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Erkenne dich selbst

Paul Heyse: Erkenne dich selbst - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorPaul Heyse
titleErkenne dich selbst
publisherVerlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung)
seriesGesammelte Werke von Paul Heyse
volumeBand 4-6
year
firstpub1856
correctorreuters@abc.de
senderIngo Seewald-Renner
created20090216
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Seit einer Woche war ich in Florenz und befand mich dort von Herzen wohl. Denn die Stadt vereinigt farbiges nationales Leben in aller schönen Ungebundenheit des Südens mit einem hinlänglichen Maß jener modernen Bildung und geistigen Regsamkeit, ohne die dem Nordländer sein Dasein selbst in der lachendsten Scenerie, unter den liebenswürdigsten Naturmenschen auf die Länge wie ein Traum vorkommt. Auch die toscanische Reinlichkeit erquickt hier ein wohlerzogenes deutsches Gemüth nach so manchen römischen und neapolitanischen Drangsalen, ohne daß es doch an malerischen Lumpen und antiker Halbnacktheit gänzlich mangelte, zumal in der gesegneten Jahresmitte, wo ein Platen-fester Reisender weiß, daß man in Florenz »zur Kohle verglühn« kann, wenn man die landübliche Unbefangenheit sich nicht zu Nutze macht.

Daß ich in all diese Vorzüge des Florentiner Lebens sogleich eingeweiht werden sollte, dafür hatte mein Schutzgeist mit besonderem Wohlwollen gesorgt. Er führte mich bei meiner ersten Umschau nach einer Privatwohnung in ein sauberes, kühles Haus, dessen zweiter Stock von einer würdigen Wittwe einzeln vermiethet wurde. Die Magd wies mich in ein Hinterzimmer, aus dem mir ein rauhhaariger kleiner Hund mit gesittetem, halblautem Bellen entgegenlief. Die Signora Eugenia selbst lag auf dem Sopha, in einer jedem kühleren Lufthauch, der sich durch die Jalousieen stehlen wollte, äußert zugänglichen Haustracht. Selbst für einen Kenner des neapolitanischen Sommerkostüms war es verzeihlich, wenn er Abstand nahm, einzutreten, so sehr war diese bei den ersten Anfängen stehen geblieben und wesentlicher Ergänzung bedürftig. Die Dame indeß schien nichts zu vermissen. Sie nahm ruhig eine Nadel, steckte das saubere Hemd über der Brust zusammen, zog die Füße in den weißen Strümpfen bescheiden und anmuthig unter den Rock und bat mich mit freundlicher Handbewegung, den dadurch freigewordenen Sophaplatz einzunehmen, während sie selbst wie ein Murmelthier zusammengerollt in ihrer Ecke liegen blieb.

Ein gut Theil meiner Blödigkeit wich, als ich in dem Helldunkel des kühlen Gemachs mich von den gesetzten Jahren der Inhaberin überzeugte. Auf der wunderlich verschwommenen Figur saß ein starker Kopf, an das berühmte Birnenhaupt erinnernd, auf dem die französische Krone nicht haften wollte. Keine Art von Haube verunzierte den stattlichen Contour, und ein paar schwarze Locken hingen lose zu beiden Seiten auf die Schultern herab. Es hatte gar nichts Komisches, wenn sie bei jedem Schütteln des Hauptes, ohne welches die Signora kein Nein zu sagen vermochte, langsam hin und her pendelten. Auch die kleinen schwarzen Augen, die männliche Nase und der breite Mund – schätzbare Requisite eines Buffonengesichts – waren eines sehr majestätischen Ausdrucks fähig, besonders der Magd gegenüber, die, eine starkgliedrige Person, nicht viel besser als eine Leibeigene von ihrer Herrin gehalten wurde und vor einem ungnädigen Blicke derselben zitternd zusammenzuschrumpfen schien.

Die Signora hatte ein Buch weggelegt, als ich eintrat; ich konnte in dem grünen Jalousiendämmer nur sehen, daß es Verse waren. Eine kleine Ausgabe des Alfieri lag auf dem Tisch neben ihr, darüber und darunter ein bunter Haufe Journale und Zeitungen. Auch im Uebrigen war in dem Zimmer von weiblichem Apparat wenig zu erblicken, nicht einmal ein Spiegel an der Wand; wogegen die Lage nach dem Hofe, die Stille und Kühle zur Meditation sehr einluden.

Ich fragte, ob noch ein ähnliches Zimmer frei stehe, worauf sie ruhig das Haupt schüttelte und mich im besten Toscanisch, fließend, aber nicht überflüssig, nach den Himmelsgegenden über die Vorzüge dieses einzigen Gemachs aufklärte. Doch stehe auf den übrigen Zimmern nur die Morgensonne, über Tag seien sie bis auf die Unruhe der Straße nicht minder behaglich als dieses. Sie werden begreifen, fuhr die Signora fort, ich gehe nie aus, außer ins Theater. Mein Zimmer ist mein Florenz; so muß ich es mir schon nach meinen Bedürfnissen aussuchen.

Die Magd wurde dann gerufen und geheißen, mich zu den leeren Zimmern zu führen. Sie selbst blieb bis auf eine entlassende Handbewegung unerschütterlich liegen. Ich bin noch nicht angezogen, Sie müssen verzeihen, sagte sie. Ich verbeugte mich und ging, die Magd pantoffelte voran; ein Gang durch den Corridor, den fünf oder sechs Thüren vorbei, die alle offen standen, zeigte mir, daß ich noch die Wahl völlig frei hatte, und so wählte ich das mittelste Zimmer, wo mich ein kleiner runder Marmortisch mit vergoldetem Fuß aus der Ferne anlachte. Bei näherer Untersuchung theilte das Sopha dahinter freilich den Ruhm des Wagens, der mich von Siena hergebracht hatte: beide waren, wie sich der Vetturin schmunzelnd auszudrücken pflegte, »hart, aber reinlich«. Ich kehrte es seufzend um und sagte: Reinlich, aber – hart! Zum Glück ließ sich dem Bett dasselbe nachsagen, und das weiße, dichtschließende Netz gegen die Zanzaren, jene nächtlichen, geflügelten Blutsauger, beruhigte mich vollends darüber, daß ich eine Gelehrte zur Wirthin hatte.

Denn das war sie, wie mir die Magd, sobald wir allein waren, fast mit gefalteten Händen vertraute. »Alle Professoren in Florenz kennen und besuchen sie, und wenn ich über die Straße gehe, Signor, rufen sie mich an: Was macht Eure Herrin, Stella? oder: Grüßt die Signora Eugenia! daß ich ganz roth werde von der Ehre, eine dumme Person, wie ich bin. Ich bin auch eine Wittwe, und mein seliger Mann, der ein Koch war, hat mir noch auf dem Sterbebette gesagt, der Kutscher seines Herrn Grafen, der Luigi habe ein Auge auf mich, ich solle mein Glück nicht von mir stoßen. Aber nein, Herr, ich halte was auf die Ehre, und wenn auch Manche sich nichts Besseres wünschen kann, als ihren Mann auf dem hohen Bock zu sehen, mit den Sammethosen und veilchenblauer Livree, – ich hatte schon als Jungfer bei der Signora gedient, und es ist besser, dacht' ich, du gehst wieder zu ihr, die so viel Genie hat, und bleibst da bis an dein seliges Ende, wenn sie dich behalten will, eine dumme Person, wie du bist, als du lässest dich von dem Tölpel, dem Kutscher, schlagen, der nicht einmal Heu und Hafer zusammenrechnen kann. O Signor, wenn ich von nebenan höre, wie sie lauter so Sachen reden, die ich nicht capire, werde ich so stolz und zufrieden, wie ich nicht sein könnte, wenn mich auch der Kutscher des Großherzogs geheirathet hätte!«

So brauchte ich denn, wie ich nach dem Anfang schließen konnte, um Unterhaltung in diesem Hause nicht besorgt zu sein. Doch benutzte ich die Gelegenheit nur mäßig, besonders was die brave Stella betrifft, und selbst das »Genie« der Signora Eugenia unterbrach nur selten die langen, feierlichen oder heiteren Gespräche, die ich mit dem Genius der alten Stadt im Stillen pflog. Es gingen zu viel Ehrenmänner bei ihr aus und ein, und Dieser und Jener schien sich näher an mich anschließen zu wollen, was mich aus meiner empfangenden Stille herauszureißen drohte. Das Glück, sich ungestört mit den herrlichen Werken der großen alten Zeit zu erfüllen, gleichsam auf windstillem Kahn stromaufwärts in die Vergangenheit zurückzufahren und die fernen Ufer zu bestaunen, wollte ich mir durch keinen heutigen Menschenwitz und Menschenverstand verkümmern lassen.

Ich war darum wenig froh überrascht, eines Tages einem alten Bekannten aus Deutschland zu begegnen. Schon auf der Universität, wo ich ihn kennen gelernt, war ich ihm gern ausgewichen. Auch jetzt, als er mich, über Eis und Theaterzeitung vertieft, in einem Kaffeehause anredete, machte ich einen schwachen Versuch, durch ein fremdes Aufblicken ihn von mir fern zu halten. Er hatte leider von je her die Art, mit einer schadenfrohen Schärfe des Blicks dergleichen zu wittern und zu vereiteln, indem er es einem ins Gesicht sagte.

Sie freuen sich nicht sehr, mich zu sehen, wie ich merke, sagte er ruhig. Wie lange ist es doch her, seit wir das letzte Wort mit einander tauschten? Vier Jahre oder fünf? Jedenfalls Zeit genug, sich zu verändern. Sie haben gewiß diese Zeit benutzt; ich leider nur, um immer eigensinniger der zu bleiben, der ich damals war. Wenn mir recht ist, konnten Sie mich früher nicht leiden. Dieselbe Freiheit haben Sie natürlich auch jetzt noch. Es wäre aber freundlich von Ihnen, sich derselben nicht gleich von vorn herein zu bedienen; denn wie Sie mich da sehen, bin ich zwar vielleicht noch unleidlicher, als sonst, aber mit dem Unterschiede, daß ich mir selber dabei leid thue.

Seine Stimme, deren schneidende Schärfe mir noch sehr gut in der Erinnerung war, klang bei diesen Worten weicher und herzlicher als je. Ich stand auf und gab ihm die Hand.

Lassen Sie mich die Thorheiten meiner Mondscheinjahre nicht entgelten, Franz, sagte ich lachend. Wie wir uns damals trafen, litt ich gerade am lyrischen Fieber, und Sie fühlten mir zuweilen unsanft den Puls und dachten mich durch Sturzbäder zu heilen. Mein Fall wird Sie darüber aufgeklärt haben, daß man besser thut, die Krankheit austoben zu lassen. Ich entsinne mich noch jenes wilden Schwindelanfalls, in welchem ich auf mein Recht trotzte, so krank und verrückt und hitzig zu sein, wie mir beliebte, und Ihre kühle Gesundheit gründlich zu verachten. Welcher meiner lyrischen Heiligen war es doch, den sie mir gelästert und seiner Glorie beraubt hatten?

Ich weiß nicht mehr, sagte er nachdenklich – das aber weiß ich, daß ich Sie schon damals um alles das beneidete, was ich einen sentimentalen Wahn schalt. Die schnödeste Mißgunst reizte mich, Ihre Begeisterung zu verspotten. Begeistert sein – um den Preis hätte ich selbst ein dummer Mensch werden mögen. Freilich waren diese Wünsche damals seltene Gäste in mir, während jetzt – aber kommen Sie ins Freie.

Wir gingen. Der Abend war schattig, allein so schwül, als glühe statt einer goldenen eine schwarze Sonne auf die Stadt herab. Doch wogte in der schönen Straße, die den Domplatz mit dem Platz des Großherzogs verbindet, ein müßiger Menschenstrom auf und ab, alle Kaffeehäuser standen offen, Geschrei der Verkäufer, die an den niedrigen Tischen ihre Waaren ausgelegt hatten, gellte in das Summen aller europäischen Zungen hinein, und schon begannen die ersten schüchternen Mondstrahlen über den beweglichen Menschenköpfen ihr Netz zu weben.

Nein, sagte Franz, als ich in eine stillere Seitenstraße ablenken wollte, bleiben wir unter der Menge. Ich weiß, daß Sie sich auf Geständnisse gefaßt machen, und mit Recht, denn was ich Ihnen über acht Tage doch vertrauen würde, kann ich Ihnen eben so gut in der ersten Stunde sagen. Aber zu meiner Handvoll Schicksal braucht es keiner geheimnißvollen Scenerie, plätschernder Brunnen, einsamer Paläste, mauzender Kater und verliebter Pärchen, die sich in die Schatten drücken, wenn wir vorbeikommen. Es reizt mich gerade, mitten unter dem Geplapper und Gewälsch dieser friedlichen Spaziergänger Ihnen meine aufrichtige Meinung über mich zu sagen. Doch gestehen Sie selbst, ob es Ihnen nicht wie eine Sünde vorkommt, daß ich Ihnen auch hier den Abend verderben will, wie so manchen am Rhein! Was gehe ich Sie an? Was können Sie mir helfen? Es kam mir vorhin, als ich Sie so zufrieden sitzen und sich der Kritik über Signora Ristori erfreuen sah, in den Sinn, daß ich meine alten Spottsünden nicht besser wieder gut machen könnte, als indem ich nun Ihnen Gelegenheit gäbe, meiner zu spotten. Wenn Sie Lust zur Schadenfreude haben, nun gut, so mögen Sie erfahren, daß der, den ihr guten Jungen den Mephisto zu nennen pflegtet, weil er eure Schwärmereien verneinte, im Grunde nur ein sehr dummer Teufel war. Denn ein Klügerer hätte sich wohl gehütet, sich selbst zu verneinen.

Er sagte das Alles hastig, leise, mit dem Tone völliger Resignation; ich erkannte ihn kaum wieder.

Thun Sie, wie Sie wollen, erwiederte ich; reden Sie, schweigen Sie – meine Abende sind nicht mehr so leicht zu verderben, wie sonst. Ich möchte wissen, was mich jetzt um den Genuß bringen sollte, in diesem Strome von Lebensluft mitzuschwimmen, der uns zuletzt vor der Loggia dei Lanzi absetzen wird.

Ich erkenne daran unseren Unterschied, sagte Franz. Sie merken nur die Eine Richtung des Stromes, in der Sie sich fortbewegen; ich bin mir in demselben Augenblicke auch des Gegenstromes bewußt, und wenn Sie mich nicht am Arm hätten und fortzögen, würde ich von den Menschen, die uns entgegenkommen und sich an unsere Ellenbogen stoßen, so stutzig gemacht, daß ich vor lauter Bewegung vor- und rückwärts am Ende verblüfft stehen bliebe. Da haben Sie mein Schicksal.

Ich blieb nun meinerseits wirklich stehen und sah ihn an. Nein, sagte er, das müssen Sie nicht; vorwärts, oder wir wurzeln hier beide ein.

Wir gingen der Piazza del Granduca zu, schweigend, um so mehr, als der Lärm der Trödler, Antiquare, Eßwaarenverkäufer und Seifenkrämer, die ihre roba di fallimento um einen Spottpreis ausboten, jedes Gespräch unmöglich machte. Auf dem Platze war das Mondlicht mächtiger, da keine Laternen es beunruhigten. In breiter Masse stieg der Palazzo vecchio vor uns auf, zur Rechten die Loggia, deren Bildwerke, Cellini's Perseus an der Spitze, etwas grauenhaft Starres in diesem Zwielicht hatten, etwa wie die Templeisen um den Gral herum, die auf das »Wort« harren, um erlöst zu werden. Das Unheimliche dieser schweigenden Gesellschaft, dieses Perseus, der mit der Miene des tiefsten Kummers das Medusenhaupt, das er in die Höhe hebt, nicht anzuschauen wagt und den kalten, zusammengeschlungenen Leib, auf dem er steht, mit schaudernden Sohlen tritt, dort jene Judith mit Holofern, die Sabinerin, die sich im Arm ihres römischen Räubers gen Himmel windet, im Grunde längs der Wand die edle Thusnelda mit den andern Gefangenen, dazu die Treppe zu der Halle von den beiden Löwen bewacht – jeden Abend überfiel mich der Schrecken von Neuem, und kaum weiß ich, ob die Halle in der todten Mittagssonne die Phantasie mit gelinderer Gespensterkraft erfaßt, als in Nacht und Mondlicht oder Morgendämmerung.

Franz schien von alle dem nichts an sich zu spüren; gleichmüthig ging er vorüber, und wir lenkten unsere Schritte durch die Arcaden der Uffizien dem Arno zu. Was ihn umgab, würdigte er keines Blickes. Er hatte meinen Arm losgelassen, sah auf die breiten Platten der Straße nieder und schien an nichts zu denken.

Wie lange sind Sie in Florenz? fragte ich.

Seit heute.

Und doch scheinen Sie mit all diesen Straßen und Plätzen seit Jahren vertraut.

Weil ich mich nicht darin umsehe? – Er lachte kurz und traurig auf. Da kommen wir wieder auf den einen Punkt. Sehen Sie, ich habe die Erfahrung gemacht, je mehr ich mich in etwas umsehe, desto weniger will mir's vertraut und traulich werden. Mir selber bin ich ganz fremd geworden, weil ich – aber sagen Sie mir erst, wofür Sie mich halten, daß ich überall mein leidiges Ich ins Spiel bringe! Denken Sie nicht, ich sei mir über die Maßen interessant? Lieber Himmel! über die Maßen langweilig bin ich mir; aber daß ich's nicht lassen kann, daran zu denken, das ist mein Unglück. Ein Kranker spricht auch immer von sich, weil er sein Dasein in jedem Augenblick an seinen Schmerzen empfindet. Und krank bin ich, gemüthskrank – geisteskrank – wie Sie wollen.

Erschrecken Sie nicht, fuhr Franz fort. Ich bin keinem Tollhause entsprungen, ich werde mich allezeit aufs Manierlichste betragen und keine Versuche machen, meinen Kopf zu essen oder über mich selber wegzuspringen. Es ist nur eine kleine Schlaflosigkeit des Geistes, an der ich leide, und um welche einzulullen mein Arzt mich nach Italien geschickt hat. Wenn ich's nur lassen könnte, aufzupassen, ob der Schlaf nicht kommen will, so käme er wohl am Ende. So aber bin ich gewiß, daß ich ungeheilt und unheilbar heimkehre.

Damit hatte er sich auf das Geländer der Arnobrücke gesetzt, und ich folgte stillschweigend seinem Beispiele. Wir sahen beide in den Strom hinab, der mit stillem Rauschen sich um die Brückenpfeiler drängte und ins Land hinausfloß. Die Lichter in den Häusern des Lungarno spiegelten sich als kleine Funken in der Tiefe, wie ein elektrisches Aufblitzen des Elementes selbst. Zu beiden Seiten lag die schöne Stadt, fern rollten die Wagen, und nur selten kam ein trällernder Fußgänger an uns vorbei.

Hier erzählte er, wenn es Erzählen heißen kann, in Einem Athem hundertmal sich widerlegen, seine eigenen Worte verspotten und, um genau zu sein, das kaum Gesagte wieder in Frage stellen. Wenn ich versuchen wollte, seine Reden wiederzugeben, wie er sie fieberhaft abgerissen, vor lauter Schärfe verworren vor mich hin schüttete, so würde ich damit Bogen anfüllen. Die Hauptsache, auf die es hinauslief, ist mit wenigen Worten gesagt.

Sein Vater, der ein reicher Kaufmann in F. gewesen war, hatte seine nicht geringe Bildung sich ganz allein verdankt. Er war in den Alten belesen, in der Geschichte bewandert, und da er in ungebildeten Kreisen aufgewachsen war und sich genötigt sah, alles, was er an geistiger Nahrung bedurfte, sich auf eigene Hand zu erwerben, gegen den Geist der Familie zu behaupten und im Stillen weiterzupflegen, so hatte sich in seine Natur ein gewisser Trotz der Selbständigkeit eingenistet, den er auf seinen Sohn zu vererben wünschte. Nichts war ihm von außen gekommen, darum verachtete er alles, was die meisten Menschen schätzen, weil es ihnen von der Autorität der Sitte überliefert wird. Er erzog seinen Sohn mit einem einzigen Wort: Erkenne dich selbst! Er forderte nichts von ihm als unausgesetzte, rücksichtslose Selbstprüfung, ohne sich jemals um das Resultat zu bekümmern. Nur gegen Gleichgültigkeit, Träumerei und Hindämmern in Gewohnheiten und Zufälligkeiten war er unerbittlich. Sobald er zu bemerken glaubte, daß der Knabe gedankenlos Gehörtes oder Gelesenes nachsprach, zeigte er ihm mit der dialektischen Schärfe, die ihm eigen war, den Gegensatz als das Wahre, um auch diesen wieder fallen zu lassen, wenn er Eindruck zu machen schien. War der junge Kopf dann von Rathlosigkeit geängstigt und verstummte im Gedränge der Zweifel, so pflegte der alte Herr abzubrechen und zu sagen: auf die Dinge kommt es nicht an, sie sind wahr und falsch, für den Einen so, für den Andern so. Auf dich kommt es an; also erkenne dich selbst.

Aber wie die physische Natur des Menschen in der Jugend mehr Schlaf bedarf, als in ihrer Reife, so will auch die geistige in der Zeit ihres Aufblühens Ruhe und Stille, um zu erstarken. Die Seele muß geschont werden, wenn der Geist wahrhaft zu sich selber kommen soll. Jene schöne Dumpfheit der Jugend, jene träumerische, unbewußte Fülle, die reine Genußkraft der noch unerschöpften Sinne gingen dem jungen Franz über seinem vorzeitigen Ringen nach Selbstgewißheit verloren.

Das Schlimmste aber war, daß er, während er so das innige, gläubig sich hingebende Verhältniß zu den Erscheinungen der Welt verlor, wie es nicht anders sein konnte, auch jede volle Empfindung seiner selbst mehr und mehr einbüßte. Daß gerade, was der Vater in ihm befestigen wollte, der eigene Instinct, erlahmte, weil er in jedem Augenblick zur Rechenschaft gezogen wurde. Er hatte hundert Bilder bei der Hand, um mir diesen Zustand, den er jetzt als Krankheit in sich fühlte, zu schildern. Mein Vater, sagte er, zeigte mir alle Erscheinungen des Lebens gleich von beiden Seiten, und bekanntlich hat ja auch jedes Endliche seine zwei Seiten. Nur ist es traurig, wenn man sie zusammen sieht, nicht die zweite erst, nachdem man sich an der ersten satt gesehen hat. Dadurch verliert Alles seine körperliche Wirklichkeit, seine Wichtigkeit für uns, Alles wird wie ein gläserner Würfel, den wir durchschauen, und was gläsern ist, dünkt uns gebrechlich. Und am Ende durchschauen wir uns selbst wie Glas und verlieren jenen heimlichen dunkeln Kern, der denn doch wohl der Keimpunkt unserer Persönlichkeit ist und immer neue Kräfte hervortreibt, wenn die alten aufgezehrt sind. Ach, Bester, ich habe einmal eine Sage gelesen von einem tiefen Brunnen, der unerschöpflich war, bis seinen Besitzer die Neugier trieb, mit einer Fackel seinen Grund ausspähen zu wollen. Von Stund an versiegte die Flut; denn die Nymphe zürnte, daß man sie in ihrer Heimlichkeit belauscht hatte. – Sehen Sie, es war mir oft, wenn ich mich abmühte, hinter mich selbst zu kommen, als thäte ich etwas eben so Zweckwidriges, wie ein Mensch, der Wasser, das man ihm in die Hand gießt, krampfhaft mit den Fingern festhalten will. Warum schließt er nicht ruhig seine Hand zu einer einfachen Höhlung zusammen?

Wenn Sie aber dieses Gefühl von dem Mißlichen Ihres Geschäftes selber hatten, warf ich ein, warum erlaubten Sie sich nicht, auch das als einen Theil Ihres Selbst zu erkennen und zu respectiren?

Weil es ein Gefühl war, dunkel und verstohlen, und der Geist sich gleich daran machte, es zu entlarven, um es als Feigheit, Schwäche, Unwürdigkeit zu verbannen. Ja wäre der Hochmuth nicht hinzugekommen, der es einesteils für sehr heroisch ausgab, sich bei lebendigem Leibe unverdrossen selbst zu zergliedern, und anderenteils mir zuraunte, daß ich auf diesem Wege gescheiter würde, als alle meine Altersgenossen! Sie haben mich noch in jenem Stadium gekannt, wo ich mich an diesem Uebermuth, an der Ueberlegenheit, die mir meine trostlose Durchsichtigkeit über euch gute Gesellen gab, immer wieder erquickte, wenn ich euch um die Fähigkeit beneidete, euer Leben zu genießen, in einer Kellnerin eine Göttin, in einem dürren Professor einen Plato und in eurem schmutzigen Flußwasser einen der Ströme des Paradieses zu sehen. Ganz heimlich zuweilen mühte ich mich ab, mich mit euch zu betäuben. Ich konnte zu keinem rechtschaffenen Rausch kommen; ja es schien, als steigere der Rausch meine scharfe Spürkraft für alles Nichtige, für alle Kehrseiten irdischer Dinge. Wie oft stimmte ich ein gutes altes Lied mit an, das mit so herzlich wenig Sinn und Verstand, und gerade deßhalb, euch allen zu Kopfe stieg! Kaum aber brachte ich's über die erste Strophe, so raunte mir mein Dämon ins Ohr: gestehe nur, daß du nicht glaubst, was du singst! und weg war alle fromme Andacht. Ich sah mich unter euch mit den Augen eines Dritten, der nüchtern seine Glossen macht und der ganzen Burschenherrlichkeit, die auf hohen Wogen dahin ging, weissagen mußte, daß sie über ein Kleines auf irgend einem philiströsen Sande auflaufen werde. Auch Manchem von euch mag dann und wann ein solches Bild aufgetaucht sein; aber ihr wäret klug genug, es vor euch selbst zu verläugnen, oder nur gerade darum desto hingebender das Glück der Stunde zu genießen, während ich es für meine Pflicht hielt, es mir ehrlich einzugestehn, sollte auch alles Glück darüber zum Teufel gehen.

Da machte er eine Pause und sah lange in den Fluß. Alles fließt, wie jener dunkle Heraklit sagt, fing er endlich wieder an. Aber wer in jedem Augenblicke den ewigen Fluß der Dinge rauschen hört, dem zerfließt die Welt. Nur ein Gott hält es aus. Ein Menschengehirn will feste Form, einseitige Beschränkung; denn man genießt das Endliche nur, wenn man es für ein Unendliches hält. Das ist ohne Bornirtheit nicht möglich, und dieses Wort, das die meisten Menschen für ein Schimpfwort halten, ist mir darum das heiligste. Glauben Sie nicht, daß ich die Reflexion verachte, obwohl sie mich krank gemacht hat. Ich weiß, was sie werth ist, im rechten Verhältniß zur Genußfähigkeit. Gerade so angenehm, wie es mir ist, mitten in der Nacht aufzuwachen, mich zu besinnen und zu wissen, ich kann noch weiterschlafen, gerade so herrlich denke ich es mir, aus den traumhaften Glückszuständen, die Andere mit Hingebung genießen, sich zu wecken, zu sammeln, zu reflectiren, und dann sich gleichsam auf die andere Seite zu legen und weiter zu genießen.

In dieser Weise sprach er noch viel, was ich vergessen habe und auch wenn ich es noch wüßte, hier unterdrücken würde, um dem Leser das Gefühl zu ersparen, das mich mehr und mehr in der Nähe des seltsamen Menschen überkam, ein Gefühl der peinlichsten Unruhe, das selbst stärker wurde, als das Mitleiden mit seinem offenbar kranken Zustande. Es war zuerst rührend, die Bekenntnisse dieses Heimwehs nach sich selbst zu hören; dann aber wurde es immer unheimlicher. Was uns Anderen das Leichteste scheint, sich gehen zu lassen, war ihm eine unerreichbare Aufgabe geworden. Je ehrlicher er danach rang, sich seiner Existenz zu versichern, desto mehr ward er vor sich selbst zu einer Täuschung. Ja es gab Momente, wo er selbst diesen seinen Zustand in Frage stellte und darüber erst recht im eigentlichsten Sinne aus der Haut fahren wollte.

Ich erfuhr dann weiter von ihm, daß er nach dem Tode des Vaters in F. seinen festen Wohnsitz genommen hatte. Ich kannte diese Stadt und wußte, daß dort eine geistig überreizte Natur mehr als irgendwo Gefahr läuft, in Vereinsamung sich vollends zu zerrütten. Denn alle vorübergehenden Verstimmungen und Verstörungen wuchern dort mächtig auf, weil die Gesellschaft nichts dazu thut, sie durch gesundere Zuflüsse vom Geiste abzuspülen. Mit Ausnahme sehr weniger Kreise ist dort die Bildung inselhaft vom deutschen Festlande abgetrennt und von einem Meere kaufmännischer Speculation umwogt. Auch Franz wurde hier noch mehr als je zuvor auf sein Inneres zurückgewiesen, das Aergste, was seiner Natur widerfahren konnte. Zuletzt hatte er sich entschlossen, das Geschäft seines Vaters selbst zu übernehmen und seine juristischen und historischen Studien ganz bei Seite zu lassen. Ich wußte von der Universität her, daß er umfassende Kenntnisse hatte. Aber von allen Arbeiten, die er anfing, brachte er keine zu Stande. Auch die festen Gestalten der Geschichte zerrannen ihm, um mit seinem Bilde zu reden, unter den Händen, gerade weil er sich bemühte, sie von allen Seiten festzuhalten. Es fehlte ihm auch hier die Einseitigkeit, die zu aller Productivität erforderlich ist. Dagegen schilderte er mir, wie er eine Art von Genügen am Rechnen finde. Die abstrakten Zahlen hätten etwas Beruhigendes für ihn; er wisse, eine Vier sei eben eine Vier, und weiter könne keine Dialektik der Welt ihr etwas ablocken. Seinen Zahlen gegenüber schlafe er wirklich; sie verlangten keine Selbsterkenntniß, sie hätten gar kein Verhältniß zu ihm, das er sich zerstören könne, indem er es zu ergründen suche.

Ueber diesem Gespräche war, ehe wir es dachten, die Mitternacht herangekommen. Lautlos lag die Stadt, und die Kühle stieg kräftiger vom Flusse zu uns auf.

Und was hatten Sie von Italien gehofft? fragte ich.

Auf morgen das! sagte er, indem er aufstand. Mein Geschwätz, das Ihnen schon Ihren halben Schlaf gekostet, möchte Sie sonst um den ganzen bringen, und schlafen – das ist Labsal, mein einziges.

Darauf fragte er mich, wo ich wohne, und als ich das Haus nannte, besann er sich, daß ihn ein römischer Freund an die edle Padrona adressirt habe, und freute sich, mein Nachbar werden zu können. Ich schwieg, denn die Nähe des Kranken war mir wenig erwünscht, und ihn zu heilen durfte ich nicht hoffen. Sogleich bemerkte er mein Verstummen und sagte: Reden wir nicht mehr davon! Es wäre heillos von mir, Sie hier zu belästigen, wo Sie so vergnügt zu sein scheinen, wie ein Fisch im Wasser. Sagen Sie auch ehrlich, ob Sie mich überhaupt lieber nicht wiedersähen, ich denke darum nicht schlechter von Ihnen und mir.

Auf diese treuherzigen Worte konnte ich nicht anders, als ihm versichern, daß mir seine Nachbarschaft lieb sein würde. Wir könnten ja auch im Uebrigen unsere Wege gehen.

Ja, sagte er, Sie haben Recht. Ueberdies, daß ich mich allzu sehr an Sie anschließe, ist schwerlich zu befürchten. Ich empfinde jetzt einen Zug zu Ihnen, und es hat mir wohlgethan, Ihnen sagen zu können, was, wenn ich es mir immer allein vorerzähle, mir zuweilen das Hirn aus dem Schädel und das Herz aus dem Leibe heraus ängstigen will. Morgen werde ich es vielleicht für eine Narrheit halten, einem Fremden zur Last gefallen zu sein, und ich werde Sie zu vermeiden wünschen. Auf alle Fälle, auch wenn ich in Ihr Haus ziehe, haben Sie Vollmacht, sich Ihrer Haut zu wehren. Es werden ja Schlüssel in den Thüren stecken.

Vor der Thür seines Hotels gingen wir auseinander. – Ich lag schon lange in meinem Bett, und die Falten des Umhangs ließen keine Zanzare durchschlüpfen, die mir mit ihrem Gesumm zu Häupten den Schlaf abgewehrt hätte. Aber Franz' Worte umsummten mich schlimmer als ein Zanzarenschwarm, und der Morgenstern, der mich weckte, war nicht die Venus, sondern Stella, die Magd, die Wittwe des Grafenkochs, die von dem Gedanken geängstigt wurde, ich sei am Ende gar in den Himmel hinübergeschlummert und erzähle eben ihrem Seligen, daß sie die Hand Luigi's, des Kutschers, ausgeschlagen, aus Rücksichten für ihre Bildung.

*

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