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Erlebtes Leben

Rudolf Georg Binding: Erlebtes Leben - Kapitel 13
Quellenangabe
typeautobio
authorRudolf G. Binding
titleErlebtes Leben
publisherRütten & Loening
addressPotsdam
printrun46.-50. Tausend
year1941
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100314
projectid2a53abe9
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Elftes Kapitel

Nach diesen Tagen rief mich all meine Sehnsucht zu einem Wiedersehen nach Berlin. Joie kam mir bis Wittenberg entgegen. Natürlich galt der Besuch auch den Freunden, die mir Joie nicht mehr vorenthielten. Lux, mit Joie selbst sehr befreundet, war reizend bewegt und fand alles in schönster Ordnung und aufs beste eingetroffen.

Es muß im darauffolgenden Winter gewesen sein daß sich eine Begebenheit abspielte, die lange Jahre eine Art Schlußstein für diese Zeit in meinem Innern ihren Platz behauptet hat und hier erzählt werden soll.

Unmerklich und jedenfalls nicht an den Tag tretend hatte sich in dem kleinen Kreis unserer Freundschaft ein Gemeinsames aufgerichtet, das vielleicht am meisten unsere Zugehörigkeit zu der Zeit und ein zeitliches Gefühl bezeichnete, von dem ich vermute daß es ebenso unausgesprochen wie es zwischen uns bestand auch damals schon andere untereinander teilten. Wir waren keine Sonderlinge.

Anton und ich, Lux, Joie und ein junger Maler den wir liebten – ich weiß nicht mehr genau ob wir vier oder fünf waren – hatten eines Abends lange beisammen gesessen und das Gespräch hatte sich erschöpft. Vergebens tätschelte Lux ermunternd die Butter, die in der Kühlung ihrer Eisstückchen herausfordernd frisch auf dem Tisch stand, zum zwanzigstenmal auf den Leib. Vergebens regte Anton mit einem Strohhalm die letzten Blasen in seinem Sektglas auf; der junge Maler hatte sich einen Schnaps bestellt. Ich fand die ganze Gesellschaft reichlich trübe als ich, da wir uns selber heute nicht genug zu sein schienen, vorschlug, jeder solle sich noch zwei Personen, Männer oder Frauen, nach seiner Wahl einladen dürfen, lebende oder der Vergangenheit angehörige, mit denen man gerne zusammen wäre und sich wohl einmal in seinem Leben unterhalten möchte. Lux unterließ sofort die Butter zu ermuntern, Anton zog den Strohhalm aus seinem Glas, der junge Maler schob den Schnaps von sich. Schon schwirrten Namen. »Halt«, rief ich, nun selbst angetan von den Aussichten die sich plötzlich auftaten, »jeder darf zwei nennen! und kein Vorgeschlagener gilt als eingeladen der nicht die Zustimmung aller hat!« – »Alkibiades! die Sappho! Pückler-Muskau! Plato! Keinesfalls Goethe! er ist zu geheimrätlich und weise. Dagegen die Pompadour!« – Ich kam gar nicht zu Worte mit eigenen Vorschlägen aber ich dachte Yvette Guilbert oder Eleonora Duse müsse reizend sein, obwohl ich sie gar nicht persönlich kannte; außerdem hätte ich Perikles statt Plato genannt, aber doch auch Plato. »Bismarck?« fragte eine Stimme. »Natürlich von Lebenden Eduard VII. von England.« Dies sagte, glaube ich, Anton. »Ja natürlich!« alle stimmten wie selbstverständlich zu. Frauennamen waren selten. »Warum nicht Wölfflin?« »Ja! warum nicht!« – »Napoleon?« »Nein! nicht Napoleon! der ist ja gar nicht modern; außerdem ist es kein Gentleman«, sagten wir. Jeder sah ein daß die Einladung so verstanden werden müsse daß jeder der Eingeladenen in unsere Zeit gehöre. Wir verlangten instinktiv eine ewige Jugendlichkeit die diesen Mann oder diese Frau auch heute zum Leben berechtigen würde. Außerdem verlangten wir daß jeder ein Gentleman sei und die Frauen jede eine Gentle-lady, wie aus der bedingungslosen Akklamation von Eduard VII. hervorging. Denn Eduard VII. war weder auf seinen Geist noch auf seine Charaktereigenschaften noch auf seinen gutsitzenden Frack hin eingeladen, sondern einfach weil er als erster Gentleman der Welt irgendwie vor den andern dieses Gentlemantum darzutun hatte – das wollten wir damit zum Ausdruck bringen. Napoleon wurde nach dem Einwand daß er sich in unsere Zeit nicht schicke sofort fallengelassen. – »Lionardo?« – »Ja! Lionardo.« »Li-tai-pe«, wollte ich. »Er wird sicher betrunken sein am Ende«, sagte einer. »Das werden vielleicht andere auch«, wandte ich ein; »aber kann man nicht anständig und mit Grazie betrunken sein?« – »Ist er ein Gentleman?« wagte einer zu zweifeln. »Selbstverständlich! es gibt auch Gentlemen der Gosse«, verteidigte Joie, glaube ich, den Chinesen der auch ihr Liebling war.

Ich entsinne mich nicht mehr, welche von den vielen Namen die genannt wurden die Approbation zu diesem imaginären Gastmahl erhielten. Jeder suchte eifrig nach würdigen Gästen. Als erster erlangte merkwürdigerweise Alkibiades die allgemeine Zustimmung – vielleicht weil er zuerst genannt worden war. Eduard VII., Pückler-Muskau, Plato, Lionardo und Li-tai-pe standen ferner als Teilnehmer unzweifelhaft fest. Es wurde auch eine Tischordnung gemacht, bei der man mir ehrenhalber, ich weiß nicht warum, die Pompadour zuschob. Ich brannte aber mehr auf die Unterhaltung mit den Männern. Übrigens taten das alle.

Mehr und mehr, nachdem es uns zuerst angeregt hatte, wuchs das Spiel bei allen zu einer ernsthaften Größe. Wie das Verlangen entstanden war, hatte keiner von uns die Absicht, berühmte Männer, einzigartige Erscheinungen, Wunder des Geistes, der Phantasie, der Tatkraft, die andern Zeiten angehört hatten, zu bestaunen. Uns ging es um die ewig Jungen, die Genossen aller Zeiten, also auch unsere Zeitgenossen, um Menschen einer uns entzückenden Modernität, um Menschen die nirgends alt waren, wie es zu allen Zeiten deren gegeben hat. Männer wie Dante, Luther, Kepler, Ludwig XIV., Friedlich der Große, oder in eine bestimmte Religion Gebundene, etwa Mohammed oder Franz von Assisi, Frauen wie Katharina II., Maria Theresia, so wohl wir sie verstanden, wünschten wir uns nicht zu diesem Symposion, weil wir glaubten, sie würden über die veränderte Welt in die sie gerieten den Kopf schütteln. Wir wollten keine Kopfschüttler.

Nach dem Tumult der Namen bemächtigte sich unser allmählich ein nachdenklicher, glücklicher Ernst, als ob wir etwas sehr Verantwortungsvolles zuwege gebracht hätten. Wir hatten da eine Gemeinschaft mit Menschen aufgerichtet, mit denen wir offenbar wie selbstverständlich leben zu können vermeinten. Es war nahe daran daß die Geister die wir riefen wirklich erschienen, und ich bin nicht sicher ob nicht jeder von uns, die wir jetzt lächelnd und beglückt beisammen saßen, in Gedanken sich schon angeregt mit den Männern und Frauen unterhielt die ihm die imaginäre Tischordnung als Nachbarn zugewiesen hatte. Wir haben uns damals erhoben, als ob uns nichts mehr anfechten könnte und wir uns in einem Gemeinsamen verstanden hätten.

In dieser Verfassung verließen wir das Lokal und verabschiedeten uns vor der Tür. Die andern riefen ein Auto an, denn sie hatten einen weiten Weg und es schneite. Ich winkte ihnen nach und stand unschlüssig einen Augenblick auf dem gleichen Fleck, als mich der leise fallende Schnee und die Lautlosigkeit der Straßen, aus denen schon jeder Schritt unhörbar war, lockten zu Fuß nach Hause zu gehn.

Als ob wir den ganzen Abend leibhaftig beieinandergesessen hätten, gesellten sich, kaum daß ich mich in Bewegung gesetzt hatte, von den Gästen Alkibiades und Eduard VII. zu mir die sich ihrerseits von den andern grade getrennt zu haben schienen. Beide waren in eifrigem Gespräch und wir gingen nun zu dritt, wie wenn wir den gleichen Weg hatten, durch den Schnee. Alkibiades hatte einen für die Jahreszeit etwas zu leichten Abendmantel um, war aber, wie natürlich auch Eduard VII. nach der neuesten Mode gekleidet und trug gleich seinem Begleiter, wie es damals in England für alle Abendgesellschaften mit Damen üblich war, das weiße Hemd und den Frack. Übrigens trug Eduard einen sehr eleganten Pelz und auf dem Kopf den hohen gebügelten Zylinderhut, an dem die Schneeflocken in seltsamer Weise zersprangen ohne sich festzusetzen, während der Hut des Alkibiades und der meine bald mit einem dicklichen weißen Bausch belegt waren.

»Eine verdammt geniale Erfindung, dieses Gentlemantum«, sagte Alkibiades zu Eduard VII., »ich hätte gerne noch mehr von Ihnen darüber gehört.«

»Ja! ganz brauchbar für die heutige Zeit«, sagte Eduard.

»Ich weiß nicht«, sagte Alkibiades, dem der Gentleman sehr zu gefallen schien, »warum sich die Lebenden von heute so oft darüber beschweren, die Menschen hätten keine eigentliche Form mehr, wenn sie doch den Gentleman haben, mit dem ich heute abend Bekanntschaft zu machen die Ehre hatte.«

Eduard VII. grunzte bescheiden.

»Wir meinen eben doch«, sagte ich, »daß wir im Vergleich mit anderen Zeitaltern, etwa dem Barock, der Renaissance, dem Rokoko, dem Mittelalter, vom Altertum ganz zu schweigen, keine eigentliche Form des Daseins haben.«

»Das meinen die Lebenden immer«, sagte Alkibiades. »Das haben wir zu unserer Zeit auch geglaubt; und nachher war die Form des Daseins die wir lebten dennoch ganz anständig.«

Ich mußte ihm recht geben, vermochte ihm wenigstens nicht zu widersprechen. Vielleicht war die Form die wir so hoch einschätzen etwas was erst die Nachwelt sah. Es gehörte eine Perspektive, ein Abstand dazu.

»Es muß sich aber doch der Geist der Zeit in den Menschen ausdrücken, auch wenn er erst später erkennbar ist«, sagte ich.

»Durchaus!« sagte Alkibiades lebhaft, »wie ich vermute, fühlen Sie sich vollkommen als Gentleman und werden doch selbstverständlich als solcher die Form Ihres Daseins zum Ausdruck bringen.«

»Sie wollen also sagen«, fragte ich, »daß man später einmal unser Zeitalter das Zeitalter des Gentleman nennen würde?«

»Ja! ich nehme an daß, wenn jeder dieses Gefühl zum Ausdruck brächte, sich sehr bestimmt in allem ein einheitlicher Lebensstil herausbilden oder erweisen würde, der die Merkmale trägt die der Mensch ihm gibt.«

Ich sah das ein und war im vorherein mit dem Stil der sich dann erweisen würde innerlich einverstanden, während Eduard VII. schweigend und unverdrossen, als ob er diesen Stil schon gefunden hätte, mit aufgekrempelten Hosen durch den Schnee stieg.

»Ich möchte also meinen daß der Gentleman, so viel ich bis jetzt davon gesehen habe, den Lebensstil seiner Zeit ausdrückt«, fuhr Alkibiades fort. Offenbar in dem Wunsche sich noch deutlicher zu machen wiederholte er nach einer kurzen Pause: »Der Gentleman scheint mir der Ausdruck der Zeit zu sein.«

»Ja«, sagte ich, »aber man hält sich nicht an ihn. Der Gentleman ist den Menschen zu mager, zu einfach, zu sachlich, zu ausdruckslos (wie sie meinen) und niemand denkt eigentlich daß er überhaupt etwas sei. Die meisten Menschen halten es für zu wenig, ein Gentleman unserer Zeit zu sein und sich damit zu ihr zu bekennen. Sie wissen gar nicht wie lächerlich sie sich in dem Bemühen ausnehmen, etwas ihnen gar nicht Gehöriges in sich hinein zu retten was keinen Platz, keine Luft, keinen Boden in ihnen hat. Sie meinen immer, sie hätten keinen Halt wenn sie sich nur an sich hielten und tasten daher ängstlich nach Fremdem, Uneigenem umher. Sie bilden sich etwas darauf ein, Hergeholtes an die Stelle ihrer selbst zu setzen.«

Alkibiades lachte. »Ein so angenehmes und zutreffendes Bekenntnis wie es der Gentleman ist wäre nicht allgemein?« fragte er; »was sagt der erste Gentleman der Welt dazu?«

Eduard VII. sah unentwegt geradeaus und hielt die Hände in den Taschen: »Wenigstens ist mancher meiner nächsten Vettern kein Gentleman«, meinte er.

»Ich gestehe,« sagte Alkibiades, »daß mir der Gentleman ganz ausgezeichnet gefällt; besser als Leute mit Allongeperücken, Zöpfen, zierlichen Degen, besser als solche mit Baretts, Butzenscheiben, Erkern, gedrehten Beinen, Altarnischen und Kreuzgewölben in ihrem Innern. Denn das Außen isi doch innen und das Innen außen. Ich wäre jedenfalls an Ihrer Stelle froh das Mittelalter und auch das Altertum los zu sein, wenn Sie schon das Glück haben, sich gegenwärtig als Gentleman zu bewegen. Mit religiösen Gebundenheiten, mit ständischen, mit Herrn- und Knechtsgebundenheiten, mit irgendwelchen Gebundenheiten der Vergangenheit steht man hinter der Zeit und jede Schraube ist schneller und entrechtet den Gebundenen.«

»O weh«, sagte ich, »froh sind die wenigsten. Vielleicht werden wir einmal froh sein. Heute ist das Zeitalter das Sie so selbstverständlich voraussehen noch nicht gekommen. – Man tritt sehr großartig in die Erscheinung aber man weiß eigentlich nicht wie man aussieht.« –

»Das tut freilich der Gentleman beides nicht«, sagte Alkibiades.

Eduard VII. grunzte. »Gegen den echten Gentleman, über den Sie so gerne etwas von mir wissen wollen«, sagte er, »kann es keine Einwendungen geben. Er ist da. Er denkt von sich daß er als Form jedermann zugänglich ist: jeder Schuhputzer und jeder Chauffeur, jeder Dichter und jeder Lord, jeder Minister und jeder Arbeiter kann ein Gentleman sein wie ich es bin. Das ist anständiger als alle Zeiten gedacht haben. Das Gentlemantum ist das wunderbare geheime unbeschränkte Rittertum unserer Zeit dem die Besten Gefolgschaft leisten. Es hat sein ungeschriebenes Gesetz, seine Form und seine Tracht. Ich kann nicht finden und habe nie gefunden daß es weniger stolz sei als irgendeine Gemeinschaft der Welt.«

»Und wie sieht dieser Ritter aus?!« fragte Alkibiades vorsichtig.

»Er ist ein Mensch der auf sich hält«, antwortete Eduard; »ein Mensch der nicht darauf pocht was er ist oder was er hat, sondern der gefaßt ist zu bestehen was ihn betrifft; ein Mensch des Gleichgewichts ohne Unterbau in den er eingemauert wäre um nicht zu fallen. Er sieht auf Menschenfüßen und gut gemachten Stiefeln. Er is! unsentimental wie ein Spazierstock. Er ist unverdrossen wie ein Foxterrier. Er ist immer bereit wie eine geschliffene Klinge. Er hält mit sich Haus und kommt mit sich aus. Er macht den Mund nicht weiter auf als nötig. Er tut nicht als ob und nennt die Dinge beim rechten Namen. Er steckt den Kopf nicht in den Sand. Er isl ehrlich und wahrt seinen Vorteil. Er ist sachlich und unromantisch. Er ist nie laut und ist in allen Lebenslagen frisch rasiert und richtig angezogen. Er macht kein Aufhebens von sich, aber er wirft sich nie weg und gibt sich nie auf. Er genügt sich. Wenn er nicht krank ist, braucht er keinen Selbstmord zu begehn.«

Alkibiades wartete lange. Da aber der König schwieg, schien er sich zu bescheiden, keinerlei Aufschlüsse mehr von ihm über den Gentleman zu erhalten. Er sammelte das Bild in sich.

»Vielleicht ist er die höchste Form des Daseins. Wenn man ihm die Erde unter den Füßen wegzöge, würde er schweben. Er ist das Bild der gesicherten Schwebe. Er begehrt nicht den Punkt darauf er stehen könnte, um die Welt aus ihren Angeln zu heben. Er steht. Aber er braucht nicht zu stehn. Er trägt einen schwebenden Zustand seines Innern. Er ist der Mensch der Zukunft. Muß man denn immer Boden unter den Füßen haben? Alle Bisherigen die ihre Form hatten haben nicht die Sehnsucht nach dem Losgelösten, Schwebenden sondern nach dem Festen, Bestehenden gehabt – meine eigene Zeit vielleicht ausgenommen. Ist es deswegen daß mir der Gentleman so nahe ist? Aber die einen wollen beruhen, die andern schweben –«

Als Alkibiades diese Worte sprach, rief ich, nicht ahnend was ich zerstörte, einen Bäckerjungen an, der sehr früh auf einem kleinen Dreirad, den gedeckten Brotkorb vor sich, etwas mühsam in dem dicken Schnee des Weges kam. Ich hatte Hunger. Während ich in das eingehandelte Hörnchen biß und die andere Hand über einem warmen Brötchen in die Tasche meines Mantels versenkte, ward ich inne, daß die Stimmen die noch eben sprachen verstummt waren. Ich stand allein auf der weißen Straße. Weder Alkibiades noch der König waren zu sehn. Aber wenn ich auch sehr wohl wußte daß ich sie vergebens suchen würde, so hat sich doch der Vorgang so abgespielt wie ich ihn beschrieb. Es waren Alkibiades und der König die sprachen und in deren Gespräch ich mich manchmal als dritter mit meiner Stimme einmischte; und nie vielleicht hätte ich diese Dinge über den Gentleman, die mir so großen Eindruck machten daß ich sie nie vergessen habe, zu hören bekommen, wenn sie nicht an jenem Morgen im Schnee das Gespräch zwischen dem Griechen und dem Engländer gewesen wären.

Wie ein unendliches Geschenk das mir über Nacht zugefallen war lag vor mir die Zeit in der ich lebte als ein Wert den mir keine Macht der Welt rauben konnte.

Als Eduard VII. von England am 6. Mai 1910 starb reiste Anton zu seinem Leichenbegängnis als sei dies selbstverständlich.

Nichts begab sich in der nächsten Zeit was mich tiefer berührte als mein Tun und Schaffen selbst. Ich war darin so befangen daß ich kaum zu sagen vermochte, wo bald hier bald dort ich diese Zeit verbrachte. Öfters waren es die Berliner Freunde, war es Joie, die ich suchte, als zu neuem Anlaß mich eines Tages Anton in einem beweglichen Brief bat, ihm und Lux als Freund bei einem Vorhaben beizustehen mit dem sie ihre jahrelange, glückliche Freundschaft nun auch im Bürgerlichen zu bestätigen und zu bekennen gedächten; sie wollten heiraten und ich solle sie mit meinem Wort einander vertrauen, wie es mir allein zustehe. Ich war bewegt daß sie mir das ansannen, und dennoch schwer getroffen. Es war mir als würde mir zugemutet, etwas sehr Schönes zu zerschlagen; als solle ich die liebsten Menschen leichtfertig in Gefahr bringen. Und wiederum lag es mir ob, dieses Schöne dennoch zu erhalten, diese liebsten Menschen dennoch zu retten, indem ich keinem andern dieses zutraute was sie mir zutrauten; indem ich sie feite; indem ich sie nicht ihrem Schicksal überließ; nicht auswich; indem ich erst recht vertraute wo ich in Angst war. Vielleicht gelang es den Zauber zu beschwören der sie mir, der sie einander erhielt. Vielleicht gelang es einmal! Sie würden es ja doch tun. Wem sollte es denn gelingen als mir? – Und wenn es nicht gelänge? Dann hatte ich sie wenigstens nicht verlassen; ich hatte es mir wenigstens zugetraut, sie einander zu erhalten.

In einer Spannung sondergleichen fuhr ich nach Berlin. Ich glaubte ein Wort gefunden zu haben das vielleicht bei ihnen verfinge, das man ihnen wie ein Amulett unter dem sie atmeten auf die Brust legen konnte. Aber ich haderte mit der Unheiligkeit der Menschen und ihrer Gesetze.

Wenn ein Mann eine Frau und diese Frau diesen Mann in Liebe begehrt, so soll dies so heilig sein daß kein menschliches Gesetz Bedingungen für dieses Heilige zu setzen hat – nicht weil es immer heilig ist daß sie sich begehren, sondern weil es heilig sein kann.

Wenn eine Frau ein Kind zu besitzen aus Liebe begehrt, so soll dies so heilig sein, daß kein menschliches Gesetz Bedingungen für dieses Heilige setzen darf.

Wenn eine Frau dem Staate ein Kind bringt, so soll er diese Kinder aufnehmen müssen als köstliches Geschenk – nicht weil es immer Kinder der Liebe sind, sondern weil es Kinder der Liebe sein können. Denn ohne Not trennt sich keine Mutter von ihrem Kinde, und wenn sie sich trennt, ist sie keine Mutter.

Eine Ehe mag eingehen wer will; sie vorzuschreiben ist gegen die Heiligkeit des Menschlichen. –

So sprach es in mir unaufhörlich und ich sah Lux und Anton vor mir. Ich sah den gezähmten, häuslichen Gewohnheiten, Sicherheiten und Regelmäßigkeiten eingepaßten Eros, den Eros gleicher Uhr und Stunde, den Eros der Bequemlichkeit. Alle Seligkeit der Sehnsucht, der Erwartung, der Ferne, des Ungewissen, des Nahens, des Zueinanderfliegens ist dahin. Wie kann ich einem meine Freuden, meine Schmerzen bringen, auf den ich nicht in meinen Freuden und in meinen Schmerzen warte? Alles ist schon abgenommen, schon gemeinsam bevor es entsteht, bevor es sich häuft, Last wird, bevor es sehnsüchtig wächst und ohne den andern nicht sein kann. Wo ist die Seligkeit gemeinsamer Trauer wenn beide nicht mehr über des andern Leid sondern nur noch über ein schon längst Gemeinsames weinen? Ich sah dies alles für die Freunde, der ich die Seligkeit der Sehnsucht, der Erwartung, der Ferne, des Ungewissen, des Nahens, des Zueinanderfliegens im eignen Leibe trug. Denn ich sah Joie wieder. –

»Ihr wißt«, fragte ich Anton, »daß dies die einzige Art ist wie ihr einander verlieren könnt?« – Anton sagte: »Lux und ich haben alles überdacht. Es ist wohl besser so.« Er glaubte Unbequemlichkeiten auszuweichen, Lux eine gesellschaftliche Stellung, eine Erbschaft, dem Kinde das sie sich wünschte eine bürgerliche Anerkennung und Ehelichkeit zu verschaffen. Sie glaubten beide, es sei besser so. Das Neue, Gesicherte, Geregelte beglückte sie.

Schließlich ergriff mich wenn ich sie so sah ein froheres Bangen, aber mein Herz schlug sehr als ich ihnen die Traurede hielt. Es war eine merkwürdige Hochzeitsgesellschaft die sich damals zusammenfand: voller Gegensätze und Verknüpfungen, voller Widersprüche und Gebundenheiten, voller Vorurteile und voller Freiheiten; ich selbst vielleicht am abenteuerlichsten und geheimsten verknüpft. Antons Mutter war tot; er hatte sie nie gekannt. Seine Verwandtschaft oder Bekanntschaft war mir fremd. Sein Vater, der nur in die Ehe gewilligt hatte wenn Lux der Bühne entsage, liebte zwar seinen Sohn in einer freimütigen Verzärtelung aber kannte gerade seine schönsten Seiten nicht. Joie kannte Anton am besten. Octavia, die zugegen war, war wie eine fremde, verkannte Erscheinung die sich gegen eine falsche Umgebung zu verteidigen hatte; ich hätte ihr immerzu beispringen mögen. Einer der nachmals größten Ärzte Berlins als junger Assistent; einige Freunde Antons von denen ich keinen recht kannte – das waren die Geladenen.

Vor mir aber saßen die beiden die mich in diesem Augenblick näher angingen als ich mich selbst, und ich sah außer ihnen nur Octavia und Joie, obgleich sie in dem Raum weit voneinander saßen, als Mächte des Guten und Frohen die mir verbündet waren, wie über sie gebeugt dem Paare nahestehn. Meine Stimme zitterte und ich erschrak als sei es nicht die meine, als ich etwa die folgenden Worte zu ihnen sprach:

»Ihr lieben Beiden,

einen Freund habt ihr gebeten, eurer Freundschaft die Traurede zu halten, – und nie ist Höheres von ihm gefordert und zugleich Schöneres ihm gewährt worden. Denn das beste was ihr euer eigen nennt habt ihr damit in seine Hand gelegt und sagt: hier ist ein Wunderbares; du mache ein noch Wunderbareres daraus; dir vertrauen wir es an.

Mit diesen Gedanken halte ich heute eure Freundschaft in meinen Händen wie einen unschätzbaren naturgewachsenen Diamanten den ich sprengen soll damit er, ohne in seinem Kern getroffen oder in seinem Wert vermindert zu werden, nicht in einem neuen aber in einem vertieften Feuer erstrahle und jene kristallene Harmonie annehme die ihr erstrebt.

Kein leichtes Werk fürwahr wenn das Herz dabei zittert; und doch zu schön als daß ich es einem anderen gönnen möchte. Und da ich die Struktur dieses Diamanten wohl kenne, da ich das Element kenne aus dem er entstand, welches hart ist und edel, da ich ihn sozusagen habe wachsen sehn, so will ich mit gutem Mut auf eure Freundschaft, die nicht darunter zerspringen wird, jenen leichten Sprengschlag tun: Es fällt etwas dahin was die Natur erschuf: Unebenheiten, schiefe Spitzen, leichte Wellungen. Klar stehen nun nach eurem Willen Kanten und Flächen des Kristalls im Lichte und unberührt strahlt das funkelnde Leben aus dem gleich reinen Innern.

Wenn das Bild des Diamanten richtig ist, so wäre nun zu dem vollendeten Juwel nichts mehr zu sagen als: strahle. Man kann ihm keine Verhaltungsmaßregeln und keine guten Lehren dazu geben. Es strahlt aus eigener Kraft unveränderlich und treu, solange ihr es überhaupt gemeinsam euer eigen nennt und es nicht in Unachtsamkeit fallen laßt. Es strahlt ohne Aufwand von Mühe und Sorgfalt von eurer Seite; und es tut es um so besser je weniger ihr an ihm zu bessern sucht, ja je weniger ihr es berührt. Bewahrt es nur.

In dieser kristallenen Gestalt gebe ich euch eure Freundschaft zurück und sage kein Wort mehr zu ihr noch zu dem was daraus geworden ist. Denn ich mag nicht von euren Schätzen reden, wie ihr nicht mögt daß von ihnen geredet werde. Nicht einmal einen Namen habe ich dafür, mit dem die Konvention wohl rasch zur Hand wäre, sondern nur jenes kristallene Bild. Ihr wißt aber daß ein wunschhaftes Schweigen für diese Freundschaft in mir ist und für das was eben durch den Sprengschlag nach unserer Vorstellung aus ihr entstand. Ihr werdet nicht verlangen daß ich die Macht geheimer Wünsche durch Worte entkräfte.

Zu euch Beiden indessen die ihr die Hüter des Schatzes seid, vom Herzen des Menschen zum Herzen des Menschen noch einige Worte sagen – das möchte ich wohl. Denn es wäre möglich, so schien es mir, eine Zauberformel zu finden die euch, solange ihr sie nicht vergeßt, das in euren Händen befindliche Kleinod darin erhält und wieder greifen läßt wenn es einmal euch zu entgleisen droht. Solche Eigenschaft, meinte ich, sollte euer Trauspruch haben. Als ich aber in Gedanken nach ihm suchte und ihn gerade in eine feste Form bringen wollte, gewahrte ich daß dieser Trauspruch, so ganz nach meinem Sinn, schon vor manchen hundert Jahren von einem deutschen Dichter geprägt worden ist, in all der Weisheit und der Erschöpfung wie sie nur ein ganz Großer besitzt. Walther von der Vogelweide hat ihn gesprochen; aber fast goethisch klingen die vier Worte die ihn ausmachen:

Niemand taugt ohne Freude

Den Spruch, so kurz wie tief, dachte ich, werden meine Heiligen der Freude nimmer vergessen; und so soll er also euer Hochzeitsspruch werden. Keine Sprache der Welt vermöchte in ebensowenig Worten ebensoviel zu sagen; und so mögt auch ihr, die ihr unsere Sprache so sehr liebt, den Spruch schon um seiner selbst willen lieben lernen um des Zwingenden willen das in ihm ist und das uns durch vier ganz einfache, man möchte sagen: simple Worte in eine seltsame Nachdenklichkeit zu versetzen vermag: niemand taugt ohne Freude.

Da ist kein Geheimnis, kaum ein Deuten möglich; und doch scheinen sie, gleich einer Tempelinschrift, voller Geheimnisse und voller Bedeutungen zu sein. Da ist nichts gesagt von unbestimmbaren, nur geahnten Begriffen, von Glück, von Segen und Kronen des Lebens, sondern von der Tauglichkeit des Menschen. Da ist keine Ausnahme gemacht, für keinen Stand – auch für den Ehestand nicht.

Dieses Wort ist eines Dichters Wort und bedarf als solches keines Beweises. Die Wahrheit ist ihm an die Stirn geschrieben weil es ein Dichter sprach. Denn er allein ist der Herr über alle Dinge, die sichtbaren wie die unsichtbaren; und also ist er auch jeglicher Wahrheit Herr.

Ein stolzerer, mannhafterer Apostel als jene großen der Liebe ist vielleicht dieser der Freude, wenn er sie auch nicht als ein Evangelium verkündet hat. Seine Verheißung ist nicht minder groß und seine Forderung leichter, menschlicher; göttlicher wenn man will: denn die Menschlichkeit ist der Gottheit vornehmste Eigenschaft. Und wenn ihr fragt: was soll uns die Freude da wir die Liebe haben? so laßt euch sagen daß die Freude die treuere von den beiden ist. Sie ist genügsam und still und kennt keine Launen. Sie ist verständig gleich einer Freundin, und trostreich gleich einer Mutter. Und das ist gut so. Denn auch die Liebe braucht der Trösterin, und selbst von Tristan und Isolde, deren Liebe er singt, gesteht es Gottfried von Straßburg ein:

sie waren underwilen frô
und underwilen ungemuot,
als liebe under gelieben tuot,
die briuwet in ir herzen
die senfte bi dem smerzen,
bi fröude kumber unde nôt,
so Tristan und sin frouwe Isôt.

Wolltet ihr anders sein?

Die Freude aber ohne die niemand taugt ist eine ernste Sache. Sie ist an die Arbeit geknüpft- Und es ist die wunderbare Weisheit dieser Worte daß sie sozusagen immer in sich selbst zurückzukehren scheinen, weil die Freude die Tat schafft und die Tat die Freude. So schöpft die eine aus der andern ihre Kraft und die Quelle ist unversieglich. Nur die Untätigkeit ist freudlos; unersättlich; taumelnd von Begierde zu Genuß und im Genuß verschmachtend nach Begierde. Schafft euch die Freude durch die Tat: gemeinsam, jeder für sich, einer für den andern – gleichviel. Durch jegliche tatgeborene Freude, durch jede freudegeborene Tat werdet ihr taugen, jenes Wunderbare zu wahren von dem ich sprach.

Dies, lieber Freund und liebe Freundin, sind nur eines Freundes Worte; eindrucksvoll vielleicht heute, aber doch dem Vergessen anheimfallend. Sicher ist das eine Hochzeit von jeher nicht durch solche sondern durch eine Handlung wirksam wird. Von altersher durch die Tat des Mannes, der die Braut heimführte und über seine Schwelle hob. Da kann kein Freund und noch weniger ein Priester helfen. Auch ich sage dir daß die Tat es ist welche dir die Frau gewinnt. Hebe sie wenn du heimkommst auf deinen Armen über deines Hauses Schwelle. Sie wird es dir nie vergessen. – Du aber: lasse dich von ihm willig tragen. Es wird seine Kraft stählen wenn du ihm schwer im Arm liegst. – Wenn du aber, mein Freund, sie über deines Hauses Schwelle hebst – und du sollst es tun –, bedenke daß sie nun weiß wie du sie tragen kannst. Sie wird nicht aufhören – keine Frau würde es! – dies von dir zu verlangen.

Mir steht kein tathaftes Symbol gleicher Kraft zu Gebote als das welches ich euch eben beschrieb. Aber auch ich möchte euch nicht nur mit Worten einander anvertrauen. Daher bitte ich euch daß ihr euch über meiner ausgestreckten Rechten eure rechten Hände reicht, wie ihr's schon oft in gutem Sinne tatet. Nicht zur Bekräftigung oder Wiederholung eines Gelöbnisses das ihr euch selbst zu geben Mann und Weib genug seid, sondern um euch vorzustellen daß an euren ineinandergelegten Händen – unsichtbar für uns alle und unberührbar wie er es bleiben soll – der Kristall eurer in Liebe geeinten Freundschaft ruht.

Die Freude schütze ihn und euch.« –

Als ich geendet hatte küßte ich Lux, und viele gingen und küßten einander.

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