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Erlebtes. Erster Band

Friedrich Wilhelm Hackländer: Erlebtes. Erster Band - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorFriedrich Wilhelm Hackländer
titleErlebtes. Erster Band
publisherVerlag von Adolph Krabbe
seriesF. W. Hackländer's Werke
volumeFünfundzwanzigster Band
year1860
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071115
projectid3f5c9ed9
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Ein Geheimniß.

Erstes Kapitel

Handelt vom Herbstwetter, von der Unterhaltung nach einem guten Diner und erzählt, wie der Baron nahe daran war, gesteinigt zu werden.

Zu Anfang unserer kleinen, aber wie immer außerordentlich wahren Geschichte müssen wir dem geneigten Leser sagen, daß es spät im Herbste ist, so um die Mitte Oktober, jene Zeit, wo Berg und Haide, die den ganzen Sommer in einem einfachen, grünen Kleide prangten, nun noch vor dem Winter, ihrem Alter, anfangen recht kokett zu werden und sich mit den hübschesten und auffallendsten Farben zu schmücken. Die Natur weiß, daß bald ihre Anziehungskraft vorbei ist, und sie thut nun alles Mögliche, noch an sich zu fesseln. Gelb, Braun, Violet, Roth, Alles schimmert durch einander. Der Boden des Waldes ist mit schon vertrockneten Blättern bedeckt, einem bunten Teppich gleich; das Weinlaub zeigt ein gelbes Grün, die Blätter verschiedener Schlingpflanzen haben sich in Purpurroth verwandelt, und nur der Epheu ist sich gleich geblieben; er umrankt die grauen Mauern mit derselben Liebe, mit derselben Treue; er allein scheint nichts von dem herannahenden Winter zu fühlen, und nur hie und da, wenn der Wind allzu heftig über die Stoppeln jagt, bewegen sich die kleinen Blätter und zittern und seufzen. Ach, sie allein werden zurückgelassen, um im Winter zu frieren! Ja, es ist einer jener Herbsttage, die, wenn Morgens früh der Nebel in die Thäler hinab sinkt, noch frisch, warm und angenehm sein können, die aber, wenn das Sonnenlicht jene weißen dichten Massen nicht zu überwältigen vermag und sie nun langsam zum Himmel empor steigen, alles mit ihrem trüben Grau überziehen und alsdann zu einem jener langweiligen, frostigen Regenwetter werden, welche nie so empfindlich und unangenehm sind, als gerade um diese Zeit. Die Wolken hangen so dicht herab, daß man sie fast mit den Händen greifen kann; hier vor uns in einer einfachen trüben Farbe, dort weiter wie in langen grauen Schleiern, welche zuweilen von einem frostigen Winde emporgejagt werden, ohne etwas Angenehmeres, als ähnliche graue Schleier, hinter sich zu zeigen. Der Regen fällt schräge herab, und es sind recht kalte, unbehagliche Tropfen. Die armen Blätter schaudern zusammen, lassen erstarrt vor Kälte los und flattern zu Tausenden nieder auf den Boden. Feld und Wald haben nichts Anmuthiges mehr, und der Anblick der Straßen der Stadt ist auch nicht geeignet, ein trauriges Gemüth zu erheitern. Die Leute laufen umher mit rothen Händen und bläulichen Nasen, frierend und sehr schlechten Humors. In dieser Zwischenzeit hat man noch nicht die Winterkleider hervor gesucht; gestern war es noch zu warm für den dicken Paletot, heute ist es zu kalt für den dünnen, und doch ist man noch nicht durch Eis und Schnee in seine Wohnung eingeschlossen; man hat, auf das gute Wetter der letzten Tage vertrauend, sich vorgenommen, heute noch Manches zu besorgen, und rennt umher mit seinem Regenschirme. Man begegnet andern Regenschirmen, man stößt an sie hin und entschuldigt sich, man wird vom herabtropfenden Wasser bespritzt, man erkennt seine Freunde nicht, die gekommen sind, uns aufzusuchen, und da man so bei einander vorüber rennt, macht man manchen vergeblichen Gang. Und wenn es nun anfängt dunkel zu werden, wenn der Regen, wie um diese Zeit gewöhnlich, heftiger zu strömen beginnt, wenn die Gaslaternen dunkelroth in eine Nebelmasse glühen, dann rettet man sich so gern von dem feuchten Pflaster zwischen die schützenden Wände des Hauses in ein elegantes, behagliches Zimmer, in ein Gemach, in dem schon die Winterteppiche liegen, wo in einem kleinen, zierlichen Kamine leicht aufgeschichtetes Holz lustig flackert und knistert, und wo die Flamme desselben mehr eine moralische Sicherheit gegen die Kälte draußen ist, als daß sie das Zimmer, wie auch unnöthig wäre, übermäßig erwärmte.

Es ist ein kleiner, sechseckiger Salon, in dem wir uns befinden; er hat zwei Fenster und zwei Thüren, die ersteren mit schweren Vorhängen verhängt; von den letzteren ist eine geschlossen, und die andere soll es in diesem Augenblicke werden; denn ein Bedienter in einfacher Livree hat beide Flügel derselben erfaßt und scheint nur auf einen Befehl zu warten, den ihm ein junger Mann im nächsten Augenblicke geben wird.

Dieser junge Mann, der Herr des Hauses, hat sich mit dem linken Arme auf den Kamin gelegt, und trägt den rechten in einer Binde. Vor dem flackernden Feuer stehen drei niedere Sammtfauteuils; zwei sind mit anderen Herren besetzt, und ein vierter Herr stützt sich auf die Lehne des noch leeren Fauteuils, indem er den jungen Mann, der den Arm in der Binde trägt, forschend ansieht.

»Sobald meine Frau nach Hause zurückgekehrt ist, soll man es mir sagen.«

Der Bediente machte eine Verbeugung und schloß die Flügelthüren.

»Ich werde sie alsdann bitten, daß wir den Thee bei ihr nehmen dürfen.«

»Wofür wir dir und der Gräfin sehr dankbar sein werden,« entgegnete der Herr, der am Fauteuil stand.

»Dein Diner war vortrefflich,« sagte der augenscheinlich jüngste der Herren. »Und es ist auch zur Abwechslung angenehm, wieder einmal en garçon zu speisen.«

»Auch bringt es dich nicht aus deiner Gewohnheit,« versetzte lachend sein Nachbar.

»Ach, das kann ich gerade nicht sagen,« meinte der Andere, indem er mit seiner Uhrkette spielte. »Wenn der Chef verheirathet ist, so gehören die Gesandtschafts-Secretäre ebenfalls zur Familie.«

»Und da das bei dir der Fall ist,« fügte der Hausherr bei, »so sehnst du dich hie und da recht sehr nach einem Garçondiner.«

»Namentlich wenn die Dame des Hauses so unumschränkt und absolut regiert, wie Ihre Excellenz.«

»Ist es wahr,« fragte laut lachend der Vierte, »daß die kleinen Herrinnen des Hauses ihren Platz zwischen dir und dem Attaché haben, und daß die Frau Gesandtin sehr darauf steht, daß ihr Beiden ihnen keine Unarten durchgehen laßt?« »Man hat mir erzählt,« sagte der Nachbar des Diplomaten, »daß das Umbinden der Servietten der Reihe nach gehe.«

»Dafür sind aber die Diners auch recht kurz,« bemerkte der, welcher hinter dem Fauteuil stand, – »Hausmannskost, eine Suppe und zwei Platten. Wir kennen das.«

»Nun, wenn ihr es kennt, so laßt's gut sein. Sprechen wir von was Anderem!«

Die vier Herren, die sich hier in dem Zimmer befanden, waren, wie wir aus obigem Gespräche entnehmen können, genaue Bekannte, ja, gute Freunde. Der Hausherr, der den Arm in der Binde trug, Graf B., hatte zweien derselben, die eben von weiten Reisen heimgekehrt waren, dem Baron A. und dem Major v. S., ein kleines Diner veranstaltet, und den Gesandtschafts-Secretär, den wir als solchen bereits bezeichnet, dazu eingeladen.

»Nehmen wir Cigarren!« sprach der Hausherr, indem er eine Bewegung nach dem Kamin machte, wo mehrere Sorten des Feinsten, was die Havannah bietet, in eleganten Kistchen lagen. »Es plaudert sich besser, wenn man dazu raucht.«

Alle drei folgten dieser Aufforderung, und der Major, ein großer, kräftiger Mann, ziemlich hoch in den Dreißigen, mit einem schwarzen, wohlgepflegten Schnurrbart, ließ den Fauteuil, hinter dem er gestanden, eine halbe Wendung machen, und warf sich hinein.

Der Hausherr war eine schlanke, zierliche Gestalt, von eleganten und leichten Bewegungen; er hatte blondes Haar, einen eben solchen zierlich zugespitzten Bart, den er durch häufiges Drehen mit den Fingern in seiner horizontalen Lage zu erhalten suchte. Sein Gesicht war offen und ehrlich, namentlich die blauen Augen unter der hohen Stirn, und diese glänzten und zeigten dem aufmerksamen Beschauer, daß das Herz des Grafen ohne Falsch war, und daß man ihm unbedingt vertrauen dürfte. Das wußten auch alle seine Freunde, und deßhalb liebten sie ihn.

Der Graf B. war sehr reich und hatte vor ungefähr vier Monaten nach seiner Neigung geheirathet. Die Gräfin war ebenfalls schön, jung, von guter und reicher Familie; beide liebten sich zärtlich, mithin waren sie sehr glücklich.

Der Baron N. war der Aelteste der vier Freunde. Ein Mann an die Vierzig, hatte er ein bewegtes Leben geführt, lange und weite Reisen gemacht und kam eben mit dem Major aus England zurück, wo sie sich ein halbes Jahr aufgehalten, nachdem sie vorher im Orient zufällig sich getroffen.

Der Major war Adjutant des Königs und diente, da er gleichfalls ein großes Vermögen besaß, nur aus Anhänglichkeit an seinen Monarchen. Er war ein Mann von anerkanntem Muth, von einer großen Körperkraft, ein vortrefflicher Reiter, kurz, ein Offizier, mit allen den Eigenschaften versehen, die nöthig sind, um im Kriege eine große Karriere zu machen. Doch leider, für ihn herrschte der tiefste Frieden, und da er nun einmal nicht unthätig bleiben konnte, so hatte er, wie schon gesagt, große Reisen gemacht und während derselben Gefahren aller Art aufgesucht und glücklich bestanden.

»Ja, ja,« sagte Graf B., »jetzt sind wir wieder hier in dem Salon versammelt, wo so oft Pläne gemacht wurden, um das Entgegengesetzte auszuführen.«

»Das war namentlich bei dir der Fall,« entgegnete lachend der Major. »Hattest du nicht den Entschluß gefaßt, mit uns zu ziehen? Statt dessen aber siehst du die schönen Augen deiner Frau und bleibst an die Scholle gefesselt.«

»Die Wege des Schicksals sind sonderbar,« antwortete beistimmend der Graf; »denn ihr Beiden zieht hinaus, besteht Gefahren und Ungemach aller Art, und als ihr nun glücklich zurückkommt, gesund und unverletzt, findet ihr mich mit dem Arm in der Binde.«

Bei diesen letzten Worten war der Graf sehr ernst geworden und fuhr mit der linken Hand an seinen Schnurrbart, während er mit dem rechten Arm ungeduldig zuckte.

»Das sind Sachen,« meinte der Baron achselzuckend, »die Jedem von uns passiren können. Heute dir, morgen mir. Namentlich wenn man einmal verheirathet ist. Und ich bin noch froh, daß die Sache so ablief. – Hast du es dem Major erzählt?«

»Noch nicht – später,« antwortete zerstreut der Graf. – »Aber wie findet ihr meine Cigarren? Mögt ihr noch Havannah rauchen, da ihr wahrscheinlich durch vortreffliche Nargileh und den feinsten Latakia aus unendlich langen Pfeifen verwöhnt seid ...?«

»Was mich anbelangt,« versetzte der Major, »so war ich unendlich froh, wieder einmal eine vernünftige Cigarre zu bekommen. Und die hat man in England, theuer, aber gut.«

Der Graf richtete, ohne eine Antwort zu geben, die Augen forschend auf den Kamin und sagte, mehr zu sich selber, als zu den Anderen: »Meine Frau bleibt lange aus!« – Auch hätte ein sehr aufmerksamer Beobachter bemerken können, daß bei diesen Worten ein leichter Schatten über die sonst so offenen Züge des Grafen flog.

»Wohin ist die Gräfin?« fragte der Baron.

»Sie dinirt bei ihrer Mutter,« entgegnete der Graf.

»Ah, das müssen wir uns zum Vorwurfe machen,« warf der Legations-Secretär dazwischen. »Durch dein Garçondiner haben wir sie vertrieben. Ich bedaure das sehr. So gern ich, wie schon früher bemerkt, en garçon speise, so möchte ich doch in deinem Hause nie anders als ein Diner en famille machen.«

»Ich danke dir im Namen meiner Frau für dieses Kompliment,« erwiderte lächelnd der Graf. »Doch hat es dieselbe ganz und gar nicht gestört. Wenn sie nicht kommt, so müssen wir noch ein wenig warten, das heißt, wenn ihr gesonnen seid, der Gräfin einen guten Abend zu wünschen.« »Ich freue mich sehr darauf,« entgegnete der Baron. »Ich bin wirklich begierig, wie sich die kleine Eugenie von damals verändert hat – Gott! als ich sie zum letzten Male sah, das sind jetzt in der That zehn Jahre; ich bin alt geworden; – wo habe ich mich in der Zeit nicht umhergetrieben!«

»Und so viel Wunderbares gesehen!« sagte der Diplomat. »Baron, du solltest so artig sein und uns etwas aus deinen Erlebnissen Preis geben. Du bist ja kein Schriftsteller, der das Geheimniß seines nächsten Buches zu bewahren hat, und wir sind auch keine Männer von der Feder, die dir deine seltenen Abenteuer ablauschen, um sie hintennach als Erlebnisse zu erzählen.«

»Ja, Letzteres fürchte ich besonders,« antwortete lachend der Baron. »Da habe ich so einen Bekannten, einen kleinen, dicken Literaten, dem brauche ich nur das Geringste zu erzählen, und ich kann darauf schwören, es acht Tage nachher in irgend einer Zeitung zu lesen.«

»Scherz bei Seite!« nahm der Hausherr das Wort. »Aber erzähle uns irgend etwas, lieber Freund! Doch etwas aus deinen Erlebnissen, was dich persönlich angeht.«

»Was mich persönlich angeht?« fragte der Baron mit einem lächelnden Blick auf den Major. »Was meinst du?« sagte er zu diesem. »Soll ich ihnen etwas zum Besten geben, was uns Beide zusammen so genau betrifft? – etwa die Geschichte von Malta?«

Der Major lachte ebenfalls und entgegnete: »Meinetwegen! ich habe nichts dagegen; nur mußt du bei der Wahrheit bleiben.«

»O, unbesorgt!« fuhr der Baron fort. »Aber vor allen Dingen muß ich diesen beiden Freunden erklären, auf welch sonderbare Weise ich in Kairo mit dem theuren Major zusammen traf.«

»Ah, das wird sehr interessant für uns sein!«

»Für mich war der Moment auch sehr interessant,« antwortete lachend der Baron; »denn ich befand mich gerade im Begriffe, gesteinigt zu werden.«

»Läuft man denn heutigen Tages noch Gefahr, im Orient auf solche Art sein Leben zu verlieren?« fragte der Hausherr.

»Bah!« nahm der Diplomat das Wort, indem er die Füße weit von sich abstreckte und beide Hände in die Taschen seiner Beinkleider steckte; »da übertreibt der gute Baron schon zu Anfange seiner Erzählung. Wozu hätten wir alsdann unsere diplomatische Verbindung mit jenen Ländern, unsere Generalconsuln und Agenten? Was würden die in dem Falle thun?«

»Sie würden höchstens früh genug ankommen, um dich anständig begraben zu lassen,« sprach ernst der Baron, »wenn man dich überhaupt auffinden könnte. – Also hört mir zu; ich sage euch die reine Wahrheit. Aber ich bitte um festen und unwandelbaren Glauben.«

»Wir glauben!« versetzten die Drei.

Und der Baron begann.

»Die Aegyptier sind sehr anständige Leute. Man kann Alles thun in der guten Stadt Kairo, dieser phantastischen, merkwürdigen Stadt, welche ein berühmter Reisender das Paris des Orients genannt, obgleich andere ebenso berühmte Männer nicht dieser Ansicht sind. Genug, Kairo ist eine angenehme Stadt, wo man, allerdings für theures Geld, sehr gut leben kann, wenn es einem vergönnt ist, in einzelne Familienkreise zu dringen und angenehme Bekanntschaften zu machen. Das Absperrungssystem wird hier nicht so streng gehandhabt, wie in Konstantinopel. Man hat hier sehr gute Gasthöfe, man findet die besten Früchte der ganzen Welt; man hat den Nil zum Baden und dessen kühles Wasser zum Trinken. Es gibt hier keine Polizeistunde, und wenn man sich einmal eine Freinacht machen will, so kann man vermittelst guter Bekannter sich eine solche nach seiner Phantasie veranstalten lassen; da ist nämlich ein Ballet arabischer Tänzerinnen, das man bei sich aufführen läßt.«

»Ach ja!« sagte nachdenkend der Major.

»Doch das unter uns,« fuhr der Erzähler fort. »Es gibt in Kairo so gut wie gar keine Polizei, und deßhalb kann man so frei und ungehindert leben, wie man nur will. Doch hat das morgenländische Paris dafür auch seine Schattenseiten.«

»Eine Hauptschattenseite ist,« schaltete der Major ein, »daß überhaupt zu wenig Schatten da ist und man vor Hitze fast umkommt.«

»Das versteht sich von selbst. Aegypten im Sommer ist ein großer Brutofen, 36 Grad in den Häusern von Morgens Neun bis Abends Neun, und in der Nacht vielleicht 24 Grad. Das ist ein Zustand zum Verzweifeln. Aber ich wollte vorhin sagen, so duldsam der Aegyptier im Allgemeinen ist, so gibt es doch Stellen, wo die die fanatische Volksmasse außerordentlich sterblich ist – leicht berührt und leicht beleidigt. Ihr wißt, daß alljährlich an einem gewissen Tage von Kairo aus die große Pilger-Karawane nach Mekka abzieht, so an dreitausend Kameele und dabei eine entsprechende Anzahl von Starkgläubigen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, nach dem Grabe des Propheten zu wallfahrten und dort zu beten. Diese Karawane nun ist ein Gemisch von Pracht und Reichthum, von Elend und Armseligkeit. Den Glanzpunkt des ganzen Zuges aber bildet das berühmte Kameel, welches eine kostbare Abschrift des Korans trägt, die, mit einem unendlich reich gestickten grünen Teppich bedeckt, dem heiligen Grabe alljährlich zum Geschenke gemacht wird. Diesen berühmten Teppich hat der Vicekönig von Aegypten zu liefern, und wenige Tage vor dem Abmarsch der Karawane wird er in großem Cortege im allerfeierlichsten Aufzug von der Citadelle auf dem Mokkatam nach der großen Moschee gebracht, um dort bis zur Abreise aufbewahrt zu bleiben. Natürlicher Weise zieht dieser Zug Tausende und wieder Tausende der Einwohner Kairo's in jene Gassen zusammen, durch welche er kommen soll, und auch ich beschloß, mir irgend ein Plätzchen auszusuchen, um diesem merkwürdigen Getreibe zuzuschauen. Mit einem Engländer, der mit mir im gleichen Gasthofe wohnte, ritten wir auf kleinen Eseln nach jener Gegend der Stadt, jedoch, leichtsinniger Weise, ohne einen Kawassen mitzunehmen. Wir zogen so lange fort, als wir Platz hatten. Endlich aber, obgleich es noch früh war, wurde das Gedränge in den ohnehin engen Gassen so groß, daß wir abstiegen und uns vor einer kleinen Kaffeestube auf jene bekannten kleine Taborets niederließen, die ungefähr so aussehen und so groß sind, wie kleine Kinderstühle bei uns. Ich bin nun von ziemlicher Gestalt, wohlbeleibt, und Ihr könnt denken, wie ich mich hier ausnahm.«

»Und in deiner Kleidung!« sagte lachend der Major. »Der gute Baron war weiß von oben bis unten. Weiße Unaussprechliche, weißen Rock, weiße Handschuhe, weißen Hut, mit einem Tuche turbanartig umwunden, und dazu einen weißen Sonnenschirm.«

»Unser Platz,« fuhr der Erzähler fort, ohne auf die Spöttereien zu achten, »war von dem Engländer gewählt worden und recht passend. Zur Linken, woher der Zug kommen mußte, machte die Straße eine kleine Biegung, und uns gegenüber hatten wir ein großes Haus mit prächtigen vergoldeten Gittern, die aber alle geöffnet waren und eine Menge der schönsten Mädchengesichter zeigten.«

»Unverschleiert?« fragte neugierig der junge Diplomat.

»Ich muß gestehen, daß sie gegen den orientalischen Gebrauch ihre Schleier zuweilen sehr kokett auf die Seite schoben und uns dann ihr ganzes Gesicht zeigten. Es waren Augen darunter von erstaunlicher Größe, schwarz und Blitze werfend, Augen, die äußerst gefährlich waren.«

»Wir tranken unsern Kaffee und rauchten unsere Pfeife. Und als es eine Zeit lang so gedauert hatte, füllte sich die Straße immer mehr mit Menschen, so daß sich langsam und allmälig eine Reihe Zuschauer vor uns hinschob und uns jede Aussicht benahm. Neben uns war die Bude eines alten Türken, so eines von der ehemals festen, ja ehrwürdigen Race mit langem gutgepflegtem Bart, bunt-farbigem Turban und sehr wohlwollenden Gesichtszügen. Er winkte uns, näher zu kommen, und zwar mit dem bekannten orientalischen Zeichen, das einige Aehnlichkeit hat mit der Bewegung, als wolle man Jemanden die Augen auskratzen. Wir nahmen natürlicher Weise seine Einladung an, er überließ uns ein paar Kissen, auf die wir uns setzten, und schob zuerst mir, als Beweis seiner innigen Freundschaft, die eigene brennende Pfeife in den Mund. Es ist das eine Artigkeit, die man sehr schätzen muß, und bedeutet fast eben so viel, als wenn der Araber Brod und Salz mit einem theilt.

»Endlich kündigte sich der Zug in der Ferne durch einen wahren Höllenlärm an. Vielleicht sechszig bis achtzig junge Kerle von verschiedenen Regimentern mit kleinen und großen Trommeln, Triangeln, Becken, mehreren Schellbäumen bearbeiteten diese Instrumente mit all dem Feuer, welches Jugendkraft und fanatische Begeisterung hervorzubringen im Stande ist. Ein paar unglückselige Posaunen und Clarinetten konnten natürlicher Weise nicht zu Worte kommen und ergaben sich scheinbar stillschweigend in ihr Verhängniß. So rauschte, dröhnte, gellte und klirrte diese ächt türkische Musik immer näher und schien den Umstehenden außerordentlich wohl zu gefallen. Auch unser alter Türke wiegte den Kopf bald auf diese bald auf jene Seite und schmatzte, als genösse er etwas außerordentlich Gutes.

»Nun zog die Musik vorüber, und hinter ihr drein ergoß sich der ganze Zug, der das Kameel mit dem heiligen Teppich begleitete, in all seiner phantastischen orientalischen Wildheit – Kameele, Pferde, Esel, kostbare Thiere und schäbiges Zeug durcheinander, ebenso wie ihre Reiter. Dort ritt ein alter Emir, in grüne Lumpen gekleidet, neben ihm ein Mameluk im prächtigsten, reichsten Costüme. Ganze Schaaren von Derwischen zogen vorüber, Offiziere der ägyptischen Armee, ihnen folgten gewöhnliche Reiter und Infanterie, und die Menschenmasse war so groß, daß sich Alles wie ein brausender, buntfarbiger Strom scheinbar nur etwas vorüber schob. Es war keine Bewegung einzelner Figuren mehr, es war nur eine wirre Masse. Unmittelbar hinter dem Kameele kam eine Schaar von vielleicht tausend bis fünfzehnhundert halberwachsener Jungen – es waren aber Kerle von meiner Größe darunter – in langen weißen oder hellgelben schlottrigen und ziemlich schmierigen Kaftans, mit knabenhaften trotzigen Augen, die recht herausfordernd umschauten, weil sie die Ehre hatten, unmittelbar hinter dem alten Kameel laufen zu dürfen. Ich muß gestehen, daß ich nicht weiß, ob sie zu irgend einer ägyptischen Brüderschaft gehörten, oder ob es vielleicht die Gymnasiasten von Kairo waren; ich vermuthe das Letztere. Kaum war diese Rotte Korah vor unserem Fenster angekommen, so schienen wir, der Himmel mag wissen, weßhalb, ihre ungetheilte Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Sie blieben vor uns stehen, rissen ihre Mäuler auf, streckten die Zungen heraus und brachen dann in ägyptische Verwünschungen aus, die unübersehbar sind. Was sollten wir machen? Das Beste war – was wir thaten, – ruhig sitzen zu bleiben und sie schreien zu lassen. Aber es blieb nicht bei dem Schreien. Ein paar griffen in ihre Taschen, holten Zwiebeln und Orangen hervor und fingen an, uns damit zu bewerfen. So lange hatte unser alter guter Türke mit tiefer Verachtung lächelnd dem Treiben zugesehen, ja, er hatte sich vor sie hingestellt, um uns ihren Blicken zu entziehen. Aber vergebens! Wie der Tiger, wenn er Blut geschmeckt hat, so wurden diese Buben nach den ersten Würfen ganz des Teufels. Plötzlich sprang unser Wirth in die Höhe und ich muß gestehen, ich hatte noch nie aus eines Menschen Munde eine solche Fluth der gräßlichsten Flüche und Verwünschungen gehört, wie sie der alte Türke jetzt auf unsere Verfolger ergoß. Mittlerweile wurde die Kanonade heftiger, und zwischen die Orangen und Zwiebeln mischten sich schon harte Stücke Brod und Steine. Da riß unserem Hausherrn vollends die Geduld. Er nahm die große eiserne Stange, mit der er seinen Laden zu verschließen pflegte, sprang auf die Straße hinab und fing an, mit diesem improvisirten Schwerte zwischen die Reihen der jungen fanatischen Leute hineinzuhauen. Als er das aber that, wurden wir gänzlich blosgestellt, und ich erhielt einen heftigen Steinwurf an die Schulter. Wer weiß auch, wie die Sache geendigt hätte, wenn nicht die ungeheure Menschenmasse, die der heiligen Decke folgte, so unaufhaltsam von hinten vorgedrängt hätte, daß unsere Feinde nothwendigerweise weggeschoben wurden! Nur ein paar der ergrimmtesten lösten sich von dem Haufen ab und faßten in der Nähe unseres Hauses Posto. Darunter war Einer, ein langer, aufgeschossener blasser Schlingel, mit Augen wie eine Schlange.«

»Ah ha!« sagte lachend der Major.

»Dieser hatte sich auch unserem Hausherrn entgegen geworfen und ihm heftig in seinen langen grauen Bart gespuckt. Freilich bekam er dafür einen Tritt vor den Magen, der ihn wie eine Feder zusammen krümmte; aber er ging nicht vom Platze. Nun muß ich gestehen, auf diesen Kerl hatte ich eine ungeheure Malice. Ihn hoffte ich zu treffen, ihm Einiges heimzuzahlen.

»Bei allem dem saßen wir aber schön in der Klemme. Der ganze Zug mußte vielleicht in einer halben Stunde wieder hier vorbei kommen, und wenn sie uns dann noch fanden, so ging der Tanz von Neuem los. Auch wollten wir unseren guten Hauswirth nicht länger incommodiren, und da mittlerweile unsere Esel zurückkamen, so beschlossen wir, durch die unzählige Menschenmenge unseren Rückzug zu nehmen und uns dabei so gut wie möglich zu vertheidigen. Wir dankten für die genossene Gastfreundschaft, saßen auf und ritten davon, natürlich im langsamsten Schritt, denn die Menge stand dicht an einander gepreßt auf der Straße. Ich sah wohl, wie uns jener Kerl folgte, und war sehr auf meiner Hut. Einen elastischen Stock mit bleiernem Knopf hielt ich so drohend, daß wir unangefochten auf einen breiteren Platz kamen. Doch kaum wollten wir unsere Esel in einen kleinen Trab versetzen, als mein Gefährte, der Engländer, einen solchen Schlag auf den Kopf erhielt, daß ihm sein Hut über die Augen hineinfuhr. Natürlich wandte ich mich rückwärts; jener Kerl war dicht hinter uns, und ein Anderer sprang von der Seite her und faßte meinen Esel am Zügel. Dem Letzteren ließ ich aber meinen Stock so kräftig auf die Hand fallen, daß er heulend dieselbe los ließ, um mich jedoch gleich darauf mit der anderen wieder zu fassen. Wir saßen schön im Gedränge und konnten im nächsten Augenblick zu Boden geschlagen und zertreten sein. Da trabte ein Reiter quer über den Platz dahin, dem zwei Kawassen folgten. Mir schien anfänglich jener Reiter ein vornehmer Beduine zu sein, denn er trug einen prächtigen Burnus und ein goldgesticktes Kopftuch. Die drei Reiter kamen gerade auf uns zu, weßhalb die Menge einen Augenblick auf die Seite wich. Plötzlich sah ich, wie der Beduinen-Häuptling mit einem Satze seines Pferdes an meiner Seite war, und als ich mich umdrehte, hatte er jenen Kerl, der gerade einen Schlag nach mir führen wollte, am Halse gefaßt und zog ihn so gewaltig in die Höhe, daß er einen Schuh vom Boden zappelte.«

»Der brave Major!« sagte laut lachend der Hausherr. »Das war zur rechten Zeit gekommen.«

»Aber so konnte auch nur er komme»,« fuhr der Baron fort. »Nachdem er unseren Feind einen Augenblick hatte zappeln lassen, warf er ihn mit einer Handbewegung in den dicksten Haufen hinein, so daß er selbst zu Boden stürzend, Drei bis Vier mit sich niederriß.«

»Ja, ja,« nahm in diesem Augenblicke der Major das Wort, »es war schade, daß damit die Geschichte zu Ende war. Ich hätte mich auf eine kleine Rauferei unendlich gefreut. Wenn man so frisch aus der Wüste kommt, tagelang im Sattel, immer unter freiem Himmel, hier und da eine kleine Attaque auf einen Trupp Raub-Beduinen mitmacht, da jucken Einem die Finger. Es war, wie gesagt, schade, Baron, daß ich dich nicht ein Bischen tiefer im Gedränge fand. Aber sie stoben auseinander wie aufgeschreckte Hühner. Ich richtete mich in den Steigbügeln empor, sah mich ein paar Mal rings um – Alles umsonst; sie machten uns mehr Platz als wir brauchten. Und da nahmen wir denn die beiden Bekannten in die Mitte und zogen nach unserem Hotel.«

»Und so,« sagte der Baron, »traf ich mit dem Major in Kairo zusammen.«

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