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Erlebnisse eines Erdenbummlers

Adam Karrillon: Erlebnisse eines Erdenbummlers - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
authorAdam Karrillon
titleErlebnisse eines Erdenbummlers
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
year1923
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20081021
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Drei Jahre hinterm Donnersberg

Zunächst ging ich wieder zu meinem guten Vater. Da hatte ich festen Ankergrund für mein allzu leichtes Lebensschiff. Im Honoratiorenzimmer des Gasthauses »Zum Odenwald« traf ich aufs Sofa hingegossen einen Kollegen, namens Flottmann. Er vertrat den Doktor Willmann und war alles, was sein Name sagte: Burschikos, schneidig als alter Korpsstudent, eine forsche Erscheinung mit der Glasscherbe im Auge und einem tiefen Durchzieher über der linken Wange. Mit der Manila zwischen den Zähnen hätte man ihn für ein Herrenhausmitglied halten können, wenn nicht eine geschwätzige Naht auf der rechten Brustseite verraten hätte, daß der Rock gewendet war. Gleich mir suchte Flottmann eine Praxis aurea, und es dauerte nur wenig Tage, und beide waren wir auf der Reise dem Glück entgegen. Zunächst kamen wir nur bis Heidelberg. Mein Genosse hatte da alte Bekannte aufzusuchen und im Rausch des Wiedersehens vergaßen wir beide, daß wir eigentlich nach Kalw zu reisen die Absicht hatten, wo eine Armenarztstelle ausgeschrieben war. Da unser Geld schon nicht mehr recht bis an die württembergische Grenze reichen wollte, entschlossen wir uns, nach Rockenhausen im Alsenztale zu fahren, weil wir auf der Westfalenkneipe gehört hatten, daß alldort ein Arzt gestorben sei. Als wir in genanntem Orte ankamen, erfuhren wir von einem Schweinehändler, daß mit dem Tode des Ortsarztes eine Stelle frei geworden sei, auf der nicht einer, sondern zwanzig Ärzte ein Vermögen machen könnten so groß wie das der Rothschilds. Flottmann und ich waren beide dumm genug, um dem Aufschneider zu glauben, und vielleicht wären wir beide in dem Neste hängen geblieben, wenn der Corpsier nicht eine feinere Nase gehabt hätte als der Büchsier. Der Geruch des Dorfes gefiel dem feudalen Lehrerssohn von der Lüneburger Heide nicht. Auch sahen die windschiefen Holzhäuser der Straßen nicht so aus, als ob hinter ihren Kattunvorhängen die reichen Erbinnen zu träumen pflegten. Flottmann ließ mich also im ungeschmälerten Besitz der weitläufigen Gegend und ging nach Weinheim in die Nähe seiner vielgeliebten Westfalenkneipe. Sein dunkles Ahnen hatte ihn nicht betrogen. Er fand im »Pfälzer Hof« die ersehnte reiche Erbin in Gestalt einer Bremer Kaufmannstochter, ging rasch mit ihr zum Altare und fragte am nächsten Morgen, was die Welt koste. Da man ihm in dem kleinen Fabrikstädtchen für seine jetzige Lage zu wenig forderte, zog er bald darauf nach Wiesbaden, von da nach Berlin und dann wieder mehr südwärts nach Bad Ems an der Lahn. Wäre er nicht alldorten rechtzeitig noch gestorben, ich bin sicher, der Lord hätte von dem Bremer Kaufmannsgelde keinen Groschen vor die Himmelspforte gebracht, um St. Petrus, den Torschreiber Zions, bezahlen zu können.

Vielleicht hat Flottmann seine Lebensgeschichte selber geschrieben. Ich aber will zu der meinen zurückkehren. Ich blieb also in Rockenhausen hängen und mietete mich bei einem kleinen Brauer, namens Dietz, ein und zwar im zweiten Stock. Da im ersten eine stark besuchte Wirtschaft war, so konnte ich annehmen, daß mein kleines Doktorschildchen, vor dem der Messingring einer Nachtglocke sich schaukelte, meinen Namen rasch bekannt machen würde in der Gegend. Dem mag ja auch so gewesen sein, aber gleichwohl kam niemand, der nach meiner Hilfe begehrte. Es war zum Verzweifeln, wie ich als der Gefangene meines Berufes da saß und keine andere Abwechslung hatte, als die Faustschläge zählen zu dürfen, mit denen die Gebrüder Mahlo, ihres Zeichens Schweinehändler, ihre Trümpfe unten auf die Tischplatte pfefferten.

Meinen kleinen Hausherrn selbst mußte meine Verlassenheit gerührt haben, denn er besuchte mich eines Tages, um mir den Vorschlag zu machen, ich möchte mich doch, um das Geschäft in Gang zu bringen, nach Marienthal hinterm Berge da drüben begeben. Ein Freund von ihm habe dort eine besuchte Wirtschaft. Es könne nichts schaden, wenn ich im Münstertale drüben mich sehen ließe.

Es war ein Samstag Nachmittag; aber kein Besen kehrte die Gasse. Der grausame Winter des Jahres 1879 auf 80 hatte in einem späten Wutanfalle noch einmal das Land mit Schnee überschüttet. Diesem Umstand Rechnung tragend, suchte ich meine Reitstiefel hervor und wärmte sie hinterm Ofen. Auch meine Reithosen konnten vorläufig einmal wieder eine nützliche Verwendung finden. Kaum zehn Minuten brauchte ich zum Umkleiden, und schon befand ich mich auf dem Wege nach Marienthal. Je höher ich stieg, um so mühsamer wurde mein Weg. In einer engen Schlucht plagte ich mich auf einem Fußpfade ab, von dem nichts zu sehen war. Immer öder die Gegend. Immer tiefer der Schnee. Meine Stiefel waren hoch und doch, der weiße Flaum fand seinen Weg zu den Schäften hinein. Spur war nur soviel vorhanden, als zwei Menschenfüße treten konnten, die offenbar kurz vor mir her auf dem gleichen Wege sich abmühten.

Hätte ich nicht vielleicht den unsichtbaren Wanderer einholen können? Der Gedanke quälte mich, denn ich fühlte das Bedürfnis, mich mit einer Menschenseele ein wenig zu unterhalten. Da, als ich eben durch eine Hecke mich durchgearbeitet hatte, sah ich vor mir, dem Wäldchen schon ganz nahe, einen Mann, der auf dem Rücken ein umfangreiches Bündel trug. Bald hatte ich den Beladenen eingeholt, denn er war alt und hatte mit dem Schnaufen zu tun. Auf der Wasserscheide hatte er gar Halt gemacht, um sich auszuruhen.

»Was da drüben auf der Höhe liegt, ist wohl Ruppertsecken,« so redete ich den Müden an, »und die Häuser in der Mulde werden Marienthal vorstellen sollen?«

Der Mann nickte mir bejahend zu und nickte noch einmal, als ich sagte: »Ihr seid wohl müde?«

»Ja,« gab er jetzt als ersten Laut zurück, »Ihr könnt Euch denken, wenn man vom Glan bis hierher in dem Schnee gelaufen ist.«

»Und nichts gegessen hat,« fügte ich seiner Rede bei.

»Und nichts gegessen,« wiederholte er mechanisch.

»Das könnt ihr nachholen, wenn wir nur erst in Marienthal sind.«

»Ich hab zum Einkehren kein Geld. Ich bin ein armer Müllersknecht vom Lauterbach da hinten. Alle zwei Wochen hab ich einen freien Sonntag und den verlebe ich in Dannenfels da vornen bei den Meinen. Für's Wirtshausgehen da reicht's nicht.«

»Laßt das Bezahlen meine Sorge sein, tut mir nur den Gefallen und kommt mit,« entgegnete ich.

Der Mann sah mich mißtrauisch von der Seite an, schwieg und humpelte neben mir her den Berg hinab. Als wir ins Dorf kamen, streckte ein langer Eisenarm uns einen goldenen Stern entgegen.

»Da ist das Wirtshaus,« sagte mein Begleiter, »wenn Ihr einkehren wollt.«

»Ihr geht doch mit?«

»Ich? Wenn's sein muß und Ihr zahlen könnt,« und er warf abermals einen schier beleidigenden Blick auf mich und meinen Anzug. Als ich ihn nun am Ärmel faßte und an ihm zog, gab er nach und überschritt mit mir die Türschwelle.

Der Wirt stand vor seinem Ofen und wärmte sich den Hintern. »Viel verzehren die auch nicht,« dachte er. »Einen Schnaps vielleicht,« und er griff, um unseren Gruß zu erwidern, nur lässig mit der Hand nach seinem Stülpkäppchen.

Als ich nun aber eine Flasche Wein bestellte und Eier mit Schinken, kam Leben in seine hölzerne Figur und er fing an, zu knixen und zu dienern, und er hatte sich nach kurzer Frist zur Türe hinaus in die Küche hineingedienert. Nicht lange mehr und der Wein stand auf dem Tisch und neben ihm das Essen. Himmelwetter, wie da der Mühlknecht eingehauen hat! Bald war die Schüssel leer und der Wein war getrunken. Nur das Bezahlen blieb noch übrig. Ich wollte es erledigen und suchte nach meiner Hosentasche. Gefunden hab ich die auch. Was ich aber nicht fand, das war mein Portemonnaie. Kein Wunder, denn es stak noch in den Alltagshosen zu Rockenhausen. Was nun? Zum allerersten Male in dem Tal, in dem Dorf, im goldenen Stern! Eine flotte Zeche gemacht und nun kein Geld, um zu bezahlen! Höllenschrecken müssen nach und nach in mein Gesicht getreten sein, denn ich sah, wie der Mühlknecht bleichen Angesichts mit steigender Furcht von mir ab und der Tür entgegenrückte. Als der Sternwirt für einen kurzen Augenblick nur das Zimmer verließ, hatte mein Kostgänger seinen Sack und die Mütze ergriffen und war – hast du nicht gesehen – verschwunden. Herrgott, mir blieb nun die Aufgabe, mich mit dem Gasthalter auseinanderzusetzen und das Geständnis meiner Insolvenz abzulegen. Eine schwere Sache an einem Ort, wo niemand meinen Namen kannte, geschweige denn mein Soll und Haben auf der Landesbank.

Wie oft ich mich hinter den Ohren kratzte, bis ich den Mut hatte, dem Wirte meine Zahlungsunfähigkeit einzugestehen, das weiß ich nicht mehr. Erinnerlich ist mir nur noch, daß er ein sehr verwundertes Gesicht machte, da ich mich als der neue Doktor von Rockenhausen vorstellte. Ich glaube, er hatte mich für einen Zirkusdirektor gehalten. Einzig der Umstand, daß ich mich auf meinen Hausbesitzer Dietz berufen konnte, schien ihm einiges Vertrauen zu meiner Kreditwürdigkeit einzuimpfen, so zwar, daß er mich abziehen ließ, ohne meinen Rock als Pfand zurückzubehalten. Ich ging, als es schon einigermaßen zu dunkeln begann. Eine Laterne hatte ich nicht nötig, denn die Schamröte, die in meinem Gesichte stand, beleuchtete weit voraus wie eine Autolampe meinen Weg.

Sobald ich in Rockenhausen angekommen war, packte ich Briefmarken zusammen und schickte den Betrag umgehend an den goldenen Sternwirt nach Marienthal. Drei Jahre später hat mir der Menschenkenner einmal eingestanden, daß er mich für einen Zechpreller gehalten habe und den Mühlknecht für einen Mausfallenhändler. Die Briefmarken bot er mir bei der Gelegenheit zum Rückkaufe an, weil im Dorfe aufs Briefschreiben niemand eingerichtet sei.

Man wird nun wissen, wo ich hingeraten war und daß ich nicht in Arkadien wohnte. Um mir die Zeit zu vertreiben, wurde ich ein eifriger Zeitungsleser. Und da fand ich denn eines Tages eine Geschichte, die mich hoch aufmerken ließ.

In Freiburg hatte der Studiosus W. einen anderen Studenten im Duell erschossen. W. – der Buchstabe stimmte auf den Namen meines Freundes Weidig. Sollte er es also sein, dem das Unglück zugestoßen war? Ich wollte Gewißheit haben, setzte mich hin und schrieb einen Brief. Bald hatte ich die Rückantwort in der Hand. Es war so. Weidig hatte einen Studenten namens Belgard getötet. Die Veranlassung zum Duell war von Michel Venedey ausgegangen. Dieser selber hätte eigentlich als erster mit Weidig antreten sollen. Der Umstand, daß er im Examen stand, verschaffte ihm einen kleinen Ausstand, und Belgard wurde vorgeschoben.

Nach den Abmachungen der Kartellträger hätte Weidig neun Kugeln von drei Gegnern zu erwarten gehabt. Die alle neun abzuwarten hieß viel Geduld verlangen von einem, der nur wenig hatte. Mein erster Gedanke war, das Schicksal muß große Dinge mit dem Michel vorhaben, daß es ihn nicht vor Weidigs Pistole stellte. Wer den letzteren kannte, wußte, daß er schoß wie der beste von Ali Babas vierzig Räubern. Energisch, wie er war, und vor keiner Notwendigkeit zurückschreckend, hatte er denn auch mit dem ersten Schuß seinen ersten Gegner auf dem Kampfplatz niedergestreckt. Dann war er zur Bahn gegangen und hatte ein Billet nach Genf gelöst, wo sein Onkel Karl Vogt – der berühmte Affenvogt – einen Lehrstuhl an der Universität einnahm. Da die Schweiz wegen Zweikampfvergehen nicht ausliefert, war Weidig in Sicherheit. Er benutzte seine augenblickliche Muße und beendete in Genf seine Studien.

Während dieser Zeit hatten viele seiner Freunde, darunter ich selber, ihm des öfteren geschrieben, er möge nicht zeitlebens dem Vaterlande fernbleiben, sondern sich der deutschen Justiz zur Verfügung stellen. Nach der Ansicht der Rechtsverständigen konnte seine Strafe keine sehr hohe werden in Anbetracht der frivolen Provokation und der Schwere der Forderung. Sechs Monate Festungshaft, damit rechnete man. Dann aber war Weidig wieder auf freiem Fuß und konnte in Deutschland machen, was er wollte.

Nach einigem Hin und Her stellte sich Weidig dem Gerichte in Freiburg. Aber die Strafe fiel schwerer aus, als man vermutet hatte.

Das Schwurgericht erkannte auf zwei und ein halbes Jahr Festungshaft, die der Duellant in Rastatt abzusitzen hatte. Das war lang. Aber Weidig war in den Händen der Justiz und mußte sich fügen. Um ihm Mut zuzusprechen, habe ich ihn einmal besucht. Ein Amtsrichter, bei dem ich um die Erlaubnis nachsuchen mußte, begleitete mich in liebenswürdiger Weise durch weitläufige Gänge und vernachlässigte Zimmer über zerfallende Balkone des alten Schlosses hinweg bis zu einem Flügel, in dem die Festungsgefangenen untergebracht waren. Nach langem Wandern war endlich eine Tür erreicht, die mit einem schweren Riegel versperrt war.

Der Richter schloß auf und nötigte mich in einen schmalen Korridor hinein. Mit dem Finger deutete er an einer Flucht von Stuben hinunter, indem er sagte: »Hier auf Nummer neun haust Doktor Weidig. Ich muß Sie leider zu ihm einsperren. Wenn Sie aber wieder befreit sein wollen, dann klingeln Sie nur, und der Gefangenwärter wird Sie herauslassen.«

Ich war allein in einem unermeßlich langen, entsetzlich schmalen und unausstehlich hohen Gang. Um sich Zellen für die Einzelgefangenen zu verschaffen, hatte man in brutaler Weise die alten Prunkräume mit kahlen Backsteinmauern durchschnitten und nur der Rokokostuck der Decken und die Halbsäulen zwischen den hohen Fenstern erinnerten an die entschwundene Herrlichkeit.

Menschen können herunterkommen, und sie bleiben doch immer noch Menschen, wenn aber Fürstenschlösser in Verfall geraten, dann sehen sie sich selber nicht mehr ähnlich. Sie sind nur noch das Mene tekel upharsin einer verschwundenen Herrlichkeit.

Angst und bange ist mir geworden vor dieser Flucht armseliger Pförtchen, die in der kahlen Backsteinmauer ausgespart waren und eine elende Nummer trugen, damit nicht etwa ein frisch gewaschener Hemdenkragen an einen falschen Verbrecherhals geraten konnte. Hätte es für mich noch ein Zurück gegeben, ich wäre geflohen ins Freie hinaus und den nahen Bergen entgegen, die mit ihren schwarzen Gipfeln so frei, so ungebunden nach den ziehenden Wolken haschten. Aber ich war ja eingeschlossen, abgeriegelt wie mein Freund da drinnen hinter der Brettertür, auf der die Nummer neun mit weißen Pinselstrichen aufgemalt war.

Ein gurgelndes Geräusch drang an mein Ohr, als ob sich in weiter Ferne einer die Zähne putzte, und ich hörte ein hohles Husten wie aus einem Grabe heraus. Waren's die Geister Abgestorbener, die sich hier in der Wiedergabe menschlicher Laute noch einmal versuchten? Ich hielt's nicht mehr aus. ›Durch die Tür oder zum Fenster hinaus‹ war meine Losung. Hat einer der Strafrichter, die in jeder Saison so ein paar hundert Jahre Gefängnis verhängen, selber einmal auch nur sechzig Minuten lang hinter verschlossenen Türen gestanden?

Eine Wut wollte mich packen. Da klopfte ich mit dem Finger an die Tür, und eine Stimme rief von innen heraus: »Eintreten!« Es war Weidigs Stimme. Er hatte vielleicht den Wärter erwartet mit dem irdenen Geschirr, darinnen seine Suppe war. Als er meiner ansichtig wurde, sagte er trocken: »Du bist's, Karrillon? Gleich will ich nach der Küche melden, daß sie eine Portion Saubohnen – aber halt einmal, ist's nicht ein Donnerstag heute? – ja, es ist einer, dann also Saubohnen heraufschicken. Du mußt nämlich wissen, daß wir hier mit unseren Mägen an die Wochentage angegliedert sind, so zwar, daß es wie beim Rübenernten keine Ausnahmen gibt. Was auf dem Felde steht, muß in den Keller. Du bist doch auf Saubohnen eingestellt mit deinen Eingeweiden?«

»Wie ein Hausknechtshinterer auf die Fußtritte.«

»Gut dann, wir speisen also zusammen. Aber was sagst du dazu, daß ich hier sitze, und der Venedey läuft lebend herum, er, dem meine Kugel zugedacht war und der sie auch reichlich verdient hatte. Glaubst du etwa noch, daß ein vernünftiger Wille die Welt regiere?«

»Du wirst doch nicht in deiner Klause hier zum Philosophen werden wollen?«

»Ich will es nicht, aber ich muß es werden, wenn ich bedenke, wie mir das Leben schon mitgespielt hat. Weißt du, daß meine Eltern eines Morgens tot im Bette lagen, während man mich kleinen Bengel gesund und munter aus der Wiege hob?«

»Ich hörte mal von einer Gasvergiftung so was läuten, aber sag', wer hat dich dann erzogen?«

»Ein Onkel von mir mitten unter dem Schwarzwild des Vogelsberges. Er war Förster, und von ihm hab' ich das Schießen gelernt. Siehst du dort die Wanze auf meinem Kopfkissen? Paß auf, sie lebt keine Sekunde mehr.« Er griff nach einem kleinen Taschenrevolver, zielte, und wo die Wanze gesessen hatte, war ein linsengroßes Loch im Kissenüberzug.

»Du hast deinem Onkel nicht wenig zu verdanken,« bemerkte ich.

»Auch den Umstand, daß ich heute ein bettelarmer Teufel bin.«

»Ich denke, du hattest ein bedeutendes Vermögen.«

»Als der Äneas im Plusquamperfekt sprach, hatte er Troja verloren. Um dem Staat meinen Bettel nicht in die Hände fallen zu lassen, hatte ich vor der Pistolenmensur durch eine notarielle Schenkung meinem Onkel mein Vermögen zugewiesen in der Meinung, ich würde es von ihm eines Tages zurückerhalten.«

»Und der hat den Schlechten gemacht und dich um das Deine betrogen?«

»Nicht zu vorschnell. Mit seinem Willen bin ich um keinen Pfennig gekommen. Der Tod war's, der mich beschummelte, indem er meinen Onkel hinwegraffte.«

»Wenn ich verstehen soll, wie du das meinst, so mußt du dich deutlicher ausdrücken.«

»So höre denn nur: Mein Onkel hatte sich sein Lebenlang mit einer Haushälterin beholfen. Mag sein, daß die Person ihm viel Liebes erwiesen hat. So kam's, daß er sie als die Universalerbin seines Nachlasses letztwillig schon vor Jahren bestimmt hatte.«

»Nun fallen mir die Schuppen von den Augen. Deine Schenkung war zum Vermögen des Onkels hinzugekommen und wurde der Haushälterin als Eigentum zuerkannt. Formaliter war die Sache korrekt und die Richter sagten Amen und klecksten ein Siegel unter das Protokoll.«

»Gut, du begreifst jetzt, daß ich als armer Teufel eines Tages diese Knallhütte verlasse?«

»Was heißt das: ›Armer Teufel‹. Du hast deine Arbeitskraft und deinen Doktor der Chemie.«

»Und meinen Revolver da.«

»Ich denke, du hast genug geschossen?«

»Wer kann's wissen? ›Immer bereit stehn,‹ ist meine Devise. Hast du übrigens nicht auch ein solches Schießeisen in der Tasche oder im Schreibtisch wenigstens? Du bist als Burschenschafter zur unbedingten Satisfaktion verpflichtet. Was willst du machen, wenn du gefordert wirst?«

»Ich werde mich zum Duell stellen, aber ich kann ja vorbeischießen.«

»Welcher Schütze ist sicher, daß er nicht aus Versehen einen Hasen trifft?«

»Du meinst, man müsse nicht nur die Waffe besitzen, sondern sie auch zu gebrauchen verstehn. Ich will deiner Ansicht nicht widersprechen, allein mir graust es vor den Schießgewehren. Denke dir nur, ein Zufall hat mich davor bewahrt, einen Menschen niederzuknallen.«

»Ich bin begierig, dein gefährliches Erlebnis zu erfahren.«

»Ich war noch Gymnasiast und eben in den Osterferien nach Hause gekommen. Als ich die erste Nacht durchgeschlafen hatte, sah ich im Zimmer die Koffer meines Bruders Karl stehen. Er war aus Amerika zugereist, um seine Heimat wiederzusehen. Du kannst dir denken, daß ich neugierig war und gern gewußt hätte, welche Schätze in den Koffern waren. Ich fing also an zu kramen und nestelte unter den Wäschestücken einen Revolver hervor. Es war ein vierläufiger Militärrevolver, dessen Hahn sich beim Aufziehen drehte und nacheinander in die vier Röhren schlug. Mit großem Interesse musterte ich das Ding. Es kam mir harmlos vor und weil die Läufe hinten mit Kupferblättchen geschlossen waren, so hielt ich die Waffe für nicht geladen. Zufällig trat unser Dienstmädchen ins Zimmer. ›Soll ich dich totschießen?‹ drohte ich scherzhaft und drückte los. ›Knack,‹ sagte der Revolver.

»Ehe ich zum zweiten Male aufziehen konnte, trat mit verstörten Zügen mein Bruder ins Zimmer.

›Was machst du da?‹ fragte er.

›Ich hab' des Spaßes wegen auf die da einmal angelegt.‹

›Ein schöner Spaß,‹sagte mein Bruder, nahm mir die Waffe aus der Hand und schüttelte vor meinen Augen die vier Patronen heraus. Ein Lauf war's, der versagte, und in den hatte zum Glücke der Hahn geschlagen. Ich stand wie versteinert.«

»Und bist seither den Schußwaffen ausgewichen?« bemerkte Weidig mit leisem Spott.

»Ja, und ich habe einen Revolver nicht mehr angerührt, sogar den nicht, den ich bei einem Preiskegeln einmal gewonnen hatte. Er blieb auf dem Tische liegen und ist die Beute eines anderen Spielers geworden.«

»Du hättest ihn nehmen sollen. Man kann nie wissen, ob man nicht einmal auf sich selber schießen muß. Ich will dir etwas anvertrauen, Karrillon. Zwei und ein halbes Jahr werde ich in dem Loche da nicht bleiben. Sobald sich Gelegenheit bietet, reiße ich aus und verschwinde übers große Wasser hinüber. Komme ich in der Neuen Welt empor, gut, dann ist es recht, sinke ich aber, so soll dies Schießeisen mein letzter Helfer sein«.

Wir brachen ab in der traurigen Unterhaltung, denn der Beschließer hatte die Saubohnen gebracht. Sie schmeckten mit einem Stückchen Schweinespeck zusammen nicht übel. Mir aber war der Aufenthalt in dem hohen, schmalen Käfig mit seinem vergitterten Fenster unerträglich. Welch niederträchtiges Gefühl ist es doch, eingesperrt zu sein. Mit wahrem Heißhunger nach Luft sehnte ich die Stunde herbei, wo ich zur Bahn mußte, und doch, ich durfte den armen Gefangenen meine Sehnsucht nicht merken lassen.

Endlich war's fünf Uhr des Abends, die Schlüssel des Kerkerwärters klirrten, und ich wurde erlöst. Ein Schnellzug nahm mich auf und führte mich nach Rockenhausen zurück mitsamt meinem Reiseköfferchen und dem Vorsatz, daß ich mit meinem Lose zufrieden sein wolle, solange ich noch im Freien wohnen dürfe. Ich gewöhnte mich an den Gedanken, daß ich ein Bauerndoktor bleiben müsse, und richtete mich danach ein.

Im Oktober 1880 hatte ich Hochzeit gemacht und war von Worms aus mit meiner Frau nach Köln gefahren, um der Domeinweihung beizuwohnen. Welch einen Unsinn hatte ich damit doch gleich in den ersten Tagen meiner Ehe gemacht! Da wir weder zu den hohen noch höchsten Herrschaften gehörten, mußten wir uns wie Treibholz auf dem Wildbach des zusammengeströmten Volkes herumschieben und -stoßen lassen. Nirgends war für uns Platz. Strecken half auch nicht immer, wenn wir etwas sehen wollten. Um wenigstens meiner Frau den Anblick des Festzuges zu ermöglichen, hatten wir einen zerlumpten Lazzaroni gemietet, der unseren Lederkoffer trug. Sobald nun irgendein Hoch aus den Gassen ertönte und anzeigte, daß eine prominente Persönlichkeit nahe, wurde meine Frau auf den Koffer gehoben. So genoß ich durch die Augen derselben den Anblick des alten Kaisers, Bismarcks, Moltkes usw. und nebenbei mit der eigenen Nase die Gerüche alter Kleider und trangeschmierter Stiefel aus der Eifelgegend.

Doch der Abend brachte eine neue Überraschung. Unser Trio hatte sich auf dem Domplatz neben einer Tribünenwand aufgepflanzt, meine Frau wie immer auf dem Koffer. Die Beleuchtung begann nach Sonnenuntergang, und der herrliche Bau erstrahlte einige Minuten lang in fabelhafter Pracht. Dann aber wälzten sich rote und grüne Rauchwolken von den Strebepfeilern weg und über das tausendköpfige, dichtgekeilte Publikum hin. Im Nu begann ein Husten, wie es außer den damaligen Festteilnehmern gewiß noch kein Mensch gehört hat. Fügt hundert Schafställe aneinander und gebt jedem der armen Wolleträger die Lungenpest, die Husterei wird nur das Andante jener sein, die damals auf dem Kölner Domplatz einsetzte.

Und zu dem Husten gesellte sich ein panischer Schrecken vor dem Erstickungstod. Alles, ob arm, ob reich, ob groß, ob klein, ob dick, ob dünn suchte von dem Domplatz wegzukommen. Ein wüstes Gedränge nach den Seitenstraßen setzte ein. Wehe dem, der unter die Füße geriet!

Unser armer Kofferträger war gefallen und wollte sich eben wieder aufrichten, als sich die Lawine eines Schweineschlächters über ihn wälzte und ihm unter Faustschlägen zurief: »Nu mußt du auch noch dastehn mit dinen Balken.« Als ob der arme Teufel allein schuld gewesen wäre an all der Drangsal, die sich hier angehäuft hatte!

In der Nacht irrten wir Neuvermählten unterstandslos von Wirtshaus zu Wirtshaus und jedes von uns beiden nahm sich heimlich vor, die nächste Hochzeitsreise sicher nicht nach Köln zu einer Domeinweihung zu machen. Wir fuhren heim und bald lag unser Hochzeitskahn verankert am Alsenzufer.

Meine Praxis hatte sich inzwischen gemacht. Ich hatte mir ein Pferd angeschafft. Der Sommer war hingegangen, der Winter wieder ins Land gezogen, und er brachte mir das fröhlichste Weihnachtsfest, das ich je erlebt habe.

Unsere Hausfrau war zu uns in den zweiten Stock gekommen und hatte uns, da wir noch keine Kinder hatten, gebeten, am Weihnachtsabend ihre Gäste zu sein. Ich sagte zu und erbot mich noch, ihr behilflich zu sein, wenn sie den Christbaum herausputze. Die Weihnachtsnähe brachte Arbeit in jedes Haus, in unseres mehr, als bewältigt werden konnte. Herr Dietz hatte ein Doppelbier gebraut, und das kam mit Bockwürsteln vergesellschaftet am Bescherabend zum Ausschank. Ach Gott, wie sah's in unserm Hausgang aus! Jedermann hatte außer seinem Durst noch einen Haufen Schnee mitgebracht, den er vor dem Türpfosten von den Stiefeln klopfte. Teilweise hielt er sich als Klumpen und teilweise war er zu Wasser geworden, das beim Lampenglanze mit spiegelndem Scheine über die Sandsteinplatten sickerte. Wenn die Tür sich öffnete, sah man den kleinen Herrn Dietz in der Einschenke stehen, wie er die schäumenden Maßkrüge übers Büffet hob und das Geld der Kellnerin in Empfang nahm. Aus einem Dunstloch drang ein übler Kanasterrauch auf den Gang und vermählte sich mit dem Knoblauchdunst der Würste, der aus der Küche kroch, als ich die Treppe heruntergeschritten kam.

»Fleißig, Herr Dietz?« rief ich in die Wirtsstube hinein und wollte ins Nebenzimmer, als ich mich von meines Hausherrn sieben Kindern, einem halben Dutzend Buben und einem Mädel umdrängt sah. Sie wälzten sich im Gang herum, und ihr Dasein schien nur den Zweck zu haben, daß sie mit ihren Kleidern die Nässe aufwischten, die durch den schmelzenden Schnee entstanden war.

»Das Christkind wird euch nichts bringen, wenn ihr euch nicht besser aufführt,« rief ich ihnen zu. Sie achteten meiner Rede nicht, drängten sich aber an meine Beine und suchten mit mir ins verschlossene Innere der Nebenstube zu dringen. Auf mein Rufen öffnete sich die Tür zu einem kleinen Spalt, und es erschien ein Handbesen, der den Kindern so energisch auf den Köpfen herumwirbelte, daß sie bestürzt in die Hausgangecken zurückwichen. Nun hatte ich freie Passage und trat ein. Ich fand meine Hauswirtin auf einem Schemel stehend, wie sie die kleinen Wachskerzchen an einem Tannenbäumchen festklebte und half ihr bei dem Geschäfte. Während wir uns abmühten, alles recht und ordentlich zu machen, wurde der Kinderspektakel auf dem Hausgang größer und größer. »Mama,« hörte man lamentieren, »mich hat der Otto ins Bein gepetzt.« »Der Rudolf hat mir in die Nas gebissen.« »Und die Luise hat mein Ohr gezaust.« »Ach Gott, Mama, dem Franz hängt am heiligen Abend der Hintere aus der Hose heraus.«

Frau Dietz, die seither nur stumm den Kopf geschüttelt hatte, fing nun an zu jammern: »Nein, wie ich mich schäme und vorm Herrn Doktor gar. Bösere Kinder kann kein Mensch haben, als unsere sind. Ei Otto, ei Rudolf, ei Konrädel, wollt ihr denn ruhig sein! Gewiß, euch bringt das Christkind nichts, wenn es hört, wie ihr euch aufführt.« Ein kleine Pause war wohl ob dieser Rede eingetreten. Dann aber ging draußen das Geschiebe von neuem los. Die Kinder mußten sich zu einem Klumpen ineinander verstrickt haben. Man hörte ein verschwommenes Stimmengewirr und ab und zu ein dumpfes Aufschlagen, wenn das Konglomerat wider die Stiege fiel oder die Nebentür. Frau Dietz hatte gerade einen Pantoffel in der Hand, rannte vor und ließ ihn durch die Türspalte hindurch auf den Schädeln ihrer Nachkommenschaft herumtanzen.

»Au, au!« klang es von dem Vorplatz her und dann konnte die Keilerei ihren Fortgang nehmen.

Der Rauschgoldengel war auf der Spitze des Bäumchens angebracht, und ein Schellchen bimmelte mit magerem Klang.

»Kommt's jetzt!«

»Ist das Christkind da?« erschallte ein vielstimmiger Kinderchor vom Gange her und dazwischen hinein in die Sphärenharmonie das: »Mama, der Lorenz hat mir ins Gesicht gespuckt.«

Wieder wollte das bewegliche Klagen meiner Hausfrau über ihre muntere Nachkommenschaft anheben, als ich sagte: »Aber Frau Dietz, wir sind ja nun soweit fertig. Die Geschenke sind aufgestellt, und ich meine, wir dürfen die Kinder nicht länger hinhalten,« und ich rührte eigenmächtig die Schelle.

Alle Wetter, wie's nun aber da an der Stubentür lebendig wurde. Ein Schlagen, Kratzen, Treten gegen die Füllungen hub zu gleicher Zeit an. Dies Gedränge wurde lebensgefährlich, und als die gute Mutter die Tür aufsperrte, so fehlte wenig, und sie wäre von ihren Sprößlingen über den Haufen gerannt worden. Ich selber rettete mich eben noch aufs Kanapee hinauf, als das Rudel der gierigen Wölfe heranstürmte. Im Nu war der kleine Tisch mit seinem Tannenbäumchen umringt, und es begann ein wütendes Kämpfen um die einzelnen Beutestücke.

Was Konrad am Kopf gefaßt hatte, hielt Lorenz am Hinterteile fest, bis die Baumwollbibermenagerie ihre Sägmehleingeweide über Lebkuchen und Buttergebackenes verstreut hatte.

Die Mutter war machtlos geworden. Verzweiflungsvoll sah ich sie die Hände ringen, während ich mir vor Lachen nicht zu helfen wußte.

So trieben denn die Dinge, da niemand eingriff, der Katastrophe uferlos entgegen. Die Kinder hingen wie ein Weißdornhag ineinander. Es gab nur noch eine Massenbewegung der sieben Körper und die war ausgiebig genug, um Tischchen, Christbaum und Kinder alles auf einen Haufen zu legen.

Nun konnte ich nicht länger meine wohlwollende Neutralität bewahren. Sollte nicht Europa in Flammen aufgehen, so mußte ich vom Sofa herunter und löschend zwischen die brennenden Wachslichter hinein.

Während ich dies tat, war Frau Dietz in die Wirtsstube geeilt und hatte ihren Mann zu Hilfe gerufen. Das kleine, verwachsene, aber energische Männchen erschien wie Jupiter, nur anstatt des Blitzebündels mit Bierschläuchen in der Hand. Und nun ging es, einerlei wo es beim einzelnen hintraf, Schlag um Schlag auf das Bündel Menschenleiber herunter. Aber da waren dem Klumpen nun plötzlich viele Beine gewachsen. Es fing an zu krabbeln und, hast du nicht gesehen, in der Zeit von einer halben Sekunde war die ganze Dietzsche Deszendenz unter die elterlichen Betten verkrochen. Als der Hausherr nichts mehr vor sich sah, worauf er hätte niederhauen können, verschwand er zu seinen Bockwürsteln hinüber, während seine Gattin im Scheine der pendelnden Hängelampe stand und sich von ihrem Schrecken langsam erholte.

Inzwischen waren am Rande der Bettstellen, wie zu einem Eierstab geschnitten, Kopf an Kopf erschienen. Vorsichtig und verschüchtert um sich blickende Augen sondierten, ob die Luft rein sei. Als dies so schien, kamen Schultern nach, und zu guter Letzt standen alle Kinder wie die sieben Arme der Schabbeslampe vor der Mutter. Diese hielt nun ihrem Nachwuchs eine gepfefferte Weihnachtsrede, an deren Schluß sie den Sündern erklärte, daß sie samt und sonders vom Mitgenuß der Abendmahlzeit ausgeschlossen seien. Dieses Gottesurteil nahmen die Kleinen mit Resignation hin. Sie konnten ohne Atzung bleiben, denn was von den verkrümelten Lebkuchen und dem Buttergebackenen noch zwischen ihren Fingern hing, konnte für eine vollwertige Mahlzeit gelten. Die Wirtin, meine Frau und ich hatten uns einstweilen um ein Hasenragout gesetzt. Obwohl es mir gut schmeckte, sah ich doch fortwährend über den Teller hinweg nach den Kindern. Sie hatten sich um den Ofen herum in einem Kreise niedergelassen und waren eifrig damit beschäftigt, das wieder ganz zu machen, was sie vorher zusammengerissen hatten. Da mußte ein Rad an einem Wägelchen repariert, einem Pferde der Schwanz angepappt, einem Hanswurst aufs neue der Bauch mit Seegras gefüllt werden. Bei all diesen Werken christlicher Nächstenliebe halfen sie einträchtiglich zusammen. Sie waren beschäftigt, befriedigt und überselig am Weihnachtsabend.

Als ich später mit meiner Frau im zweiten Stock allein war, legte ich dieser die Frage vor, ob es denn nicht besser wäre, wenn die Eltern ihren Kindern die Spielsachen von vornherein im zerbrochenen Zustand überreichten.

Die Gattin mochte von meinen Ansichten nichts wissen. Ich aber legte mich zu Bett mit dem Bewußtsein, daß ich nie einen schöneren Christabend erlebt hatte wie diesen.

Am ersten Weihnachtstage lag Schnee, und zwar lag er meterhoch an Stellen, wo ihn der Wind zusammengeweht hatte. Ich war nach Schönborn gerufen worden und hatte meine liebe Not, mich mit meinem Pferde auf die steile Höhe hinaufzuarbeiten, auf der dies Nest lag. Als ich gegen Abend mein Rößlein schweißtriefend nach dem Stalle zog, meinte mein Hausherr:

»Sie sollten einen Schlitten haben.«

Gewiß sollte ich das, aber woher einen solchen nehmen, zumal da es mir gar sehr an Geld fehlte. Ich machte also dem Herrn Dietz gegenüber ein sehr vieldeutiges Gesicht, und er war der Mann, der sich aufs Lösen von Bilderrätseln zu verstehen schien.

»Ich habe einen Schlitten,« stieß er unvermittelt hervor, »nur daß er unterm Heu sitzt. Wenn morgen früh der Knecht Ziemer kommt, so wollen wir sehen, ob wir ihn ausgraben können.«

Der Ziemer kam am anderen Tage und das Exhumieren begann. Als das duftende Heugrab erbrochen war, Himmel, welch ein Lazarus stand da vor mir! Es waren die fossilen Reste einer vorsintflutlichen Bettlade, was man da auf zwei Schlittenkufen genagelt hatte. Staat war mit dem Möbel nicht zu machen. Aber da ein zerrissener Strumpf besser ist als gar keiner, so empfahl ich dem Himmel meine Seele und spannte mein Rößlein vors Geräte; und es ging wahrhaftig. Ja es ging nicht einmal allzu schlecht.

Der Schnee war auf den Chausseen niedergefahren, und die Kälte hatte ihn zu einem glatten Pflaster umgeformt. Darüber hinweg sauste mein Rößlein vom Schellengeläute seines Halsringes angefeuert mit Windeseile. Ein paar Teppiche, die malerisch um die schäbige Kiste herumdrapiert waren, gaben dem Fuhrwerk ein schier feudales Aussehen und ließen mich selber, über den Sitz gegossen, in einer schier beneidenswerten Lage erscheinen. Ich nehme das an, weil hier und da neben der Fahrspur der und jener im Schnee stand, und so ein Gesicht machte, als ob er mitfahren würde, wenn eine Einladung an ihn erginge. Gewiß: wer die innere Struktur meines Fuhrwerkes nicht kannte, konnte sich, von seinem Äußeren geblendet, ihm anvertrauen, und das taten eines Abends auch in ihrer Verblendung der Amtsrichter von Rockenhausen und sein Sekretär.

Noch steht sie vor mir die schöne Vollmondnacht, in der ich über die Wittgemark ins Münstertal fuhr. Der Schnee weinte unter den Schlittenkufen, und in den Dörfern zwinkerte durch die Fensterscheiben ein blutrotes Licht auf die Straße heraus. So war's in Würzweiler, das ich soeben passiert hatte, und in Gerbach, dem ich mich nahte, war's geradeso. Plötzlich, als ich eben am »Ochsen« vorüber will, wird ein Fenster aufgerissen und eine bekannte Stimme ruft mir zu:

»Wonaus so spät noch, Doktor? Könnten Sie auf dem Rückweg nicht halt hier vorm Wirtshaus machen und uns mitnehmen?«

Der Rufer war mein Skatgenosse, der Richter Graf. Froh war ich, daß ich dem braven Mann einen Gefallen erweisen konnte. Ich machte also meinen Krankenbesuch im Dorf, dann ging's zurück und dem »Ochsen« entgegen.

In der Wirtsstube saß am runden Tisch mit seinem dicken Sekretär zusammen der allmächtige Gerichtsherr. »Wenn wir doch jetzt fahren können, so verschlägt es nichts, wenn wir noch eine Flasche trinken,« brachte der wohlbeleibte Herr in Vorschlag. Und es widersprach ihm niemand. Aus einer Flasche wurden zwei. Mag sein, daß es auch fünfe wurden. Um nicht lange nachzählen zu müssen, will ich nur berichten, daß wir unter weinseligem Gelächter die alte Arche bestiegen. Neben mir auf dem Vordersitz hatte sich der Amtsvorstand eingerichtet, sein Sekretär und mein Kutscher hinter uns auf dem Rücksitz. Der Mond guckte uns heiter zu und ich fuhr los.

Wie das Pferd in die weiße Winterlandschaft hineinrannte! Der Schnee stäubte wie ein Silberstrahl unter den Kufen heraus, und das Schellengeläute klingelte melodisch. Man hätte singen mögen oder sonst was Verrücktes beginnen. Der Richter neben mir lachte in einem fort und erzählte Schnurren. Als er einmal einen Eideshelfer brauchte, um eine gewagte Behauptung glaubhaft zu machen, wendete er sich nach hinten um, indem er sagte: »Nicht wahr, Herr Sekretär?«

Aber o Wunder, wo war da noch ein Sekretär? Fort war er, rein fort, von der Erde verschwunden und mit ihm zugleich mein Knecht und o wehe, auch das Hinterteil meines erborgten Schlittens. Keine Frage, wir zwei Vorderbliebenen hätten Grund zum Weinen gehabt. Statt dessen lachten wir nur. Lachten, daß uns die Tränen über die Wangen liefen und die Knöpfe von den Hosen sprangen.

Als wir einigermaßen wieder normal zu denken anfingen, fragten wir uns, was hier wohl nun zu tun wäre? Zurückfahren und die verlorenen Brüder suchen, hatte keinen Sinn. Wir mußten annehmen, daß sie nicht im Winterschnee liegen geblieben waren, um zu warten, bis einer kam, der sie zusammenkehrte. Ein Settenpfad führte außerdem als näherer Weg über die Wittgemark nach Rockenhausen. Den hatten die verlorenen Söhne sicher mit gutem Mut oder der Not gehorchend eingeschlagen. In dem tiefen Schnee konnten sie nicht hart gefallen sein. Und die Hintere Schlittenhälfte? Nun die hatten sie wohl aus der Fahrbahn geschleift und im Felde liegen lassen, wo sie einstweilen verweilen konnte. Sie war zu minderwertig, als daß sich einer hätte daran vergreifen können! So dachten wir und retteten unter Lachen uns wieder in den Torso unseres Fahrzeugs hinein. Wie feurige Augen blitzten uns die Fenster der Rußmühle entgegen.

Kaum gegrüßt lag sie hinter uns, und das Forsthaus der Wittgemark mit seinen weißen Mauern vorm dunklen Walde lag an unserer rechten Seite.

Damit war der höchste Punkt der Straße erreicht. Es ging ins Alsenztal hinunter. Wie breite Gräben legte sich der Schatten alter Pappeln über die Chaussee. Das Pferd stutzte einen Augenblick, nahm dann einen kräftigen Anlauf und schwups war die Kiste über das vermeintliche Hindernis hinübergeschleudert. In einer Dampfwolke raste der Renner ins Tal hinunter, kaum war er in den Zügeln zu halten. Uns, den Insassen des Schlittens, konnte alles nicht schnell genug gehen. Wir wollten zu Hause beim Vater Dietz hinterm Glase sitzen, wann die verlorenen Brüder ankamen. Die erste Dorflaterne war erreicht. Die menschenleere Straße tat sich auf. An der Kirche vorüber mit dem roten Schimmer ihrer ewigen Lampe, dann um die Hausecke des Tuchhändlers und der Schlittenrest stand, wo er hingehörte, vorm Brauhaus meines Hausherrn. Das Pferd fühlte die Nähe seines Stalles und schüttelte sich mit Behagen, wobei die Schlittenglocken wie ein Schellenbaum einen Massenton von sich gaben, der seinerseits den Herrn Dietz herbeirief. Die gedrückte Gestalt stand im Mondschein da wie ein Wichtelmännchen und der Kleine wußte nicht, ob er weinen oder lachen solle, als er das beaugenscheinigte, was von seinem Besitze aus der Fremde heimgekehrt war. Nach kurzem Besinnen tat er, was wir zwei andern auch taten, er lachte, nahm das Pferd am Zügel und führte es in den Stall, während der Richter und ich uns in die Wirtsstube begaben, als die Uhr eben zum elften Stundenschlag aushob.

»Ehe eine Viertelstunde vergeht, ich kenne meinen Sekretär, werden wir Gesellschaft haben,« sagte der Oberrichter und schraubte seine Jagdpfeife zusammen. Er hatte richtig geweissagt. Ein Poltern auf dem Hausgang, die Tür ging auf und zwei lachende Gestalten standen auf der Schwelle.

»Na, so ein Gelump von einem Schlitten, Doktor, hätt' ich einem Hinkelkrämer zugetraut, aber sicher keinem Arzte. Sinds froh, daß wir zwei mit heilen Knochen davongekommen sind. E paar Jahr Zuchthaus hättens sicher gekriegt, wenn einem von uns zwei der Atem ausgegangen wäre.«

Damit waren die Vorwürfe erschöpft und es begann ein lustiges Trinken bis zum Morgengrauen.

Ach dieses Morgengrauen! Es wurde noch grauer, als ich zu meiner Frau an den Kaffeetisch kam. Natürlich wußte sie bereits alles, ja mehr als alles. Sie wußte, daß der Unfall nicht gekommen wäre, wenn wir nicht betrunken gewesen wären. Daß wir jetzt die ganze Schande hätten und Herr Dietz nur einen halben Schlitten. Nun möge ich nur sehen, wie ich mich durch den Schnee durchschlängelte. Sie würde keinen Finger krumm machen, um mir zu helfen.

Indessen setzte sie sich an den Tisch und fing an zu schreiben. Als sie die Stimme unseres Metzgers in der Küche hörte, ließ sie die Feder fallen und eilte aus dem Zimmer. So hatte ich Gelegenheit, einen Einblick in ihre Schriftstellerei zu gewinnen. Trotz der Drohung, keinen Finger für mich krumm zu machen, hatte sie an ihren Vater geschrieben und ihm klar zu machen versucht, daß zu Hause zwecklos ein neuer Schlitten in der Remise stehe, während er im Alsenztale fehle und durch seine Abwesenheit einen jungen, hoffnungsvollen Mann an den Rand des Grabes bringe.

Als sie wieder in die Stube kam und mich mißtrauisch ansah, tat ich so, als ob ich mit meinen Kleidern an dem Firniß des neuen Kleiderschrankes angepappt wäre und ließ mich von ihr vorsichtig loslösen, auf daß es ja kein Loch in den Anzug gäbe.

Drei Tage später stand ein eleganter Schlitten vor meiner Wohnung. Die Freude über seine Gegenwart war groß, aber sie währte nicht lange.

An einem Samstag ward ich nach dem Dorfe Dörrmoschel gerufen. Ein rauher Wind strich über die Höhen hin und verwehte die Spur, die der Schneeschlitten am Tage vorher gewühlt hatte. Ruhig und geduldig ging mein Roß seine Straße, denn zum Glück fuhren wir vor dem Winde her. So erreichten wir Dörrmoschel ohne Zwischenfall. Als wir aber den Heimweg antraten, änderte sich die Lage. Wir fuhren in den Sturm hinein und alles, was er an Schnee und Eisnadeln mit sich trug, raste uns mit brutaler Rücksichtslosigkeit in die Augen hinein. Ein ewiges Zwinkern mit den Lidern ermöglichte mir eben nur, die Richtung unseres Weges zu bestimmen. Auf der Straße waren wir freilich nicht immer. Ich merkte dies an dem Geschnaufe des Rosses und an seinem Stolpern, wenn es in eine Ackerfurche trat. Aber ich fuhr halt zu und in ein unendliches Grau hinein, das hinter dem Scheitelpunkt der Straße lag. Da mit einem Male bemerkte ich in dem Nebelvorhang eine dunklere Tönung. Der Flecken wurde kompakter und nahm die Form eines Weibes an, das mit einem Korb auf dem Kopfe verzweifelt gegen den Sturm anging.

»'s ist die Dörnbacher Aufkäuferin,« sagte ich zu mir selber. An ihren Hüften erkannte ich sie und an den tausend Falten ihres Tuchrockes. Nun war es mein Bemühen, der Wackeren näher zu kommen und sie aus ihren Schwierigkeiten zu erlösen. Bald hatte ich sie erreicht, und sie machte ein überglückliches Gesicht, als ich sie einlud, ihren Korb in den Schlitten zu stellen und sich selber an meine Seite zu setzen. Mein Pferd freilich schien mit der Zumutung, zwei weitere Zentner ziehen zu müssen, nicht ganz einverstanden zu sein. Es blies heftig durch die Nasenlöcher, doch es zog, vielleicht, weil es dachte: »Gleich bin ich auf der Wasserscheide und dann, wenn es ins Tal hinuntergeht, sollt ihr sehen, was ich mit euch anfange.«

Die Höhe kam und ich hatte das Pferd vom Ackerlande weg dahin gelenkt, wo ich die Straße vermutete. Als nun das Tier den ebenen Boden unter sich fühlte, warf es sich mit Gedankenschnelle ins Geschirr und sauste schneller als es sich ein Mensch vorstellen kann, mit uns gegen Dörnbach hinunter. Die Bäume an der Straße tanzten nur so vor meinen Augen, und die Telegraphenstangen walzten mit.

Warum hatte sich die Aufkäuferin ängstlich in meinen linken Arm gekrallt, wo es doch so lustig zuging? O sie wollte nur einen Teil ihrer Angst auf mich herüberleiten, weil sie keine Zeit fand, dieselbe hinauszuschreien. Wer weiß, was meine Ohren hätten ertragen müssen, wenn ihre Zunge gelöst gewesen wäre. Vielleicht wäre ich verrückt geworden und Pferd und Fuhrwerk wären über die zur Linken gähnende Böschung hinabgestürzt. So aber war ich doch in der höchsten Not noch entschlußfähig, und als wieder einmal eine hohe Schneewehe kam, riß ich das Pferd plötzlich nach rechts herüber in der Hoffnung, es möge in dem weichen Haufen stecken bleiben.

Gut gemeint war die Geschichte. Aber der schönste Feldzugsplan garantiert nicht immer den Sieg. Wohl tat der Gaul den ersten Schritt in die weiche Masse hinein, dann aber warf er den Körper nach links.

Der Schlitten geriet in eine schiefe Lage und leerte den Korb, die Aufkäuferin und meine Wenigkeit in den Schnee hinein. Ich lag auf dem Bauch und, den Kopf erhebend, konnte ich eben noch sehen, wie mein Roß mit dem umgekehrten Schlitten ins Tal hinunterraste und der Brücke entgegen, die über den Dörnbach führte. »Dort an der Steinbrüstung,« so dachte ich mir, »wird für Roß und Schlitten der letzte Tag gekommen sein« und sah mich nun nach der Aufkäuferin um.

Helft ihr Himmelsmächte! Sie lag mit dem breiten Hintern in einer gelben Sauce von zerschlagenen Eiern drinnen und rings um sie herum gruppierte sich in schönen Klumpen ein halber Zentner strohgelber Butter.

»Welch ein Omelett für eine Kompagnie Trainsoldaten wäre aus ihr zu machen,« so mußt ich trotz des verlorenen Fuhrwerks denken, als die Dicke eben gottserbärmlich zu jammern anfing. »Meine Eier, meine Butter, mein Rahm!« so lauteten ihre Worte. »Was soll mein Mann sagen, wenn ich heimkomme? Er schlägt mich tot, er tritt mich tot, wenn ich ihm gestehe, wie's gegangen ist. Ach daß aber auch gar nichts mehr ganz ist! Nicht einmal der Korb, in dem meine Sachen waren! Wenn ich nur einen Strick hätte. Aufhängen müßt ich mich ja am ersten besten Baum. Einmal mit einem großen Herrn gefahren und all mein Lebtag nie und nimmermehr.«

Was wollt ich machen? Um den Anklagen ein Ende zu bereiten, griff ich nach dem Geldbeutel und gab der Frau, was ich an Vermögen nur bei mir trug. Dann trennten wir uns. Sie lief mir immer um zwanzig Schritte voraus. Ich glaub', sie fürchtete, ich könne das Geld zurückfordern, das ich ihr gegeben hatte. Vor der Brücke bog ihr Weg rechts ab, der meine links, wir waren geschieden. Wenn sie gewollt hätte, konnte sie mir nützlich werden, denn ich trug schon einen Arm voll Trümmer meines Schlittens mit mir und neue zeigten sich, als ich die Straße abwärts ins Alsenztal schaute. Daß ich vom Pferde nichts sah, gab mir die Hoffnung, daß wenigstens dieses Rabenaas heil und ganz heimgekommen sein möchte. Und es war so. Es stand ruhig beim Herrn Dietz vor seiner Raufe und fraß sich satt, während sich auf dem Marktplatze Menschenhaufen ansammelten, die mein Unglück besprachen und zu der gemeinsamen Überzeugung kamen, daß ein Doktor keinen jungen Gaul brauchen könne, sondern höchstens einen solchen, der nach zwölfjähriger Dienstzeit mit dem Militärverdienstkreuz um den Hals entlassen worden wäre.

Ich aber dachte: »Na warte nur, du Luder! Schon regnet's draußen ein wenig. Sobald der Schnee weg ist, werde ich dich zwischen meine Schenkel nehmen, und dann sollst du dafür büßen, daß du mich und die Aufkäuferin zusammen in den Schnee gelegt hast.«

Meine Ahnung, daß das Wetter umspringen könne, erfüllte sich. Wir hatten den letzten Schnee in diesem Winter gehabt. Rasch kam der Frühling ins Land und ihm folgte ein gewitterreicher Sommer. Wer einmal die Schrecken eines Gewitters kennen lernen will, muß hinterm Donnersberg leben. Der Riesenklotz trägt seinen Namen nicht ohne Grund. Gewölk, das im Westen aufgestiegen ist, lagert sich langsam, immer ein Ballen neben dem andern um sein Haupt. Wenn er dann in stundenlangem Sammeln jede Himmelstrübung wie Watte um sich gewickelt hat, dann legt er los. In den Tälern und Schluchten fängt es an zu schießen und zu donnern, schlimmer als in der größten Schlacht. Die Häuser wanken unter den Wetterschlägen; die Ziegel fallen von den Dächern. Die Läden klappern und in den Zimmern stehen die Uhren still. Mit geilem Kichern stechen zuckende Blitze aus dem Wolkenmantel heraus, und wo sie hinfahren, da knickt die tausendjährige Eiche zusammen wie ein Rohr, und Menschenwerk ist wie die Spreu vor dem Winde. Die Leute kennen die Gefahr, flüchten in die Stuben und liegen mit dem Rosenkranz zwischen den Fingern im Herrgottswinkel laut betend auf den Knieen. »Herr, erbarme dich unser! Christe, erbarme dich unser!« kann man's aus den Häusern jammern hören, wenn man zufällig durch die menschenleeren Gassen zieht.

Es war in der ersten Hälfte des Juni, und der Tag neigte sich seinem Abend zu. Seit vier Stunden bereits vermummelte sich der Berg immer dichter in seinen Wolkenmantel. Wird es zum Losschlagen kommen oder wird sich das Wetter noch einmal verziehen?

Das war die Frage, die sich jedes in Rockenhausen vorlegte, und vor allem auch meine Frau und ich. Ich war über die Rußmühle hinaus nach Ruppertsecken gerufen worden, einem armen Neste, dessen Häuser sich zwischen den Mauerresten einer alten Ritterburg versteckten.

»Du darfst nicht fahren,« flehte meine Frau, »mich frißt die Angst.«

»Mich ruft die Pflicht.«

»So warte doch erst das Ende des Gewitters ab.«

»Es wird nicht kommen. Hab keine Furcht. Bald kehr ich wieder.«

Und ich spannte das Pferd vors Halbverdeck und fuhr zum Dorf hinaus. Es ist unheimlich und dunkel. Licht brennt hier und da hinter einer Scheibe.

Die Straße steigt. Sie will aus dem Alsenztale herauskommen.

Das Pferd geht seinen Schritt in der Scherendeichsel. Ein Wind hat sich aufgemacht und schiebt das Chaischen hinter dem Tiere her. Große Regentropfen trommeln aufs Lederverdeck. Am Wege wiegen sich die schlanken Pappeln. Dann mit einem Male, urplötzlich, ein Rollen, ein Krachen und ein Aufstammen vor meinen Augen. Aus meinen Sinnen schwindet die Welt. Dunkel ist's nach der übergrellen, funkelnden Helligkeit.

Als ich nach einiger Zeit die Augen öffne, liegt das Pferd vorm Wagen und regt sich nicht. Ich mußte meine Gedanken sammeln, bis ich mir selber sagen konnte: »Der Blitz hat's getan; das arme Tier ist tot.«

Ich stieg aus und war im Nu naß bis auf die Haut. Ich rüttelte an meinem Pferd. Es regte sich nicht. Was wollte ich machen? Ich beschloß, bei strömendem Regen umzukehren und aus dem Dorfe Hilfe zu holen.

Schon war ich straßab einige Meter gegangen, da schaute ich mich noch einmal um. Sehe ich recht? Der Gaul bewegt sich.

Ich zurück und ruf ihm zu. Er hebt den Kopf. »Nichts wie von den Strängen los« ist die Parole und ich fange an, die Schnallen zu lösen und die Riemen. Das Pferd fühlt sich frei und springt auf. Ich such es am Zügel zu halten. Es trifft mich mit den Knieen vor die Brust, steigt und ist aus meiner Faust. Toll vor Schrecken rast es die Straße hinab die Zugstränge hinter sich herschleifend. Wenn ich auch hätte rennen wollen, der Ausreißer war nicht einzuholen.

Könnte ich etwas für meinen Wagen tun? Ich überlegte. Da fuhr ein Windstoß ins Verdeck, und die ganze lederne Herrlichkeit rollte über die Chausseeböschung hinunter ins Wiesental hinein. Ich stand allein neben einem dicken Pappelaste, den der Blitz vom Stamme abgespalten hatte. Als ob der Weltenuntergang gekommen wäre, polterte und donnerte es drauf los. Mir war mit einem Male alles egal. Die Hosen klebten an meinen Beinen, und im ruhigen Schritte ging ich die Straße entlang mitten drinnen in einem Regen, der wie ein Vorhang die Welt vor mir verhüllte.

Da stieß ich auf vier Männer, die Feuerwehrhelme auf den Köpfen trugen. Sie blieben stehen und blickten mich verwundert an.

Aha, ich verstand. Sie hatten mein Pferd durch die Straßen rennen sehen, und sie waren zusammengelaufen, um die Leiche ihres Doktors heimzuholen, an der Spitze dieser Samariter der Bürgermeister. Mußt ich mich jetzo nicht entschuldigen, daß ich die Keckheit hatte, noch zu leben? Ich tat's und mir wurde gnädigst verziehen.

Zu fünfen zogen wir ins Dorf hinein, wo hinter schäbigen Kattunvorhängelchen manches Alltagsherzchen enttäuscht trauerte, weil die hochdramatisch veranlagte Geschichte so trivial geendet hatte.

Um nichts unberücksichtigt zu lassen, will ich noch erwähnen, daß mein Halbverdeck am anderen Tage schon aus dem Wiesengrunde herausgeholt wurde und zu einem Grobschmied in die Werkstatt wanderte. Als es dieses Kunstinstitut wieder verließ, war der innere Zusammenhang zwischen Vorder- und Hinterteil durch ein Bandeisen leidlich gewahrt, und das Chaischen konnte sogar zum Fahren wieder verwendet werden, obwohl mich jedesmal ein gelindes Grauen durchrieselte, wenn eines der Räder knirschend über einen Stein ging. Mein Gott, das Schmelzpfännchen war alt, stammte vom Großvater meiner Frau her, und ich ahnte, daß es seinem alten Hausgenossen, dem Schlitten, bald nachfolgen werde.

Das Unabwendbare kam rascher, als mir lieb war. Eines Nachts wurde ich nach Gundersweiler gerufen und fuhr mit brennenden Laternen in die schwarze Dunkelheit hinein. Ich kam in dem reichen Bauerndorfe an und fand bald die Mühle, wo mein Patient lag. Wer von den Müllersleuten bettlägerig war, weiß ich heute nicht mehr. Sicher ist, daß ich ein Rezept aufschrieb und daß damit die große Frage aktuell wurde, wer mit dem Doktor in die Apotheke nach Rockenhausen fahren solle. Man steckte die Köpfe zusammen, lief nach der Küche und in die Mühle hinaus und bat schließlich den Doktor, er möge so gut sein und warten, bis der Schuhmacher im Dorfe geweckt worden sei.

Was tut man nicht? Ich setzte mich neben die qualmende Petroleumlampe an den Tisch und harrte des Schuhmachers, der da kommen sollte. Und er kam auch, und es dauerte nicht lange, so saß er neben mir im Chaischen drinnen und betrachtete gleich mir das dampfende Hinterviertel meines Pferdes. Die Wagenlaternen schufen mit ihrem Glanze eine heimliche Helle um uns her, und es plauderte sich gemütlich in unserer Ledernische. »Schuhmacher,« sagte ich da mit einem Male, »was fällt dem Müller ein, daß er Euch gerade aus dem Bette jagt, wo er doch die drei Mägde im Hause hat und Mühlburschen mehr als ein halbes Dutzend.«

»Da können Sie's sehen, Doktor, wie die reichen Leute sind,« sagte der Zunftgenosse von Hans Sachs. »Am Tage gilt man nichts in ihren Augen. In der Nacht aber, wenn es jedem graust, über die Türschwellen zu treten, da weiß man plötzlich, wo der Handwerksmann zu finden ist. Nun, ich darf es mit dem Reichsten im Dorf nicht verderben. Und dann, was macht es mir aus, ob ich zwischen zwölf und vier im Bette liege oder neben Euch hier im Chaischen sitze?«

»Ihr fürchtet euch wohl nicht?« warf ich dazwischen.

»Ich und fürchten! Pah, wäre noch schöner! Vor wem denn wohl? Den Teufel gibt es nicht, an die Hexen bin ich durch mein Weibervolk gewöhnt, und der Räuber müßt ein geschickter Kerl sein, der einem Schuhmacher was abnehmen könnte. Und dann noch, betrachten Sie den Prügel, der hier zwischen meinen Knieen steht. Einem Ochsen wollte ich damit eine beibringen, daß er nimmer wüßt, wann sein Geburtstag wäre.«

Ich schwieg. Alles um uns schwieg. Als wir eben durch ein kleines Wäldchen fuhren, da schrie plötzlich eine Eule auf und ich merkte, wie neben mir der Schuhmacher zusammenschreckte. ›Auch kein ganzer Held,‹ dachte ich und nahm das unterbrochene Gesprächsthema wieder auf, indem ich sagte: »Bald sind wir an der Stelle, Meister, wo vor vierzehn Tagen sich ein Gutsbesitzer eine Kugel in die Stirne jagte, umfiel und mit dem Körper in die Alsenz hinein. Nicht wahr, Ihr habt davon gehört? Es soll ein Licht dort gehen, immer um die Mitternacht über dem Gumpen. Mehr als tausend Menschen sind es, die es schon gesehen haben. Was meint Ihr zu der Sache?«

»Ich sollte glauben, der Gutsbesitzer liegt auf dem Kirchhof; was aber das Licht da soll, das weiß ich nicht zu sagen. Ist nicht die Mitternacht bereits vorüber?«

»Nein, sie kommt erst noch. Gleich werden wir die Uhr schlagen hören vom Imsweiler Rathaustürmchen, und gleich sind wir eben auch an der verrufenen Stelle.«

Gewiß, es war nicht recht von mir, daß ich mit dem Schuhmacher so gottlos scherzte, und die Strafe dafür blieb mir nicht erspart. Wie es gekommen sein mag, daß mein Pferd in seinem scharfen Trabe scheute? Wer wird es sagen können, aber es geschah, und das Vorderrad des Wagens fuhr wider einen der Abweissteine, die am Wege angebracht waren. Krach, und zwischen Vorder- und Hinterrädern war der Wagen durchgebrochen. Unsere vier Beine schleiften auf dem Boden hin, während unsere Köpfe durch das Verdeck gegen den Kutscherbock gedrückt wurden. Infolge dieser unserer Lage waren die Zügel in meinen Händen zu lang geworden. Sie konnten nicht mehr wirken, und das Pferd schleifte den Wagen mit allem, was drum- und dranhing, mit verfluchter Schnelligkeit über den Boden hin. Was das für meine und des Schusters Knie heißen wollte, mag sich einmal einer ausmalen. Die Schreie, die mein Nachbar ausstieß, werde ich nie vergessen und auch die Heiligen nicht, an die er plötzlich glaubte und die nun als fromme Litanei hintereinander zum Vorschein kamen. Da war eine Agatha, eine Emerentia, eine Veronika. Kein Wunder, der arme Meister war übler dran wie ich, der ich die schwache Stelle meines gebrechlichen Vehikels kannte, das Bandeisen. Er mußte sich da in den scharfen Krallen des Teufels vermuten, wo ich mich nur eingeklemmt fühlte zwischen den morschen Brettern der alten Kalesche. Allzulange dauerte, Gott sei Dank, die gefährliche Fahrt auch nicht. Die Straße stieg, das Pferd tat langsam. Ich konnte mich aus dem Gerümpel herausschälen und das unruhige Tier aus den Strängen lösen, und es eilte, als dies geschehen, ungeheißen und ungeführt seinem Stalle entgegen. Nun erst wendete ich mich dem Schuster zu, der psalmodierend noch immer in den Trümmern steckte. Seine laute Andacht hatte zum Glück einen Bahnwart geweckt, der in der Nähe stationiert war und uns sein Häuschen als Verbandplatz zur Verfügung stellte. Hier war's nun, wo des Meisters Schäden besichtigt werden konnten, und es stellte sich heraus, daß er seine Schuhe seither an der verkehrten Stelle trug. Hätte er sie über die Knie gezogen, so wären wahrscheinlich wir alle mit dem bloßen Schrecken genugsam bestraft gewesen. So aber war immerhin einiges Blut geflossen und zwar von des Schusters Beinen. Doch es war auch das nicht gar zu schlimm. Die Bahnwartsfrau gab Kinderwickeln her, und Patient und Arzt gingen langsam dem Pferde nach und erreichten gleichfalls Rockenhausen.

Der Aberglaube der Gegend zog aus dem Ereignis neue Nahrung und wer es vorher noch nicht geglaubt hatte, schwur von jetzt ab, daß der Geist des Selbstmörders im Erlengebüsch der Alsenz hause und mit allerlei Schabernack den nächtlichen Wanderer plage. Sage keiner nein. Am Doktor gar hatte es sich bewahrheitet, daß es Geister gibt, und daß sie sich unterschiedslos über die Menschen hermachen wie die Raupen übers Kappeskraut.

Ob ich nun endlich einen neuen Wagen anschaffte, wird der Leser wissen wollen. Nein, ich dachte nicht daran. Mehr als drei Jahre saß ich nun in Rockenhausen und was hatte ich verdient? Es ist zum Lachen, wenn ich sagen muß, daß ich nicht einmal viertausend Mark auf die Sparkasse gebracht hatte, obwohl in den ersten zwei Jahren in der ganzen Gegend der Typhus herrschte, als ob er sich extra vorgenommen hätte, nicht eher zu ruhen, als bis er mich zum reichen Manne gemacht habe. Und wie hatte ich ihm dafür gedankt? Ich hatte ihn, der mein guter Arbeitgeber war, an die Wand gedrückt. Nun saß ich da und konnte mit Goldfischen hausieren gehen, wenn ich nicht verhungern wollte. Das Jahr 83 zeichnete sich durch epidemische Gesundheit aus und setzte mein Monatseinkommen auf weniger als hundert Mark herunter, bei einem Familienstande von bereits vier Personen. Daß da die Augen meines Lebenshungers wieder über Deutschlands Grenzen ins Ausland hinüberstarrten, wird man begreiflich finden. Aber ach, ich war ja so beweglich nicht mehr, wie vor drei Jahren noch. Zwei Kinder und eine Frau hingen an meinen Schultern und hinderten den Hochflug meiner Wünsche.

Wie mir dies Gebundensein in kleinbürgerlichen Ketten unsagbaren Kummer bereitete! Ich mußte schon an Weidigs Kerker in Rastatt denken, wenn ich meinen Zustand noch erträglich finden sollte. Wenn ich nur den Wind hörte, die Zugvögel sah, wurde mir das Herz schwer. Drei Handwerksburschen, die an einem Kreuzweg saßen und das Brot teilten, das sie im Dorf erbettelt hatten, erfüllten meine Seele mit Neid, weil ich mir denken mußte, wenn sie ausgeruht haben, dann kann jeder von ihnen von den vier Wegen hier wählen, welchen er will, ich aber muß an jedem Abend, der uns die Sonne stiehlt, nach Rockenhausen zurück, nach Rockenhausen und immer wieder nach Rockenhausen! Doch auch damit sollt' es ein Ende haben.

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