Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rudolf Georg Binding >

Erlebtes Leben

Rudolf Georg Binding: Erlebtes Leben - Kapitel 16
Quellenangabe
typeautobio
authorRudolf G. Binding
titleErlebtes Leben
publisherRütten & Loening
addressPotsdam
printrun46.-50. Tausend
year1941
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100314
projectid2a53abe9
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel

Als ich aus dem Kriege zurückkam war ich einer der das wahre Angesicht der Menschheit gesehen hatte. Es war grausam als es sich nackt und unverhüllt zeigte. Alle Schleier waren heruntergerissen. Wir schauderten vor dem was Menschen Menschen anzutun vermochten. Wir die wir draußen waren und den Krieg wahrhaft erlebten, haben seit ihm ein anderes Maß der Dinge. Wir haben eine andere Berechtigung, einen anderen Urgrund und eine andere Zukunft als andere die ihn nicht erlebt haben.

Es war unmöglich noch zu tun als ob die Welt von Liebe regiert würde. Wir fühlten es als wir heimkamen. Wir waren ehrlich geworden. Das Tun-als-ob war sinnloser als je. Diesen Fluch einer anderen Generation und ihrer Nachzügler waren wir los. Wer jetzt noch tat-als-ob war ein trauriger Leichnam den man vergessen hatte zu begraben. – Wenn diese Welt eine christliche war und von dem Gott erschaffen den Christen christlich nennen, so glich sie ihrem Schöpfer nicht. War der Mensch die Kreatur Gottes, so mußte er seinem Schöpfer gleichen dessen Bild er war. Aber er glich ihm nicht. Wir die wir draußen waren hatten es gesehen.

Mit diesem Maß der Dinge kam ich heim. Es war mir recht es zu besitzen. Aber die Menschen fürchteten dieses Maß das sie gleichwohl fühlten. Nur nicht an der Liebe Gottes zu den Menschen rütteln! Er selbst schien ihnen in Gefahr. »Er ist schon aus der Welt gewichen!« riefen die Ängstlichen, weil sie es irgendwie am eigenen Leibe spürten, und richteten das alte Bild aus Blut und Moder auf, damit es noch das zwanzigste Jahrhundert vorhalte. Man sprach von einer entgotteten Welt. Ich aber sah sie nur merkwürdig klarer in dem neuen Lichte. Ich wollte nicht glauben daß ein Gott aus der Welt weiche wenn er sich nicht mehr zu der Gestalt bekennt die ihm Menschen frommen Wahnes in anderen Jahrtausenden gaben. Er war von neuem verhüllt: ins Größere, Un-menschliche gesetzt, wie Göttern ziemt. Ich betete nicht zu ihm, denn ich wollte ihn nicht so klein daß ihm menschliches Wort etwas gelte, und ward doch seiner froh und will es mit ihm halten um seiner Unerforschlichkeit willen. Er hat es nicht nötig sich mir zu manifestieren.


Unterdessen hatte man in Deutschland eine Revolution gemacht. Ich habe nichts davon erlebt. Ich lag in einem Kriegslazarett in Baden in Genesung von den Folgen einer schweren Ruhr die ich aus dem Felde heimgebracht hatte, als sie einsetzte. Ihre Forderungen erschienen mir klein und kläglich. Ihre Führer gehörten nicht dem Volk und ihre Namen sind verschollen. Man stürzte morsche Throne. Wie sollten sie nicht fallen, da niemand sie stützte? Die früher auf ihnen saßen, glaubten selbst kaum an sich. Als ich wenige Wochen später in mein Haus und unter die Menschen zurückkehrte mußte ich gewahren daß niemand eigentlich erschüttert war. Aber man interpretierte in die Begebenheit alle Empörung und alle Sehnsucht der Zeit und wertete sie so aus, als sei sie aufgesprungen, um dieser Empörung und dieser Sehnsucht zu ihrem Recht zu verhelfen. Ich beschloß mit meinem Vater über diese Dinge zu reden, sobald ich ihm wieder begegnen würde.

Daß es nicht die Revolution war die ich ersehnte, die mich meine mehrfachen Vaterländer vergessen machte, die dem Prinzen verboten hätte zu fragen wo Kassel liege, erlebte ich in mir nur zu deutlich. Die Grenzen Deutschlands waren so weit geworden als der Krieg uns erfaßte. Sie lagen so weit da draußen. Nun waren sie auf einmal wieder eng. Man sah wieder diese Länder wie ein Flickwerk von größeren und kleineren Stücken, und jedes der Stücke hatte seine größere oder kleinere eigene Revolution gehabt und um sie alle schlang sich ein Begriff, der hieß das Reich. Das war der Anblick Deutschlands nach der Revolution.

Ich will die Männer, die, obgleich sie die Erhebung nicht gemacht hatten, doch von der Bewegung nach oben getragen worden waren und den Begriff des Reichs zusammenhielten nicht schmälen noch ihre Mühen schmälern. Deutschland erhielt nach neun Monaten Trächtigkeit und Wehen eine Verfassung die es zu einer Republik machte. Es stand keine Begeisterung hinter der Tat, obgleich gar manches in dieser Verfassung steht was ein Volk begeistern konnte. Ich hatte die Revolution nicht gemacht, ich stand politischem Getriebe fern, ich übernahm den kleinen äußeren Wirkungskreis wieder den ich mir in dem kleinen Ort meiner Niederlassung vor dem Kriege geschaffen hatte. Die Welt war sehr leer. Alles verbot sich. Deutschland war abgeschnitten von Ländern des Reichtums und der Fülle. Die Sorge um Nahrung, um Kleidung, um Heizung und Licht erfüllte den Tag der Menschen. Ein Tröpfchen Milch, ein paar Gramm Brot, ein Fetzchen Fleisch, ein Häufchen Mehl, ein Streifen Tuch, ein Körbchen Holz, ein Säckchen Kohle, ein Kännchen Öl waren die Sorge und der Tageskampf von Tausenden und Millionen. Sie waren auch meine Sorge im Umkreis der Menschen in den ich zurückgekehrt war.

Die Franzosen kamen und besetzten den Ort als den äußersten im Bereich des Brückenkopfes von Mainz den zu besetzen ihnen nach den Bedingungen des Waffenstillstandes zustand. Es war am Weihnachtsabend. Sie benahmen sich so gut oder so schlecht als Franzosen wie wir uns bei der Besetzung französischen Landes als Deutsche benommen hätten. Sie hatten vor uns vielleicht eine in ihrem Charakter begründete Lust an kleinen Quälereien, an unnötigen und lächerlichen Maßnahmen voraus, die ihnen Gelegenheit gaben, sich zu fühlen und ihre Eitelkeit und Revanchebedürfnisse im Kleinen zu befriedigen; Dinge, die der schwerfälligere, uneitlere Deutsche nicht kennt. Wir hatten allerhand zu leiden.

Ich weiß daß es anderswo, wo sie deutsches Gebiet besetzt hielten, schlimmer herging; daß sie besonders in dem Rheinland, wo sie sich mit schlechten Elementen des Volkes einließen, eine schlechte und niedrige Herrschaft führten; daß sie später an der Ruhr sinnlos und blutig das Leben Unschuldiger opferten und die Bevölkerung bis an den Rand der Verzweiflung brachten. Aber gerade deswegen soll, um der Wahrheit willen und weil es zu den traurigen kleinen Wohltaten gehört an denen man sich eine geringe menschliche Achtung für das Volk erholte dem man angehörte, auch das Gegenteil bekannt werden wo es zu bekennen ist. Eine feindliche Besetzung ist immer unangenehm. Aber ich will eine gewisse achtungsvolle und achtunggebietende Ritterlichkeit des ersten französischen Administrateurs im Kreise Großgerau, dem wir unterstanden, nie vergessen. Sie ging so weit, daß ich mich über einen neuen Ortskommandanten, der eines schönen Tages anrückte – ein etwas überschwenglicher Mann, der gezahnte spanische Reiter an die Straßenausgänge der kleinen Siedlung aufstellte, damit seine Wachposten des Nachts schlafen könnten und die harmlosen Bürger in den eisernen Fängen sich blutig reißen durften, – auf der Stelle und ohne weitere Verhandlungen mit dem um die Nachtruhe seiner Leute besorgten Offizier zu beschweren wagen durfte. Ich fuhr sofort nach Großgerau. Der Administrateur hörte meinen Bericht an. Als ich geendet, warf er seinem Adjutanten einen Blick zu. »Was kann ich sonst noch für Sie tun?« fragte er darauf, als ob er etwas für einen anderen gutzumachen hätte. Ich sagte, es sei mir unangenehm, daß das französische Militär mir die Telefonverbindung mit dem Gaswerk abgeschnitten hätte das den Ort belieferte und außerhalb der besetzten Zone lag. Denn alle telegrafischen und telefonischen Verbindungen die hinausgingen waren verboten und unterbrochen. »Was?« sagte er, »Sie müssen doch mit Ihrem Gaswerk reden können?« und ehe ich noch zu Hause ankam war der Ortskommandant über den ich mich beschwert hatte abberufen und am nächsten Tage ließ der Administrateur die Verbindung mit dem Gaswerk wiederherstellen.

Als ich ihn so sich bemühen sah gutzumachen was andere schlecht machten und wie er mir in seinem inneren Rittertum so selbstverständlich und ohne weitere Untersuchung und ohne Vorbehalt glaubte, weil sich eben Männer die im Kriege gestanden hatten verstanden, dachte ich an das was Alkibiades über den Gentleman gesagt hatte: daß er vielleicht die höchste Form menschlichen Daseins darstelle; und ich war froh einer Zeit anzugehören die diese Form ermöglichte. – Er sagte mir auch: »Herr Bürgermeister, Sie wissen daß nur Pässe für in Frankfurt oder anderswo außerhalb der besetzten Zone beschäftigte Angestellte, Arbeiter und Gewerbetreibende ausgestellt werden dürfen. Ich habe bisher alle unterschrieben die Sie für Ihre Einwohner eingereicht haben. Ich habe es auf die Beschäftigungsnachweise hin getan die beilagen. Aber es sind zu viel der Damen Ihres Orts in Frankfurt beschäftigt! Wollen Sie bitte ihre Anzahl auf ein glaubhaftes und erträgliches Maß herabsetzen, das ich Ihnen überlasse.« – Ich entzog etwa fünfundzwanzig weiblichen Einwohnern wohl oder übel ihre Pässe. Aber diese Damen waren viel weniger nachsichtig gegen mich als der französische Gentleman gegen sie gewesen war.

Ja, ihr kleinen menschlichen Wohltaten eines Feindes, ihr seid noch lebendig in meinem Innern. Ich hatte mich oft zu euch zu retten um nicht ungerecht zu werden.


Es kamen die Tage vor dem Abschluß des Friedens von Versailles, grotesk, von neuem Kriegsfieber geschüttelt, lächerlich und traurig zugleich. Sie mögen ganz eindruckslos verlaufen sein für die Menschen im Innern Deutschlands. Nicht einmal die Zeitungen konnten berichten was wir erlebt haben. Die Franzosen rückten, gewiß eines neuen Millionenheeres das ihnen entgegentreten würde, mit ungeheuerlichen Streitkräften auf allen Straßen bis unmittelbar an den Rand des schon besetzten Gebietes gegen ein Gebilde ihrer Phantasie vor. Die Truppen, die teilweise noch nie im Kriege gewesen waren, waren in einer ungeheuren Erregung. Artillerie spickte, Geschütz an Geschütz, den harmlosen Waldrand der die Wiesen und Äcker der nachbarlichen Dörfer begrenzte. »Sind noch Einwohner in den Dörfern drüben?« fragte mich der Kommandeur der Artillerie und sah durch ein Scherenfernrohr hinüber. Ich begriff ihn nicht. – »Wo steht nun die Millionenarmee Hindenburgs?« – Auf dem Felde arbeiteten ein paar nichts ahnende Bauern; die warfen vielleicht letzte Kartoffeln des Vorjahres heraus oder jäteten das Feld; man konnte es mit bloßem Auge erkennen. »Dort sind sie ja! Voilà des soldats!« – Die Dörfer seien alle bewohnt, kein Mensch denke daran Widerstand zu leisten; die Millionenarmee existiere nicht; nicht ein Soldat stehe ihnen gegenüber, suchte ich die Leute zu beruhigen. Sie glaubten mir nicht. » Tant pis! Wir schießen die Ortschaft in Brand. C'est la guerre!« Ich hatte den Artilleriekommandeur in meinem eigenen Hause untergebracht; eine Fernsprechabteilung saß im Keller und telefonierte unablässig wahnbesessene Meldungen über den Feind und die Lage an der Front zu einem unsichtbaren höheren Stabe hin, von dem unablässig aufgeregte Fragen und Befehle einliefen. Hinter den Truppen die alle biwakierten und in höchster Alarmbereitschaft waren, standen dicke Stränge von Tanks und schwere Geschütze auf den Straßen. Der Artilleriekommandeur fürchtete einen nächtlichen Überfall auf die aufgestellten Batterien und verbrachte die Nacht irgendwo vorne am Waldrand.

So ging es zwei Tage. Dann kam die Nachricht, der Friede sei unterzeichnet. Ein Taumel überlief die Truppen: » Vive l'armée! Vive la France.« –

In der Nacht darauf verschwand der ängstliche Spuk. Hätte nicht einer der Telefonisten einen mit Spulen und Draht gefüllten ledernen Ranzen in meinem Keller liegenlassen, ich hätte glauben mögen, ich habe das alles geträumt.


Der Friede selbst – ich weiß nicht wie ihn andere erlebten – erschütterte mich kaum noch. Ich hatte mir schon hundert Male vorgestellt daß er hart sein müsse, vielleicht untragbar. Ich stellte mir den Frieden vor, den Deutschland als Sieger Frankreich diktiert hätte, und konnte nicht zugeben daß dieser milder ausgefallen wäre (so dachte man damals, weil man das französische Volk als ehrlichen Gegner im Kriege achtete und die Advokatenkniffe und verborgenen Hinterhältigkeiten des Versailler Vertrages, die sich nachher auswirkten, noch nicht erkannte).

Aber ein seltsamer Ehrgeiz der Sieger, der den der ihn aufbrachte mehr verdächtigte als den den er bezichtigte, hieß die feindlichen Unterhändler das Bekenntnis der alleinigen Schuld am Kriege zum Inhalt eines ihrer Paragrafen machen. Man sprach von einer Schuld am Kriege? von einer Alleinschuld sogar? Mein Administrator hätte sich geschämt davon zu sprechen. Wir Völker, die wir uns im Felde gegenüberlagen, wir wußten nichts von Schuld. Man hätte den Frieden von denen machen lassen sollen die in den Gräben aufeinander schossen. Er wäre ehrlicher geworden. Jene aber, die die Schuld den andern zuschoben als eine Friedensbedingung, wußten nichts von jenem fürchterlichen Schicksal der Menschheit: daß »auch die gebildetsten Völker leidenschaftlich gegeneinander entbrennen können«. Ich war von meinem Feinde den ich vier Jahre lang als ebenbürtigen Gegner achtete sehr enttäuscht. – Die deutschen Bevollmächtigten hatten unterschrieben. Die Bedingungen des Friedens würde man einhalten nach seinen Kräften. Das verstand sich. Auch die Zuschiebung der Alleinschuld am Kriege war unterschrieben. Es machte mir nicht den geringsten Eindruck. Man hatte ebensowohl unterschreiben mögen daß zweimal zwei fünf sei.

Ich weiß daß ich niedergeschlagener über die Welt war als über das was uns zu tragen aufgegeben wurde. Wo war nun noch reine Luft? Das größte, bitterste, abgründigste Erlebnis der Völker sollte geschändet werden, geschändet weiterleben. Man wäre empfänglich gewesen für die leiseste frohe Botschaft.

 

Nach dem Tode meiner Mutter hatte ich erst, in der letzten Phase des großen Krieges, als ich aus dem Felde kommend schwer krank und erschöpft in jenem badischen Lazarett lag, meinen Vater mit Bewußtsein wiedergesehn. Ich hatte zwar Abschied von ihm genommen bevor ich auszog und ihn während der vier Jahre einige Male auf Urlaub besucht, aber es ging wohl weder ihm noch mir nach und ich habe kaum mehr als eine verwischte Spur in mir davon, der selbst die Erinnerung nicht zu folgen vermag. Es war kein Losreißen und kaum eine größere Erregung in diesen Abschieden. Es war selbstverständlich daß man ging und daß man kam wenn man noch am Leben war.

Auch ihn selbst hatte es nicht dahinten gelitten. Als Sechsundsiebzigjähriger zog er, gerufen von dem Oberbefehlshaber der deutschen Armee an der makedonischen Front, noch einmal aus, froh nicht unnütz zu sein, um dort noch einmal jungen Menschen die Wärme seines Worts, die Wärme seines Wesens in faßlichen Vorträgen über den Staat und die Gemeinschaft unseres Volkes, über das Recht und über die Aufhebung des Rechts unter den Völkern entgegenzubringen – und manch einer hatte keine Zeit sie zu vergessen. Auch er hat seinen Tribut an den Krieg gezahlt. Zwar kehrten seine drei Söhne, die im Felde standen, zurück. Aber der einzige Enkel seines Namens, der junge Sohn meines nun schon seit Jahrzehnten in Frankreich lebenden Bruders, starb, wie er auf französischer Seite kämpfend, noch nach geschlossenem Waffenstillstand auf dem Heimweg einen tückischen Tod. Mein Vater hat nie den Untergang seines Namens beklagt. Es ging ihm nicht um Namen, es ging ihm um Menschen. Und so wäre es ihm auch nicht um den Namen gegangen sondern um den Menschen, wenn er die Geburt des Enkels noch erlebt hätte der jetzt seinen Namen trägt.

Damals nun, nach Krieg, Revolution und Friedensschluß, als mir die Verhältnisse in meinem Wirkungskreis nichts mehr boten was zur Bewältigung lockte, als ich selbst die kleiner und kleiner werdende Tätigkeit satt war und eine nötige Wiederwahl von mir aus nicht betrieb, suchte ich meinen Vater in der schönen Umgebung, der Unberührtheit, Reinheit und Anmut der Stadt und des Landes, die ich noch immer unverändert, und gegenwärtig in meinem Herzen trug. Ich fand ihn heftiger, schmerzlicher berührt von dem Schicksal das uns betroffen. Er hatte meinen Briefen aus dem Felde, von denen er manchen der dunkelsten und ernstesten erhalten hatte, in einer höheren Zuversicht nicht voll geglaubt. Er hatte die evidente Genielosigkeit unserer Kriegführung sehr viel später erkannt. Er hatte die Technik dieses Friedensvertrags zu erbärmlich gefunden. Wenn man auf diese Dinge zu sprechen kam, lehnte er mit einer geringschätzigen Handbewegung ab. Er war nicht verdrossen, verärgert, aber still und leidenschaftlich bewegt. Kaum daß ich ein Gespräch mit ihm hatte.

So ließ ich ihn.

Der Schwarzwald lockte. Wie lange hatte ich die Luft deutscher Gebirge nicht geatmet. Zufällig war ein befreundeter Verleger droben in den Bergen, mit dem Vergangenes und noch mehr Zukünftiges wandernd zu besprechen oder zu beschweigen war.

Auf den Höhen trachteten wir in einer Reihe köstlicher Sommertage, wohl auch in einer gewissen unbewußten Abkehr und Einkehr einen Teil der schlimmen Zeiten zu überwinden, die wie immer nach großen Verheerungen die Menschen heimsuchten. Wir wanderten da droben viel umher und viel auch wurde dabei geredet, aber oft auch geschwiegen. Man hatte so seine Gedanken. Daß es die Not der Zeit war, die eigene vielleicht weniger als die der ganzen Menschheit, von der man sprach, war nur zu erklärlich. Man spürte ja ihre Wirkungen bis ins Innerste. Und schließlich war es fast wie eine stillschweigend in uns ruhende Erkenntnis geworden, daß niemand, mochte er nun draußen oder daheim gewesen sein, unberührt aus diesem Kriege hervorgegangen sei.

Während wir einmal in solcher Stimmung und in schweifenden Gesprächen lange durch den Wald gegangen waren, kaum beachtend wohin uns der Weg führte, tat sich wie durch einen Zauber plötzlich vor uns eines jener kleinen, sich immer gleichenden Wiesentäler auf, in dessen Lichtung wir mit einem Schritt aus der dunklen Tannenwand hervortraten. Unwillkürlich blieben wir stehen. Es gebot uns etwas Halt: man konnte in diese Lieblichkeit und Reinheit, in diese Unberührtheit, die uns in unserer Verfassung so ganz aus einer anderen Welt schien, nicht hineintappen wie in ein Wasser; man hätte ebensowohl versuchen mögen, in einem Kristall zu baden. Mitten in dem Wiesental, dessen blumiger Atem uns anwehte, lag nahe der Straße die talab führte ein Försterhaus. Dicht dabei war ein Brunnen, der einen dicken, versonnten Silberstrahl unaufhörlich in den schmalen kühlen Spiegel warf der aus dem langen Brunnentrog überfloß. Hinten, der Höhe zu, aus welcher wir das Tal überblickten, standen einige hohe Kirschbäume und seitab, oben am Waldrand, war Gemüse gepflanzt und etwas Feld bestellt. Hühner spazierten umher oder ließen sich von der Sonne bebrüten, ein Hund machte gemütlich bellend einige Bemerkungen über uns, von Menschen war nichts zu erblicken. Das Ganze war so herausgehoben aus aller Anfechtbarkeit, so ganz in sich beruhend, daß keine Grenzen waren. Es schien als ob das Tal und das kleine Anwesen darin einem ungeheuren Reich angehöre, das, unbetretbar für sterbliche Menschen, weit hinaus über die Berge sich in den blauen Himmel hinein erstrecke, aus dem Bläue, Gold und Wärme in einer unbeschreiblichen süßen Vermengung sich über die blumige Wiese zu uns herüber ergossen. Der Tannensaum ringsum troff auf der einen Seite von Licht und auf der andern Seite von eigener Kühle und dem Dunkel der Beschattung. Und alles war gleich reich und rein, als ob nichts dem andern einen Vorsprung zu gewähren brauche.

Nach einer kleinen Weile lockte uns das Haus, aus dem ein mittäglicher Rauch still aufstieg und verschwebte. Wir gingen die kurze Strecke herunter, entdeckten niemand an der Straßenseite, und da der Hund es nicht verwehrte, gingen wir um das Haus herum und fanden uns plötzlich, nachdem die warm wehende Stalltür umschritlen war, auf der Schwelle der Küche wo die Förstersfrau mit einer Tochter von anmutiger Beleibtheit das Essen bereitete. Wir müßten doch sehen, sagten wir, wer es so gut habe. Da lachte sie und nach einigen Worten, in denen sie sich überzeugte daß wir nicht über den Berg gekommen waren, um ihr altes Porzellan abzukaufen oder sie gegen schlechtes Geld zu überreden, Eier und Butter zu tauschen, erzählte sie auf Befragen von Haus und Weh, dem Manne, der zu einer Holzversteigerung gegangen sei, den heranwachsenden Söhnen, die schon außer Haus in Dienst und Lehre ständen, und lud uns ein, ein Glas Milch bei ihr zu trinken. So sei es nicht gemeint gewesen, sagten wir; wir wollten ihr und ihrer Familie nichts nehmen. Sie redete: »Ja doch«, und »aber natürlich, ganz gewiß kriegen Sie ein Glas Milch!« Da sagten wir, wir müßten zuerst noch etwas von der Sonne wegtrinken mit den Augen und von dem Schatten mit unseren Lungen und wollten obendrein etwas sitzen und ausruhen. Von unseren Herzen sagten wir nichts.

Drüben stand eine Bank am Waldesrand, wo der Schatten hinlief und die Tannen wie in heiligen dunklen Tataren leise und ehrfürchtig rauschten. Wir umschritten in halber Höhe die kleine Entfernung, am Brunnen vorbei unter den Kirschbäumen hin, und setzten uns auf die Bank. Wir müßten aber zur Milch wiederkommen, rief uns die Försterin nach, was wir dann auch zusagten. Wir saßen hingegeben. Diese Menschen, so sagten wir zueinander, sind reicher als heutzutage irgend jemand auf der Welt. Sie haben alles. Wer ist der so im Überfluß lebte wie diese?

Indem schritt die Tochter, die wir in der Küche gesehen hatten, nach dem Brunnen und kühlte und wusch sich von häuslicher Arbeit. Sie spritzte das Wasser von ihren nackten Armen in die Sonne daß die Perlen flogen. Dann öffnete sie den kleinen Kühlraum, der als ein kleines bedachtes Holzhäuschen über dem Brunnentrog stand und, unten offen, von dem rasch vorbeifließenden Wasser seine Kühlung empfing. Offenbar wollte sie die uns bestimmte Milch holen. Während sie so hantierte, rief sie ein paar Worte nach dem Kirschbaum hinauf, die jemand gelten mochten. Droben bewegte sich's und murmelte etwas achtlos herunter.

»Ist denn da noch jemand?« fragten wir hinüber. »Wer ist denn da oben?« riefen wir selbst in die Höhe des Baumes hinauf.

Da stand der Baum ganz still ein kurzes Weilchen; und dann schwebte eine Antwort zu uns herunter – es ist alles Blasphemie, Zerstörung, Ohnmacht, Schändung, sie wiederzugeben.

»Wer ist denn da?« riefen wir also. Und es schwebte zu uns herab.

» Ein Kind«, sagte einfach eine Stimme. Aber der Klang war so, daß er im ganzen Tal ruhte, förmlich dargereicht von allem was darinnen war, und die Blumen lächelten und die bärtigen, ehrwürdigen Tannen standen wissend im Kreis.

» Wer?« fragten wir gedehnt und in Staunen. Es war uns als ob uns das Herz spränge. » Ein Kind«, klang es noch einmal, so dringlich, so bittend: Glaubt es nur, ihr Kleingläubigen, es ist wirklich ein Kind was da droben auf dem Kirschbaum sitzt. So sagte das Wort.

Es war unwiderstehlich; uns stockte weiß Gott das Herz, daß ich das meine nun schlagen fühlte. Mein Freund faßte sich zuerst: »Komm mal herunter«, rief er hinauf. »Das Kind muß ich sehen das da droben ist.«

Der Kirschbaum bewegte sich nach einem kurzen Besinnen gehorsam ganz droben. Wir spürten wie jemand herabkletterte. Nackte Knie und Füße stießen dumpf an den Stamm.

Aus der Küche war unterdessen dir Mutter zu der Tochter am Brunnen getreten: »Das ist das Klärle«, sagte sie erklärend und lachend und blickte gleich uns nach oben. Wir waren herangetreten und voller Erwartung, lind herunter kam, die Lippen braun von Kirschen und Lachen, die Augen verständig und aufmerksam zugleich, ein Mädchengeschöpf von etwa elf Jahren, mit allem ausgerüstet, was kindlich ist und was, unbeschreiblich und Worten ewig verhüllt, von der Natur dem Kinde vorbehalten ist. Wir gaben dem Kinde die Hand und es lachte und wußte nicht, was es mit seiner Antwort uns getan hatte. Wir tranken die Milch die uns nun geboten wurde und wechselten noch manches lustige und auch manches seltsam verständige Wort mit dem Kinde, mit der Mutter und der Schwester. Aber ich ertappte mich dabei, daß ich noch immer an den beiden kleinen Worten hing die sie von dem Baume gesprochen hatte. Und als wir über den Berg nach Hause gingen, wiederholte ich unzählige Male in meinem Innern die beiden Worte, die wie eine frohe Botschaft vom Himmel zu uns gekommen waren.

 

DaS Kind hat mir mehr als seine Antwort gegeben. Es war das wahre Ende des Krieges das ich nun erst erlebte. Ich fühlte ruhevoll die Ströme durch deutsches Land gehn im Dienste der Menschen die an ihren Ufern wohnten. Die Wälder wuchsen stille ihre Hundertjahr. Das Vieh senkte die Stirn zu den saftigen Weiden. Der Pflug zog seine gestreckte Bahn weithin durch die Äcker. Die Erde gab den Reichtum ihres Leibes dem Förderkorb. Nur unser Geschlecht war von dem Krieg getroffen; und Enkel, Kinder fühlten ihn nicht mehr.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.