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Erlebtes Leben

Rudolf Georg Binding: Erlebtes Leben - Kapitel 5
Quellenangabe
typeautobio
authorRudolf G. Binding
titleErlebtes Leben
publisherRütten & Loening
addressPotsdam
printrun46.-50. Tausend
year1941
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100314
projectid2a53abe9
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Zweites Buch

Lehre und Leere

Drittes Kapitel

Als mein Vater mir verkündete, wir reisten alle zusammen nach Leipzig, ergriff mich erstmals in meinem Leben das Gefühl der Zukunft. Das was sich auftat, wenn auch unbekannt, machte stärkere Rechte geltend als das was mich umgab, und als der Zug über die Eisenbahnbrücke rollte, von der aus ich das Bild der Stadt die ich verließ so begierig einsog, wenn sie mich aufnahm, schaute ich nicht zurück, weder nach ihr noch nach meiner Großmutter Haus. Ich fuhr einer Bestimmung entgegen, einem Ziele zu. Die erste, die jugendlichste, die kindlichste Gralsfahrt begann und eine Erregung saß in meinem Herzen. Da war nicht mehr der Zaubermantel in dem ich unbemerkbar dahinflog, und wenn er sich auseinanderschlug, war ich an einem neuen Ort; da saß ich selbst und die Dinge glitten vorüber und ich mußte sie gleiten lassen. Sie gingen mich schon nichts mehr an wenn sie verschwanden, und waren vergessen ehe ich sie begriff. Aber daß wir gemeinsam nach jenem Ziele fuhren, das ging mich an; ich war daran beteiligt, auch wenn es nur das Ziel meines Vaters war. Es war wie eine Pflicht, die ich für mich selbst in Anspruch nahm. Nach Leipzig wurde ich nicht mitgenommen, ich begleitete meine Eltern. Ich ließ mir von meinem Vater die Namen der Orte nennen an denen der Zug hielt und machte für jeden Ort einen Strich in mein erstes Notizbuch das mir jemand geschenkt hatte; aber diese Pflicht fiel mir erst nach einer Weile ein und ich fragte meinen Vater, wie oft der Zug schon gehalten habe, und machte die Striche nachträglich.

Nach langen Stunden und vielen Strichen wurde die Gegend flach und gleichförmig. Das Auge fand keinen Halt. Felder und Felder, ununterschieden und ununterscheidbar, weit und formlos. Viele Windmühlen, heute alle längst verschwunden, bewegten ihre Flügel im Winde oder hielten sie still; aber alle drehten sich wie auf einem unendlich großen Teller stumm und gefühllos vorüber. Was nutzte es daß der Vater sagte, auf den Feldern wüchse Korn und die Mühlen vermahlten es zu Mehl. Sie schienen mir ungefüg, fremd und traurig. Aber die Eltern freuten sich doch auf Leipzig! und vielleicht war ich nur müde.

Wie oft hatte ich schon gefragt: wie weit ist es noch? ist es noch weit? – »Wenn wir in die Nähe von Leipzig gelangen« sagte mein Vater, »müssen wir über sieben eiserne Brücken.« – Ich schwieg lange und wagte nicht mich zu regen.

»Sind wir schon über eine der Brücken hinüber?« fragte ich später unsicher.

»Nein« sagte mein Vater, »noch nicht; das merkst du.«

Mein Sinn war auf die Brücken gerichtet. Es dauerte nun schon so lange und zugleich war mir bang daß ich eine versäumen könnte, als ob sich dann eine mir unbekannte dunkle Verheißung nicht erfüllen werde, die an das Überschreiten der sieben Brücken geknüpft sei.

Endlich kam die erste. Ich sah meinen Vater an. Der Zug donnerte schwerfällig und verlangsamt über eine kurze eiserne Brücke. Das Eisen rauschte, neben und unter mir; so würde es noch sechsmal rauschen. Ich erkannte einen schwarzen, trägen, unbeweglichen, gewundenen Fluß. Er lag zwischen Grasrändern wie erstickt oder ertrunken. In dieser Ebene ertranken die Flüsse.

Die zweite Brücke kam; die dritte. Wieder ertrank ein Fluß zwischen Gras – oder war es der gleiche? Ich verlor keine der Brücken. Und immer rauschte das Eisen. Und immer war Sumpf oder ein ertrinkender Fluß unter den Brücken.

Ich weiß noch, daß ich wenigstens das Bild der Stadt suchte. Ich wandte meine letzte Kraft und meinen letzten Mut daran. Ich suchte die Stadt fast wie eine Rettung. Aber da war keine Stadt, oder wenn da eine war, war sie nicht zu sehn. Nein, es war keine: ich wußte doch wie Städte aussehn mußten! lieblich oder stolz; ein Bild, ein machtvoll umfassendes; ich wußte doch wie Flüsse aussehn mußten, was Flüsse waren; ich hatte die Dreisam, den Rhein und den Main gesehn und erlebt. Die Flüsse dieser Stadt logen, sie seien Flüsse, und waren keine.

Am späten trägen Nachmittag als der Zug durch unbegreifliche Häuser entstehender Vorstädte in Leipzig einrollte, beschied ich mich. Wenn dies das Land der Zukunft war in das ich ausgezogen war, an das ich nun schon so viel gesetzt, so war eben das Land der Zukunft anders als alles, was ich je erlebt. Es erforderte andere Kräfte. Ich würde stärker werden. Ich sammelte neuen Mut, stärker zu werden und die Zukunft zu bestehen. Der Zug hielt einen Augenblick an einem schlammigen Graben. Ich hatte einmal eine sterbende Ratte in einem verschlammten Graben gesehn; an diese sich gegen den Schlamm wehrende Ratte wurde ich damals erinnert. Ich hätte sie vergessen, aber sie lebte wieder auf, und in Verbindung mit diesem Aufleben lebt sie noch heute.

Die Stadt, nahm ich mir vor, könnte bei Tage anders aussehen. Es dämmerte und ich war müde, aber ich war froh, daß ich da war. Danach weiß ich nicht was geschah.

 

Es sollte eine geraume Zeit vergehen, bis ich dahinter kam, was es mit der Stadt für eine Bewandtnis hatte. Unsere erste Wohung in einer freudlosen Straße, wo viele Verlagsbuchhandlungen dicht beieinander lagen und unzählige zweirädrige Stoßwagen täglich erdrückende Stöße gleichförmiger Bücher, in ewig graue Pappe gepackt, in sich aufnahmen und zu mir unbekannter Bestimmung abfuhren, muß sehr ausdruckslos gewesen sein; ich habe von ihr, den Dingen die darin standen, den Menschen die dort verkehrten, dem Leben das wir dort führten nicht die leiseste Erinnerung. Weder meine Eltern noch mein Bruder noch ich selbst existierten in dieser Zeit, obgleich für anderes gleichzeitige eine zum Teil sehr lebhafte Erinnerung in mir besteht. Es war als ob die Menschen in der Ausdruckslosigkeit erblindeten wie die Fenster aus denen ich nicht ein einziges Mal auf jene freudlose Straße hinabgesehen zu haben mich entsinne. Ähnliche erblindende Wirkung hatte auf mich die ganze Stadt. Ihre Sonne war dunkel, ihr Licht nie ganz hell, ihre Luft nie ganz rein. Ihr Baumkranz war von glanzlosem schmutzigem Grün und von fettigem Ruß, der sich auf allem ablagerte, verkümmert und vergiftet. Keine einzige Blume blühte damals in den spärlichen Anlagen. Die Straßen, besonders die äußeren, waren unfreudig und unfroh geschäftig, der Westen noch nicht erschlossen. Sie hatte keinen mit meinen Sinnen und meinen Empfindungen erfaßbaren Ausdruck, keine Gestalt und kaum ein Gesicht, weder im äußeren noch im inneren Sinn. So ist sie mir im Tiefsten verblieben trotz der sehr großen Kenntnis, die ich im Laufe vieler Jahre meines Aufenthaltes von ihr gewann. Ich sage das nicht aus Undankbarkeit. Jedem geben die Menschen, geben die Dinge mehr als er gibt, mehr als er bemerkt. Das weiß ich auch von der Stadt. Aber indem sie gibt, teilt sie sich mit. Und viel Blindes, Blasses, Lichtarmes, viel Gedrücktes, Unbewegliches, Niedergehaltenes schwebt über ihr und der Ebene, die sie um sich zu dulden hat, bis auf den heutigen Tag.

Nach jener Verfinsterung meiner selbst, die der Stunde meiner Ankunft folgte und wie eine Eklipse über mich hinging, finde ich mich erst auf meinem ersten Schulgang wieder. Ich ging mit meinem Ranzen auf dem Rücken einen kurzen Weg, den mir meine Mutter beschrieben hatte, über einen kleinen mit Bäumen und Büschen bepflanzten Hügel der Anlagen, an dessen Fuß ein finsteres Denkmal stand. Ich strich achtlos mit der Hand über die ersten Knospen und Spitzen der Büsche; da war sie schwarz von Ruß und Staub und ich mühte mich vergebens, sie an meinem Taschentuch rein zu wischen. So machte ich eine Faust. In der Schule wurden die Neuankömmlinge zunächst mit den Schülern der anderen Klassen in einen großen Saal geführt. Denn es war Montag und vor Beginn des Unterrichts wurde an diesem Tage regelmäßig eine Andacht gehalten. Ich sah wie die anderen Schüler nach einem Gesang die Hände zu einem Gebet falteten das einer der Lehrer sprach, und tat es ihnen nach und da ich nun dabei meine Faust aufmachen mußte, sah ich, daß die Finger meiner linken Hand auch obenauf und an den Seiten schwarz und schmutzig waren und vergoß in meiner Erregung einige zornige und beschämte Tränen über diesen Pranger. Doch er endete bald und mein erster Unterricht begann, auf den ich mich jedoch ebensowenig wie auf meine ersten Lehrer und Mitschüler besinnen kann.

Als die Schule aus war und ich mich zwischen den anderen Jungen aus dem Hause drängte, sah ich auf der gegenüberliegenden Seite der schmalen Straße auf die der Eingang mündete eine Menge von – wie es mir schien – buntgekleideten Frauen stehn, und jeder der Schulknaben rannte nach kurzer Ausschau auf seine Mutter los und wurde von ihr in Empfang genommen. Dies befremdete und erstaunte mich. War es auch eine Sitte, die ich noch nicht kannte wie das Händefalten und das Gebet? Ich blickte ängstlich hinüber, ob meine Mutter am Ende auch da stände. Aber sie stand nicht da und ich freute mich meiner Mutter.

Zu Hause bei Tisch fragte ich sie wegen der Schulandacht: ich hätte die Hände gefaltet und auch so getan wie die anderen. Meine Mutter wollte etwas erwidern, aber mein Vater mischte sich ein und sagte: »Mach du das nur mit; das kann dir gar nichts schaden.« Ich habe meinen Vater genau verstanden und er hat sicher die Worte so gemeint wie ich sie verstanden habe: daß nämlich die Andacht und das Gebet zu Gott eine Sitte sei, und daß es in der Ordnung und anständig sei und es besonders mir, der ich lernen sollte was Sitte und Anstand fordere, nichts schaden könne, Sitten mitzumachen. Ich betete nicht zur Nacht, das hatte ich nie getan; ich betete nicht in der Kirche, denn ich ging nicht in die Kirche. Das Schulgebet betete ich als eine gute und fromme Sitte mit. Indem ich dies aber tat, geriet ich bei dieser ersten Gelegenheit unbewußt schon in jene bedenkliche Essenz des Zeitalters, die es so stark und tödlich durchdrang: die Essenz des Tuns-als-ob. Ich tat als ob. Es war geheiligt; es war Sitte. Auch dies schon war ein gewisses Prunken, Glänzen, ein Sich-behagen oder wenigstens ein Sich-genügen mit einer nicht mehr vollen Wahrheit. Ich tat als ob ich betete –: einer Sitte zuliebe, andern zuliebe. Denn ich hatte nie ein ernstliches Empfinden, mit meinem Gebet Gott anzurufen, mit meinem Gebet von Gott gehört zu werden, mit meinem Gebet irgend etwas auszurichten, mit meinem Gebet überhaupt ein Verhältnis zu Gott auszudrücken. Mein Gebet war nie mein Gebet. Und wie mein Leben für viele steht, so wird es auch hierin für viele stehen.

Mein Tun war kindlich und unschuldig; so war es auch mein Tun-als-ob – in Diesem wie in vielem Späteren. Aber der Geist überfällt das Kindliche und Unschuldige, und wir werden schuldig an der Zeit ehe wir verantwortlich für sie werden. Die Begebenheit aber ist die Bestätigung meiner Annahme, daß ich ohne kindliches Gebet und ohne den kindlichen Glauben an Gott groß geworden bin, welche Bestätigung an ihrem Orte zu erzählen ich im ersten Teil dieses Buches versprochen habe.

 

Kurze Zeit darauf sehe ich mich in einer lichteren Wohnung. Große Fenster sehen auf eine belebte Handelsstraße hinab, aus der riesige Ballen von frischem Leder und schwankende Türme getrockneter Häute täglich einen aufdringlichen, selbstbewußten, leicht beizenden Geruch bis hoch in die Häuser hinauf verbreiteten. Viele Zimmer reihten sich in gerader Flucht aneinander; ein langer Gang, gestreckt wie eine Rennbahn, lief vor ihnen hin und endete in einem ziemlich geräumigen Platz am Eingang, den ich nur als Turnplatz achtete, durch den aber – teils störender teils willkommener Weise – die Freunde der Familie, die Professoren und Minister, die Präsidenten und Reichsgerichtsräte, die Beamten und Pedelle, die Studenten und Kandidaten, die Buchhändler und Künstler, der Oberbürgermeister und die Leipziger Patrizier, die Generale und Offiziere, die Fürsten und Prinzen die meinen Vater besuchten, ebenso wie die Besuche meiner Mutter und meine und meines Brudes Spielkameraden die Wohnung betraten.

In dieser Wohnung wurden im Verlauf der folgenden Jahre ein zweiter Bruder und meine beiden Schwestern geboren, so daß wir nun unser fünf waren. Doch spielte sich das für mich ohne besondere Eindrücke und im Hintergrunde ab. Brüder und Schwestern bekam man oder bekam sie nicht. Ich hätte nie den Gedanken zu fassen vermocht, sie seien für mich da oder bedeuteten für mich etwas Besonderes. Wenn man mir gesagt hätte, sie gingen mich aus Gründen des Bluts oder der gemeinsamen Abkunft als Geschwister mehr oder näher an als andere Menschen, so hätte ich und habe ich das zwar hingenommen, aber ich hätte und habe es nie begriffen. Ich habe es nie gefühlt. Vielleicht hinderte mich schon sehr frühe ein Gerechtigkeitsgefühl. Ich war gegen alle Menschen freundlich, wie ich mich auch nicht besinnen kann einen einzigen Menschen getroffen zu haben der mir unfreundlich begegnete; aber ich war in einer Überschwänglichkeit meines Innern am freundlichsten gegen die die es nach meiner Meinung am meisten verdienten. Meine Geschwister galten nur, sofern und solange ich sie höher stellte als andere Menschen. Ich glaubte so gerechter gegen sie zu sein.

Gab es denn etwas anderes für einen Knaben meines Alters als eine frühe, zarte, unbewußte Ritterlichkeit gegen Frauen und eine ebenso frühe, zarte, unbewußte Wertung zwischen Männern? und Schwestern waren Frauen wie Brüder Männer waren. Wenn überhaupt ein Gefühl in meinem Blute lag so war es dieses und Vater und Mutter nahmen teil daran. Ich habe keinen Menschen im Leben höher geachtet als meinen Vater und reizender gefunden als meine Mutter. Aber dies geschah, weil kein Mensch höher zu achten war als mein Vater, und weil keine Frau reizender war als meine Mutter. Es geschah nicht weil er mein Vater und es geschah nicht weil sie meine Mutter war. Um dieses willen geschah nichts in meinem Leben. Ich glaube und hoffe daß dies die Wahrheit ist.

Mit meinem ersten Bruder, der sich unterdessen zu einem ebenbürtigen Spielkameraden ausgebildet hatte – der zweite und die Schwestern waren die Kleinen – wurde um deswillen nun gemeinsame Sache gemacht. In Sachen der Schule blieb jeder für sich. Hier waren wir durch zwei Jahre getrennt; da mußte jeder für sich zurechtkommen. Niemals, so viel ich weiß, teilten wir uns auf diesem oder auf anderen Gebieten einander mit; niemals half ich ihm bei seinen Aufgaben und niemals erwartete er dies, wie übrigens auch meine Mutter mir niemals half oder ich das von ihr erwartete, während mein Vater für eine helfende Tätigkeit in dem was uns selbst anging von vornherein gar nicht in Betracht kam. Gewichtiger aber als die Kameradschaft meines Bruders war, daß er ein ebenbürtiger Gegner in allen Wettspielen war und nicht minder in den ernstlichen Kämpfen und Waffengängen, die wir uns lieferten. Auf dem schon beschriebenen Turnplatz hing das Trapez, hingen die Ringe, die lange Schaukel, stand bald ein hoher gewichtiger Barren – die Geheimen Räte mochten sich ducken wenn sie dem Schwung unserer Leiber an den Geräten ausweichen wollten – und über den langen Gang raste der Wettlauf, flogen die Pfeile, die stählernen Spitzbolzen des Blasrohrs, die Lanzen und die Äxte. Mein Bruder war gewandter, schneller, ich nur durch das Alter und eine etwas größere Kraft überlegen. Er schoß bester mit dem langen weittragenden Bogen, den wir mit Mühe spannten, und sein Blasrohr war bis auf unwahrscheinliche Entfernungen besonders auf die Glatzen von Schreibern im (alten) Reichsgericht über die Straße, die bei offenen Fenstern schrieben und mit feuchten Lehmkugeln bedacht wurden, nahezu unfehlbar. Es war ganz gut mit ihm auszukommen; er stand seinen Mann. Der eigentliche und gefährliche Kampf war der mit Äxten, als welche zwei Hämmer aus dem Haushalt herhalten mußten. Sie waren schwer und gediegen, wie es Hämmer in ordentlichen Haushalten sind, und zum Einschlagen von Nägeln berechnet, taugten aber bei unserer Handhabung auch dazu, nach Art eines indianischen Tomahawk gegen den Gegner gewirbelt zu werden, und die Gegner waren wir. Jeder führte einen viereckigen Schild am Arm, einen mit Pappe übernagelten, mit Drachen, Schlangen und Ungetümen schrecklich bemalten Kistendeckel, den er erhob, wenn der Hammer heranflog. Denn dies war die stillschweigende eiserne Kampfregel: man mußte dem Wurfe stehen; man durfte mit dem Körper nicht ausweichen; man mußte den Hammer mit dem Schilde auffangen. Wir hatten schnelle und scharfe Augen und schnelle und sichere Bewegungen. Die Streitäxte krachten auf die Schilde, wie wir uns vorstellten, daß sie krachen sollten. Einmal jedoch mußte ich nicht aufgepaßt haben; als ich mich aus einer Beugung, die ich aus irgendeinem Grunde ausgeführt hatte, aufrichtete, sah ich meines Bruders Hammer gerade auf meine Kehle zufliegen. Zu spät, den Schild hochzukriegen! Ich hätte beiseite springen müssen. Daran hinderte mich die Kampfregel. Ich stand. Ich weiß ganz genau – wie in diesem Augenblick – daß eS mich durchfuhr – und ich hatte bei dem Gewicht und der Geschwindigkeit des Hammers alles Recht dazu – es durchfuhr mich: Jetzt ist es aus! »Dann geht man eben unter!« Also endlich! – Mein Schild hing reglos am gesenkten Arm. Ich bot dem heranwirbelnden Hammer die Brust. Er traf mich genau auf die Verbindungsstelle der beiden Schlüsselbeine. Es krachte und benahm mir den Atem. Dann fühlte ich etwas an mir herunterrieseln. Mein Hemd stand offen und der Hammer fiel machtlos zu Boden.

Ich stand wortlos und in einer ganz unfreiwilligen Glorie meinem Bruder gegenüber, in dessen Auge eine entsetzliche Angst stand. Darauf wagte ich an mir herunter zu sehn. Die Stelle, wo der Hammer meine Brust getroffen hatte, war gerötet aber unverletzt, und in der Falte des Hemdes, in das ich hineinsah, lag das was heruntergerieselt war: die Erklärung meiner Unverletzbarkeit, die breite Stielplatte eines sehr festen Beinknopfs, wie wir sie damals zum Verschluß des Hemdes zu tragen pflegten. Der Hammer hatte genau die obere Platte getroffen, die bei dem Aufprall abgesprungen war; die andere hatte beim Herabgleiten das Rieselgefühl erzeugt; die Elastizität der beiden Beinplatten und des Knopfstieles hatte mich bewahrt.

Meinem Bruder gegenüber bewahrte ich den Nimbus der Unverletzbarkeit der mich in diesem Augenblick für ihn umgab. Ich glaube nicht daß er lange vorgehalten hat. Ich aber empfand die ganze Begebenheit wie eine Probe auf mich, die mir der Zufall oder das Schicksal schenkte. Ich glaubte, wonach meine Seele so sehr lechzte, wenigstens einen kurzen Augenblick dem Tode ins Auge gesehn zu haben. Er war nichts. Nein: er war nichts! Oder doch: er war etwas! Denn man hatte natürlich Angst, man hatte ein unbeschreibliches Gefühl zwischen Angst und Mut, und sicher: man hatte Angst. Aber man konnte auch sie bestehen. Ich hatte sie einen Augenblick bestanden. Von dem Tage ab fanden keine Kämpfe mit geschleuderten Äxten mehr statt. Ich hatte eine Probe die für mich fast etwas Heiliges bedeutete. Es war, als ob die Kämpfe damit hätten enden sollen.

 

Meine Schulzeit verlief ohne Erregung. Die Klassen der Vorschule und die neun Jahrgänge eines humanistischen Gymnasiums, das sich hohen Rufes erfreute, durchlief ich ohne Auszeichnung aber auch ohne Aufenthalt, ohne Lust aber auch ohne Ablehnung. Aus frühen Schuljahren ist mir die erste Begegnung mit den Zehn Geboten als ein Erlebnis in Erinnerung das mich befremdete. Gott –; ich dachte nicht über ihn nach. Ich hatte keine andern Götter neben ihm und machte mir kein Bild von ihm. Ich wußte nichts von Gott. Vielleicht würde ich einmal von ihm wissen; dann war das Gebot für jene Zeit, die ich erwarten würde. Doch war es mir verdächtig daß von anderen Göttern gesprochen wurde; waren denn viele Götter in der Welt, die galten? Es klang so drohend. Der Lehrer sagte nichts darüber. – Wie fremd und gegensinnig, wie unnötig zumal erschien mir das Gebot, Vater und Mutter zu ehren, damit es mir gut gehe und ich lange lebe auf Erden. Was war das: Eltern ehren? Das schien mir etwas was ich nicht tat, was sie auch gar nicht von mir verlangten oder erwarteten. Ich wußte gar nicht, wie ich das hätte machen sollen. Zwischen mir und meinen Eltern war alles selbstverständlich und nicht an Ehrungen geknüpft, und es ging mir wohl, weil meine Eltern lebten, nicht weil ich sie ehrte. Aber wenn alle meine Mitschüler das Gebot ohne Frage hinnahmen, so wußten sie vielleicht wie man Vater und Mutter ehrt, und nur ich wußte es nicht? Mußte ich dann früh sterben? Aber ich fragte nach meiner Art niemand. – Ich sollte nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen, nicht falsches Zeugnis reden, nicht Weib, Knecht, Magd, Vieh meines Nachbarn begehren – warum wurde mir das befohlen? Ich tötete nicht, stahl nicht, brach keine Ehe, redete kein falsches Zeugnis, begehrte nichts von meinem Nachbarn – ich dachte ja gar nicht daran! Das lag alles so ganz jenseits meines Bereiches. – Besonders beschäftigte es mich, wie jemand auf die ganz unvorstellbare und unangenehme Idee verfallen könne, die Magd seines Nächsten zu begehren. Diese Gebote schienen mir für Verbrecher. – So lernte man sie denn auswendig, ohne Sinn und Verstand, unnötig bedroht und unnötig abgestoßen. Man sagte sie her, wenn man gefragt wurde, hübsch der Reihe nach oder einzeln, um drei nicht mit vier und vier nicht mit sechs zu verwechseln, – und war zehn Jahre alt und nichts davon ward je lebendig.

Später kam endloses Latein, noch später sehr viel Griechisch. Deutsch und Turnen waren gleichgesetzte Nebenfächer. Jede Woche gab es davon zwei Stunden, nur in den höheren Klassen kam der deutsche Unterricht zu etwas besserem Recht. Ich machte viele lateinische Verse – über den Frieden, über den Krieg, über das Schwimmbad, über die Leier, über das Klavier – aber ich wußte nicht, ob und was für Dichter in Deutschland lebten, wenn ich es nicht aus den Büchern erriet die mein Vater meiner Mutter zum Lesen auf ihr Schreibpult legte. Ich vermochte den Flächeninhalt einer Ellipse zu errechnen, hatte aber keine annähernde Vorstellung von der Größe eines Quadratkilometers oder von dem Gehalt eines ordentlichen Professors an der Universität. Wir schrieben griechische Arbeiten in Übersetzung deutscher Vorlagen ohne Wörterbuch – was wirklich eine besondere Vergeudung des Griechischen und des Deutschen zugleich war da wir für solche Arbeiten gar nicht das Zeug hatten und keiner sie auch nur halbwegs fehlerfrei zustande brachte – und konnten im Grunde den Homer nicht lesen. Wir lernten aus dem bellum gallicum die Konstruktion der Brücke die Cäsar für seine Legionen über den Rhein schlagen ließ und wußten jede Strebe und jede Bildung zu benennen, aber wir wußten nicht, wie nach der Verfassung die Konstruktion des Deutschen Reiches aussah, was da band und was da trug. Wir kannten den zweiten messenischen Krieg besser als den zweiten schlesischen oder die Freiheitskriege, da der Geschichtsunterricht nicht bis zu diesen späten Ereignissen hin gedieh. Die geschichtlichen und politischen Grundlagen unseres Lebens blieben uns völlig unbekannt.

Dies alles war jedoch keineswegs die Schuld der Lehrer; es lag in der Zeit und ich kannte kein Gymnasium, wo es wesentlich anders gewesen wäre. Man schulte den Verstand, man übte das Gehirn, man trainierte auf sprachliche uneigene Form durch das beständige Fußexerzieren in der lateinischen Sprache, in der Mathematik, in der Grammatik und Syntax, in dem fremden Formenreich der griechischen. Dazu wurden die alten Sprachen mißbraucht. Von ihrem Geist habe ich keinen Hauch verspürt. Aber noch weniger, da es um eine reine Übung einiger Funktionen des Gehirns und in beschränkterem Grade auch der Anschauung ging, kümmerte man sich um den Menschen den man vielleicht hätte erziehen können. Keiner von uns kam mit irgendeinem persönlichen Gewicht, einem Selbstgefühl, einem Selbstvertrauen, einer Sicherheit aus der Schule, ein Kerl zu sein. Als wir die Schule verließen waren wir alle nicht nur der humorvollen Bezeichnung nach, sondern allen Ernstes Maulesel und konnten nichts anderes sein. Keiner von uns ist, wie ich glaube, dort menschlich das geworden was er am Ende dieser Lehrjahre menschlich hätte sein können.

Ich habe keinen Lehrer geliebt, viele geachtet, wenige gering geschätzt. Dennoch hat mich außer einem großen Mathematiker und meinem Lehrer im Deutsch während der beiden letzten Schuljahre keiner gefesselt. Verachtet und darum geärgert wurden nur die wenigen die es verdienten. Denn Schüler sind wohl grausam aber nicht ungerecht. Doch wurde auch einer zwar nicht verachtet aber ewig aufgezogen, was er weniger verdiente als vielmehr selbst geradezu herausforderte. Wenn es die Mitschüler zu weit mit ihm trieben, sprang ich ihm bei indem ich mit den Spöttern nicht mehr mittat; und dann konnte er die gefährdete Stunde mit mir allein zu Ende führen, indem ich, der tobenden, lachenden und trampelnden Klasse zum Trotz, ihm antwortete und zuhörte. Hierbei stellte er sich ganz nahe vor die Bank auf der ich saß und die Unterrichtsstunde verwandelte sich, nur von Ordnungsrufen unterbrochen die er lateinisch in die Klasse schleuderte, in eine Art halblauten Zwiegesprächs zwischen ihm und mir womit er sich betrog. Es geschah beinahe unbemerkt für die andern, die ganz mit sich selbst beschäftigt waren und alle nach Jungenart nur daran dachten, jeder mit einer besonderen Frechheit vor sich und den anderen zu glänzen.

Einmal nun hatte er sich wieder an seinem Standort vor mich hingestellt, als es mir noch gar nicht darum zu tun war, auf das Gelächter und den allgemeinen Kampf gegen ihn zu verzichten. Er schaute mich ernst und vorwurfsvoll an. Ich tat nicht als ob. Er beschwor mich mit den Blicken. Ich hatte keine Acht darauf. Da plötzlich, dicht an mich herantretend, sprach er halblaut Cäsarö letztes Wort zu Brutus, das er – verfänglich genug – ins Griechische übersetzte um es recht eindringlich zu machen. »Auch du, Brutus!« wollte er sagen, und »[*greek]« – (»auch du, mein Kind!«) flüsterte er mir zu. – Da verriet ich ihn. Ich fühlte eine Wollust des Verrats. Nichts war mir höhnisch genug ihm zu antworten. Nichts war mir gemein genug ihm anzutun. Ich sprang auf, kehrte den Daumen der geballten Faust zur Erde, wie die Römer taten um den Tod von Gladiatoren in der Arena zu besiegeln, und schrie: »Stoßt zu! Apage! Hinaus! Ex!« und was noch mehr. Die andern taten mir nach und unter allgemeinem Gebrüll räumte der Lehrer das Feld.

Beim Heimweg aus der Schule fühlte ich mich als gezeichneter Verräter, als Verschworener, als alles; ich fühlte die Möglichkeit eines Mordes wie Brutus ihn an Cäsar beging in mir. Ich war etwas was ich vorher nicht war. Es überraschte mich daß ich es vermocht hatte; aber es war mir eine Genugtuung eines Verrates fähig zu sein. Ich brüstete mich ganz deutlich vor mir selbst damit, während ich zugleich meinem Lehrer halb dankbar war, den Anlaß zu dieser Heldentat gegeben zu haben.

 

Obwohl eine Anzahl meiner Mitschüler – und nicht die schlechtesten Menschen – mit mir durch alle Klassen des Gymnasiums gingen, bin ich keinem freundschaftlich näher und länger verbunden gewesen. Einer der mir nahe stand starb zu einer Zeit als ich noch nicht wußte, was man an einem Menschen verliert. Trotz vieler Berührung, die sich mit andern in Schule und Haus einstellte – denn es gab natürlich Einladungen, Besuche und Spiele – sind sie mir alle schmerz- und gedankenlos entglitten, als die Bahnen sich trennten. Nur von einem, und gerade von einem der nur sehr kurz mit mir die Gemeinsamkeit der Schule teilte, habe ich eine nachdenkliche Erinnerung behalten, die mich noch heute begleitet und bewegt.

Es muß in meinem zwölften Lebensjahr gewesen sein, als ein »Neuer« in die Klasse kam, ein sehr schöner, gepflegter und angenehmer Junge mit einem, wie ich mich zu erinnern glaube, fremdklingenden Namen. Er war untadelig vielleicht sogar vornehm erzogen, mit einer einfachen Erlesenheit gekleidet, von sanftem und ruhigem Wesen. Offenbar verkehrte er mit andern Jungen als ich; ich schenkte ihm, außer daß er mir gefiel, keine besondere Beachtung. Eines Tages bemerkte ich daß der Knabe die gleichen Stiefel trug wie ich – was immerhin auffällig war. Denn damals trugen Jungen allgemein kurze Schaftstiefel, nur ich trug wegen eines empfindlichen Spanns fast als einziger Schnürstiefel, die gerade begannen aufzukommen und wie alles damals, etwas geziert hergestellt wurden, somit noch nicht die schöne derbe Sachlichkeit aufwiesen die ihnen jetzt selbstverständlich ist. Sie waren im Schnitt und in den Zutaten geziert. Meine Stiefel hatten als Schmuck keine schwarzen sondern goldene – will sagen messingfarbene Schnürhaken, und gerade solche Stiefel mit goldenen Schnürhaken trug plötzlich der Knabe. Ich wurde durch die Stiefel auf sein Verhalten aufmerksam. Nach einigen Tage bemerkte ich daß er ein kleines Lesestück, das jeder vorlesen mußte, genau so las wie ich. Dies hätten zwar die andern auch gern getan – denn ich las es am besten und meine Art es zu lesen wurde dadurch von selbst zu einem Muster für die andern – aber keinem gelang es in so natürlicher und unbefangener Weise als ihm. Auch sah ich daß er den gleichen, breitkrempigen Strohhut trug wie ich. Er trat zum Antworten auf die Fragen des Lehrers aus der Schulbank heraus wie ich, stellte sich hin wie ich; er ahmte meine Haltung, meine Bewegungen, meine Stimme, meine Schriftzüge, ja endlich Züge meines Wesens – eine gewisse Art zu lachen etwa – in einer Weise nach die mich beunruhigte. Aber immer schien alles natürlich und ungezwungen. Ich habe nie bemerkt daß er zu mir hinsah um etwas von mir abzulernen, und meine Schrift mußte er einfach aus dem Anschauen der Schulhefte in sich ausgenommen haben, da bisweilen die Hefte durch die Lehrer selbst für Zwecke der Unterweisung ausgetauscht wurden – und meine waren durchaus nicht die besten. Meine Bewegungen schien er geradezu zu erraten.

Ich lief zu meiner Mutter: ich müsse andere Stiefel haben; ich müsse einen andern Hut haben. Sicher nicht um mir zu willfahren aber aus irgendwelchem Grunde – vielleicht weil ihr die bisherigen wirklich zu geziert schienen – ließ mir meine Mutter andere Stiefel machen. Wenige Tage später trug er die gleichen. Wenn ich einen grünen Federhalter hatte, hatte er wahrscheinlich auch einen; wenn ich die Schultasche statt auf dem Rücken an den Riemen in der Hand trug, was ich für erwachsener hielt, so trug er die seine sicher auch in der Hand; wenn ich beim Schwimmen eine rote Badehose trug, trug auch er eine rote Badehose. Aber es war, als ob sich das alles auf die natürlichste Weise einstellte und ergebe, ohne daß er darauf ausginge. Er wählte und tat dies alles von sich aus, als ob er wisse, was ich wählen und tun würde. Er ahmte alles nach was ich tat, ahmte mich selbst nach und schien doch dabei mich nicht mehr zu beachten als ich ihn. Ich war erst erstaunt, gestört und unruhig; dann wurde ich wütend. Ich vermutete von Anfang an eine Absicht und als er das zweite Mal, wie es mir schien, die gleichen Stiefel trug wie ich, lief ich ihm auf dem Nachhausewege nach und stellte ihn: wie er dazukomme, meine Sachen zu tragen, meine Schrift nachzuahmen, meine Stimme, meine Bewegungen nachzuäffen?

Wie er dazukomme? Was ihm einfalle?

Der Junge war wie vor den Kopf geschlagen. Er sah mich groß und angstvoll an. Er wolle mich doch nicht nachmachen, antwortete er sehr langsam und kleinlaut. »Natürlich machst du mich nach!« rief ich; »sogar die gleichen Stiefel trägst du um mich nachzumachen!« – Er sah erstaunt nach unten. Dann sah er mich wieder an und antwortete nichts. Ich verachtete ihn. »Du bist ein elender Nachäffer!« schrie ich ihn an; »wenn du noch einmal mit meinen Sachen erscheinst, wenn du mich noch einmal nachäffst« – ich wartete es nicht ab und stieß ihn an die Wand.

Von diesem Tage schien es als sei jeder Halt von ihm genommen. Er saß wie fern von sich, geduckt, schlaff und verständnislos in seiner Bank. Oft brach es aus ihm heraus und er weinte vor sich hin leise und fassungslos, ohne die geringste Bewegung, ohne den Versuch oder die Kraft sich zu bekämpfen. Seine Leistungen wurden schlecht. Er antwortete zwar: aber er zwang sich da irgend etwas hervor was ihn gar nichts anging, was er sozusagen an die Stelle einer Ohnmacht zusetzen trachtete – gezwungen und krampfhaft. Er versuchte vergebens, sich zu finden, das zu finden was er einmal in anderer Gestalt besessen. Er war wie ein Mensch ohne Sinn und Seele, oder mit einer kindlich unberührten, leeren Seele, einer der sich nicht zu helfen weiß und doch sich ehrlich helfen möchte. Seine Bewegungen waren unsicher und ungeschickt, seine Schrift war ängstlich gezeichnet, wie gefälscht, willkürlich schülerhaft und geziert – ich suchte das geringste Zeichen einer Nachahmung der meinen; es war nicht darin, sie schien wie für mich gefälscht –, sein Auftreten mutlos und schweigsam. Er hing am Reck ohne seinen Aufschwung, seinen Klimmzug auch nur zu versuchen. Er ging unsicher um jede Ecke. Er schien selbst seiner Stimme zu mißtrauen als gehöre sie ihm gar nicht.

Ob er krank sei: nein. Ob ihm niemand etwas getan hätte: nein. Ob ihm etwas zugestoßen sei: er wisse nicht. – Kein Mensch konnte zu ihm gelangen.

Ich? – vermochte ich es? – Mich schauderte. Es war mir unbegreiflich, unausdenkbar und unberührbar. Ich konnte uns beide nicht bloßstellen und er war schon von Natur viel zu vornehm, sich preiszugeben. Ich mußte schweigen. Ich wußte nichts als zu schweigen. Nun waren wir beide erst recht seltsam und tief verknüpft; aber ich war nun sehr traurig für ihn daß man ihn fragte und die andern zu ihm hinsahen. Ich wenigstens wünschte ihm das zu ersparen und sah nicht zu ihm hin, aber ich fühlte in mir wie er so traurig dasaß. Nach dem Ende der Sommerferien, als die Schule begann und alle wiederkamen, kam der Knabe nicht wieder. Es hieß, seine Eltern seien weggezogen aus der Stadt.

Erst sehr viel später, nachdem das Begebnis in seiner Unbegreiflichkeit mir anfänglich lange eine wirkliche Unsicherheit und Angst vor Wiederholung bereitet hatte, machte ich mir klar, wie zart und unbeleidigend, ja wie reizend und glücklich er in der Nachahmung war, die mir gegolten hatte.

Ja, du Unerkannter! Dich habe ich vielleicht vertrieben, den edelsten Freund! Der du mich liebtest ohne es noch zu wissen! Den ich, das Bild deiner Liebe, so sehr erfüllte, daß du vergaßest daß ich neben dir lebte! Der du mein Wesen annahmst als das dir genehme, als das dir natürliche, als das dir geschenkte! Der du mir so knabenhaft keusch nachstelltest, daß du dich mir nie nähertest! Der du es schön und glücklich empfandest, ein Zwillingsstern zu sein, fern und doch ewig gebunden an mich der sein Stern war. –

Wie sinnlos, wie blind zerstören wir Zartes! Es ist nicht nur das Spinnengewebe zwischen den Stämmen des Waldes das wir unachtsam in einem Schritte zerreißen, nicht die Ranke die wir niedertreten, die Blüte die wir knicken, das Reh das wir töten – was alles im Haushalt der Natur aufsteht als fechte sie keine Zerstörung an – es ist auch das zartere Zart das uns selbst gilt – das wir fast selbst sind – was wir in Blindheit zerstören. Dieses steht nie wieder auf. – Wußte ich was da zerbrach? Wußte ich was ich mir nahm? Von einer Well die in eines Knaben Seele sich für mich erbaute blieb mir nichts als ein trauriges Bild, das Bild das er bot, das Bild in dem ich ihn sehe, das Bild einer weinenden Blume. –

Ich hatte freilich Grund mich dieses Erlebnisses lange und oft zu entsinnen. In den langen Jahren der Schulzeit, der Studentenzeit, des ersten Berufs, der losgelösten und leeren Mannesjahre gewann ich keinen dauernden und wirklichen Freund, so daß das Bild des Vertriebenen beinahe in der Art eines stummen Vorwurfs sich in unbewachten Augenblicken einstellte. Ich sah im Umgang meines Vaters was Freundschaft war, er sprach von den Männern und Frauen die seine Freunde waren und was sie ihm seien und gäben und ich gewahrte seine Freude an ihnen, seine offenen frohen Blicke, seine herzliche Hand, sein wärmeres Wort, all den Nachhall von Menschen in seiner empfangenden Seele. Mir war das lange versagt, ohne daß ich es allzusehr entbehrte. Aber die Großmutter, besorgt um solche Dinge, fragte oft und früh nach meinen Freundschaften. »Ach! hättest du nur einen einzigen Freund«, schrieb sie mir als ich aus der Schule ins Leben hinaustrat, »wie glücklich wollte ich alte Frau sein!« Freilich machte man auch Ansprüche. Geringer als Achilleus und Patroklos, als Kastor und Pollux die noch als Sterne sich anglänzten, als Cäsar und Brutus, wenn er ihn auch ermordete, als Orestes und Pylades, als meinen Vater und seine ewig jugendlichen Freunde vermochte ich mir keine rechten Freundschaften vorzustellen. Derartiges aber schien sich in meiner damaligen gleichartigen Umgebung nicht zu wiederholen. Trotz freundlichen Erinnerns an viele, trotzdem man sich Freunde nannte; es waren keine großen Freundschaften, wie sie besungen sind, keine wie sie die Großmutter, wie sie mein Vater meinte und übte. Ich glaubte mich völlig bereit und bereitet; aber alle meine Freunde schienen mir nicht meinem Vater ebenbürtig zu sein, den ich schon früh als Maß für alles nahm.

In den Jahren der Vorschule und ersten Gymnasialzeit wurde der körperlichen Ausbildung, die in der Schule zu kurz kam, außerhalb ihrer eine erkleckliche Zeit und Übung gewidmet. Es gab keinerlei Sport, sehr unzulängliches Turnen und wenig gymnastisches Spiel. Das Rad, der Ski waren noch so fern; selbst der Rucksack und der Wanderstiefel zu Ausflügen und Wanderungen in den norddeutschen Niederungen unbekannt und den Hochgebirgstouren vorbehalten. Tennis kam gerade in geringer Vollkommenheit auf, wurde aber von uns als Spiel mit Damen wenig geachtet und aus innerer Verfassung heraus abgelehnt. Da wir nicht duldeten daß unsere jüngeren Schwestern, die mit uns eine Strecke weit den gleichen Schulweg hatten, auf der gleichen Straßenseite wie wir gingen – sie mußten drüben auf der andern Seite gehen und bei einer Begegnung taten wir als gehörten sie nicht zu uns, wie überhaupt man als Junge damals sich etwas durch die Tatsache bedrückt fühlte daß man eine Mutter hatte – konnten wir nicht mit Damen Tennis spielen. Der Rudersport, kümmerlich auf den trägen, schmalen und viel zu gewundenen Flüssen betrieben, war nicht sehr geachtet. Mein Vater empfand den Mangel und ließ uns mit einigen Söhnen seiner Freunde regelrechte besondere Turnstunden erteilen. Es wurde viel und gut geturnt, es wurde gut und ausdauernd geschwommen, es wurde ausgezeichnet Schlittschuh gelaufen. Ich fühle noch, wie mein Vater, selbst auf Schlittschuhen, mich von hinten unter den Armen packte, mich mit schlittschuhbeschwerten Beinen windschnell dahintrug und mitten auf der endlos erscheinenden Eisfläche eines Weihers auf diesen unlenksamen fahrigen Dingern abstellte. Damit war seine Unterweisung beendet. Da stand ich nun. Ich rührte mich nicht um nicht zu fallen. In der Ferne zog mein Vater seine sicheren Bogen. Es war bitter kalt. Ich fror zum Erbarmen an Händen und Füßen und die Kälte biß mir in die Augen bis zu Tränen. Aber ich wußte: das war ja die Forderung. Ich sah bald, daß ich schneller und besser Schlittschuh laufen konnte als die Jungen die sich an Stuhlschlitten oder an die Hand älterer Geschwister und Eltern hielten. Die Winter waren regelmäßig lang und kalt und ich kam unzählige Male heiß und glücklich von schneller Bewegung nach Hause.

In der Schule zeichnete ich mich nur in zwei Fächern aus, den beiden ausgesprochenen Nebenfächern wie ich glaubte: Turnen und Deutsch. Was war auch schon Deutsch! Daß man der deutschen Sprache mächtig sei bis ins Äußerste war doch wohl selbstverständlich. Man ging ja täglich mit ihr um. Für mich war da kein Verdienst dabei. Ich machte nichts daraus daß ich die besten deutschen Aufsätze schrieb von Kindesbeinen an bis zu der deutschen Arbeit des Abiturientenexamens. Ich verwandte wahrhaftig keine Mühe darauf. Was war es denn auch was man schrieb? Man erzählte nach. Man schrieb über Gegenstände die man gar nicht aus eigener Anschauung kannte, die man in Büchern gelesen, über die man hatte sprechen hören. »Woraus erklärt sich die Sehnsucht des Deutschen nach Italien?« »Über die Freundschaft bei Plato.« »Franz von Sickingen.« Vermochte auch nur einer von uns, so schön diese Themen klingen, ein einziges Wort aus eigener Anschauung, aus eigenem Erfühlen, aus eigener Forschung darüber zu sagen? Keiner von uns war in Italien gewesen. Keiner von uns konnte ahnen was Platos Freundschaft war. Keiner von uns wußte mehr über Franz von Sickingen und alle diese Dinge als das Oberflächlichste, Uneigenste. Man tat als ob man darüber etwas zu sagen wisse – und es war danach.

Ich zumal fühlte die Heuchelei genau und ich kann mir nicht denken daß in diesem Punkte und anderen nicht auch andere sie gefühlt hätten. Ich achtete dieses Geschreibsel als das was es war. Wußte ich doch wie es bei mir zustande kam. War eine deutsche Arbeit abzuliefern, so hatte ich am Abend vorher auch nicht einen Strich davon in meinem Heft. Am Morgen des Abgabetermins wurde um fünf Uhr aufgestanden, denn zwei Stunden hurtigen Schreibens rechnete ich schon, und um sieben mußte das Heft zugeklappt in der Schulmappe liegen, damit ich in dem mir gewohnten Laufschritt von vierzehn Minuten das Gymnasium und die Klasse noch gerade vor Eintritt des Lehrers in das Schulzimmer erreichte. Ein Konzept wurde nie gemacht. Ich gewöhnte mich daran, alles fehlerlos sofort ins Reine, wie man es nannte, zu schreiben und einen noch so verwegenen und verruchten Satz um keinen Preis neu zu beginnen sondern unter allen Umständen zu Ende zu bringen – wie ich es heute noch tue. Diese Zucht war die beste Erziehung zur Einfachheit; denn natürlich waren einfache Sätze leichter zu einem anständigen Ende zu führen als kunstvolle. Aber manchmal lockte es mich auch, den Teufel zu versuchen und meinen langen Sprachatem dazu, und es gelang eine Art Linie und Architektur der Sätze, indem ich sie im Entstehen halblaut Wort für Wort vor mich hinsprach.

Ich glaube nicht, je ein Wort geschrieben zu haben, das ich nicht zum mindesten in meinem Innern klanglich vernahm. Denn der Laut (Vokal) eines jeden Wortes hat schon einen ihm eingeborenen festen Sinn, der vor allem Wort war und von dem die wenigsten wissen. Aber ich kann nicht behaupten daß ich damals schon mehr als den Klang in mir vernahm.

So billig, so unverantwortlich – kam es mir vor – schrieb ich meine Arbeiten. Wenn ich um sieben Uhr das blaue Heft über dem Löschblatt zuschlug, vertraute ich mich ganz dem was geschrieben stand; denn nicht einmal die Zeit hatte ich gehabt, die Arbeit noch einmal durchzulesen, Nach dem Laufschritt, nach dem Sturmlauf in die Klasse flog mein Heft als letztes auf den Stoß der schon abgegebenen, eingesammelten die auf der Ecke des Katheders lagen und ich schmiß mich in meine Bank. Sollte ich nun eine Achtung vor meinen so entstandenen Erzeugnissen haben, wenn sie nach zwei Wochen als die besten mir zurückgegeben wurden? Nun ja das war so. Deutsch war aber doch ein Nebenfach, und in den Hauptfächern, wo es etwas zu lernen gab, in Latein, in Griechisch, in Mathematik, in Französisch, in Geschichte, war ich von einheitlichster und beharrlichster Mittelmäßigkeit.

 

Das Abiturientenexamen kam heran. Die unangenehmen Klausurarbeiten in Latein, Griechisch, Mathematik lagen schon hinter mir. Französisch stand zwar noch aus und war nicht weniger unangenehm. Aber zunächst ging es um den deutschen Aufsatz. Die Klausur begann um acht Uhr. »Woraus erklärt sich die Sehnsucht des Deutschen nach Italien?« Um zehn Uhr trug ich mein kleines weißes Heft ziemlich vollgeschrieben sehr sorglos zu dem aufsichtführenden Lehrer, der halb lesend halb Ausschau haltend auf dem hohen Pult der Aula thronte, in der an weit voneinandergerückten Tischen die Examinanden saßen ...

»Wo haben Sie denn Ihr Konzept?« fragte der Lehrer während ich mich schon entfernen wollte. Er blätterte suchend in meiner Arbeit: »Das Konzept ist mit einzureichen,«

»Ich habe kein Konzept, Herr Professor«, sagte ich. »Sie müssen aber doch ein Konzept haben?« fragte er nun eindringlich und entsetzt. »Sie können doch die Arbeit nicht ohne Konzept abgeben?« Er schwieg und wartete. Es war mein eigener Lehrer in Deutsch. Er wollte mir durchaus wohl. Er sagte noch einmal, es sei Vorschrift – das wisse ich ja von den Arbeiten in den anderen Fächern – daß zu jeder das Konzept abgegeben würde.

Das wußte ich nun zwar wohl, aber ich hatte kein Konzept. Ich beteuerte noch einmal daß ich kein Konzept angefertigt habe. Er wurde sehr nachdenklich und ich verließ den Saal.

Deutsche Abiturientenarbeit
1 Binding
1b G...., W....

schrieb ich einige Tage später in ein Notizbuch, das manche Unbedeutendheit jener Jahre enthält. Mein Lehrer hatte es mir vor allen andern in einer merkwürdigen Erregtheit mitgeteilt. »So einfach ist aber die Sache nicht!« setzte er hinzu; »warum haben Sie denn nur kein Konzept eingereicht? warum nur?« – Ich schwieg. Jetzt, nach Jahren, am Ende aller Schule, sollte ich ihm gestehen daß ich nie ein Konzept machte? – »Es sind Stimmen in der Lehrerschaft laut geworden, Sie hätten um das Thema der Arbeit gewußt. Haben Sie darum gewußt?«

»Nein«, sagte ich und lachte erstaunt. »Dennoch wird es Ihnen jedenfalls als eine Nichtachtung einer wohlgemeinten Vorschrift angerechnet werden, daß Sie kein Konzept abgegeben haben«, sagte mein Lehrer. Er glaubte mir. Das Thema war von dem Lehrer der Parallelklasse gestellt; wie sollte ich etwas davon gewußt haben? Aber Strafe mußte sein. Es hatte zudem einen sehr schlechten Eindruck hinterlassen, daß ich nach zwei Stunden die Prüfung verließ, während sich andere bis zu Mittag und manche bis in den Nachmittag quälten. Meine Zensur wurde wegen Nichtbeachtung jener Vorschrift und meiner offensichtlichen Geringschätzung der Bedeutung eines Examens herabgedrückt und ich durfte bei der öffentlichen Entlassungsfeier nicht, wie es mir zugekommen wäre, die deutsche Ansprache halten. Ich machte mir aus alledem so wenig, die Vorgänge in der Schule berührten mich so gar nicht, daß mein Vater erst von dritter Seite von meinem Erfolg und von dem Verfahren erfuhr, das man mir angedeihen ließ. »Du hast den besten Examensaufsatz geschrieben?« fragte er. – »Ja«, sagte ich. – »Nun und?« – Ich wußte nicht was ich antworten sollte. Das alles war so gleichgültig, so ohne Schuld, so ohne Verdienst und ohne Folgen. »Nun nichts!« sagte ich, und da mein Vater deutsche Examensaufsätze über die Sehnsucht des Deutschen nach Italien und deutsche Ansprachen in Abiturientenfeiern wohl kaum sehr wichtig nahm, warf er den Kopf geringschätzig zurück und ging Wichtigerem nach. Er sah nichts woran er seine Zeit hätte verschwenden sollen. Wenn ich etwas in der Sache erreichen wollte, konnte ich mich ja rühren.

Es muß nun aber zur Erklärung meiner Gleichgültigkeit gcgenüber diesen Dingen – denn ich weiß ganz genau wo sie ihren Grund hatte – ein Erlebnis erzählt werden das, wenn es auch damals schon manches Jahr zurücklag, vielleicht von Jahr zu Jahr mehr ein zurückhaltendes und doch zugleich im tiefsten mich bestimmendes Gewicht gewann. Es war auf einem Ausflug den wir vor Jahren als Knaben mit Freunden – es waren die beiden ältesten Söhne des großen Juristen Wach – in die Berge von Thüringen machten. Unsere Väter waren auch dabei und gingen hinter uns her, als ich plötzlich mit Felix Wach, dem älteren der beiden, in eine Art Wettgehen geriet. Bald artete es in einen Eilmarsch und schließlich in einen regelrechten ehrgeizigen, keuchenden Wettlauf aus, in dem wir Kopf an Kopf sinnlos erhitzt und erschöpft in einem das Ende unseres Marschs bezeichnenden Gasthaus im Walde anlangten. Nach einer Viertelstunde kamen, gemächlicheren Gangs, die beiden jüngeren Brüder und, in heiterem Gespräch, die Väter am Ziele an, während wir noch immer sehr heiß dasaßen. Mein Vater blieb stehen, musterte mich und sagte sehr von obenher: »Ich begreife gar nicht wie du so ehrgeizig sein kannst. Ehrgeiz ist immer ein Zeichen von Dummheit!« – Ich begriff daß es dumm war an einem heißen Tage so gelaufen zu sein und daß bei diesem Ehrgeiz in der Tat für keinen etwas herausgekommen sei. Aber Worte meines Vaters, so geäußert, waren nun einmal von einer besonderen Haftbarkeit. Es war nicht, weil er mein Vater war, daß sie diese Eigenschaft auch auf mich äußerten.

Diese Bemerkung, daß Ehrgeiz immer ein Zeichen von Dummheit sei, ging mir nach. Dumm wollte ich nicht sein, da war ich lieber nicht ehrgeizig. Ich prüfte den Ausspruch meines Vaters. Ich prüfte ihn jahrelang nach. Er schien zutreffend: Ehrgeiz, nur um voranzustehn, als Triebfeder des Handelns, war ein Zeichen von Dummheit. Man hatte zu damaliger Zeit genug Gelegenheit das zu kontrollieren. Schon sah ich auf den Straßen der Stadt die sich mehrenden Offiziere, manche meiner Mitschüler höherer Jahrgänge, bekannt und nicht die klügsten, zu seltsamem Ansehn und zu lächerlicher Bedeutung kommen, indem sie Eigenschaften zur Schau trugen die, wie ich wohl wußte, sie gar nicht besaßen. Es war eine Sucht in ihnen, trotz verzweifelt geringer Fähigkeiten vorwärts zu kommen und an einen Platz der ihnen nach meiner Meinung nicht gebührte. Der dumme Pedell der Universität unterließ bei keinem seiner Gänge ein jammernd inständiges Gesuch, mein Vater möge ihn doch ja endlich zu irgendeiner sichtbar zu tragenden Dienstauszeichnung des Staates befürworten, denn sonst erhalte er sie nie. Mein Vater erwähnte solche und andere Äußerungen des Ehrgeizes und der Eitelkeit oft an seinem Tisch mitleidig spottend, törichte und lächerliche Menschen versahen Konsulate außereuropäischer oder kaum europäischer Mächte, um die sie in einem manchmal bis zum Wahnsinn gesteigerten Ehrgeiz sich bewarben, und wenn das bunte Wappenschild des Staates, den sie kaum kannten, mit der Umschrift ihrer neuen Würde über der Eingangstür zu ihrer Wohnung prangte, waren sie glücklich und genossen vor sich und ihren Mitbürgern einen höheren Rang als gestern. Zu solchen Mitteln müssen Dumme greifen, sagte ich mir; zu solchen Mitteln greifen Dumme. Ich war gewiß von Hause aus als Kind meiner Eltern nicht mit Ehrgeiz belastet. Das sicher aufsteigende und erobernde Wesen meines Vaters belächelte Ehrgeiz und meine Mutter war viel zu fein und lieblich in ihrem Herzen als daß sie irgendwie hätte hervortreten mögen. Aber ich hatte auch keinerlei Vorstellung von diesem mächtigen Antrieb im Leben der Menschen. In den großen Ehrgeizigen der Welt, in Alexander, Cäsar, Napoleon, Bismarck, sah ich nur das Genie, und ich entsinne mich noch der erschütternden Wirkung der Lehre Lujo Brentanos auf mich, als er in der Einleitung seiner Nationalökonomie, die ich wenige Jahre später als Kolleg bei ihm hörte, das Bedürfnis der Menschen sich auszuzeichnen unmittelbar hinter den leiblichen Hunger und Durst an die zweite Stelle aller menschlichen Triebkräfte im Organismus der Völker stellte. Indessen vermochte auch dies nicht, mich zu bekehren. Ich verachtete Ehrgeiz jeder Art als etwas Niedriges und die wissenschaftliche Anerkennung, daß niedrige Bedürfnisse – denn auch Hunger und Durst waren niedrig – eine so große Rolle im menschlichen Handeln spielten, erhöhte sie nicht in meinen Augen. Die Geschicke der Menschen, der Völker, der Staaten wurden offenbar mit einem sehr geringen Maß von wahrer Klugheit und Größe geleitet, wenn das Bedürfnis sich auszuzeichnen so bestimmend für alles war. Ich konnte mir nicht denken daß die Befriedigung dieser Bedürfnisse den Menschen glücklich mache, denn ich fand keine Genugtuung darin.

Als mein Vater über die entgangene Ansprache bei der feierlichen Entlassung der Abiturienten so geringschätzig den Kopf zurückwarf und mich ohne ein weiteres Wort verließ, schien er mich in meiner Gleichgültigkeit zu bekräftigen. Mein Lehrer, der einzige aus dessen Urteil ich mir damals etwas machte, wußte nicht daß ich bei dieser Einstellung ganz besonders keinen Grund hatte in eine Auseinandersetzung einzutreten, bei der wahrscheinlich meine Hauptentschuldigung die beschämende, die Faulheit vieler Jahre dartuende Gewohnheit war, nie ein Konzept anzufertigen. Meine Mutter hat, wenn es ihr mein Vater nicht mitgeteilt hat, nie etwas von der Affäre erfahren. Ich tat nichts.

 

Nun kann man wohl sagen, daß Lehrer im allgemeinen mehr von Schülern wissen sollen als die meinen von mir gewußt haben. Aber eine nähere Beziehung und Anteilnahme der Lehrer an den Schülern war zu damaliger Zeit sehr selten, nicht gesucht und nicht gewünscht von beiden Seiten. Außerdem ist es wahrscheinlich, daß selbst jene besten Schularbeiten, die von mir herrührten, rein nichts verrieten, Sie waren alle als mehr oder weniger lästige Aufgaben behandelt und abgetan worden und zeigten sicher keine Vorzüge, die in die Zukunft wiesen. In Eigenem versuchte ich mich nie; das heißt auch das –- die Verse zu Festen meiner Schwestern oder zu Feiern in befreundeten Familien, die Reime auf Tanzkarten meiner Tänzerinnen, was alles übrigens von einer zwar freundlichen aber beschämenden Uneigenheit und Unempfundenheit war, – achtete ich so hoch wie meine Schulaufsätze und es war keinesfalls höher zu achten. Nichts leitete mich zu Eigenem hin. Ich empfing und gab aus Empfangenem. Ich erlebte nichts. Dichtung blieb in der Form wie sie die Schule bot tot oder unerschlossen, war Stoff des Unterrichts, wurde zerlegt, seziert, eingelöffelt statt eingeatmet wie eine Blume, wie ein Ozean. Sich Gefühlen, Empfindungen, Betrachtungen, Regungen anzuvertrauen war gefährlich, unmännlich, weichlich. Selbst die Frau, die man nach der Übung der Zeit und den Anschauungen damaliger Gymnasiasten sozusagen erleben mußte, um eben alles erlebt zu haben, nahm ich mehr zur Kenntnis, als daß das Erlebnis mir irgend etwas bedeutet hatte. Man erlebte sie in der niedrigsten Form und ich machte davon keine Ausnahme, Eine reinere, herzliche und offene Freundschaft zwischen Mädchen und Knaben war ganz unzugänglich, ganz unbetretbar. Man fiel der Heuchelei der Gesellschaft zum Opfer, als sei eine Sehnsucht des Jünglings nach der Frau außerhalb der Ehe gar nicht vorhanden. Eltern rührten nicht an diese Dinge. Man wurde sich selbst überlassen.

Gab mir die Lehre der Schule also nichts, was mich eigentlich und wahrhaft erfüllt hätte, und ganz gewiß keine Erziehung zum Menschen oder des Menschen in mir, so kam ich doch noch während meiner Gymnasialzeit an einen Lehrmeister ganz anderer Art, strengerer Zucht, größerer Kraft, zarterer und zugleich mächtigerer Regungen, ursprünglicheren Willens als alle meine Lehrer, der mir Dinge auf den Weg des Lebens gab von denen die damaligen Schulen nichts wußten.

Mein Vater sagte zu jener Zeit bisweilen zu uns drei Söhnen – denn mein zweiter Bruder war nun auch in Jahre hineingewachsen in denen er für mich zählte: »Ich kann euch nichts ms Leben mitgeben als eine gute Erziehung,« – Er verstand darunter nicht nur die Schule sondern auch die Ausbildung zu einer gewissen Ritterlichkeit und ihren Künsten, Alles andere überließ er dem Leben in das er wenigstens mich frei aussetzte wie den Knaben seinerzeit aufs Eis. Er hat mich geflissentlich in nichts bestimmt, er hat mir zu nichts geraten, er hat mir mit keinem Finger den mir verborgenen Weg gedeutet, den er vielleicht ahnte, er hat mich nach meinem Willen wählen lassen. Er stellte mich wohlausgerüstet, wie er meinte, vor das Leben hin. Freilich wußte er nicht, wie stark er in dieser Haltung für mich wurde, wie ungeheuer diese Haltung bei dem ungeheuren Willen wirkte den er besaß und den er meinem Glück, meinem Leben unterzuordnen schien. Er wurde gerade dadurch viele Jahre der unbewußte einzig ebenbürtige aber auch unüberwindliche Gegenspieler meines Lebens, und selbst als ich aus seinem Schatten heraustrat, ist er es geblieben bis an sein Ende Vorerst verschaffte er mir die Erziehung, die er mir mitzugeben gedachte. Zur gehörigen Zeit – ich war sechzehn Jahre alt – sagte er zu mir wie zu einem Abschluß: »So, jetzt mußt du noch dreierlei lernen: Tanzen, Reiten und Fechten. Alles zu gleicher Zeit geht nicht. Aber zweierlei könnte man angreifen. Wähle!« – Es überlief mich vor Glück. Ich brauchte kein Besinnen. »Dann will ich reiten und fechten lernen«, sagte ich, welche Entscheidung freilich in Gemeinschaft mit einem anderen Umstand dazu führte daß ich tanzen nie recht erlernt habe. Aber die beiden männlicheren Künste – wie mir schien – ergriff ich mit einem Eifer der wohl am besten dartat, wie sehr mir beides lag, wie sehr ich es als das schönste empfand das mir damals begegnen konnte. Mein Vater ahnte nicht, daß er mich mit seiner Gewährung unter die Gewalt jenes strengsten und größten Lehr- und Zuchtmeisters meines Wesens gab, dem ich begegnet bin. Es war das Pferd.

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