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Erlebtes Leben

Rudolf Georg Binding: Erlebtes Leben - Kapitel 11
Quellenangabe
typeautobio
authorRudolf G. Binding
titleErlebtes Leben
publisherRütten & Loening
addressPotsdam
printrun46.-50. Tausend
year1941
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100314
projectid2a53abe9
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Neuntes Kapitel

Anton fuhr allein nach Rom. Als der Sommer kam, die Sonne es allzu gut meinte und die Straßen Toscanas nur dicke Schlangen von Staub waren, kehrte ich mit Octavia, mir selber zurückgegeben und nur noch etwas schwank und eingeschüchtert unter letztem Wetterleuchten jener Schmerzhaftigkeiten aus der Zeit der Krankheit, nach Deutschland zurück. Aber noch zweimal, wie späte Schläge nachdem das Unwetter längst vorüber ist, ereilten mich in den nächsten Jahren schwere Mahnungen in Gestalt unheimlicher, unfühlbarer Blutungen, so daß der Tod sehr nahe zu mir trat. Damals vermochte ich sehr dicht bis an die Schneide zu gelangen, »wo der Weg sich zweit« und die »Gespräche mit ihm« sind des Zeuge geworden. Aber ich habe diesen Tod nie dem Bestehen des Äußersten gleichgestellt auf das ich wartete und das für mich, uneingestanden und verwegen, irgendwie der äußersten Lust am Leben gleichkam. Der Sprung von schwerer Erschöpfung auf dem Krankenlager zum letzten Erlöschen des Pulsschlags und des Lebens ist fast kein Sprung zu nennen; ein sanftes ruhiges Gleiten in die größere Schwäche, von Stunde zu Stunde, wie leicht war das. In voller Lebenskraft aber, im Widerstand, im Bestehen, sich unerbittlichem Letztem ausgesetzt sehen –: es mußte mehr sein, dachte ich damals.

Aber dieses Warten, das Sich-Sparen – einst der unrühmliche Rückhalt eines kaum erfüllten Lebens – trat völlig in den Hintergrund und in die Unfehlbarkeit, daß ich es vergaß und mit keinem Gedanken mehr daran rührte. Ich hatte auf nichts zu warten. Mein Leben war erfüllt von einem Erleben und Tun, das ich lieben durfte und liebte, nicht wissend, nicht fragend, ob es für andere etwas bedeute, aus Lust am Schaffen, aus Lust am Gestalten. Ich litt an keiner Erfahrung und keiner Bedenklichkeit der Sachverständigen und Zünftigen. Schon nach meinen ersten Erzählungen wollte der und der wissen, ich habe in dieser dieses, in jener jenes Problem behandelt. Als mich allen Ernstes ein noch lebender und sehr geachteter Schriftsteller in Hinsicht auf eine Novelle fragte: »Wie kommen Sie nur zu diesem Problem?« errötete ich geradezu in aller Unschuld vor mir. Mußte man denn ein Problem haben? Ich hatte jedenfalls keines und konnte mir auch nicht denken, daß es gut und erforderlich sei, eines zu haben. Aber damals gerade, nachdem das »Milieu« verschwunden war, kam das «Problem« auf und herrscht bis in die heutige Zeit.

Ich hatte keine Mühe, meine Bücher unterzubringen. Meine erste Novelle und ersten Gedichte erschienen in der »Neuen Rundschau«, wie es mir selbstverständlich war, weil ich noch nicht wußte, wieviele Wege andere gingen. Freilich hatte ich immer nur wenig anzubieten. Denn ich griff sehr spät zur Feder und so manche Wochen, manche Monate ruhte sie und ruht sie. Ich habe nie das erste Wort einer Erzählung, die erste Zeile eines Gedichtes niederzuschreiben gewagt, ehe ich nicht das letzte Wort, die letzte Zeile sah. Wenn ich rot schrieb, war es rot in mir, und wenn ich grau schrieb, war es grau. Denn eines Dichters Wort ist keine Zufälligkeit oder eine Zutat sondern ein Inbegriff und ein Unabänderliches, und kein Mensch, auch der Dichter nicht, vermag der Dame Litumlei ein Pflaumentörtchen in die Hand zu geben, nachdem sie nun einmal das Himbeertörtchen hält.

Meine erste Erzählung aber, die Geschichte des auf die Erde gefallenen Engels, der wegen seiner himmlischen Harmonie nicht lieben kann, bis Gott in seiner Weisheit sein Herz anrührt und es in seiner Brust aus der unerschütterlichen Symmetrie der Mitte ein wenig nach der linken Seite rückt – »dahin, wo die Herzen der Menschen schlagen«, – schenkte ich in jenem Jahre des Erwachens, kindlich genug (wie Kinder ihre erste Arbeit an diesen Platz tragen) meinen Eltern zu Weihnachten. Ich sehe meine Mutter, die sich daran freute und erheiterte. Auch mein Vater las sie. Er kam und gab mir die Hand. Und das war viel.

 

So tastete ich mich guten Mutes durch meine ersten Versuche und ab und zu entstand ein Gedicht – was eine besondere geheime Überraschung und Festigung war –, als ich an einem Frühmärzabend (man schrieb neunzehnhundertneun) – noch im Haus meiner Eltern in dessen Geräumigkeit so lange ich wollte Platz für mich war und in diesem Augenblick, in dem ich gerade einer der schon erwähnten inneren Blutungen entgangen war, der bestbehütete – ein Telegramm aus Berlin von Anton erhielt, in dem er mich ohne viel Worte und Umstände, einfach und herzlich einlud, mit ihm eine Reise nach Griechenland zu machen: »Fahrkarte ist besorgt; steige übermorgen abend in Leipzig zu mir in den Schnellzug nach Mailand.« Die Fahrt sollte zunächst durch Italien gehen. – Nun brauchte man sich bestimmt kein Gewissen daraus zu machen, irgendeine Einladung Antons in jener Zeit anzunehmen. Es machte ihm Freude mich einzuladen und man hätte ihm nur eine Freude zerschlagen wenn man ausschlug. Vermutlich hätte er sich, um nicht allein zu reisen, einen andern eingeladen. Aber ich sagte mir doch daß ich ein solches Glück selbst bei unserer Freundschaft nicht verdiene; daß es ein unverdientes und also ein unrühmliches Glück sei; daß es der reinste, platteste Zufall war und nicht im mindesten ein Schicksal das über mir hinge; daß ich noch nicht einmal das Studium griechischer Kunst, selbst nicht die leiseste Neigung zur Antike im Sinne Antons für mich als Berechtigung anzuführen vermochte. Und doch bin ich nach Griechenland gegangen wie von einer Helligkeit geschlagen die mir diesen Weg wies. Es waren nicht die Götter Griechenlands die riefen, ich suchte dieses Land nicht mit meiner Seele, ich suchte nicht das Altertum, nicht die Heroen, nicht die Weisen, nicht die Kaloikagathoi. Ich stand wie vor einer möglichen Prüfung die zugleich Offenbarung wäre, die im Hellsten, Unzweideutigsten stattfinden sollte und an mir vorgenommen wurde der ich mich nicht entziehen konnte noch entziehen durfte. Ich mußte mich unterziehen. Es war da irgendein Maß. – Vielleicht beschwichtigte ich mich nur. Denn gewiß: ich mußte mich auch beschwichtigen. Aber dieses Helle, dieses vor einer vielleicht schrecklichen, vernichtenden Prüfung stehn – das blieb. Ich fieberte ihm entgegen. Was kam?

Heißen Herzens stieg ich an dem vorgesehenen Abend zu Anton in den Zug. Ich kam mir durchaus unvorbereitet vor und war es auch.

Nach einer Begrüßung von der größten Selbstverständlichkeit fragte ich nach Lux; wie es ihr gehe, was sie mache. »Lux?« sagte Anton, »spielt heute abend zum erstenmal das Gretchen.« – »Anton!« rief ich. Ich hatte das Gefühl, man müsse sofort umkehren; aber der Zug rollte ja. Er verteidigte sich, er habe nun schon viele Tage auf diese Aufführung gewartet und immer sei sie wieder verschoben worden; sie hätte heute ebensogut wieder verschoben werden können. Ich wußte daß ihr ganzes Leben dieser Jahre darin gipfelte das Gretchen zu spielen, und wenn wir es auch später von ihr gehört haben, diesen Abend waren wir nicht dabei. Anton war nicht dabei. Ich wußte was das hieß. Sie hat es ihrem Freunde ihr ganzes Leben lang verdacht, daß er nicht in dieser Vorstellung war, und es gefiel mir daß sie es ihm verdachte. Sie hat sogar die Schuld auf mich geschoben, als ob ich ihn ihr entzöge und an dem ersehntesten Abend ihres Daseins ihn entzogen hätte; und es gefiel mir daß sie so tat um ihren Freund zu entlasten. Sie hat zeit ihres Lebens keine ebenbürtige gehabt, die Gretchens Worte sprach, und keiner der sie hörte kann sie vergessen.

Wir aber fuhren nach Griechenland. Anton brannte darauf; ich begann jetzt auch zu brennen. In Rom wurde der erste Halt von einer kurzen Woche gemacht, um alles was die Stadt an griechischer Kunst barg zu betrachten und vor Erwartung nicht umzukommen. »Hier ist rein nichts zu sehn!« sagte Anton kurzen Urteils schon am zweiten Tage. »Außer dem Jünglingstorso im Thermenmuseum und dem Sarkophagrelief des sogenannten Venusthrons (wie er damals noch hieß) ist rein nichts zu sehn!« In der Tat: allzuviel griechische Dinge standen nicht umher. Wir liefen immer wieder zu den paar Stücken und Rom war Nebensache. Es hetzte Anton schon nach Neapel. Nur aus Gnade, da ich Rom noch nicht kannte, zeigte er mir das schönste vom alten Rom, die Perlen der Hochrenaissance und das mächtigste Rom, das Rom des Barock. Aber es war schwer sich hinzugeben.

Die toten Steine des alten Rom redeten – aber nicht von eigenem Leben. Das Barock riß hin – aber es verführte und versuchte auch. Es lenkte ab: zu Windungen und Voluten, in Drehungen und Verzückungen der Leiber, in Reize und Ekstasen, in fernes und üppiges Gefühl, in Weihrauch und Dämmerungen. Diese Maler höchster Pracht und Kraft, höchster Blüte zugleich – himmlische und irdische Liebe am Brunnen. Herrlich! herrlich! herrlich! Aber der Reichtum war fremd und vergangen; das Leben dieses Bildes war fern – wie hinter Glas, wie wirklich in einem Rahmen der trennte, vor dem wir getrennt durch ein Unfaßliches standen.

Das ward Rom, das wurden seine Schätze für uns die wir nach Griechenland ausblickten. Wir suchten schon die größere Nähe, das Unmittelbare, das Unvergangene, das ewig Lebende aus eigenem Leben das kein Alter kennt, das hellere Licht, die seligen Inseln. Wir widerstrebten nicht; wir grüßten die erhabenen Fronten dieser Paläste indem wir den Hut abzogen wenn wir vorübergingen – aber eine Erwartung wies uns hinweg.

Es war wie eine Rettung für mich als ich im Zug nach Neapel saß. Das Schiff ging dann und dann. Wir hatten noch wenige Tage. Hier schienen die griechischen Dinge im Museum dichter und häufiger; aber vieles war spät, üppig und weichlich. Die Stadt schien mir in gewissem Sinne ehrlicher oder homogener; die toten Steine fehlten, das Barock war bescheidener. Aber auch hier wies uns das leise Fieber das uneingestanden in uns saß hinaus. Am Nachmittag des letzten Tages saßen und lungerten wir lustlos herum und wußten nicht was tun. Der ewige Perlmutterglanz dieser Landschaft, der Meer und Land und den symmetrischsten Berg in eine gleiche Schmelze warf und sie überzog als ob sie das gleiche wären, ermüdete. Die Effekte des Lichts ließen nicht nach und drängten sich zu einer unbekömmlichen, schillernden Schönheit. Farben und Linien wetteiferten und gingen gleichsam ineinander über in hemmungsloser Vollkommenheit. Der Tag zerschmolz in einer violetten Erschlaffung.

So erging es mir, und Anton nicht minder. Sobald es angängig war fuhren wir auf einer der Barken von den nach blitzenden Münzen tauchenden braunen Gestalten zahlloser Jungen umgeben zum Dampfer hinüber. Als das Schiff sich am Abend in Bewegung setzte, nahmen wir einen starken Trank. Zwei Gläser flogen ins Meer. Eine Sicherheit kam über uns. Wir saßen noch lange auf Deck und sahen Italien verschwinden als wären wir endlich frei und entlassen.

In der Frühe des zweiten Tages stand Anton vor meinem Bett und rührte mich an. Er sagte kein Wort. In seinem Gesicht war ein großes Leuchten. Ich sprang wortlos auf. Er bedeutete mich ihm zu folgen. Ich begriff daß etwas bevorstehe. Ein frischer zarter Wind wehte mich an als ich hinter ihm kaum bekleidet auf Deck stieg. – Wir blickten nach Osten. Eine Insel die wir eben passiert hatten lag in einem rosigen Dämmer zur Rechten halb hinter uns. »Kythera.« Anton zeigte stumm auf seine Karte. Hier entstieg Aphrodite dem Meer. Es war unbeschreiblich. Der Kiel durchschnitt eine leichtbewegte, die durchsichtigste Flut –: lichtblaue Seide, zartrauschend, zerriß, wie Seide zerreißt. Ein göttlich Bewegtes, nicht mehr Wasser zu nennen, breitete sich hin. Ein leuchtendes Zittern kam von Osten in allen Farben der Perle und lief auf dem Meer. Wir fuhren nach Osten. Die Bewegung der Sonne entgegen war überwältigend. Sie war neu und gewaltig für uns die wir in den Abend sehn, der Sonne nach die erlischt. Das Spitzengekräusel unzähliger Wellen wurde von Leuchten erfaßt. Am Horizont warfen sich flamingofarbene winzige Wölkchen in Scharen in das reine Hellgrün des Himmels empor, erglühten in unzähligen kleinen Explosionen und lösten sich in der zunehmenden Helligkeit auf. Dann stürzten Fanfaren von Licht aus einem sich aufreißenden Tor. Wir fühlten uns wanken und plötzlich griffen wir nacheinander, stumm und hilfesuchend, während wir die Augen nicht abzuwenden vermochten. Denn dort, dort – weit im Morgen – sprang die Sonne aus dem Meer. – Wir schrien. – Über unzähligen Inseln war die Sonne Griechenlands aus ihrem Meer gesprungen. Da wußten wir daß wir von ihr beschienen waren und sahen uns an. Das Schiff hatte unterdessen sanft nach Norden gedreht; wir waren um die Halbinsel des Pelops herumgefahren. Fern, licht – obwohl noch Stunden entfernt – erhob sich auf silbernen Hügeln ein Hohes, Glänzendes, bestimmt, weit und klar: die Akropolis von Athen. –

Das Erlebnis des Lichts ist das höchste, das eindringlichste, erfüllendste Griechenlands. Ohne das Licht wäre Griechenland nicht: seine Kunst nicht, seine Götter nicht, seine Menschen nicht. Nur in diesem Licht waren sie einmal möglich. Es ist aber eigentlich kein Licht mit Eigenschaften des Lichts als vielmehr eine ungeheure Helligkeit. Kein Mensch könnte ihre Farbe nennen und es ist ihr nicht um Töne zu tun. Sie eigentlich ist die Luft in der die Dinge atmen. Sie blendet nicht, sie ist nur unfaßbar hell. Sie schmeichelt nicht, beschönigt nicht. Sie will nur Klarheit, Bestimmtheit, Unerbittlichkeit der Form. Sie haßt Geheimnisse. Es ist als ob das Land keine Falten hätte. Sie freut sich an nackten Leibern. Sie macht alles einfach, froh, selbstbewußt, eindeutig.

In ihr stehen und ruhen die Dinge; sie stehn und beruhen. Selbst Bewegung wird klarbewußt, ruhig in diesem Licht, wie alles im Klarsten sich ruht und beruhigt. In diesem Lichte thronen die Himmlischen wirklich auf dem Olymp in den goldenen Sesseln und essen vom Nektar; und Aphrodite entsteigt wirklich der Flut und Thetis naht sich vom Meer um den göttlichen Sohn zu trösten über den Tod des Patroklos. Sie sitzen nicht in den Nebeln von Asgard noch bewohnen sie Höhlen und unwegsame hohe Gebirge noch sind sie ungeheuerlich, noch sind sie fern und unsichtbar. Diese Helligkeit nähert alles einander. Menschliches Auge nur wurde zum Maß der Dinge und Menschliches wurde das Maß des Lebens. Götter und Menschen – wo war die Grenze? – Reinste Form der Natur und inneres Gesicht: ihr begegnetet einander im Lichte.

Auch in uns drang die Helligkeit Griechenlands. Es war wie ein Augenöffnen. Das Licht war der Schlüssel zu allem. Wir sahen in ihm den Parthenon stehn, den Inbegriff des Stehns, alles Statischen, den Tempel der nie wankenden Form. Der Marmor ist braun und golden von Sonne gesogen auf der Wetterseite der Säulen, und bläulich und gelblich kühl und weiß auf der abgekehrten. Riesenhafter großblättriger Klee, fast blau, sprießt zwischen den Marmorquadern der Platten im Innern in denen der Himmel seine Tiefe spiegelt. Das Sims zieht die Säulen oben ein wenig zusammen wie ein fest umgelegtes Band, daß sich keine entziehe, daß alles stehe und in sich bestehe, daß jede der Säulen das Marmorgebälk des Daches, der Giebel emporstemme wie ein lebendiger Leib und dieses jede der Säulen belaste wie einen solchen. Herrliche Nähe! Riesenhaft und doch so menschlich!

Wir sahen die ruhende Schwebe des Erechtheion. Der Marmor ist so leicht daß man kaum begreift wie er steht. Man könnte den ganzen Bau auf die Hand nehmen als ein In-sich-Gefügtes und dann wieder hinstellen. Und dennoch ruht er. Er ruht in sich. Grazie des Einfachsten!

Wir betraten das Rund des Dionysos-Theaters und saßen auf den marmornen Sesseln des Oberpriesters und westlichen Nebenpriesters des Gottes und schauten hinaus über das heitere Meer nach Aigina hinüber und gegen Salamis und den Isthmos. Kein Schnürboden hing über der Szene sondern ein Himmel der leuchtete.

Wir traten zu den Koren, den Porträtstatuen athenischer Mädchen die bei dem Fest der Panathenaeen im Zuge zu Ehren der Göttin schritten. Sie stehen in gläsernen Kästen. Der Marmor ist fein und schimmert matt. Der Wächter schlief inmitten des Raums auf einem Stuhl. Wir waren allein. War es erlaubt? Was kümmerte uns das. Ich öffnete leise den unverschlossenen Kerker der einen, der lieblichsten, der grünen Kore. Die zarten Flächen lebten noch immer: ein wenig verstümmelt – es schmerzte sie nicht. – Wir fühlten zärtlich und fromm, begriffen, griffen mit Händen das Leben der Form: die volle und straffe Schulter, den wohligen Arm, die ernst blühende Wange, die Wölbung und süße Flucht dieser Schläfe, das braun und goldene Haar und das grüne Gewand.

Wir suchten das Grab der Hegeso, die anderen Gräber. Was war es das hier in dem Relief des Grabsteins sich bot? Einfache menschliche Szenen: ein Becher wird dargereicht, ein Schmuckstück mit zierlichen Fingern ergriffen; ein Kleinod fällt von einer zarten Hand in eine andere zarte Hand, ein Hund blickt zu seinem Herrn empor.

Es ist überall das gleiche. In diesem Licht, wo Heuchelei sinnlos, Geheimnis unnatürlich, Mystik voraussetzungslos ist, ging einmal unverhüllt und unverhüllbar, unverschämt und durch sich selbst geadelt das rein Menschliche um; das rein Europäische zugleich, zu dem wir uns bekennen durften, das uns anging, das uns nahe, das gegenwärtig war. Wo war das Faustische? das Gotische, Umschränkte? Wo war das Altertum? Wo war die Gegenwart des Tuns-als-ob die wir verlassen hatten?

Wir waren weit von Schwärmerei; es war zu hell dafür. Hier waren im gleichen Licht der üble runde Eisentisch mit falsch gebogenem Fuß aus französischen Kaffees, geharzter Wein in klumpig rohen Gläsern europäischer Fabriken, die deutsche Hure auf dem Preßholzstuhl nahe der hochgezogenen Spiegelscheibe, ein dicker Klecks von Senf auf einem Fetzchen braunen Packpapiers unmittelbar auf die Tischplatte serviert als Beigabe zu einem Stückchen Käse auf dem dicken Teller mit dem zerstoßenen Rand, und Zeitungsrufer riefen hundert Namen großmächtiger Blätter aus, in jeder Viertelstunde neue, unstete, sterbende Neuigkeiten.

Wir sahen auch dies. Wir sahen es und lächelten. Es war so leicht zu ertragen, weil es so vergänglich war. Wir saßen an dem runden üblen Eisentisch der wackelte, tranken den geharzten Wein aus roh gegossenen dicken Wassergläsern, aßen den aufgeschnittenen Käse und zogen ihn zu höherer Schmackhaftigkeit zuvor sanft durch den Senfhügel auf dem Fetzchen braunen Packpapiers. Wir taten dies und lächelten fast andächtig dazu. »Es lebe Hellas!« sagten wir und wußten warum.

Beruhigt und beglückt wie nach einem sehr schönen Stück Leben verließ ich Athen als die Tage um waren die der Reiseplan des Freundes und die verfügbare Zeit uns vorschrieben. Auch Anton war es, obwohl bei ihm mehr das Aufsteigen und die Erinnerung einer vergangenen Zeit und eines goldenen Zeitalters, das sich ihm überall auftat, wirksam zu werden schienen als die Einbeziehung des Erlebten in das eigene Leben, die sich mir wegen der wahrhaften »Gegenwärtigkeit«, dieser menschlichen Nähe, dieser Lebendigkeit und Jugendlichkeit der Antike, leicht anbot. Ich sah die Reste und die Trümmer einer andern Zeit. Ich wußte daß Zeiten vergehn, goldene und eherne, und daß Welten zertrümmert werden, heitere und schreckliche. Eins aber war zu lesen, mit Sinnen zu fühlen wie wenn Leben an Leben gerührt hätte. Ich nahm die Unzerstörbarkeit der Jugendlichen, das Erleben des wahrhaft und ewig Jugendlichen, das zu allen hohen Zeiten gleich jung sein würde und sich in alle Formen, gleichviel welchen »Stiles«, hüllen durfte, aus diesem Gegenwärtigen als eine wunderbare Gewißheit in mich hinein. Auch Strenge war hinzugemischt, ein Gran von Unerbittlichkeit, ein Deut von Selbstgenügen um der Behauptung willen – ich spürte es wohl und es schien mir gerecht.

Galt das nur mir? – Ich sage daß auch dies unausgesprochen und unsichtbar zwischen vielen gilt die sich begegnen die nie in Hellas waren.

Der Weg dem wir folgten führte durch die Peloponnesos. Die Landschaft überwog. Die Kunst trat zurück. – Ich kann nur die Schritte noch tun. Tausend Erinnerungen leben wieder auf. Sie drängen sich zwischen die großen Erlebnisse wie Fische zwischen das Maschwerk des Netzes. Sie drohen das Netz zu zerreißen. Es darf nicht geschehen. – Kyklopischen Trümmern uralter Städte begegneten wir, um tausend Jahr älter als Athen. Sie bilden kaum ausbeutbare ungefüge Steinlabyrinthe zwischen Disteln und Mohn. Wir setzten den Fuß auf die übereinandergestürzten Steinleiber der Ruinen von Tiryns mykenischen Gepräges und zwischen die Mauern des blutrünstigen Mykene selbst, wo mannshohe Steine zu hausdicken Wänden aufeinandergelegt wurden, eine Stadt gebaut im Wissen um Mord, in Mißtrauen und Wissen von Raub und häuslichem Überfall. Hier liegen selbst Gräber einzeln in doppelten riesigen Ringmauern und Schätze und Gold in felsengemauerten unwegsamen Kammern. Wir sahen von Argolis zwischen den Trümmern das südliche Meer und die kleine Insel des Henkers vor Nauplia, wo der Scharfrichter des Landes sein Bett hat. Wir tranken in Nauplia geharzten Wein mit den Griechen die ganze Nacht und hörten den Osterliedern zu die der Jüngling verzückt und vergessen uns sang; er stand erhobenen Mundes hoch auf den Zehen und hob sich noch höher, da die gespreizten Finger der Hände ihn abstemmten von der Wand in seinem Rücken. So glich er der tanz- und gesanggehobenen Mänade auf dem Relief in Neapel. Er hatte die schönsten Hände der Welt und verglich sie lachend mit meinen, wohl wissend daß er siege.

Wir standen im ungeheuren langgezogenen Rund des Theaters von Epidauros: ein flacher Trichter in die Mulde herantretender kahler Berge gelegt, eingehauen in das Gestein. Das ruhig gesprochene Wort des Freundes drang von der Szene herauf über die sechzig Reihen der Sitze und erreichte mein Ohr nachdem der sprechende Mund längst geschlossen war.

Wir sahen Sparta und die üppigen wirren Oliven, die tropischen Aloën seiner Ebene, und darüber, fast untrennbar von der Helle, die schneeigen Gipfel des Taygetos.

Wir durchquerten das Land in der Schlucht der Langhada, wo die Felsfinger der Halbinsel die sich nach Süden ausstrecken gerissen sind. Wild und unbewohnt. Stein über Stein, zieht sich die Schlucht. Das Maultier, sich selbst überlassen, sucht unter dem hilflosen Reiter den nicht endenden Saumpfad zehn Stunden lang hinauf und hinab und wieder hinauf und hinab. Wir rasten bei seltsamem Wirt. Eine durchlässige Hütte mit dünnen Baumstangen gedeckt und mit Steinen beschwert birgt den Hirten und Platz für die Ziegen die in den Schluchten herumklettern. Als der Mann schwingenden Schrittes hervortritt, könnte man meinen, er habe mit Odysseus selbst auf dem Schiffe gesessen. Er ist bronzefarbig, hager und straff; ohne Alter und trägt die phrygische Mütze, den kurzen Leibrock und die Jacke von Schafsfell. Er hat Milch und harzkühlen Wein. Er nimmt einen großen Ring Brotes von einer Stange, an der er mit vielen unter dem Dach aufgereiht ist wie ein Rettungsring neben andern: Rettungsringe gegen den steigenden Hunger; es ist der Vorrat für lange Monate. Ein freundlicher, gastfreier Mann nicht gerade offen aber heiter und unbefangen ist dieser Gefährte des Vielverschlagenen. Er nimmt nichts für Brot und Wein. Wir geben ihm die Hand zum Abschied, »Ein mehrfacher Mörder«, sagte der Dragoman als die Maultiere sich wieder in Bewegung setzen; »– aus Blutrache.« Es gefiel mir; er war recht und klar. Was sollte er auch anders tun bei der ungeheuren Helligkeit als ein Messer nehmen; alles andere war dunkel.

Auf der Paßhöhe überblickt das entzückte Auge die ganze Peloponnesos und beide Meere nach Osten und Westen, die lachende Fruchtbarkeit der messenischen Ebene dicht unter uns hingebreitet und der Schneerücken des Taygetos vor uns, nahe, schwimmend im Blau.

Wir wandten uns die Schlange des Pfades, steil über den gesenkten Köpfen der Maultiere sitzend, langsam hinab und gedachten in Kalamata einen langen Schlaf zu tun. Aber es hielt uns nicht. Einen Tag früher als es der Marschplan forderte langten wir in Olympia an, braun und frisch von Sonne, trocken und hart von der saugenden Luft des Taygetos, gierig und hellsichtig wie junge Adler.

 

Wir standen bald vor dem Hermes. Das Gasthaus, in dem wir unsere Sachen abwerfen und den Dragoman zurücklassen, liegt auf einer dürftigen Anhöhe abseits von dem heiligen Bezirk, wo die Trümmer der Tempel liegen, der Schutzhäuser und die noch ruhenden Standplatten zahlloser Statuen. Abseits liegt auch das Museum. Bevor wir hinübergehen überblicken wir befremdet eine ernste Landschaft wirrer niedriger Haine, unübersichtlich und undurchdringlich die mäßigen Hügel krönend die den ebenen Grund der Heiligtümer umstehn. Als wir rasch noch eine Anordnung für das Essen am Abend im Gasthof geben wollen, grüßen wir ein kleines munteres Schwein, ein schwärzliches kleines Ferkel, das auf dem nicht zu sauberen Platz neben dem Eingang zwischen zerstampftem Stroh und ältlichem Mist sein Wesen treibt. Wir grüßen das Ferkel ehrerbietig wie einen Stabsoffizier oder sonst eine höhere Person die einen nicht zu beachten braucht. Die Einwohner dachten es wäre für uns ein heiliges Tier das unsre Verehrung genösse und waren entsetzt aber dennoch erbötig, als wir ihnen bedeuteten, wir begehrten das kleine lustige schwarze Ferkel in möglichster Bälde zu verzehren. Ob wir das ganze haben wollten? Jawohl, das ganze. Wir wollten durchaus nichts vom Hammel. Wir hatten durch Tage nichts als griechischen Hammel gegessen – als Suppe, als Vorspeise, als Braten, als Fett in der Nachspeise. Wir hatten der Sitte des Landes genügt. Wir wollten das Schwein. Wir stellten es sicher.

Danach gingen wir zum Hermes. Ich weiß nicht ob ich anderes sah was in dem Museum aufgestellt ist. Ich fühlte eine lichte, lächelnde Spannung, als wir uns, den Saal betretend, der Nische oder abgeteilten leeren Wand zukehrten vor der der Gott stand.

Vor der wer stand? – Es war nicht der Gott, es war nicht der Mensch. O Freund der Götter und Menschen, dein Bildnis war es nicht mehr. Ich sah den Praxiteles selbst, ich sah dem Schöpfer ins Auge. Ich sah unter seinem fühlenden Meißel die Materie verschwinden. Ich sah sein Geschöpf. Dies war kein Marmor mehr, kein Stein. Der Schenkel, die Brust, die Schulter, das Haupt, der Arm mit dem Knaben, das Tuch über dem Baumstamm, auf den er sich lehnt zu unbesorgterer Anmut – es war aus keinerlei Stoff. Die Materie war entrechtet; es atmete, blühte wie Leben. Das Erstmalige, das Nie-Zuvor aller Schöpfung stand in seinem ewigen Sieg vor mir. Ich war allein mit ihm. Es hielt mir still. Es prüfte mich: nahe, ganz dicht. Es verwies mich in seinem Triumph. Doch es offenbarte sich auch, ergab sich in der Gewalt der Form. Aber welch ungeheurer Gewaltakt war es, Materie so zu entrechten daß sie für ewig Leben ward?

Anton stand neben mir. Er sah die beglückende Gnade der Form. Er hatte das Recht, die Gnade zu sehn. Auch ich sah sie. Aber ich verfolgte sie bis zu ihrer Geburt. Ich sah den Weg vom Stein zum Leben, sah den Abstand zwischen Marmor und Form. Es war zu gewaltig, als daß ich ihn anders als Gewalt empfunden hätte. Vom Stein zu diesem Siege war es so weit wie vom Urbeginn der Welt bis zur letzten Belebung, wie vom Nie bis zur Ewigkeit. Da war nun dieser Schöpfung Geschöpf: der Gott mit dem göttlichen Kinde. Eine süße, sieghafte Wärme wehte uns an. Nichts wies zurück. Dies schien das höchste: daß unbeschreibliche Anmut, ungehemmteste Schönheit, gewinnendste Freundlichkeit, köstliches Gleichnis, rührende Weichheit sich sorglos darstellte, preisgab, lächelte, von sich wußte, sich dennoch nie aufgab und nichts sich in Strenge verschloß.

Vielleicht war es dies wohligste was mir am nächsten ging: die Wärme dieser Seele in ihre Kreatur gegossen. Ich fühlte, wie sehr es mich beseligte daß dies die erste Eigenschaft der Schöpfung sein dürfe. –

Als ich hinaustrat, stumm neben dem Freunde, glaubte ich das erstemal Blumen zu sehn, Gras und Blumen, Bäume des Hains, Menschen und Tiere. Ich hatte die Blumen schon einmal so gesehn: auf den Wiesen mit meiner Vertrauten als Kind, wo sie groß, nah, farbig, wahrhaft, erstmalig waren. Ich sah sie nun in einer Wiedergeburt das zweitemal zum ersten Male. Sie standen mir gegenüber. Sie waren sie selbst. Sie waren nicht ich. Ich brauchte nicht in mir zu schwelgen, wie jene andern die sich in Aas und Blume, Wurm und Gott wiederfinden und sich ihnen gleichsetzen müssen, um sie zu lieben. Ich konnte sie lieben weil sie nicht ich waren. So klar war das Licht.

Wir gingen – jeder in seiner Weise im tiefsten berührt – schweigend zum Gasthof zurück. Nahe davor brannte ein mäßiges Feuer und das kleine schwärzliche Schwein drehte sich langsam am Spieß. In der Nacht die dem Erlebnis des Hermes folgte saßen Anton und ich lange beisammen. An einem Tisch in der Ecke saß halb schlafend der Dragoman und ab und zu sorgte er dafür daß der Wirt nicht einschlief und uns mit neuem Wein versah. Denn bevor die Lordoi denen er sich verpflichtet hatte zur Ruhe gingen, ging auch er nicht zur Ruhe. So hatte er mit uns lange Nächte. Die Dämmerung und die Nachtigallen des Hains weckten uns aus unsern Gesprächen. Wir traten an ein Fenster das wir öffneten und sahen hinaus, wo eine balsamische Reine und Kühle der Luft der Sonne vorausging. Wir blickten hinüber über den dämmernden heiligen Bezirk zum Hügel des Kronos. Wie erbleicht erwartete er das Licht. Die wirren tieferen Haine lagen in einem geballten Schlaf, aber die Nachtigallen sangen; es war wie die Stimme und der Atem der schlafenden Haine.

Als die zunehmende Helligkeit den Augenblick zerstörte, schlossen wir das Fenster und legten uns nieder. Keiner von uns hat am Morgen vom andern gewußt was er gesagt, noch von sich selbst was er gesprochen hat. Es war auch gleichgültig. Was wir sprachen hatte uns für Stunden erhoben. Solches war herrlich. Es war eines jener olympischen Gespräche, die ewig vergessen sind als waren sie nie gewesen und dennoch in uns leben und nie sich verleugnen. –

Wir gingen nochmals zum Hermes und nochmals. Eines war sicher: es war nicht das Altertum was ich hier fand. Es war – daß nur das höchste gesagt sei – die Gewißheit unbedingter Modernität, ewiger Jugend aller wahrhaften Kunst. Sieghaft jugendlicher Gott, sieghafte, jünglinghafte Kraft die dich schuf, ihr seid Gewähr.

Am Abend des dritten Tages standen wir auf der Höhe über Patras. Im Hafen lag das Schiff. Diese Nacht würden wir Griechenland verlassen. Vor uns schimmerte in unendlicher Pracht die Bucht unter der schon rötlicheren Sonne, schöner als Neapel. Weinberge fielen sanft in ein liebkosendes Meer. Weit gegen Abend badeten leichte Inseln in sonnenüberglänzten Gewässern und glänzten dunkel und zart wie tiefblaue Bronze. Drüben standen die männlichen Berge von Lokris und heiter und stark, fast schwebend, ruhte fernhin der Leib des Parnaß im leuchtenden Schnee.

Dies war der Abschied von Unvergleichlichem. Doch unvergleichliches nahmen wir mit uns hinweg.

 

Als wir am Mittag des zweiten Tages in Brindisi landeten, kam uns der Himmel dunkel und grau, das Licht matt vor. Wir fuhren nach Rom. Die Leute im Zug belehrten uns daß ein strahlender Tag sei. Während der Fahrt ins Hotel sprang plötzlich Anton lebhaft von seinem Sitz in der kleinen Vettura auf und rief einer Dame die mit einem etwas unbeteiligten Herrn des gleichen Weges ging im Vorüberfahren den Namen unseres Hotels zu. Es war Joie.

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