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Erlebtes Leben

Rudolf Georg Binding: Erlebtes Leben - Kapitel 18
Quellenangabe
typeautobio
authorRudolf G. Binding
titleErlebtes Leben
publisherRütten & Loening
addressPotsdam
printrun46.-50. Tausend
year1941
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100314
projectid2a53abe9
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Letztes Kapitel

Die Berge zu deren Füßen Freiburg in die Ebene gelagert ist waren noch frühmärzlich und zögernd, an den Abhängen zwischen den schlafenden Bäumen lag dünner heimlicher Schnee, die Wälder standen starr und unerweckt in einem unsicheren, dünnen Licht, als ich zur Osterzeit des Jahres neunzehnhundertzwanzig im Haus meines Vaters eintraf. Mein Besuch galt teils ihm, teils mir, teils der Stadt und ihren Bergen, wo ich mir nach einem langen Winter wohl etwas Frühlinghaftes erwartete, ohne daß dies einzeln abwägbar gewesen wäre. Denn ich war etwas unstet in mir; die ersten wohltätigen, überwindenden und mich doch auch wiederum neu erregenden festeren Gestalten unausgetragener Erlebnisse hatten stch angekündigt. Stolz und Trauer wurden neu lebendig und Gesichte drängten sich erstmalig ans Licht. Noch war ja seit ich aus dem Kriege zurückkam nichts geschehen: ich hatte Unendliches erlebt und nichts gestaltet. Keiner konnte durch die Hölle gehn und zugleich sagen was sie sei. Wo war einer? Die Kriegsliteraten wußten es anders. Wir aber hatten die Gedichte mit denen wir auszogen in unseren Kleidern erstickt und draußen starben alle Lieder unter den Splittern der Granaten wie alles Leben starb.

Durch großer Kriege Irrsal war ich gegangen.
Alle Dichter hatten ihr Recht verloren –

Das war durch Monate, durch Jahre das einzige was wir bekennen durften. Meine Aufzeichnungen aus dem Kriege, meine Briefe, von Joie und meinem Vater, die fast die einzigen Empfänger gewesen waren, treulich bewahrt und nun mir zurückgegeben, ruhten in ihren verschnürten Päcken. Ich wage nicht sie zu öffnen. Ich habe es sieben Jahre nicht vermocht. Dort lagen ja auch die Erlebnisse nicht – obgleich ich nicht wußte was dort lag. Die Erlebnisse lagen in mir; und damals, langsam und zögernd oder stürmisch und sich drängend, hoben sie sich über die Schwelle und gewannen ihre Wirklichkeit. Die vierzig Gedichte meiner Trauer und meines Stolzes, die damals anhuben, sind der Krieg wie ich ihn erlebte.

In den ersten Phasen dieses Erlebens nun begab ich mich damals nach Freiburg und insofern galt der Besuch mir. Ich dachte auch an die Botschaft des Kindes, und wenn seine Antwort von dem Baume kam, so mochte mir diesmal eine andere von den Bergen zugerufen werden – wer konnte das wissen? Von jeher hatten Landschaften, weite Blicke, ferne Ströme, Höhen und Ebenen die ich mit den Augen umfaßte, etwas in mir gefestigt und geformt.

Ich fand meinen Vater aufgeräumter als je – der Ausdruck ist sicher der welcher seine Verfassung bezeichnet. Er hatte gerade ein größeres und gewichtiges Werk abgeschlossen, das er wie jedes frühere als sein letztes bezeichnete, was ihn nicht hinderte sofort an neues zu denken. Ich könne es ansehen, wenn es mich interessiere. – In seinem Hause das er, obwohl es gewiß durch den Tod meiner Mutter leer hätte werden können, in Gesellschaft meiner jüngsten Schwester deren Obhut es überwiesen war, voll ausfüllte und mit Leben erhellte, flogen die Türen krachend hinter ihm zu daß die Wände zitterten wie weiland in seiner Mutter Haus, die er auch hierin nicht verleugnete. Seinen schnellen, etwas stoßenden Schritt hörte ich auf den Treppen hinauf und hinab und seine lebhafte Stimme las, rief oder hielt Selbstgespräche wie je. Seine Bewegungen waren rasch und sicher, sein Auge ging ungehemmt in die Ferne, sein Atem war leicht, er lief noch immer leidenschaftlich gern und unermüdet über Berg, und Tal – nichts deutete auf Ruhe, Ermüdung oder Ende und alles deutete auf Zukunft.

Nur war es nahezu ein halbes Jahrhundert daß ich als kleiner Knabe mit ihm die gleichen Wege über diese Berge gegangen war – immer ein wenig hinterdrein wenn es mit ihm war. Fast war es noch immer so: ich durfte mich nicht versäumen um mit ihm auf gleicher Höhe zu bleiben. – Ich ging mit ihm den Schloßberg hinauf und sah den Platz drunten wo damals der Zirkus stand und hielt ein wenig inne und er wußte nicht warum. Jetzt standen hohe aufdringliche Häuser dort unten. Aber ich sah noch immer das Trapez mit den roten Troddeln in der Mitte über der gespannten Zeltwand und die goldenen Kugeln flogen im Kreis. – Ich ging mit ihm an das Haus wo wir gewohnt, von dessen Fenster ich dem Einzug der Truppen zugeschaut. Es stand nicht mehr und ein neues erhob sich an seiner Stelle. Aber das Haus in dem ich meine Geliebte damals gesehn stand noch; ich blicke zu dem Fenster hinauf aus dem sie mir die grüne Botanisierbüchse reichte und sah sie wieder an den Rahmen zurückgelehnt in jenem Fenster sitzen. – Ich ging mit ihm die Dreisam entlang und sah drüben die Wiesen wieder auf denen ich am Hals meiner Vertrauten im Gras gesessen; es war jetzt eine Stadt dort erbaut. Aber die Wiesen waren unzerstörbar. – Ich sah wieder hier auf dem Uferweg, auf dem ich neben ihm ging, die Männer und Frauen jener Zeit denen ich damals begegnete, seine Freunde, meine Mutter, ihn selbst in ihrer unzerstörbaren Jugendlichkeit. Und er, der neben mir ging, wußte nichts davon; er wußte nichts von mir und noch heute verschloß ich diese Dinge vor ihm. Noch immer bestand der stillschweigend zwischen uns vor fünfzig Jahren aufgerichtete Kodex, den ich achtete und den er achtete, und niemals hat er erfahren daß es ein kleiner Knabe war der ihn aufrichtete.

Da man so auf diesen Gängen oder zu Hause wenn wir in seinem Zimmer her und hin gingen, der eine hin der andre her – ich erinnere mich nicht daß wir je beide zu einem Gespräch gesessen hätten –, keiner in den andern drängte, nach unserer Art auch immer das Allgemeine und viele Angehende wichtiger war als das Persönliche und uns allein Angehende, wundere ich mich sehr daß er eines Abends von sich aus fragte, ob ich etwas Neues zustandegebracht habe. – Es war das erste und einzige Mal in seinem Leben. – Ich sah daraus, wie ungeheuer und heiß es ihn interessierte, wohin sich das bei mir entwickeln würde was er sich selbst einst versagt hatte. Denn diese Frage aus seinem Munde an mich war nach dem über uns waltenden Gesetz gerade so überraschend und eigentlich unmöglich wie sie aus meinem Munde an ihn überraschend und unmöglich gewesen wäre. Man legte sich die Dinge vor oder legte sie sich nicht vor, wenn sie fertig waren, aber man fragte nie.

In diesem Falle also fragte er. Ich zuckte die Achseln. Viel sei noch nicht getan. Ich könne zwar sagen daß einiges fest liege. Ob er es sehen wolle? – Wenn ich es ihm zeigen wolle. –

Er sah die ersten Quadern von dem was Stolz und Trauer mir damals zu sagen gebot, noch unbenannt, noch nicht an ihrem Ort. Er sah das neue Maß der Dinge mit dem wir aus dem Kriege heimgekehrt waren.

Es erregte ihn furchtbar – oder erschütterte es ihn? – Er sprang auf und ging einmal durchs Zimmer. Dann las er wieder stumm in den wenigen Blättern.

»Ich werde mir zeitlebens den Vorwurf machen«, sagte ich nach einer Weile, »daß wir nicht die Revolution gemacht haben sondern Unbefugte.«

«Und warum hast du sie nicht gemacht?« fragte mein Vater der sofort begriff daß es sich nicht um einen Umsturz von Thronen oder überhaupt eigentlich allein um eine politische Revolution handle sondern um eine Revolution gegen die bisherigen Verlogenheiten, Konstruktionen, halben Wahrheiten, Begriffe und Formen. Er wußte auch daß »wir« die waren dir im Felde gestanden hatten und mit dem neuen Maß der Dinge heimgekommen waren.

»Warum ich die Revolution nicht gemacht habe?« Ich begriff es in diesem Augenblicke. Ich begriff auch mein Unvermögen und das Vermögen anderer. –- »Weil ich nicht von den Verhältnissen zum Revolutionär erzogen wurde. Weil ich nicht von Haus aus jemanden und etwas fand gegen das ich mich auflehnte. Weil ich keine Auflehnung fand.«

«Gegen wen? gegen was?« fragte er.

»Gegen dich.« –

Mein Vater las ruhig in dem Gedicht.

»Du meinst also«, sagte er aufblickend, »ihr würdet zugunsten des Maßes das ihr heimbrachtet alles niederreißen müssen?«

»Ja«, sagte ich. »Dann würde die Welt stimmen.«

Mein Vater sah noch einmal in das Antlitz der Menschheit, das sich vor ihm in meinem Wort enthüllte, noch einmal in das Antlitz jener Welt wo alles ohne Liebe war. Er war zu gerecht. Er warf den Kopf herum, wie immer wenn es ihn etwas kostete. »Ihr müßtet«, sagte er.

Es war mein letztes Gespräch mit ihm, in dem sein Muß gegen das meine stand.

 

Indes bewahren diese Tage noch so manches Wort, manche Bewegung von ihm, deren ich teilhaftig wurde und die ich als die mir hinterlassenen Andenken an den Mann den ich am letzten von allen überwunden habe nun mit mir trage. So mochte er auf einem unsrer Gänge über die Berge an einem Ausblick plötzlich stehenbleiben und ganz stille leuchtend mit dem Kopfe nach Süden weisen. »Dort drüben sitzt Heusler«, sagte er und deutete nach Basel hinüber. Noch immer waren seine Freundschaften so jung und warm wie er sie vor mehr als fünfzig Jahren begonnen; aber seiner Freunde waren weniger geworden.

Wir sprachen über Orden; ob wohl klassische Völker jemals auf solche fadenscheinigen äußerlichen Gedanken verfallen sein würden. Er machte eine geringschätzige Bewegung: »Es ist nicht weit her mit diesen Kreuzen, Komturen und Großkreuzen«, sagte er; »ich habe als meine eigentlichen Auszeichnungen immer nur die Werke wahrhafter Gelehrter aufgefaßt die mir gewidmet sind. Deren habe ich die schönsten. – Heuslers erstes Buch ist mir gewidmet: gleich ein Großkreuz!«

Und dann wieder blickte er von seinen geliebten Bergen über das Land hin, über das Weinland und die Ebene, über den Rhein und die Vogesen, wo es keine Grenzen für ihn gab sondern nur das Geschenk dieses Blickes, und sagte nichts. Oder er machte wohl eine unbeschreibliche Bewegung der offenen Hand über alles das hin. Welch ein Reichtum der Erde sagte seine Hand.

Am Tag vor seinem Tode waren wir kaum zu dem nun oft gewohnten Gang aus dem Haus getreten und hatten die kurze Strecke bis zum Anstieg des Wegs an dem Berge zurückgelegt, als er, ruhig steigend, leidenschaftlich ausbrach: »Nun habe ich, wie ich wohl sagen darf, so ziemlich alles was an Problemen und Arbeit ich mir zur Aufgabe meines Lebens gemacht halte bewältigt; ich bin zeitlebens den Untaten und den Strafen mit denen die Menschen auf Erden sie belegten nachgegangen, und heute« – bei diesem Worte blieb er stehen und ich sah ihn wieder in den ungeheuren Zorn seiner Seele geraten wie damals als er über das Genie sprach und in sich selbst und seinem Geschlecht den Nachgeborenen fühlte; »heute«, sagte er, »bin ich auf ein Problem der Strafe gestoßen an das ich in meinem Leben nie gedacht habe: auf das Problem der ewigen Strafen.« – Seine Stimme hatte sich gesteigert. Wie damals schleuderte er die kurzen Worte hervor indem er sie mit einer Bewegung des sich hebenden Arms nach oben begleitete, und wie damals ließ ihn sein innerer Zorn fast in die Knie sinken, wie des Menschen Sohn im Jüngsten Gericht des Michelangelo. – »Man müßte dem nachgehen«, sagte er nach einer Weile während er schweigend den Weg wieder aufnahm. Ich aber wußte daß ihn der Gedanke nicht verlassen würde auch als der Zorn daß er sich ihm bisher versagt hatte schon von ihm gewichen war. Er ließ ihn auch nicht los als wir von anderem redeten; er war immer im Hintergrund seiner Seele.

Wir sprachen von dem Grabmal meiner Mutter das er ihr zu setzen gedachte. Er hatte Entwürfe machen lassen. Aber der Krieg kam und anderes rückte an die Stelle ehrenden Gedächtnissen. Er sagte daß dieses Mal auch das seine würde und daß seine Asche neben die Urne der Asche meiner Mutter gebettet werden solle. Ich fand die seither zwischen uns betrachteten und erörterten Entwürfe für das Grabmal zu schwach und war glücklich ihn gerade in diesen Tagen zu der Form des Gedenksteins überredet zu haben die ihm gefiel. Es ist der welcher jetzt steht.

Am Abend nach dem Nachtessen, das er mit meiner Schwester und mir unter gleichgültigen Gesprächen einnahm, ging er noch eine Weile in sein Arbeitszimmer hinauf, kam aber danach zu uns herunter die wir in alten, verblaßten Dingen meiner Mutter kramten. – Ob ich nicht noch etwas lesen wolle. – Ich hatte eine Übersetzung der Rede des Perikles für die Gefallenen aus des Thukydides zweitem Buch über den Peloponneslschen Krieg, die mein Vater wie ich wußte sehr liebte, in meinem Koffer liegen; aber sie hatte noch nicht die Form die ich verlangte und war an einigen Stellen dunkel. Ich würde sie morgen für ihn fertigmachen und sie ihm geben, dachte ich. Ich schwieg und schüttelte verneinend den Kopf.

»Dann gehe ich schlafen«, sagte er mit einem leichten neckenden Ton gespielten Trotzes, als ob er uns mit seinem Verschwinden strafen wolle. Er küßte meine Schwester und gab mir flüchtig die Hand wie es seine Art war vor der Nacht. »Morgen werde ich das Frühstück im Bett nehmen«, sagte er noch im Hinausgehen. Es war ein Notbefehl seines Arztes, nur um ihn ab und zu eine halbe Stunde länger in Ruhe zu halten.

Am andern Morgen hörte ich sein bestimmtes Klingeln. Es war das Zeichen für die Küche, ihm das Frühstück heraufzubringen. Es war halb acht; ich hatte mich gerade erhoben und kleidete mich an. Nach einer halben Stunde etwa ging ich hinunter – die Gästezimmer lagen im Dachgeschoß – und trat bei meinem Vater ein um nach ihm zu sehen. Er hatte sein Frühstück genommen; das Geschirr stand ans Bett gerückt auf einem Stuhl. Er lag auf das Kissen zurückgelegt wie ich ihn im Schlafe so oft gesehn. Ich hörte seinen weichen, leisen, gleichmäßigen Atem.

Als ich ein paar Schritte näher trat ohne daß er mich bemerkte, mußte ich lächeln: Wie leicht war dieser Schlaf! wie kindlich unbesorgt noch immer dieses Atmen! wie man sich wohl einmal vergißt im halben Traum und nachher um so tiefer atmen muß. – Die Sonne schien herein; um seinen Kopf war eine sanfte lichte Dämmerung, da dort der Vorhang nicht zurückgezogen war, wie von dem zweiten Fenster, das das Licht schon voll auf das Fußende des Bettes warf. Vielleicht hielt er nur die Augen wohlig geschlossen und hatte mich nicht gehört. Ich ging leise hinaus und schloß behutsam die Tür.

Draußen überkam es mich jedoch, an die Tür meiner Schwester zu treten. Sie war noch nicht ganz bereit. »Hast du schon beobachtet«, fragte ich von draußen, »daß der Vater so nachlässig atmet; als ob es ihm nicht darum zu tun sei? Man möchte ihn förmlich anstoßen.«

Sie antwortete etwas von innen, daß sie gleich hinüberkomme. Ich mußte noch einmal nach ihm sehen. Ich trat schneller und beunruhigt wieder in das Zimmer meines Vaters. –

Sein Atem floh – nein. Das war es nicht: sein Atem – ging hinaus.

Meine Schwester trat ins Zimmer. Ich streckte meine Hand aus, um die ihre zu ergreifen. Aber ich wandte kein Auge von ihm der vor uns starb. Hand in Hand, drei Schritt von ihm, nicht an ihn rührend, als ob es uns geboten sei, – so standen wir Geschwister und sahen unsern Vater sterben. Ein Unnachahmliches vollendete sich. Keine Bewegung, kein Krampf, kein Stöhnen, kein Röcheln unterbrach ihn. Wenn wir ihn hätten zurückrufen können, wir hätten es nicht getan. Wir waren gestreift von einer süßen, unantastbaren Gewalt, die gleichsam nur an uns vorüberschritt. Ein lichtes, ein unaufhaltsames, uns ganz entzogenes Geschehen zog dahin. – Er ging hinaus. Sein Atem war nur noch der schwächer und schwächer werdende Schritt eines Mannes der sich entfernt. Dann ward er nicht mehr gehört.

 

Wir standen wohl lange schweigend und unvermögend. Wir wußten ja daß wir nie Schöneres sehen würden. Ich sagte es, um mir nur zu helfen. – Dann trat ich an das Fenster und öffnete es. Die Sonne kam herein und legte sich hell und spiegelnd auf die Bettstatt und das Leinen. Aber sein Haupt lag unberührt in der lichten Dämmerung auf dem flachen, ebenen Kissen. Das schwarze, volle Haar, das noch immer junge, energische Gesicht, diesen Leib eines jugendlich rüstigen Mannes – kaum daß der ergraute Bart es vermochte, die Gestalt in das Alter hineinzureißen das ihm das ewige Bild seines Wesens nicht zugestand; nun sah ich ihn noch einmal im Tode in jener ewigen Gestalt; und auch der Tod schien zu zögern, die Macht über diesen Leib anzutreten. Kein Schmerz, kein Verfall, kein Kampf, kein Aufhören entstellte ihn. Es war als solle die Linie dieses Lebens wirklich in sich selbst zurückkehren, so wie sie für mich begonnen hatte und da wo sie für mich begonnen hatte.

So starb der Mann, der mich am meisten von allen Menschen geliebt hätte, wenn ich nicht sein Sohn gewesen wäre.

Ich sah nach der Uhr. Es war noch nicht neun. In dem vierten Teil einer Stunde mußte alles vorüber gewesen sein. Langsam und nachdenklich ging ich in meines Vaters Studierzimmer hinüber. Es war warm darin und alles zur Arbeit bereit. Ich trat an seinen Schreibtisch. Dort lagen die letzten Zeugen seiner Gedanken. Ein Buch war aufgeschlagen und ich las:

»Sooft Streit unter den Unsterblichen entsteht und einer von ihnen lügt, läßt Zeus durch Iris, die Tochter des Thaumas, Styxwasser in einer goldenen Kanne holen, und »wer von den Göttern, ausgießend von diesem Trank, falsch »schwört, liegt atemlos ein volles Götterjahr und kommt »nicht nahe ambrosischer Speise; sondern liegt des Atems »beraubt und der Stimme und böse Betäubung umhüllt »ihn. Aber wenn er die Krankheit vollbracht hat ein großes »Jahr durch, empfängt ihn ein anderes schweres Elend aus »anderem; und neun Götterjahre ist er getrennt von den »ewigseienden Göttern und er kommt nicht zum Rate noch »zum Mahle die ganzen neun Jahre. Im zehnten gelangt »er wieder in die Versammlung der Götter. Zu solchem Eid »setzten die Götter des Styx unvergängliches ogygisches »Wasser welches den schroffen Boden durchfließt.«

Es war die Theogonie des Hesiod die ich in der Hand hielt, und die Stelle war aufgeschlagen wie die Unsterblichen untereinander den Meineid bestrafen, »Man müßte dem nachgehn«, hatte mein Vater von den ewigen Strafen gesagt; und er hatte keinen Tag versäumt. Dort verbot sich der Tod und die Strafe des Todes. Was mochte diese Betäubung und Atemberaubung bedeuten? – Ich schauderte heftig.

Unter dem aufgeschlagenen Buche lag der 2. Teil des Faust. Daneben, wieder aufgeschlagen, die Perser des Aischylos. Diese drei Bücher mußten unter einem bestimmten Gesichtspunkt zusammengekommen sein. Aber die aufgeschlagenen Seiten des Dramas ließen ihn für mich nicht erkennen.


Ich ging selbst den Arzt zu rufen, den jungen Arzt, den er sich gewählt, dessen Rat er lächelnd und gutherzig folgte. Er kam bald und bescheinigte den Tod. Auch gab er einige Verhaltungsmaßregeln die vor der eintretenden Starre zu beachten seien. Es war jedoch kaum etwas zu tun. Wir legten den Leib nur aus der Lage des Schlafs in die Lage des Tods.

 

Als die Zeit gekommen war legten wir ihn in einen schönen ungeschmückten Sarg aus mattem Eichenholz. Vier schwarzberockte Männer brachten ihn unter Anführung eines fünften, stellten ihn nieder und traten mit kleinen schweren Schritten näher an den Toten heran. Ich ließ sie alle hinausgehen, winkte meiner Schwester, zu mir in das Zimmer zu kommen, und drehte den Riegel der Türe hinter mir ab. Auch mein Schwager, der Mann meiner ältesten Schwester, war zugegen. Darauf trat ich zu dem Bett, deckte den geraden, schlanken Leib auf und schob, fast knieend, meine beiden gestreckten Arme nahe den Schultern unter die Last. Meine Schwester stützte das nun schon marmorne Haupt und mein Schwager trug die Fersen mit seinen Händen. So hoben wir mit versagender Kraft seinen Leib in den Sarg und betteten ihn auf das einfache Weiß, das sich nicht mit ihm brüstete sondern still war wie er, als gehörten sie nun schon zusammen. In einem Fach seines Geheimschrankes lag ein Päckchen Briefe gebündelt »mit mir zu verbrennen«. Wir gaben sie ihm unter sein Haupt.

Unterdessen füllte sich sein Tisch mit Briefen und Telegrammen die ihm galten. Seine Söhne reisten heran, Töchter und Enkel, Freunde, Freundinnen, Schüler, Abgesandte und stille Verehrende. Da erst wurde offenbar, wie viele er geliebt hatte, Frauen und Mädchen, Männer und Jünglinge, die Seinen und nicht die Seinen. Denn keine Achtung, Bewunderung, Schmeichelei und Herkömmlichkeit drängte sich heran, nur die Liebe der Liebenden kam zu ihm zurück. Er brauchte viele die er liebte. »Er war ja viel jünger als wir alle«, sagte eine seiner liebsten Freundinnen. Und über der Trauer der Herzen war das Leuchten der vielen daß sie ihn gekannt, daß er sie geliebt.

Wir rüsteten ihm die letzte Feier nach seinem Sinn. Nicht daß er auch nur mit einem Wort sie angeordnet hatte; aber wir wußten was ihm anstand, der uns in seinem Testament hinterließ, er »lege keinen Wert auf äußere Schwärze«. Seine Enkel gingen mit meinen Schwestern hinaus und pflückten ihm mit eigenen Händen die zarten gelben Schlüsselblumen aus seinen Wäldern, Sie wanden sie ihm zu einem langen schlanken Gewinde und legten es als einzigen Schmuck und blühendes Geleit, das mit ihm verbrannte, längs in die Kehlung die den Deckel des Sarges umlief. Kein reinerer Tau fiel je auf die Blumen als die Tränen aus dem Grund ihres Herzens, der noch nichts anderes vermochte als zu weinen.

Als ich den Sarg wiedersah, stand er etwas erhöht in dem schönen großen Raume des Krematoriums schon über der Versenkung die ihn in die Flammen hinabführte. Keine Kränze, die ihm betrüglich nachsinken sollten, verhüllten ihn. Er stand, ein schönes Behältnis menschlichen Leibes, und das schlanke Gewinde des samtenen Gelb und kindlichen Grün der Primeln krönte ihn. Blumen und blumige Kränze von einer leuchtenden, lebendigen, starken Pracht umgaben ihn wie ein Hof in gemessenem Abstand weithin. Der ganze Hintergrund aber war von einer Wand blühender Bäumchen und Sträucher erfüllt; zahllose hängende Blüten, rötlich und weiß, hielten die tausend Äste besetzt: ein blühender Schleier von Leben. Es gab keinen Tod in dem Raum.

Ich fühlte die Reihen der Stühle um mich und hinter mir dicht besetzt. Doch weiß ich nicht wo meine Geschwister saßen und sah die Menschen nicht mehr. Auf einmal ertönte hinter einem Vorhang – der aber nichts verschloß oder hinwegnahm – nahe dem Sarge Musik. Die warmen Klänge von Geigen, Bratsche und Cello erhoben sich und erfüllten in Fluten und Strömen den ganzen Raum. Aber es war schöner als Worte beschreiben. Denn dort geigte nicht Kunst, dort zogen nicht Bogen, dort griffen nicht Finger die Saiten. Dort geigten und führten den Bogen, dort griffen die Saiten menschliche, männliche Herzen. Dort klagten und sangen, dort spielten noch einmal liebende Menschen ihm auf. Es war nicht Musik damit Musik sei, bestellte Wohltat und Zutat zu anderem. Es waren die ersten Musiker der Stadt, junge Seelen die ihm darboten was sie hatten, die ihm diese Seele brachten. Jetzt sind sie unter den ersten des Landes. Sie hatten ihm oft gespielt. So haben sie ihm nur einmal gespielt.

Als sie geendet hatten trat von der Seite ein Pfarrer neben den Sarg. Seine Stimme war jugendlich und sein Antlitz von freudigem Eifer bewegt. Mein Vater war kein Mann der Kirche; aber er hatte einmal geäußert, er gehöre ihr an und bei seiner Bestattung solle ein Pfarrer ein paar kurze Worte sprechen; es sei ihres Amtes, sie anderen abzunehmen. Dieser nun diente dem Toten und vergaß Kirche und Gott, und vergaß die Trauer die vor diesem Sarge nicht aufkam und vergaß das Lob des Verblichenen, und vergaß das ewige Gedächtnis der Hinterbliebenen, und vergaß die Leuchte der Wissenschaft, und vergaß das Jenseits und den Himmel und fand den Spruch der in dem großen Buche für ihn geschrieben steht im ersten Moses: Haltet mich nicht auf, denn der Herr hat Gnade zu meiner Reise gegeben. – Von dem Toten aber sagte er nichts als was dieser selbst dereinst auf der Höhe seines Lebens in einfachen menschlichen Sätzen zu einer Linie versammelt hatte: zu einer Zeichnung mit festen Strichen und zu einem Bekenntnis mit festen Worten. Diese Worte las er mit seiner frischen Stimme, betete wie es sein Stand gebot und schwieg.

Noch einmal erhob sich Musik. Es war wie eine Frühlingsverklärung. Und während sie noch spielte und ihrem Ende sich zuneigte, versank der Sarg wie unter einer ruhigen Schwere die über ihm stand. Ich sprang auf; es riß mich auf, ihn stehend sinken zu sehn; und es sprang sicher so mancher mit mir auf den es nicht von seinem Stuhle riß, als der Leib des Mannes der aus dem Tod ein Nichts gemacht hatte nun in die Flammen aufbrach.

Die Musik spielte noch als ich mich, noch stehend, umdrehte. Ich täuschte mich nicht. Es war nicht mein Eindruck, war nicht allein mein Erlebnis, es war eine gemeinsame Verkündung die in dem von den Tönen durchwogten Raume lag. Sie stand auf allen Gesichtern. Die Reihen waren eng voll von Menschen. Durch die weite Tür, die offenstand und einer warmen duftenden Luft Einlaß gewährte, waren wohl viele hinzugetreten wie jeder mochte.

Aber durch die geöffneten Flügel, hinter den Menschen ungesehen und mächtig, glänzend und hoch, schauten in weitestem Kreis von draußen die Berge des Schwarzwalds herein. Sie kannten ihn alle und er hatte sie geliebt. Sie hatten seinen Tod verstanden. Und während wir uns, da die Musik verklungen war, nun alle umdrehten, gewahrten wir, wer mit uns die große Gemeinde und eigentlichen Zuschauer waren, die diesen Sarg umstanden hatten. Die höheren Gipfel waren hier – aus der Ebene von weiterer Entfernung sichtbar – über den anderen hervorgetreten. Die Häupter lagen bedeckt mit strahlendem Weiß, aber die Vorberge badeten ihre Füße im lichtesten, aufbrechenden Grün. Sie standen näher als sonst. Fast zärtlich drängten die Hänge heran. Der Himmel war blau, wie erwacht. Die stockenden Wälder waren erweckt; ein sprießendes mildes Lila gürtete sie an den Leib des Gebirges, der leise herüberrauschte von tausend Wassern des Frühlings.

Die Menschen waren herausgetreten aus der Halle und versunken in diese neue Entrechtung des Todes. Wie emporgehoben, ohne Beschwer und Gewicht, oftmals hinüberblickend, schritten sie durch die Wege und die Alleen zwischen den Gräbern hin. Man begegnete sich. Andere kamen hinzu. Man grüßte sich leicht geneigten Hauptes, alle in gleichem Sinne berührt. Man erging sich wie außerhalb allen Leids. Wenn man sich wiedertraf an den sich kreuzenden Wegen, war man sich näher als Menschen Menschen sonst sind und man ging einander vorüber wie Selige in einem heiteren Garten die voneinander wissen.

 

Ich stand in meinem dreiundfünfzigsten Jahr als mein Vater starb. Ein halbes Jahrhundert lang hatten er und ich in gleichem Erdreich der Zeit und des Lebens gewurzelt wie zwei Bäume die, in verschiedenem Alter ausgesät, gleichen Stammes waren, dem gleichen Walde angehörten und einander nahe standen. Wenn die älteren Bäume fielen, wurde der Wald dennoch nicht jünger. Ein anderes Geschlecht stand urplötzlich an Stelle desjenigen das die Zeit unmerklich hinweggeführt hatte.

Nun erlebte ich eö an mir. Sehr spät ist es mir aufgegangen – nicht daß ich ein anderes Geschlecht war als er; das wußte auch er – sondern daß ich nun das Geschlecht war, in dessen Schatten schon ein nächstes aufwuchs und ich keines mehr über mir hatte. Jedes Geschlecht überschattet das jüngere langehin. Aber wenn der Schatten aufhört, gewahrt in der eigenen Sonne das jüngere daß es nun selber das nächste geworden ist, Platz zu machen, gleichviel ob früh oder spät. Ich war der nächste geworden.

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