Intelligenz, die hohe Anteilnahme an Dingen der Kultur und Kunst, der ganz besondere Wille zu fördern, mitzutun, zu helfen, zu bessern, die ich in späteren Jahren an dieser Stadt kennen und achten lernte, haben mir keine Heimat erschlossen. Ich glaubte nicht ungerecht gegen sie zu sein. Ich war ein Fremder geblieben, trotzdem ich mich nicht gesträubt hatte und später durch noch manches Jahr nicht gesträubt habe, ein Einheimischer zu werden.

Nein; ich verließ, als ich ging, keine Heimat, kein Haus, keine Menschen die diese Stadt mir geschenkt; nicht einmal ein Mädchen. Ich gab meinem Vater die Hand und küßte meine Mutter, –

Freilich meinen Lehrmeister verließ ich, meinen stummen und eindringlichen. Aber ich fand ihn überall wieder. Überall gab es Pferde und ich saß bald auf den besten. Das erste was sie mir beibrachten war daß man nicht herunterfiel so lange man oben blieb. Denn natürlich waren sie stärker als ich. Es war nicht ganz das Gleiche wie wenn ich vor dem Übermächtigen, dem Letzten den Kopf oben behielt – ich wußte wohl –; aber es war doch ein kleiner Vorgeschmack. Wenn diese mächtigen Tiere, Jagd- und Rennpferde starke Reitpferde für zweizentnerschwere Herren, hohe breitrückige Karossiers auch. auf die ich oft nur für ein paar Minuten als halbwüchsiger leichter Bursche gestülpt wurde, noch roh und kaum eines Reiters gewöhnt sich unter mir wie Tiere der Urwelt in Bewegung setzten, war es mir als schwämme ich mit ihnen ins Unbestimmte und Grenzenlose wie ein Kind auf einem Delphin. Was hatte ich auch für eine Gewalt über sie? Vor mir erhob sich ein starker sehniger Hals und stieg bis zu einem starren und stolzen Genick empor, ein verzweifeltes Steuer, das wie der oberste Sitz eines unbeherrschbaren Willens erschien. Das Maul erfaßte den Stahl der Trense; es wünschte keinerlei Widerstand. Denn schon war alles nur Gang und Bewegung. Was nutzte es viel daß rechts und links ein machtloser Zügel in meine Hände lief? Wenn ich dran zog, lief der Koloß mir sicher davon. Doch: die beweglichen Ohren schienen ein wenig zu horchen, Anteil zu nehmen an mir; auf etwas zu warten – um es zu achten oder zu mißachten. Meine schlanken Beine hingen still ganz nahe an den Schultern des Tieres herab. Ich saß regungslos nahe am Widerrist. Ich durfte, wie es mir vorkam, nichts stören in dem lebendigen Mechanismus dieser fühlenden Tiermaschine.

Dies waren schwerere Stunden als die in der Schule aber auch lehrreichere. Da gab es keine unaufmerksame Minute. Da war ein Leben unter mir das mich unterwies mit der Sprache des Lebens die immerfort sprach. Ich hörte sie immer. Der Stallmeister, mein Reitlehrer, hatte bald erkannt daß ich sie hörte. Er ersparte mir das abgerichtete, das zugerittene, das verbrauchte, das durch eine Schule gebrochene Pferd. Ich kriegte die Neulinge, die ungebrochenen, die jungfräulichen Pferde unter die Beine. Ich weiß was ein gutgerittenes Pferd ist, aber es hat mich nie als solches gereizt. Ich suchte und fand ein anderes.

Hier auf dem Rücken von tausend Pferden lernte ich die Geduld, die mir sonst niemand beigebracht hätte. Hier lernte ich das Nie-sich-aufgeben, das Nie-sich-gehen-lassen. Hier lernte ich mich zu sammeln, gerecht zu sein, nie in Zorn zu geraten. Hier lernte ich alle meine Rücksicht, meine Anerkennung jeder natürlichen Regung. Hier lernte ich die Liebe für alles Elementare, Ungebändigte. Hier endlich lernte ich alles was mich belohnte, alles was mich bestrafte. Hier verlernte ich alle Eitelkeit, alle Selbstgefälligkeit, alle Selbstherrlichkeit. Hier war ein Wille, der nicht zu mißachten war, nicht zu umgehen war. Hier war die Herrschaft der größeren Kraft und meine zartere Herrschaft über sie. Hier gewann ich als letztes die Herrschaft über mich selbst, die Zucht meines Leibes und meiner Seele. Das edelste Tier der Schöpfung nahm mich in seine schweigsame Schule wo es kein Reittier mehr war, kein Träger einer Last, kein Herr mehr seines Willens, sondern schon selbst die Lehre einer vollkommenen Harmonie, eines Einklangs, eines Lösens, eines Tanzes.

Nur adelige Pferde sind dessen fähig. Ich ritt fast nur Vollblut. Es war zugleich der Stahl meiner Zeit: es war die schnellste und vollkommenste Maschine die ein Mensch zu lenken vermochte. Es war mein Motor, mein Auto, mein Flugzeug. Ich hatte keine altertümlichen Rittergefühle und Turniergelüste; ich liebte nicht die hergebrachten schwunglosen Volten der Reitbahn und die schonenden Langsamkeiten des Ritts über Land. Ich liebte den Schwung eines Flugs, den gewölbten Rücken eines schnellenden Leibs der sich zu einem fliegenden Pfeile unter mir streckte. Aber auch der langausgreifende Viertakt des Schritts, der schwingende Zweitakt des Trabs hatten die Anmut ihres Rhythmus. Das war nicht mehr Ritt, eS war nicht mehr Sport. Das Körperliche verschwand. Es war das Hochgefühl einer jungen Seele das ich erlebte. Hier fand ich mich selbst: dem Leben Untertan vom Leben erzogen.

WaS wollt ihr die ihr eure Schulen lobt und eure Erzieher nennt, wenn ich mich zu dem meinen bekenne? Ich habe seine Lehre genossen wie ein Glück das über mich kam zu einer Zeit wo mich nichts anderes ergriff. Ich habe es nicht genossen wie eine Liebe, eine Schwärmerei oder eine Liebhaberei. Denn ich habe es als ein Glück empfunden erzogen zu werden, mich selbst zu erziehen. Es war das Höchste dessen ich damals fähig war. Ich kenne dich, größtes der Liebe! Doch das Glück, männlich genommen, ist wie mir scheint, das Gefühl das den Menschen überkommt, wenn er das Höchste dessen er in begnadetem Augenblick fähig ist durch eigene Kraft geleistet zu haben sich heimlich gesteht.

 

Auf der Fahrt nach der süddeutschen Universität die mich aufnehmen sollte wurde in Kassel einen Tag Halt gemacht. Dort lag ein Husarenregiment in Garnison und ich meldete mich einem langbärtigen ruhigen Obersten, um meine Einstellung als Freiwilliger in das Regiment zu erwirken; denn es bestand im deutschen Reich allgemeine Wehrpflicht und jeder mußte damals drei Jahre Soldat sein. Nur den Schülern höherer Lehranstalten – eigentlich nur denen der Gymnasien – war das Vorrecht eingeräumt, nach Erreichung einer bestimmten Stufe statt der drei Pflichtjahre ein Jahr freiwillig – wie es hieß –, also ohne die Soldatenlöhnung zu beziehen, im Heere zu dienen. Mit einem jungen Leipziger Patriziersohn, der mit mir in der gleichen Lage war, wollte ich im Herbst, wie es die Vorschrift verlangte, nach einem ersten Sommersemester zu meinem Soldatendienst antreten; denn man konnte sich, wenn man nicht gerade in ein Regiment eintreten wollte das überlaufen war oder seine Einjährig-Freiwilligen mit offen zugestandener Vorliebe aus den Kreisen des Adels bezog, die Garnison so ziemlich wählen. Wir aber, jener junge Leipziger und ich, wählten Kassel ohne viel Besinnen als eine hübsche Stadt, das Regiment ohne große Qual als ein wohlangesehenes und die Reiterei mit Begeisterung als die Waffe von der wir uns einbildeten, sie habe im Kriege etwas Besonderes zu sagen und jedenfalls das erste Wort. Wir wurden von einem wortkargen alten Arzt nach Umfang und Größe gemessen, von dem bärtigen Obersten danach mit einem gelangweilten Interesse prüfend betrachtet und angenommen.

Ich fuhr nach Tübingen. Deutsche Universitäten, deutsche Forscher, deutsche Studenten, deutsche Wissenschaft jener Zeit – all das hatte einen lebendigen Klang, schon wenn man es aussprach. Frisches, farbiges, studentisches Leben in einer drolligen Wichtigkeit wehte mich an, als ich nach einer Nachtfahrt zu ziemlich früher Stunde in der Stadt ankam. Man war dort als Student stolz auf sich, stolz auf die Namen der Gelehrten zu deren Füßen man saß, stolz auf das schöne Land das einen umgab, stolz auf die Mädchen und Kellnerinnen, stolz auf die kleinen zweispannigen Wagen mit denen man, selber die beiden hurtigen Pferdchen in lässigem Galopp auf den Landstraßen lenkend – denn sie kannten die Wege und Kehren –-, sich zu vieren, zu sechsen in unablässigen Fahrten vergnügte, stolz auf die Farben die man trug und stolz wenn man keine trug, stolz aufeinander, auf Kartell und Gegnerschaft – und hatte zu allem das Recht. Sie belächelten alle sich selbst und einander ein wenig, die Studenten jener Zeit, und nahmen sich selten ernster als sie es durften. Ihr Ernst, mit dem sie alles betrieben, war komisch und sie wußten es. Da trug man den Stock um ein weniges zu dick und zu schwer, die Mütze etwas zu eng oder zu weit, zu klein oder zu groß, die Jacke etwas zu kurz, die Hinterteile etwas zu frei, die Hosen etwas zu eng und den Kragen etwas zu hoch. Der Hund war grotesk und auffällig, der Gruß sehr genau und sehr steif, der Komment verlangte die abenteuerlichsten Dinge. Doch alles hatte sich auf gute Art zum besten. Wenigstens war das im Süden Deutschlands so. Das Leben war billig, der Wein leicht, das Land heiter, die Menschen unbeschwert.

Ein junger Student kam verbindlich aus einer Gruppe von dreien auf mich zu, zog eine hell leuchtende gelbe Mütze vom Kopf, hielt sie sehr korrekt mit strammer knapper Beugung des Körpers gegen mich empor und fragte, ob ich ihm erlaube sich vorzustellen. Er wartete meine Antwort nicht ab, nannte seinen Namen und den Genitiv der studentischen Verbindung der er angehörte in Latein und bat, mich in mein Quartier fahren zu dürfen. Die andern warteten gleichfalls mit gezogenen Mützen, sprangen aber dann rasch herbei um mir mein Gepäck abzunehmen; der Gepäckschein für den Koffer wurde erbeten; ich sah mich erstaunt und belustigt in den Sitz eines etwas schweren Landauers geladen, der höfliche Student saß mit der Mütze auf dem Kopf und dem bunten dreifarbigen Band über der Brust sehr stolz hinten angelehnt neben mir; er war der jüngste Bursche seiner Verbindung, die beiden Füchse, noch mit zweifarbigen Bändern angetan, hatten die Ehre, mit meinem Gepäck in einem ebenso gewichtigen Wagen zu folgen – auch sie stolz hintangelehnt – und in dieser Auffahrt ging es unter erheblichem Peitschengeknall des Kutschers meinem Quartier in der Neckarhalde zu, das mir von Freunden meines Vaters schon im voraus besorgt war. Dort angekommen verabschiedeten sich die drei mit den gleichen Bewegungen mit denen sie mich begrüßt hatten, machten dieselben Schritte rückwärts die sie am Bahnhof vorwärts gemacht hatten, äußerten ihr Vergnügen, mich am Abend auf der Kneipe da und da begrüßen zu dürfen, und verschwanden in den beiden Wagen die sie hergebracht hatten etwas pomphaft in der Richtung nach der Stadt. Im Verlauf des Vormittags kamen noch andere Studenten mit farbigem Band und Mütze – sie hatten pflichtschuldig die Wohnung des Neuankömmlings auf der Kanzlei der Universität erfragt – und jeder nannte seinen Namen mit dem Zusatz jedesmal eines andern lateinischen Genitivs eines deutschen Stammes oder einer deutschen Landschaft und alle waren gleicherweise erfreut, mich abends auf ihren Kneipen da und da begrüßen zu dürfen. So hatte ich eine reichliche Auswahl. Aber obwohl tüchtig gezecht wurde, war es doch nirgends eigentlich unflätig und unmäßig. Die nettesten, lustigsten, ursprünglichsten, wärmsten und musischsten – wenn man dies von Musensöhnen verlangen will – zugleich aber auch die kindlichsten und treuherzigsten jungen Männer fand ich in einer farbenlosen Verbindung von fast lauter Schwaben als die wahrhaft eingeborenen. Ich kann nicht umhin zu gestehen, daß wenn von mir verlangt würde das Herz Deutschlands zu suchen, ich unbedenklich dieses Land als die Stelle bezeichnen würde wo es so stark, ruhig und beweglich schlägt, und bis hinauf an den Bodensee, bis hinüber in den Schwarzwald fühlbar ist.

Doch ließ ich mich von keiner der studentischen Körperschaften binden oder verpflichten. Ich spürte Fesseln der Person und der Anschauungen in allem Kameradschaftlichen; ich lächelte über das sorglose Spiel so lange es das der anderen war, für mich würde es sich in Ernst verwandeln wenn ich es selber betriebe; und dazu wiederum war es nicht ernst genug. Ich wollte aus Instinkt um keinen Preis mich einer neuen Gleichgültigkeit unterziehen – es war Gleichgültiges, Unbegeistertes genug in meinem Leben. – Warum? Ich wußte es nicht. Ich müßte eben warten bis es mich ergriffe. Und ich dachte an meinen Vater und wie er ergriffen sei. Ich dachte an mein Hochgefühl auf schnellen edlen Pferden. Das beides kannten die alle nicht; ich wußte es und sah es ihnen an.

Ich würde gegen diese Aufzeichnungen von wahrhaft Erlebtem nicht gerecht sein wenn ich mehr von der Stadt, der Universität, den Menschen erzählte. Nichts nahm mich wahrhaft gefangen. Die berühmteste Philosophie der Geschichte, die schärfsten, geschultesten römischen Institutionen, die lässig freiesten Vorlesungen über die deutschen Revolutionen und staatbildenden Versuche, so manche andere Gegenstände von angeblicher Bedeutung, womit man sich befaßte, blieben bedeutungslos, unerlebt, so bereit ich war, ihnen etwas abzugewinnen. Ja, ich hätte die Stadt vergessen; die reizende Wohnung gegen den ansteigenden Garten der Neckarhalde, der drollige, zeremonielle Empfang, die Professoren, die Vorlesungen, das Land, die Fahrten und Ausflüge hätten sich nicht in meinem Gedächtnis bewahrt, wenn mir nicht alles das durch ein einziges Erlebnis lieb und ewig geworden wäre, das mit seinem Gewicht allein auch all das wichtig machte was damals um mich war und dessen ich mich um seinetwillen erinnere.

Das Haus in dem ich wohnte lehnte sich an den steilen Weinberghang der hinter ihm emporstieg und teilte mit andern der Straße die Eigenschaft, so in den Berg hineingebaut zu sein, daß die ihm zugekehrten Zimmer zu ebener Erde lagen während die Räume des gleichen Stockwerks die nach der Straße schauten von dieser aus ein volles Stockwerk höher lagen. Ich bewohnte zwei Zimmer nach dem Berge, was bei der brennenden Hitze des Sommers nur angenehm war. Die Fenster der Rückseite begannen kaum zwei Fuß über der Erde, so daß ich mit beiden Beinen mühelos in meine Wohnung hineinspringen konnte; eine Bequemlichkeit von der ich oft genug Gebrauch machte, da der Hausschlüssel von einer mittelalterlichen Schwere und Größe war und also regelmäßig zu Hause blieb. Vor den niedrigen Fenstern dieser Gartenseite des Hauses, einem das zu meinem Wohnzimmer gehörte und einem das ich passierte wenn ich auf dem schmalen buschüberwölbten Kiesgang bis zu meinen Stuben gelangen wollte, standen zwei einfache eiserne Bänke. Dann stieg der Garten steil an; Beerensträucher, Obstbäume und nahe dem Haus ein paar Goldregenbüsche standen eng und sich streitend übereinander. Eine Übersicht schien ganz unmöglich, und doch war alles sauber gepflegt, die spärliche Erde unter den Stauden gejätet und gelockert, welke Blumen abgeschnitten und am Abend glänzten die Blätter von Tropfen, mit denen sie sorgliche Hände, die Gießkanne schwingend, reichlich bedachten. Das Haus gehörte einer Professorenwitwe, welche die beiden unteren Zimmer die ich innehatte regelmäßig an einen Studenten vermietete, und dieses Semester war ich der Bevorzugte – denn man galt als solcher. Im oberen Stockwerk hauste sie selbst und hatte die Tochter einer Bekannten oder Verwandten zu sich genommen, die ihr den Garten und Wohl auch das Haus besorgte. Diese war ein wohlansehnliches, nicht eiqentlich hübsches aber sehr angenehmes Frauenwesen von einer in den kräftigen und reinen Farben der Natur besonders hervortretenden einfachen und gütigen Reinheit, etwa sieben Jahre älter als ich der ich achtzehn war, harmlos, frisch und unverfälscht. Natürlich war ich ihr bekanntgemacht worden, man hatte sich die Hand gegeben, man wußte daß man sich gefiel. Wenn sie oben im Garten stand und in den Johannisbeeren hantierte, rief ich ihr unten vorübergehend einen Guten Tag oder ein paar neckende Worte zu, die sie im besten Schwäbisch beantwortete, zierlich und gewandt; ich hatte sie auch schon öfters auf der ersten der beiden kleinen Eisenbänke sitzend angetroffen, wenn sie sich ausruhte. Die Bank vor meinem Fenster respektierte sie offenbar als mir zustehend.

Als ich eines Abends nicht eben spät, aber doch schon nach Einbruch der Nacht nach Hause kam, gewahrte ich sie zu meinem Erstaunen auf der andern Bank sitzend, die sie sonst vermied. Ich war vom Hausflur in mein Zimmer getreten. Ihr runder voller Kopf mit den stattlichen aufgesteckten Zöpfen und dem krausen Stirnhaar stand gegen die helle Nacht deutlich im Rahmen des offenen niederen Fensters. Während ich herantrat, bemerkte sie mich und drehte den Hals. »Ach!« sagte sie, als sie mich erkannte: »Nun sitze ich gar auf Ihrer Bank!« Sie schien in einer Zerstreutheit oder Ermüdung ihren Irrtum nicht bemerkt zu haben oder sie erwartete mich vielleicht nicht so früh. Indessen focht sie mein Eintreten nicht an; sie blieb an ihrem Platze. Es war eine warme Nacht, der Goldregen blühte, zahllose Johanniswürmchen blitzten weißlich im Garten, ich hatte sicher am wenigsten Grund, sie zu verdrängen. Die Bank gehöre doch nicht mir, sagte ich; sie solle sich nicht stören lassen. Ich legte meine Bücher, Stock und Hut ab und setzte mich von innen auf die Fensterbank, von wo ich, fast in gleicher Höhe mit ihr, aus ihrem Rücken zu ihr heraus sprach. Eine Weile hörte sie zu, die Arme breit ausgestreckt auf die Lehne der Bank gelegt, und ab und zu wandte sie den Kopf. »Wissen Sie«, sagte sie plötzlich und rückte zur Seite, »das ist zu unbequem! bei dieser Unterhaltung verrenke ich mir den Hals.« Sie hatte ihre Arme weggenommen, ich zog meine Beine an und glitt ohne eine Antwort auf den Platz nieder, den sie mir mit ihrer Bewegung anwies. Es veränderte nichts in unserm Gespräch, das gleichgültige Dinge betraf und auch manchmal stockte, während sie eine Katze kraute, die zu ihr auf die Bank gesprungen war. – »Morgen gehe ich in die Kirche«, sagte sie nach einer solchen Pause; denn es war Samstag. »Kommen Sie doch mit?« fuhr sie etwas leichtfertig, wie mir schien, fort. – »Nein«, sagte ich ziemlich ernst, »ich gehe nicht in die Kirche,« – »Warum?« erwiderte sie unbefangen, »es ist immer so hübsch,« – Die Antwort belustigte mich; ich hatte einen christlicheren Grund ihrer Einladung vorausgesetzt und sagte scherzend, es sei das eine seltsame Begründung eines Kirchgangs; ich hätte ihn nicht gerade von ihr erwartet. »Ach!« sagte sie zu ihrer Entschuldigung etwas wegwerfend, »was wissen Sie wer ich bin?« – Sie lachte.

Plötzlich wurde sie totenernst. Ein heißer Schauder schien sie zu überlaufen. »Was wissen Sie wer ich bin?« sagte sie nun groß und laut. »Wissen Sie wer ich bin? Sie halten etwas von mir?« sagte sie streng. Es war wie ein Umschlag, ein finsteres schwangeres Gewölk, wie ein Gewitter das ihr eigenes Wort in ihr heraufbeschwor. Sie sah mich blaß und fern an. Ihr Ausdruck veränderte sich und ihr Gesicht war wie das einer Sibylle, wenn in ihr die Ahnung blitzt. »Was– weißt–du–wer–ich–bin?« sagte sie, langsamer, schwerer, schmerzlicher, abklingender. Dann brach es herein; das schwarze Gewölk in ihr barst; in ihrem Herzen regnete es. Sie preßte die Lippen aufeinander, um sich nichts zu vergeben, aber ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie tastete aufrecht sitzend nach mir wie nach einem Anker und hielt doch meine Hände mit gestreckten Armen fort von sich als sie sie ergriffen hatte, preßte sie mit einer ungeheuren Kraft hinweg von sich, hielt das Haupt abgewandt und ihren Leib abweisend weit hinweggebogen. Sie weinte nicht: es weinte in ihr. Und so mit aufgehobenem Gesicht, geschlossenem Munde weinte ihr Inneres dem hellgestirnten Himmel zu. Als ich mich endlich loswand – denn ich wußte eine lange Zeit nichts besseres als mich ihr nicht zu entziehen – war alles vorüber. Sie wehrte mit halberhobener sanfter Hand ab, lächelte unter letzten Tränen, denen sie ihren Lauf ließ, und sah mich dabei erlöst und gestillt an. Ich rückte zu ihr und legte meinen Arm um sie, was sie sich nun gefallen ließ. Aber eigentlich drehte sie, obwohl sie mich offenbar nicht zu entrechten wünschte, die Rollen gleich wieder um. Sie küßte mich von sich aus einmal stark und heiß auf den Mund: endgültig, dankbar, für immer ... Ich hielt sie einen Augenblick. Danach erhob sie sich zum Gehen. Sie beugte sich unendlich gütig und liebend zu mir herab, der ich auf der Bank vor ihr saß, und sah mir ganz nahe in die Augen. »Bei dir kann man eben weinen«, sagte sie sehr ruhig, als ob damit alles erklärt sei.

Ich wich etwas zurück, ließ seltsam berührt ihre Hände los die ich ergriffen hatte und sah sie, während sie sich wieder aufrichtete, erwartend an.

»Frage doch nicht!« sagte sie, als ob es um ein Vergebliches ginge was man beruhen lassen müsse, sie und ich: »Bei dir kann man eben weinen. Sei froh daß man es kann! Ich gebe es dir als dein Geheimnis wenn du es magst.« –

Sie schien zu meinen, daß ich das ruhig hinnehmen könne. Sie küßte sich etwas heftig und überschwenglich mitten in die Hand und warf mir mit dem kleinen Geräusch das ihre Lippen machten das Geheimnis wie ein wirkliches Geschenk zu – wie eine letzte Blume gleichsam, die eine Dame einem Manne zum Abschied läßt.

Sie war schon im Gehen. »Kommen Sie morgen mit in die Kirche?« fragte sie leicht nach rückwärts und war ohne meine Antwort abzuwarten im nächsten Augenblick um die Ecke des Hauses verschwunden. Ich hörte sie ins Haus treten und die Treppe hinaufgehn. Ich aber stieg langsam über die Bank die der schmale Schauplatz dieses Erlebnisses war in mein Zimmer. Ich zitterte etwas als ich mich niederlegte und das Licht löschte. Dann kamen die Gedanken und liefen fort und kamen wieder.

Bei all der Rätselhaftigkeit ihres Benehmens war solch eine Bestimmtheit in ihr gewesen daß mir die Rolle die ich bei alle dem spielte nicht unangenehm durch die Passivität wurde die mir angewiesen worden war. Ich konnte mir vorerst nichts erklären als daß ich ihr ein Halt in einer natürlichen und ernsten Erschütterung gewesen war zu deren Zeugen sie mich in der von ihr selbst heraufbeschworenen Anwandlung gemacht hatte. Es war nichts Krankhaftes oder Gequältes in ihrem Verhalten, nichts Wehleidiges oder Weltschmerzliches, was ganz und gar ihrer Art zuwider gewesen wäre. Das alles sagte ich mir viele Male um ihr gerecht zu werden. Es beschwerte mich nicht daß man bei mir weinen könne. Ich wollte sie immer bei mir weinen lassen, so oft sie es verlange; ich wollte alle Menschen bei mir weinen lassen, wenn es mein Schicksal war. –

Ich würde morgen mit ihr zur Kirche gehn, schon damit sie sehe daß ich ihr nicht ausweiche oder ihr zürne oder ihr Geschenk gering achte. Ich schlief endlich ein wie unter einer Mission die mir zuteil geworden war und die mich beglückte.

Der Tag rückt Dinge mühelos an ihren Ort die die Nacht verstellt hat. Als ich das Mädchen am Morgen wiedersah, wie sie frisch und sonntäglich herausgeschmückt aus dem Hause trat – ich wartete drunten auf der Straße –, war keine Rede von meiner Mission und sie schien die Ereignisse der Nacht ganz vergessen zu haben. »Ach! da sind Sie ja« sagte sie, als ob sie durch meinen Anblick erinnert würde, »das ist recht, daß Sie einmal mit in die Kirche kommen; es ist immer so hübsch.« – Diese neuerliche unbefangene Wiederholung der gleichen Worte die sie gestern gebraucht hatte, erstaunte mich nur noch mehr. »Was ist denn so hübsch?« fragte ich; »die Kirche?« – »Nein!« antwortete sie; »wie die Kirche aussieht, weiß ich offen gesagt nicht recht. Aber die Menschen! Die Menschen sind so nett hier. Ich war in vielen Kirchen vieler Städte; aber ich sehe mir immer nur die Menschen an.«

Sie sagte das wie ein Vorrecht; wie ein andres sagt: ich höre mir gern die Predigt an oder das Spiel der Orgel. Ihr Kirchgang konnte einen mit allen Dogmen und allen Priestern der Welt aussöhnen. Sie setzte sich mit mir auf eine der Längsbanke an der Seite der Kirche. Die Sonne siel herein. Es war hell und freundlich, sehr einfach und Weit in dem Räume. Sie hatte ihren Sitz offenbar absichtlich so gewählt; denn sie sah halb von vorn in die vielen Gesichter hinein, die in den Bänken des Mittelschiffs sich leise bewegten oder still nach vorne sahen. Einen Augenblick durchfuhr mich der Gedanke, sie suche einen bestimmten Menschen in der Kirche oder nähre doch eine Erinnerung. Aber nein. Sie begann mit mir in ihrem Sinne leise zu sprechen damit ich's auch recht genösse. »Ist sie nicht reizend, die mit dem halbgeöffneten Mund, die junge?« fragte sie, und ich konnte ihren Augen folgen; »die Sonne scheint in diese rosenfarbene Hohle und die Zähne sind fast durchsichtig.« –- »Jetzt kommt der Apotheker; immer etwas zu spat. Denn er muß doch den letzten Kirchgängern noch Hustenbonbons verkaufen. Ist es nicht freundlich zu denken, daß dies hier zum guten Ton gehört, sich für den Kirchgang mit Hustenbonbons zu versehen? – Dann schließt er seine Apotheke drüben bis die Kirche aus ist.« – Sie nannte viele Namen und hatte für jeden ein hübsches Wort. Gleichgültige Gesichter überging sie wie Wesen deren Zeit noch nicht gekommen war. – »Diese Familie ist so nett anzusehen, die beiden hübschen Töchter hinter den noch hübschen Eltern.« – »Jetzt tritt auch der Polizist herein, der den Kirchplatz begeht. Jetzt darf draußen nichts passieren. Er hört der Predigt nicht zu. Er vergißt auch hier sein Amt nicht und hält seine gutmütige, teilnahmlose Umschau.« – »Die große ältliche Person – sehen Sie wie schön sie wird! Sie hängt an dem Wort der Predigt, diesem Wort für sie, für ihre einfache Seele – und wird schön davon. – Ich liebe Menschen in ihrer Andacht.«

Auch sie war schön die so sprach, leise und andächtig. Und die so schwieg, im Diensie ihrer Schau, bewundernd und entzückt, war fromm darin. Sie trieb ihren eigenen Gottesdienst und trieb ihn mit dem lebendigen Bilde Gottes das da vor ihr saß. Kein Wort der Predigt drang zu ihr. Sie war versunken in den Anblick der Menschen. Und wenn er seltsam war, ihr Dienst an Gott – sie trug einen Gott im Herzen der ihn ihr erlaubte.

Ihre Andacht teilte sich mir mit. Ich sah mit ihr hinüber in die hellen Gesichter auf denen von hohen Fenstern gebündelte Strahlen von Sonne spielten. Ich suchte wie sie nach dem süßen Ausdruck des Menschlichen das ihr so reizend erschien. Denn dies sah ich wohl: keine leiseste Neugier auf den Verrat menschlicher Regungen, auf die Auslieferung menschlicher Seelen war in ihren Blicken, keine leiseste Lust, sie zu begaffen oder in sie einzudringen bewegte sie. Sie begehrte nicht zu wissen, sie begehrte nur zu schauen. Vielleicht habe ich in dieser Stunde zu viel von ihr gelernt.

Dennoch – kaum hatten wir die Straßen der inneren Stadt auf dem Heimweg verlassen, als mich der Berg zu meiner Rechten an die Nacht gemahnte. Ich hatte auch in dem Kirchgang, zu dem sie mich gestern mit einer fast gewagten Unbetontheit aufgefordert hatte, noch keinen Schlüssel zu ihrer Traurigkeit gefunden und konnte mir noch immer die Rolle nicht erklären, die ich in alle dem spielte.

»Sind Sie nicht manchmal enttäuscht von dem Anblick der Menschen?« fragte ich so leicht wie nur möglich. »Nein«, sagte sie, »von Andächtigen nie. Ich könnte ebensowohl von meinen Blumen enttäuscht sein.«

»Wenn Sie in Menschen Blumen sehn –« sagte ich. Sie schien mir plötzlich die allein Andächtige in der ganzen Kirche gewesen zu sein.

»Nein«, sagte sie, »so ist es nicht einmal gemeint; nur: sie sind mir gleich lieb; sie sind gleich schön, die Andächtigen und die Blumen.« –

»Und Sie«, rief ich, »Sie sehen sich nie an?«

Sie schrak ein wenig zusammen und verdunkelte sich. Sie hatte mich verstanden. Wir waren unterdessen an dem Hause angelangt und die steinerne Stiege bis zu der laubüberdachten kleinen Plattform emporgestiegen die vor der Haustür lag. »Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig«, sagte sie indem sie sich auf der Schwelle nach mir umdrehte; »aber es gibt wohl keine; und die ich Ihnen geben kann ist keine für Sie.« Es war als ob sie wieder an das Vergebliche kam, das wir beruhen lassen mußten. »Was wissen Sie von mir?« sagte sie wie gestern. Ihre Hände legten sich auf meine Brust und sie sah mir mit angebogenen Armen ganz nahe zärtlich in die Augen. »Was wissen Sie von mir? – Sie halten etwas von mir und ich bin nichts. Ich flüchtete vor mir und weinte weil ich floh. Was wollen Sie noch mehr! Ich war noch eben eine Blume für Sie. Ist's nicht genug, daß eine Blume bei Ihnen weinen kann? – Und wenn's ein Mensch war –: Sie saßen neben mir!! – So flüchten wir uns tausendfach! Ist's nicht genug, daß eine darum weint?«

Sie hatte die letzten Worte in einer tiefen Klage fast gesungen. –

Ich nahm ihren Kopf zwischen die Hände. – Ja, es war genug. – Sie senkte die Stirn ein wenig und schlug die Augen nieder. Und ich berührte mit den Lippen den Scheitel dieses tapfern Leibes, der sich eingestand was er tat.

Der sonderbare Kirchgang, der das Mädchen so bestimmt in dem natürlichen Vorrecht ihres Wesens zeigte, und das Ereignis der Nacht waren damals viel zu nahe und ich war viel zu jung um beides völlig zu verstehen. Ich fühlte daß mein Erlebnis endete – wie das Schauspiel im Theater – mit dem Vorhang den eine höhere Weisheit – und jedenfalls nicht ich – über den keiner Vernunft zugänglichen Vorgang senkte. Es schien mich erst ein wenig zu entehren, nicht selber Anfang und Ende gesetzt zu haben, wie auch das Mädchen mehr verwickelt im Zufälligen, sich Darbietenden gehandelt hatte. Ein Zufall hatte mich auf jene Bank gespielt. Da saß ich nun. – »Sie saßen neben mir!« das war die große Zurechtsetzung des Lebens. Wie viele Küsse bleiben ungeküßt, weil kein Mund dem andern nahe ist; wie viele Tränen bleiben ungeweint, weil niemand ist bei dem man weinen kann. Und Küsse fallen Lippen zu, weil Lippen nahe sind; und Blumen weinen, weil einer nahe ist bei dem sie weinen können. Doch jeder denkt, der Mund, er blühe nur für ihn, und jede Träne sei nur ihm geweint.

Das begriff ich damals nicht. Ihre Freude an den Menschen, ihre Worte, ihre Tränen, ihr Kuß und der leise Sang der Klage mit dem sie alles endete, ergriffen mich zu sehr und nahe. Ich hängte mich an alles Liebliche in ihr und dachte, sie habe mich geküßt, sie habe mir geweint. Ich hängte mich an dies, um jenes nicht zu glauben, und gedachte so mein Erlebnis in meiner Erinnerung am schönsten zu bewahren. Aber es wehrte sich bald wie ein Lebendiges sich wehrt und strafte mich Lügen. Ich weiß noch, wie lange es dauerte, bis ich es von seinem kleinen Reiz entkleidet sah und jenen größeren der Wahrheit zu gewahren vermochte, den ihm das Mädchen von Anfang an und mir im Angesicht wie einen Königsmantel angelegt hatte.

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