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Erlebtes. Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Erlebtes. Erster Band - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleErlebtes. Erster Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeFünfundzwanzigster Band
year1860
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071115
projectid3f5c9ed9
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Familien-Concert.

Herr Regierungsrat Zwicker mit Frau gibt sich die Ehre, den Herrn Hofrath Claremann mit Frau Gemahlin, Herrn Sohn und Fräulein Töchtern auf eine Tasse Thee und zu musikalischer Unterhaltung für Dienstag den 4. März Abends 7 Uhr, ganz ergebenst einzuladen.

U.A.w.g.

Wenn du, geneigter Leser, eine solche Karte empfängst, zierlich gedruckt, sauber beschrieben, so denkst du nicht daran, welche Mühe, welcher Kummer, wie harte Tage und schlaflose Nächte unter dem Spiegel dieser glatten Linien verborgen liegen. Warst du nicht selbst schon Unternehmer von Familien-Concerten und Hausbällen, so hast du keinen Begriff davon, wie viel saure Arbeit vorhergehen mußte, ehe diese Einladungskarten zum Austragen bereit da liegen. Du übersiehst dein Haus, du rechnest nach, wie viele deiner Bekannten du unterzubringen vermagst, wenn du dein Appartement vergrößert hast durch Ausräumen der Schlafzimmer und durch Herrichtung des Hausflures, der vermittelst eines Teppichs und ein paar Wandleuchter zu einem comfortablen Entrée umgeschaffen wird. Ich glaube, es gibt eine mäßige Berechnung, wie viel Platz ein Mensch haben muß, um ohne Schaden für seine Gesundheit eine Zeit lang athmen zu können; wenn ich nicht irre, gibt es für Sklaven- und Auswandererschiffe darüber eine Verordnung. Leider nicht für Familien-Concerte und Hausbälle! Ist man doch da Augenzeuge von Erscheinungen, die an's Fabelhafte streifen. Und wolltest du am andern Tag nach einem Familien-Concerte Jemanden in den Appartements herumführen und ihm sagen: hier zwischen der Tischecke und dem Ofen stand stundenlang ein Mensch, dort hinter der Sophalehne ein anderer, in der engen Thüre aber, die du dort siehst, sechs neben einander, von sieben bis neun, und noch obendrein auf ihren Zehenspitzen, dabei huthaltend, schweißrieselnd und applaudirend, – er würde dich mit einem Blicke beschenken, wie man ihn einem verächtlichen Lügner zollt.

Doch sehen wir weiter. Das Appartement kann also so und so viele Personen fassen, dazu schlägt man noch zwanzig Procent für Abmeldungen wegen plötzlichen Unwohlseins und ferner zehn vom Hundert weiter, was man in der Verpackungssprache ›Einstreusel!‹ nennt, junge Supernumeräre, Kanzlei-Assistenten, ganz neue Lieutenants und angehende Aerzte ohne Praxis. Das ist jung, schmiegsam, vor allen Dingen aber für die bejahrten Töchter ehrbarer Familien hoffnungsvoll, wird geduldet, zwischen sich versteckt und findet schon sein Plätzchen. Wo? ist freilich eine andere Frage. Auch ich war einmal jung und wurde gern gelitten und befand mich in ähnlichem Falle als Mittelstück zwischen einer starken Directorstochter und einer wohlbeleibten Wittwe, – ich als dünne Fleischschnitte, das Ganze einem ungeheuren Sandwich vergleichbar, einem riesenhaften Butterbrode mit Schinken.

Ist die Frage des Wieviel? glücklich erledigt, so kommt die wichtigere des Wer? zur Berathung und zu diesem Zwecke hat auch Herr Regierungsrath Zwicker eine Liste der ganzen Freundschaft angefertigt, die nun schon vierzehn Tage vor dem Feste einem kleinen Familienrathe vorgelegt wurde. Dieser Familienrath bestand aus Madame Zwicker, einer ziemlich corpulenten Frau mit freundlichem Gesichte, etwas stark röthlichem Teint und hellblonden Haaren, sowie aus den beiden Fräulein Zwicker, resignirten, zuweilen seufzenden Wesen von ungefähr achtundzwanzig bis dreißig Jahren, die es von dem großen Schiller ziemlich absurd fanden, daß er einstens gesungen:

O daß sie ewig grünen bliebe
Die schöne Zeit der ersten Liebe!

Denn Amalie meinte: »was ist eine erste Liebe? – ein Unding, ein Probirstein, um zu erfahren, ob das eigene Herz auch ächtes achtzehnkarätiges Gold ist.« – »Ein Wahnsinn,« sagte dabei Laura, die Jüngere, »die ersten ungenießbaren Schößlinge eines Spargelfeldes, das Durchblättern von Titeln und Vorreden eines jungen Romans.«

Ausgeschlossen von diesem Familienrathe war der junge Herr Zwicker, Kanzlei-Assistent und Mitglied der Liedertafel. Er hatte bei einer ähnlichen Gelegenheit zu extravagante Ideen an den Tag gelegt und gemeint, das Schöne sei und bleibe schön, auch wenn es in der allerletzten Rangklasse erscheine.

Der Regierungsrath, ein kleiner, sehr lebhafter Mann mit einer sehr hohen Stirne, die sich von Jahr zu Jahr vergrößerte, auf welche er sich aber etwas einbildete, schritt im Zimmer auf und ab, las die betreffenden Namen vor, und wo weder Frau und Töchter etwas zu erinnern hatten, fügte er einen dicken Bleistiftstrich hinzu. »Herr Director von W.« Die Regierungsräthin machte eine zustimmende, tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung. – »Mit zwei Töchtern.« – Ebenso. »Und seiner schönen Nichte.« – »Die könnte man weglassen,« meinte Amalie entschieden, während Laura, boshaft lächelnd, auf ihre Kaffeetasse sah. – »Wo denkst du hin!« entgegnete der Regierungsrath; »es wäre eine Unhöflichkeit gegen den Herrn Director, und dann –« setzte er schüchtern hinzu. – »Und dann?« fragte Amalie, etwas gereizt. – »Nun ja, und dann –« fuhr der Vater fort, indem er wie zur eigenen Ermuthigung mit seinem Papier in der Luft herumfuchtelte, »dann muß man auch Rücksicht nehmen. Du weißt, daß der Herr Referendar von Strammer von jeher die Zierde unserer Concerte war. Er singt göttlich.« – »O nur zu wahr!« seufzte Amalie still in sich hinein. – »Und,« fuhr der Papa fort, »warum soll man den jungen Leuten nicht ein unschuldiges Vergnügen gönnen? Seine Stimme ist unbedingt schöner, sein Vortrag feuriger, sowie er der schönen Klara gegenüber singt.« Amalie warf einen kleinen Blick gen Himmel, dann einen zweiten auf ihr Butterbrod, und als Mama ernst und bedächtig mit dem Kopfe genickt, wurde die schöne Nichte des Directors von W. mit einem Striche versehen.

Eine Menge Namen, die nun folgten, wurden stillschweigend gutgeheißen; man merkte es bei diesen auch der Stimme und dem Gesichte des Regierungsraths an, daß er vor jedem Widerspruch sicher sei. Dies war nicht der Fall, als er nun fortfuhr und mit etwas schüchterner Stimme und ohne aufzublicken, las: »Herr Doctor A. mit zwei Töchtern.« – »Niemals!« sagte entschieden die Regierungsräthin; Amalie zuckte verächtlich mit den Achseln und Laura lächelte höhnisch. »Ich will keine Mädchen einladen,« fuhr Madame Zwicker nach einer Pause fort, »die es beständig darauf anlegen, sich vor meine Töchter zu drängen, sie zu verdunkeln.« – »Zu verdunkeln ist nicht das wahre Wort, Mama,« sprach geringschätzend die ältere Tochter. »Ich würde sagen: die sich bemühen, immer aufdringlich und naseweis zu sein.« – »Aber es sind doch eure Freundinnen,« meinte der Papa. »Junge Affen sind es!« sagte entrüstet die Regierungsräthin; »kaum aus der Schule, die sich ein Ansehen geben wollen, indem sie mit älteren und gesetzten Mädchen umgehen.« – »Kaum aus der Schule?« lachte krampfhaft Laura. – »Aeltere und gesetztere Mädchen?« meinte Amalie. »Was man sich von dir nicht alles muß sagen lassen, Mama. Aber mir ist es gleichgültig, ladet sie nur ein. Wo denkt Papa überhaupt an etwas, was uns Vergnügen macht. Ist's nicht wahr, Laura? Auf der ganzen Liste bis jetzt keine zwanzig junge Herren.« Der Regierungsrath sah fragend in die Höhe, und Mama sagte: »Das kommt noch.« Dann fuhr sie fort: »Nein, Eduard, den Doctor und seine Töchter laß fort; ich versichere dich, sie haben ein aufdringliches Wesen. Ich sehe das auf den Museumsbällen; sprechen meine Töchter mit ein paar jungen Herren, gleich sind die A.'s da. Und dann ist es nicht wegzudisputiren, daß sie, Gott weiß, auf welche Art, ausspioniren, was Amalie oder Laura anzieht. Neulich kamen unsere beiden Mädchen in gelben Baregekleidern; was sehen meine Augen, als die A.'s ankommen? Ebenfalls gelbe Baregekleider und hochroth aufgeputzt. Ach, ich sage dir, das hat mich tief empört. Ich hatte gelb gewählt, weil es etwas hervorsticht; blau, weiß, roth ist ordinär; es fragt sich so gut auf so 'nem Ball: wer sind die in Gelb? – Regierungsrath Zwickers u. s. w. Nein, nein, die A.'s läßt du mir fort, darauf bestehe ich fest.«

Hienach erhält der Doctor A. mit seinen Töchtern keinen Strich und der Regierungsrath las weiter, lauter an sich unbedeutende Namen, aber wohlgefällig klingend in den Ohren der beiden Töchter. Papa holte hier das Versäumte nach und der Lieutenants, Supernumerare, Referendare, Candidaten und Assistenten durch alle Rubriken war kein Ende. Zuletzt kam das eigene Kanzlei-Personal, und dabei horchte Laura mit ungetheilter Aufmerksamkeit. Doch es schien ihr wie der Prinzessin im Taucher zu gehen: wenn auch alle Wasser heraufrauschten, alle möglichen Namen genannt wurden, der des Jünglings, den sie meinte, wurde nicht genannt. Nur nahm sie ihr Schicksal mit weniger Resignation hin, denn als der Vater geendigt, warf sie den Kopf in die Höhe, zuckte unmuthig zusammen und blickte dann auf Amalie, worauf sich diese beeilte, dem Zorne ihrer Schwester Worte zu geben. »Aber, Papa,« sagte die ältere Tochter, »hast du absichtlich den Herrn Volontär Schmelzing vergessen? Ist er doch ein anständiger junger Mann von sehr guter Familie und hat sich bestens bei uns vorstellen lassen.« Der Regierungsrath schüttelte mit ernstem Stirnrunzeln sein Haupt und bemerkte: »Nicht vergessen, absichtlich weggelassen, sehr absichtlich. Dieser Herr Schmelzing ist ein leichtsinniger junger Mensch, wird nie eine Carriere machen, und bemüht sich nicht einmal, durch Achtung gegen seine Vorgesetzten, sowie durch Fleiß sein früheres Betragen vergessen zu machen. Erhält auf der Universität das consilium abeundi und treibt bei uns seine Wirthschaft fort, so daß, wenn ich unparteiisch und gerecht sein dürfte, ich ihn von meiner Kanzlei schon lange nach Haus geschickt hätte.« – »Aber Protectionen!« sagte Mama wichtig. – »Ja leider Protectionen,« wiederholte der Regierungsrath, »Protectionen von oben herab, und auch in meiner Familie. Aber hier bin ich Herr und will keine Schmelzings bei meinen Soiréen.« Dies sagte er so entschieden und schlug dabei so bestimmt mit der Papierrolle auf seine Frackschöße, daß Mutter und Tochter wohl einsahen, es sei in diesem Augenblicke nicht möglich, zu Gunsten Schmelzings zu operiren. Doch waren noch mehrere Tage bis zur Soirée, und wir bitten den geneigten Leser nicht erstaunt zu sein, wenn eine der ersten Personen, die ihm beim Familien-Concerte aufstoßen, der Herr Schmelzing ist. Manus manum lavat, und nach diesem sehr richtigen Satze erhielt Lauras Protegé seine Einladung zu gleicher Zeit mit dem Herrn Doctor A. und seinen beiden Töchtern.

Nachdem die Einladungsliste auf die eben bezeichnete Art berathen und festgestellt war, rollte Papa Zwicker sie zusammen und übergab sie seiner ältesten Tochter Amalie zur Ausfertigung. Danach legte er die Hände auf dem Rücken zusammen und schritt nachdenkend mehreremale im Zimmer auf und ab; eigentlich tänzelte oder hüpfte der Regierungsrath, denn er liebte in allem die schnelle Gangart. – »Apropos,« sagte er nach einer Pause, während er vor Laura stehen blieb, »am Concertprogramme wird doch hoffentlich nichts mehr geändert? Sei so gut und lies es mir noch einmal vor, es macht mir immer Vergnügen, wenn ich so eine fertige Arbeit betrachte, deren Zusammenstellung viel Mühe gekostet und die nun glatt und fertig vor uns liegt. – Habt ihr euch zu zwei Abtheilungen mit einer Pause entschlossen? – »Natürlich,« entgegnete Madame Zwicker würdevoll. »Man kann doch die Sachen nicht so in einem fort herunter leiern. Ich habe noch nie ein Concert gehört ohne zwei Abtheilungen, und dann ist eine Zwischenpause so nöthig; man muß doch eine kleine Conversation machen lassen, man muß doch ein paar kleine Erfrischungen herumreichen.« Bei diesen Worten blickte die Regierungsräthin auf ihre Kaffeetasse und dachte an Himbeerwasser und Mandelmilch. Der Regierungsrath sah an die Decke des Zimmers empor und vergegenwärtigte sich den Augenblick, wo in der Pause der Departementschef zu ihm treten, ihm herablassend die Hand drücken und zu ihm sprechen würde: »Ihre Arrangements sind vortrefflich, mein lieber Zwicker; man ist nirgends so comfortable wie bei Ihnen.« Amalie starrte in die Einladungsliste hinein, wobei sie an Herrn Strammer dachte; Laura trommelte mit den Fingern auf dem Tisch den Mendelsohn'schen Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum. Jede Note widmete sie Schmelzing, und so war die ganze Familie glücklich.

»Wir haben also,« sagte Vater Zwicker nach einer Pause, »zur Introduction die Sonate pathetique von Beethoven, drei famose Theile, welche Herr Schwicheler außerordentlich schön ausführen wird. Dann folgt Prumes Melancholie, und ich bin fest überzeugt, daß die ersten Geiger der Hofkapelle sich ein Muster an dem jungen Sternbach nehmen können. Darauf Fräulein Windel, der kleine Rekrut von Kücken. – Es gefällt mir eigentlich,« unterbrach der Regierungsrath seinen Vortrag, »daß Fräulein Windel, die sonst auf die großen Arien versessen ist, Kückens kleines reizendes Lied gewählt hat. Sie fängt an, bescheiden zu werden und das freut mich.« – Bei diesen Worten lächelte Madame Zwicker ironisch und ihre beiden Töchter lachten laut und höhnisch hinaus. »Bescheiden?« meinte Laura achselzuckend. »Das ist der Beweggrund nicht, Gott, wer weiß nicht, wie auffallend sie mit dem Lieutenant v. W. schmachtet. Dem zu Ehren singt sie das Soldatenlied.« – »Bah,« sagte der Regierungsrath einigermaßen verdutzt, »wär's möglich? Ja, wie kann unsereins auf solche Schwänke kommen! Aber das Lied ist schön, ich habe nichts dagegen einzuwenden. – Weiter! Phantasie von Böhm für Flöte und Pianoforte – Fräulein Laura Zwicker – Herr Wölfel. – Kind, die Phantasie ist schwer, ich hoffe, daß du sie außerordentlich einstudirt hast. Damit schließt die erste Abtheilung, wir haben eine halbe Stunde Pause, und alsdann Herr Strammer seine zwei Sachen hinter einander. Wenn das ihm nur nicht zu viel wird!« – »O nein,« versetzte eifrig Amalie. – »Ja, mein Kind, die Cavatine aus Guido und Ginevra, das ist fatiquant – das bringt ein Pferd um, wie sie mit dem Kunstausdruck sagen.« – »Dafür ist auch die andere Nummer leicht und tändelnd,« bemerkte Amalie, wobei sie träumerisch auf ihren Teller niedersah. – »Ach, wenn du wärst mein eigen!« sang Laura halblaut und blickte die Schwester mit einem schalkhaften Lächeln an. – »Ganz richtig,« meinte Vater Zwicker, »Ach, wenn du wärst mein eigen, Wie lieb sollt'st du mir sein! – Worte von der Gräfin Hahn-Hahn, ehe sie ins Kloster ging, wunderbar komponirt von Kücken. Darnach Schluß des Ganzen, Liszts große Polonaise von Fräulein Laura Zwicker.«

Nach diesen Worten rieb sich der Regierungsrath vergnügt die Hände und hiermit war das Geschäft vorderhand bereinigt; der Vater ging auf seine Kanzlei, Mama besah die Schätze ihrer Speisekammer, Laura probirte ihre Sonate und Amalie setzte sich an den Schreibtisch, um nach der vorliegenden Liste die Einladungskarten auszufertigen.

So sind nun diese entstanden, vielgeliebter und geneigter Leser, und wenn dich der glatte Druck mit der zierlichen Handschrift – Amalie schrieb schön – so klar und freundlich anblickt, so kommt dir alles das so unverfänglich und wohlmeinend vor. Es ist, wie so mancher Händedruck, begleitet von einem freundlichen, herzlichen Worte, wobei doch Geber und Empfänger zu gleicher Zeit dachten: »Hol' dich der Teufel!« Auch ohne gerade die beiden Fräulein A. oder Herr Schmelzing zu sein, kannst du überzeugt sein, daß es Debatten gekostet und viel unangenehmes Hin- und Herreden, ehe dein Name aus der Wahlurne zum Concert hervorgegangen; du hast manches Achselzucken gekostet, manchen Seufzer. Aber gleichviel! Wie der Festgeber die Einladungskarte absendet, so nimmt sie häufig der Empfänger in die Hand: ebenfalls mit Achselzucken, mit einem gelinden Seufzer. Gott, ein Familien-Concert! Das wird langweilig. Der Abend konnte besser benützt werden. – U.A.w.g. – »Und Abends wird getanzt,« übersetzt sich das ein junges Mädchen, die sich zur ersten Soirée rüstet, vielleicht auch: »Und Abends wird gesungen,« während ein alter, ergrauter Kämpfer in der Arena familienconcertlicher Freuden nachdenkend murmelt: »Um Ausdauer wird gebeten.«

So ist denn der große Abend gekommen; Regierungsrath Zwickers wohnen im ersten Stock, die Treppe ist mit einer Spiegellampe taghell beleuchtet, oben sind die Glasthüren entfernt und im Gange stehen rechts und links in Kübeln zwei Oleander, auf einer Seite die Küchenthüre verdeckend und zu gleicher Zeit ein mäßiges Spalier bildend, welches die Ankömmlinge in den Salon weist. Dieser ist vortrefflich erhellt und sanft erwärmt. Rechts und links sind die Thüren in die anstoßenden Zimmer ausgehoben, und wenn ein Unkundiger die fünf geöffneten Piecen durchwandelt, alle zum Empfang der Gäste hergerichtet, so muß er eine große Meinung haben von den Appartements des Regierungsraths. Denn natürlich ist alles festtäglich, nirgendwo Betten und gewöhnliche Haushaltungsgeräthe; die Räumlichkeiten dazu, denkt man, werden hinter der letzten Thüre anfangen, und dort noch eine Enfilade von wenigstens vier weitern Zimmern sein. Aber nur die Freunde des Hauses wissen, daß dort das Ganze mit einer kleinen Kammer abschließt, die aber am heutigen Abend wie ein vollgepfropftes Möbel-Magazin aussieht. Dort ist eine förmliche Wagenburg von Betten und Möbeln dritten Ranges, eine Wagenburg, die nur eine kleine Ecke frei läßt, in welcher sich auf diese Art eng umschlossen die beiden jüngsten Sprößlinge der Zwicker'schen Familie befinden. Diese erschienen, nachdem das eheliche Glück der Familie eine längere Zeit pausirt, – zwei Buben von vier bis sechs Jahren, verwegene Gesellen, zu allen möglichen tollen Streichen aufgelegt. Nicht einmal durch die aufgethürmte Wagenburg sind sie zu bändigen, denn diese wurde von dem älteren schon einmal erklettert, worauf er, an der anderen Seite hinabrutschend, eine Waschschüssel und ein paar Gläser mit herunterriß, was einen erschrecklichen Lärmen verursachte. Dies geschah glücklicherweise vor Anfang der Soirée und veranlaßte den Vater Zwicker zu einer ernsten Rede, welche Belohnung und Strafe verhieß, – sehr viel Kuchen nämlich oder sehr viel Prügel.

Endlich kommen die Gäste, zu Fuß oder zu Droschke; die letzteren werden von der Regierungsräthin freundlicher begrüßt. Zuerst füllt sich der Salon, dann fließt die Masse der Eingeladenen in die angrenzenden Zimmer, und so immer weiter, bis endlich der ganze Boden bedeckt ist. Man freut sich, einander zu sehen, man stellt vor und wird vorgestellt, man lacht und plaudert; junge, angehende Kanzleibeamte, nachdem sie so glücklich waren, einen freundlichen Gruß, ja vielleicht einen Händedruck ihrer Vorgesetzten zu erhalten, drücken krampfhaft den Hut auf den eingezogenen Bauch und tapeziren Ecken und Wände. – Der Thermometer zeigt achtzehn Grad. – Selbstbewußte Damen der höheren Beamtenklasse, sowie anerkannte Schönheiten halten die Mitte der verschiedenen Zimmer und stehen da wie Felsen im brandenden Meer, empfangen Huldigungen und theilen gnädige Blicke aus. Junge Damen von versprechender Zukunft, die aber noch nicht alt genug sind, um selbstständig auftreten zu können, umgeben diese Felsen der Gesellschaft wie frisches Moos oder saftige Pflanzen die altersgrauen Steine und vor sie hin wirft die ab- und zuströmende Flut unterschiedliche Seethiere dieses Gesellschaftsmeeres, Krabben und Seekrebse in Gestalt von schwarzen, ernsthaften Assessoren und Referendären mit seltsamen Frackschößen und Brillen auf der Nase; Steine in Form von dicken Kanzleiräthen mit dem Verdienstkreuz auf der Brust; schillernde, bewegliche und zappelnde Molusken, dargestellt durch bunte, gelenke Lieutenants, und als ordinäres Muschel- und Schneckenwerk Kaufleute, Maler, Bildhauer, Schriftsteller und dergleichen Gesindel. – Der Thermometer hat sich unterdessen beeilt, auf vierundzwanzig Grad zu steigen, und das Lächeln der Regierungsräthin Zwicker, welches bei achtzehn Graden bald majestätisch, bald gnädig oder schalkhaft war, fängt an krampfhaft zu werden, wobei sie schwer athmet und ihre röthliche Gesichtsfarbe stark ins Bläuliche schimmert.

Der Regierungsrath steht noch immer an der Thüre, noch fehlt der Departementschef, und ihn nicht am Eingang zu empfangen, wäre mehr als Majestätsverbrechen. Endlich kommt er, und nachdem er sich an der Thür die Brillengläser abgewischt, die ihm von der furchtbaren Hitze sogleich anliefen, schreitet er an der Seite seines Untergebenen durch die Zimmer, begrüßt Madame Zwicker, winkt und nickt nach allen Seiten und ist so freundlich, das Appartement außerordentlich charmant zu finden. Nach ihm erscheinen durch die Thüre des Nebenzimmers, die aber sogleich wieder verschlossen wird, zwei Dienstmädchen, Thee und Backwerk tragend: die Magd des Regierungsraths und Hofraths Ricke von ihrer Herrschaft der Regierungsräthin freundschaftlichst geliehen. So oft die Ricke in die Nähe der Hofräthin kommt, ermangelt diese nicht, ihr nach Verhalten einen strafenden oder billigenden Blick zuzuwerfen. In diesem Gewühl eine Tasse Thee oder etwas Backwerk zu erhalten, ist schon nicht so schwierig, als das Erlangte in Ruhe und Frieden zu verzehren. Bald wird man angeredet und muß eine Mandelschnitte, ohne sie noch geschmeckt zu haben, hinunterwürgen; bald wird man gestoßen, und in der Angst der Nachbarin das Kleid zu begießen, schüttet man sich selbst die halbe Tasse auf die eigene weiße Weste, und ist für den ganzen Abend ruinirt.

In diesem wichtigen Zeitpunkte sind jene die Glücklichen, die an den Wänden stehend, einen rückenfreien Platz erobert haben. Leicht kann man den Hut irgendwo unterbringen und steht nun da, in der Hand die Tasse, deren Rand hoch mit Backwerk belegt ist, im beruhigenden Gefühle der Sicherheit. – Unterdessen scheint der Alkohol im Thermometerglase seinem Gefängniß entwischen zu wollen und steigt auf dreißig Grad. Eigentlich braucht man ihn gar nicht mehr zu betrachten, um die vergnügliche Hitze des Appartements, namentlich des Mittelsalons, zu ermessen; rothe und blaue Gesichter, thränende Augen, lang herabfallende Locken, schwitzende Stirnen und halb unterdrückte Seufzer sprechen deutlich genug. Ja durch alle fünf Sinne kann man die in den Zimmern herrschenden dreißig Grade erkennen.

Obgleich die Gesellschaft obenhin betrachtet ein unabsehbares Gewirre zu bilden scheint, so gehört doch keine große Beobachtungsgabe dazu, um zu erkennen, daß sich alles wieder vergnügt oder verstimmt, jedenfalls aber zu besonderen Zwecken in verschiedenen Gruppen zusammenfindet. Was sich liebt oder durch andere Beweggründe zu einander hingezogen wird, weiß sich zu finden und hie und da verstohlen zu plaudern; was sich haßt, weiß sich zu ärgern, indem es sich auf gewisse Art bald den besten Platz im Saale streitig macht, jetzt zu viele Trabanten um sich zu versammeln sucht, um mit diesen über den geringfügigsten Gegenstand ein lautes, für den andern Theil verletzendes Gelächter erschallen zu lassen und sich dann wieder gegenseitig und auffallender Weise den Rücken zukehrt, und, als sei in der Nachbarschaft plötzlich was Schreckliches bemerkt worden, rasch davonrauscht. Wofür man sich interessirt, das läßt man nicht aus den Augen. So folgte Madame Zwicker ihren beiden Dienstmädchen beständig mit den Augen, wobei sie bald erröthete, bald erbleichte, wenn irgend eine Ungeschicklichkeit vorfiel. Dabei aber eilte die geplagte Frau häufig an das Ende des ganzen Appartements, scheinbar, um mit ihren Gästen freundliche Worte zu wechseln, in Wahrheit aber, um an der Thüre des Nebenzimmers zu lauschen, ob von dort kein Getöse oder Siegesgeschrei zu hören sei, wenn nämlich ihre beiden Sprößlinge vielleicht abermals die Wagenburg erklettert hätten. – Gott sei Dank! alles war dort ruhig. Die beiden Buben hatten nämlich ein anderes Amusement entdeckt, eine gefüllte Waschschüssel, und darin ließen sie kleine Schiffe von Papier schwimmen.

Vater Zwicker folgte dem Departementschef, wo das nur eben thunlich war, Amalie ließ die beiden Fräulein A., sowie den Herrn Strammer nicht aus den Augen, was ihr aber zu ihrem großen Schmerze sehr leicht gemacht wurde, denn dieser junge Herr war immer in der Nähe der Töchter des Doctors zu finden und folgte denselben schwenzelnd von Zimmer zu Zimmer. Einen würdigen Gegensatz zu ihm bildete der Herr Volontär Schmelzing; er stand in einer Ecke des Salons zwischen einem Tische und einem Sopha, mit dem Rücken an einer kleinen Etagère gelehnt, auf der sich Porzellanfiguren befanden, aß viel Backwerk, welches neben ihm auf dem Tische stand; seine Blicke aber eilten dabei beständig durch den ganzen Saal. Glückliche Laura! du hast alle Ursache anzunehmen, daß du es bist, die von den grauen, aber glänzenden Sternen aufgesucht wird.

Nach vielen verzweifelten Anstrengungen ist es dem Regierungsrath dessen Frau, den beiden Töchtern und dem halberwachsenen Sohne, der sich bisher unbeachtet unter der Menge umhergetrieben, endlich gelungen, die Massen der Gäste so lange aus dem mittleren Salon zu entfernen, bis man dort für die Damen einige Reihen Stühle gestellt, bis man das Piano in die Mitte des Zimmers gerollt und durch Oeffnung eines Fensterflügels einige frische Luft hereingelassen. Zu letzterem war es aber auch die höchste Zeit, denn der Thermometer drohte, einen Selbstmord zu begehen, die Stimmung des Klaviers war fast um einen halben Ton gewichen und Herr Sternbach, der die Melancholie geigen sollte, meinte, das sei bei einer solchen tropischen Hitze, um selbst melancholisch zu werden.

Als die Vorbereitungen so weit gediehen waren, räusperte sich Herr Regierungsrath Zwicker laut, lange und auffallend. Die jüngeren Beamten seiner Kanzlei verstanden dies Zeichen und forderten durch zahlreiche Bst! zur Stille auf. Bald legte sich auch Gemurmel und Geräusch im Salon, dann ebenfalls im anstoßenden Zimmer und nach einer kleinen Viertelstunde trat Herr Schwicheler vor, ein hoch aufgeschossener, bleicher, junger Mensch, mit lang herabwallendem, blondem Haar und sehr nichtssagenden, blauen Augen. Er strich das Haar aus dem Gesicht, öffnete lächelnd seinen großen Mund, was er besser unterlassen hätte, dann zog er die Handschuhe aus, warf sie nachlässig von sich und sank mehr auf den Stuhl, als er sich darauf hinsetzte; auch knickte er hiebei so auffallend zusammen, daß man hätte glauben können, es wandle ihn plötzlich eine Schwäche an, schnellte aber gleich darauf wieder in die Höhe, hob die Hände und fing an, auf das unglückliche Piano loszuhämmern, daß es zitterte, klagte und in allen Fugen krachte.

So ging der erste Satz des Allegro vorüber, und beim Andante schien Herr Schwicheler etwas weniger ergrimmt. Er neigte sein Haupt, und wenn man seine Finger so matt über die Tasten hinschleichen sah, so hätte man meinen können, es gehe mit dem Mann zu Ende und in der nächsten Sekunde werde er mit einem unheimlich pfeifenden Tone ein für allemal aufhören. Aber leider hörte er nicht auf, wurde vielmehr beim dritten und letzten Satze, dem Rondo, gelenkig wie ein Frosch im Wasser, der in großer Behaglichkeit mit allen Vieren zappelt. Dabei hüpfte Herr Schwicheler munter auf seinem Sitze hin und her, seine Füße hüpften für sich allein, seine Finger ebenfalls, ja seine Nase schien zu hüpfen und sein langes blondes Haar. – Endlich hatte er ausgehüpft und das Publikum ausgelitten. Beethoven ist ein großer Meister, aber seine Sonate pathetique stehend hören zu müssen bei einigen dreißig Graden Hitze, eingekeilt in einen Menschenhaufen, das ist sogar für ein klassisches Gemüth zu viel. Das Publikum schien sichtlich befriedigt, aber drei Viertheile desselben gewiß wegen endlichem Aufhören dieser Marter; alles applaudirte dem Spieler und beglückwünschte sich selbst.

Nummer Zwei trat vor: Herr Sternbach, ein strammer, untersetzter, junger Herr, der schon im Nebenzimmer, wo er nochmals gestimmt hatte, die Geige zwischen Kinn und Halsbinde festklemmte den Bogen hoch erhob und so gerüstet vortrat in die Schranken, wie ein biderber Ritter der alten Zeit mit Schild und Lanze. Den rechten Fuß fest vorgesetzt, riß er seine Melancholie herunter, daß es eine Freude und ein Vergnügen war. Da er selbst durchaus nicht melancholisch aussah und es auch in der That nicht war, so schien er zu denken: warte, Melancholie, wir wollen dir zeigen, wo du her bist! Er faßte seine Aufgabe ironisch auf, ging der Melancholie im Allgemeinen zu Leibe und riß das Publikum zu Beifall und Heiterkeit hin.

Fräulein Windel, die nun folgte, ließ dem dankenden Virtuosen kaum Zeit, gehörig abzutreten; sie schien den kleinen Rekruten in allen Gliedern zu fühlen und gab das Lied keck und unverzagt von sich. Jeder Vers war für das allgemeine Publikum, der Refrain aber jedesmal für ihn, der hinter dem Ofen hervorsah und die Nuancen, welche sie hineinlegte, wohl zu verstehen schien. Als Fräulein Windel unter einem wahren Beifallssturm geendigt, küßte ihr Lieutenant von W. zärtlich die Hand und sagte: »Unter Ihrer Fahne einzutreten, mein Fräulein, wäre das höchste Glück meines Lebens.«

»Bs – s – st! – Bs – s – st!« riefen nun die Kanzleibeamten Vater Zwickers, und Herr Wölfel, von dem nicht viel mehr zu sagen ist, als daß er ein kleiner Mann war mit einer großen Flöte und sich in einem schwarzen Frack befand, führte Fräulein Laura ans Klavier, die sehr schüchtern that und nur dann und wann aufzuleben schien, wenn sie einen Blick gethan in jene Ecke, wo sich die Porzellanfiguren-Etagère befand. Die Phantasie säuselte los und machte bei den Zuhörern den Effekt, als wollte sich Klavier und Flöte überbieten, welches von diesen beiden Instrumenten am langweiligsten sein könne. Die ganze Nummer wirkte nervenberuhigend; einige ältere Damen ließen, wie um die Musik besser genießen zu können, ihre müden Häupter niedersinken, und ein alter Domänenrath hätte sich fast durch einen lauten Schnarcher verrathen, wenn sein Sohn, der neben ihm stand, denselben nicht noch zur rechten Zeit durch einen kräftigen Husten verdeckt hätte.

Pause mit Komplimenten und Erfrischungen. Es floßen Ströme von Mandelmilch und Himbeerwasser; Stühle wurden gerückt, die Damen erhoben sich fächernd und mit gelähmtem Geist und Körper; junge, lebenskräftige Mädchen sandten einen ergebungsvollen Blick gen Himmel, und der Menschenkenner konnte auf manchen gefurchten männlichen Stirnen die ersten Anfänge von Selbstmordgedanken lesen.

Aber glücklich, wer nur unter den allgemeinen Freuden des Familien-Concerts zu leiden hatte; glücklich, wer nicht noch daneben einen nagenden Schmerz im Busen trug, wie die unglückliche Amalie, welche sich von jenem Ungeheuer, Strammer genannt, nicht nur total vernachlässigt sah, sondern es sogar mit ansehen mußte, daß er der jüngeren Fräulein A. auf Schritt und Tritt nachging. Strammer, sonst ein taktvoller junger Mann, dem die stille Neigung der Regierungsrathstochter für ihn nicht entgangen war und der es mit einem Hause nicht verderben mochte, wo man im Familienkreise gut zu Mittag speiste, bemühte sich heute in der That gar zu auffallend um Fräulein A. Diesem seltsamen Benehmen lag eine triftige Ursache zu Grunde, und zwar in der Gestalt eines jungen, unternehmenden Kavallerie-Lieutenants, welcher sich der Fräulein A. gleichfalls auffallend näherte, und dem dieses hübsche, aber leichtsinnige junge Mädchen den unglücklichen Herrn Strammer opferte. Wer ruhiger Beobachter war, sah zwischen diesen betreffenden Personen ein kleines Rennen mit Hindernissen. Wo sich der Kavallerie-Lieutenant befand, dahin wurde auch Fräulein A. durch seine bezaubernden Blicke gezogen; dieser folgte Herr Strammer, glühend vor Eifersucht, und wo es galt, in ihre Nähe zu kommen, da gab es für ihn kein Hinderniß, weder eine dicke Kanzleiräthin, noch die unermüdliche Zunge einer dürren Hofräthin: er setzte kühn über alles hinweg, um die Ungetreue beobachten zu können. Gekränkt im tiefsten Herzen folgte ihm die unglückliche Amalie, und in dem Zimmer, wo er sich befand, da wußte sie, nicht fern von ihm, irgend ein Gespräch anzuknüpfen, so unbedeutend, so nichtssagend, daß es ihr vollkommen Zeit ließ, den schlechtdenkenden Strammer zu überwachen.

Da die Regierungsräthin Zwicker nie eine Soirée ohne Souper gab, so war auch heute eins vorbereitet, sollte aber erst am Schlusse des Concertes eingenommen werden. Doch hatte der fühlende Vater Zwicker im letzten Zimmer schon während der Pause einige Weinflaschen aufstellen lassen und seinen Bekannten einen Wink gegeben, sich dort für die zweite Abtheilung zu stärken. Viele machten von dieser Freundlichkeit einen mäßigen Gebrauch, wie das denn auch selbstredend war, nahmen ein Glas und entfernten sich wieder. Dabei aber können wir unmöglich verschweigen, daß der Herr Volontär Schmelzing dieses Weinzimmer häufiger als jeder andere betrat und sich auch dort viel länger aufhielt als nothwendig gewesen. Um aber dem Gange unserer Geschichte nicht vorzugreifen, müssen wir sagen, daß er zu Anfang der zweiten Abtheilung wieder an der Porzellan-Etagère lehnte, daß Amalie zitterte, als sie sehen mußte, wie der treulose Strammer nur Blicke für Fräulein A. hatte, welche vor ihm auf einem der ersten Stühle saß, nicht weit von dem entsetzlichen Kavallerie-Lieutenant, der ein fades und schmachtendes Gesicht machte. So erschien es nämlich dem unglücklichen Sänger. Alles hatte die früheren Plätze wieder eingenommen, selbst die Regierungsräthin, nachdem sie am Nebenzimmer gelauscht und dort von ihren beiden Sprößlingen kein unanständiges Geräusch vernommen. Die beiden Kinder spielten nach wie vor mit ihrer Waschschüssel, die sie durch Hinzuthun von weiterer Flüssigkeit bis an den Rand gefüllt.

»Bs–s–s–t! Bs–s–s–st!« riefen die Kanzleibeamten und als Herr Strammer neben das Piano hintrat, war es wieder ziemlich still im Salon und den angrenzenden Zimmern geworden; aber es war größtentheils nicht mehr die Stille eines aufmerksamen und erwartungsvollen Publikums, es war die Stille der Ermattung, der Verzweiflung.

Herr Strammer stand also da, die linke Hand auf die Hüfte gestützt, mit der rechten das Notenblatt zierlich zum Munde führend, und dann machte er den Versuch, der schönen Fräulein A. durch Zeichen an den Tag zu legen, daß er nur für sie allein lebe, athme, singe! – Leider aber schien Amalie Zwicker diese Zeichen besser zu verstehen, als diejenige, der sie galten. Jetzt schlug der begleitende Musiker die ersten Töne an und Herr Strammer begann. Es ist eigenthümlich, daß bei diesem Gesange das Auge größere Unterhaltung hatte, als das Ohr. Es war in der That höchst ergötzlich, anzusehen, wie der Sänger sein Notenblatt bald tief herabsenkte, bald hoch gegen das Herz erhob, dabei blickte er schmachtend gegen die Decke des Zimmers, öffnete und schloß die Augen, machte einen seltsam melancholischen Mund, und da dieser Mund, sowie das ganze Gesicht sehr breit war, die Stirne aber höchst niedrig, so sah der Kopf des Herrn Strammer dem eines Frosches nicht unähnlich, der seine Serenade in die dunstige Nachtluft hinaussingt; nur waren beide in der Farbe sehr verschieden, denn die unseres Sängers spielte schon nach den ersten Takten in's Röthliche und ging bei einem hohen Tone, der ausgehalten werden mußte, so entsetzlich in's Bläuliche, daß man jeden Augenblick einen Schlagfluß befürchten konnte. Von dem Gesange selbst ist wenig zu sagen; es war, als habe Herr Strammer einen eisernen Ring um den Hals, der sich bei jeder Anstrengung noch mehr verengte und jeden Ton einzeln zerdrückte und erstickte. Endlich waren seine Leiden zu Ende, man applaudirte und er trat ab. Dem Programm nach hätte er gleich darauf Kückens Lied singen sollen, doch hatte sich noch ein vielversprechender Baritonist gemeldet, eine viereckige Gestalt, mit einer gewaltigen Brust, mit der er kokettirte, und langem, straffem Haare, das er trotzig mit seinen fünf Fingern von der Stirne wegwarf. Er brüllte – den Mönch von Meyerbeer, und es war ein Glück, daß er sich hören ließ, denn seine gellende und krächzende Stimme erweckte die halb Eingenickten und schon Schlummernden in allen Zimmern.

Abermals Herr Strammer, – diesmal war sein Auftreten schmachtender, hingebender, auch zuversichtlicher. »Ach, wenn du wärst mein eigen,« lag seiner Stimme vortrefflich, und er hatte es bei sich zu Hause so lange einstudirt, bis es die Nachbarn überdrüssig waren und sein Hausherr ihm mit Aufkündigung gedroht. Jeder fühlende Leser wird begreifen, was es sagen will, vor einem geliebten Gegenstande singen zu dürfen:

»Ach, wenn du wärst mein eigen,
Wie lieb sollt'st du mir sein!«

In diese wenigen Worte und Töne kann man eine ganze Liebesgeschichte legen, und wenn ein weibliches Herz hierdurch nicht gerührt wird, so ist es gar nicht zu rühren.

Ach, wenn du wärst mein eigen,
Wie lieb sollt'st du mir sein,
Wie wollt ich tief im Herzen
Nur hegen dich allein. –

So sang Herr Strammer, und bei der letzten Strophe – »Nur hegen dich allein« – blickte er gegen die Zimmerdecke, um gleich darauf alle Glut seiner Blicke, ja seine ganze Seele auf den geliebten Gegenstand ausströmen zu lassen, der kaum vier Schritte vor ihm saß.

Und alle Wonn' und alles Glück
Mir schöpfen nur aus deinem Blick.

Leider aber schien der unglückliche Sänger weder Wonne noch Glück in diesem Augenblick aus dem Blick der Geliebten zu schöpfen. Fräulein A. hatte bei der Stelle

»Wie wollt ich tief im Herzen
Nur hegen dich allein,«

ihren Blumenstrauß fallen lassen und der unternehmende Kavallerieoffizier war mit einem zierlichen Schleifer auf den Blumenstrauß losgestürzt, hatte ihn ergriffen, und indem er ihn der Fräulein A. zurückgab, den Augenblick benutzt, um hinter den Stuhl derselben zu manövriren. Er gab den Blumenstrauß, sie nahm ihn lächelnd an, und als der unglückliche Strammer sang:

Und alle Wonn' und alles Glück
Mir schöpfen nur aus deinem Blick,

hob Fräulein A. ihr Köpfchen in die Höhe, der Kavallerieoffizier senkte sein Haupt herab, und der leise gelispelte Dank drang dem Sänger wie ein Dolchstoß in's Herz und zog ihm den eisernen Ring, von dem wir vorhin zu sprechen die Ehre hatten, so fest zusammen, daß, als er wieder ansetzte

Ach, wenn du wärst mein eigen,

seine Kehle gar keinen Ton mehr von sich gab, sondern er nur gurgelte und quackste, was auf Amalie Zwicker, deren gebrochenes Herz alles wohl verstanden, einen so fürchterlichen Eindruck machte, daß sie mit einem lauten Aufschrei in ihren Stuhl zurückfiel.

Herr Strammer hatte indessen seine Haltung gänzlich verloren. Er versuchte es noch einmal wieder anzufangen, aber er brachte keinen Ton aus der trockenen Kehle hervor, worauf er den besten Ausweg ergriff, sein Notenblatt sinken ließ, schnell sein Schnupftuch hervorholte, und indem er Nasenbluten affektirte, nicht ohne einen wahrhaft entsetzlichen Blick auf den Kavallerieoffizier davonstürzte.

Nasenbluten ist nichts Gefährliches, vielmehr nur eine Erleichterung, und die schien sich der ganzen Zuhörerschaft in diesem Augenblicke mitzutheilen, denn alle hofften, nach diesem Zwischenfalle würde das Concert zu Ende sein und ihnen die Polonaise geschenkt werden. – Vergebliche Hoffnung! – Fräulein Laura Zwicker, die ihre Schwester mit einem sanften Ellenbogenstoß wieder zu sich selbst gebracht hatte, schritt erbarmungslos auf das Piano zu, der Flötist Herr Wölfel legte die Noten auf und blieb zum Umwenden an ihrer Seite. Glücklicherweise hatte das Abstürzen des Herrn Strammer einige Aufregung, einiges Stuhlrücken verursacht, und dieses Geräusch den Herrn Volontär Schmelzing aus seinem Halbschlummer erweckt, in den er, gelehnt an die Porzellan-Etagère, versunken war. Jetzt blickte er auf, sah Laura am Klavier sitzen und hatte die Geistesgegenwart nicht nur freundlich zu lächeln, sondern seine Hände zu erheben und pantomimisch im Voraus zu applaudiren. Daß jetzt ringsumher tiefe Stille herrschte, dafür sorgten die Kanzleibeamten des Regierungsraths Zwicker. Laura spielte nicht übel, und Liszts Polonaise begann, würdig des schönen Werkes; aber ein tückischer Dämon schien sich nun einmal vorgenommen zu haben, das Familien-Concert zu keinem glänzenden Ende gelangen zu lassen. Schmelzing, das Ungeheuer, war nach den ersten Takten wieder sanft entschlummert. Laura, die häufig auf ihn blickte, mochte vielleicht sein geschlossenes Auge für ein inniges Genießen der Musik halten, denn daß sein Kopf keine auffallende Bewegung machen konnte, dafür sorgte die Porzellan-Etagère, an welcher er sich festlehnte.

Eine Stelle der Polonaise, wo die Finger sanft über die Tasten hingleiteten, piano pianissimo, hatte Laura meisterhaft vorgetragen und die Zuhörer fühlten sich wirklich erfrischt davon, – da, mit einemmale vernahm man einen tiefen, schnarrenden Ton, es war gerade, als wenn eine Säge von kräftiger Hand geführt, sich bemüht, durch ein astvolles, hartes Holz zu dringen. Entsetzlich, dieser Ton wiederholte sich zwei- und dreimal. Laura, die erschrocken aufblickte, fühlte, noch ehe sie sah, wer der Urheber dieser Unterbrechung sei. Ihr Auge irrte umsonst durch die Noten, ihre Hand zitterte, vergeblich taktirte Herr Wölfel mit Fuß und Hand, die unglückliche Spielerin war aus ihrer Bahn geworfen, wie Jammerrufe klang noch der Anschlag einzelner Tasten hie und da, dann warf Laura einen scheuen Blick ringsumher auf die Versammlung, und als sie bemerkte, wie die Umsitzenden bald sie, bald den Herrn Schmelzing anstarrten, nicht nur mit Erstaunen und Schrecken, sondern verschiedene auch mit höhnischem Lächeln, da preßte sie ihr Taschentuch vor die Augen und fing an zu weinen.

Hätte nur in diesem Augenblick der Kavallerieoffizier, der sich dicht neben Herrn Schmelzing befand, denselben nicht auf so unsanfte Art erweckt! Doch vielleicht in der guten Absicht, dies nicht auf auffallende Art zu thun, indem er ihn z. B. am Arm rüttelte, stieß er ihn mit dem Fuße an, aber leider so kräftig, daß Herr Schmelzing ausrutschte, niederstürzte und indem er sich an der schwachen Etagère zu halten versuchte, diese sammt den Porzellanfiguren auf den Boden niederschmetterte. Nachdem der Unglückliche bei dem ersten Versuche, sich wieder aufzurichten, noch einen Fenstervorhang herabriß, auch mehrere Damen auf die Füße trat, dabei eine furchtbare Verwirrung anrichtete, in welcher er sich ohne augenblicklich einen Ausweg finden zu können, wie ein Kreisel umherdrehte, fand er endlich mit Beihülfe des Kavallerieoffiziers die Thüre, stürzte in das hinterste Zimmer, dort wo es zur Schlafstube hineinging, in welcher sich die beiden kleinen Zwicker befanden. – Zerknirscht und beschämt, auch etwas betäubt von dem Falle, den er gethan, lehnte er sich mit dem Kopfe an die Thüre, und seine Gedanken beschäftigten sich eifrig damit, wie sein Paletot und Hut zu erlangen sei und wie es möglich zu machen, daß er nicht mehr in die Kanzleistube und vor das Angesicht des Regierungsraths Zwicker zu treten brauche. –

So fand ihn nach wenigen Minuten der Regierungsrath Zwicker, der ihm gefolgt. War dessen Gesicht schon vorher vom Zorne geröthet, so wurde dasselbe bei der Stellung, in der er Herrn Schmelzing traf, und die allerdings auch auf einen andern Zustand, als den der Verzweiflung gedeutet werden konnte, jetzt dunkelblau; seine Hände ballten sich ein wenig, und wer weiß, was geschehen wäre, hätte es Herr Zwicker nicht vortrefflich verstanden, sich zu bemeistern. So zuckte er einfach mit den Achseln und sagte ruhig und groß: »Herr, verlassen Sie mein Haus, Sie sind unverbesserlich und in einem unzurechnungsfähigen Zustand.«

Daß die Polonaise nicht zu Ende gespielt wurde, brauchen wir dem geneigten Leser wohl nicht zu sagen. Wenigen der Zuhörer war dies übrigens ein Kummer, denn das Familien-Concert hatte bis nach elf Uhr gedauert. Madame Zwicker, eine Frau von Takt und Einsicht, ließ übrigens die Verwirrung im Salon nicht überhand nehmen, vielmehr öffnete sie im entscheidenden Momente die Thüre des Zimmers neben der Küche, die am Anfang des Concerts geschlossen worden, und bald ging der angenehme Ruf von Mund zu Munde: Wenn es gefällig wäre – zum Souper. Mit wahrem Heroismus vermochte sie einstweilen zu überhören, daß von fern Lärm und Geschrei der beiden kleinen eingesperrten Buben zu ihren mütterlichen Ohren herüberklang. Nach längerem Spielen mit ihrer Waschschüssel sollte der See, den dieselbe vorstellte, in bewegtem Zustande dargestellt werden; diese Bewegung wurde aber zu heftig ausgeführt, die Schüssel fiel um, und das Wasser übergoß die Spieler und floß unter der Thüre durch in das letzte Gesellschaftszimmer. Erst nachdem die Ordnung am Tisch hergestellt, schlüpfte Madame Zwicker hinaus, um die Ursache des Lärms zu erkunden. Dann aber überließ sie einer in der Küche helfenden Frau das Wasser aufzutrocknen und die kleinen Unholde zu beruhigen, und nahm in ruhiger Größe ihren Platz am Tische ein.

Die meisten Gerichte des Soupers waren gut zubereitet, und da nichts so geeignet ist, eine augenblickliche Aufregung und Verstimmung zu beschwichtigen, wie ein gutes Essen, so fanden schon nach der ersten Schüssel die meisten, daß Abtheilung I. des Concertes glänzend gewesen, daß die Störung der Abtheilung II. höchst bedauerlich sei, daß man sich aber im Allgemeinen vortrefflich amusirt habe. An verschiedenen Torten und Punsch zum Schlusse fehlte es auch nicht, und so trennte man sich denn um Mitternacht ziemlich heiter und zufrieden, wobei ein alter Kanzleirath meinte, man müsse alles Angenehme in dieser elenden Welt mühsam erkaufen, aber wenn später noch ein gutes Souper folge, könne man sich die Qualen einer musikalischen Unterhaltung schon gefallen lassen.

Vier Personen aus der Gesellschaft aber waren und blieben während des größten Theils der darauf folgenden Nacht mißgestimmt und unglücklich. Davon fanden sich Herr Strammer und Herr Schmelzing noch im Kaffeehause zusammen, aßen und tranken viel, sprachen wenig, und als sie nach Hause gingen, begegneten sie dem Doctor A. und seinen beiden Töchtern, deren eine von dem glücklichen Kavallerie-Lieutenant geführt wurde. Vielleicht war es ein Glück, daß Herr Strammer in diesem Augenblick keine Waffen bei sich führte; wohl dachte er einige Augenblicke an Selbstmord, verwarf ihn aber hohnlachend und zähneknirschend als ein feiges Vergnügen. – Später noch gingen Amalie und Laura zu Bette; letztere sang dabei halblaut und klagend jene Stelle der Polonaise vor sich hin, jene schreckliche Stelle, bei welcher der Schnarcher des Herrn Schmelzing ihr Spiel und ihr Herz zerrissen. Amalie öffnete aber noch einen Fensterflügel, blickte in die Nacht hinaus, das Auge von Weinen getrübt, und lispelte still vor sich hin:

»Ach wenn – Trotz alle dem, was geschehen! – du wärst mein eigen, Wie lieb sollt'st du mir sein!« –

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