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Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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Da überwarf sich die Tante Babett mit meinem Vater und verließ ganz plötzlich das Haus. Es war nämlich aufgekommen, daß sie jeden Morgen auf einem Umweg in die Kirche gegangen war. Auf diesem Weg aber wohnte ein Bräubursch. Der hat sie jedoch nicht geheiratet, weil sie, wie er sagte, ihm zu fromm sei und es mit den Pfarrern hielte. Nach ihrem Weggang wurde die Zenzi in der Küche und dem Hauswesen verwendet und ich mußte wieder die Kindsmagd machen.

Da geschah es oft des Abends, daß die Kinder nicht einschlafen wollten; ich mußte mich aber schicken, um wieder hinunter in die Wirtschaft zur Arbeit zu kommen. Da das Zureden nichts nützte, half ich mir schließlich auf folgende Weise: Aus einem Bettuch machte ich mir ein weißes Gewand, aus gelben Bierplakaten zwei Flügel und aus einem Lampenreif die Krone. So ging ich zu ihnen ins Schlafzimmer, wo nur ein rotes Nachtlicht brannte, trat an das Bett des zweijährigen Maxl und fing leise an zu singen. Ganz andächtig mit geschlossenen Augen hörte er mir zu, während der vierjährige Hansl mich beobachtete, ohne mich zu erkennen. Am andern Tag erzählte der jüngere es dem älteren und sagte: »Du, Hansl, heut auf d'Nacht is mei Schutzengel da g'wen mit goldene Flügeln und an weißen Kleid; der hat schön gsunga!«

Darauf sprach der Hansl: »I hab's scho g'sehgn, aba i hab mi nix z'sagn traut, sonst hätt i 'hn verjagt.«

Ich verbot ihnen, irgend jemandem etwas davon zu sagen und machte nun jeden Abend den Schutzengel.

Wie ich nun wieder einmal vor dem Bett stehe, geht die Tür auf und die Mutter kommt herein. Der Hansl ruft ihr noch zu: »Sei stad, Mama, da Schutzengel is da!« als sie schon schreit: »Du Herrgottsakermentsg'ripp, du zaundürrs! Dir werd i's austreibn, an Engl z'macha!« Und damit reißt sie mir die Flügel herunter und jagt mich unter Püffen aus der Stube. Die Kinder begannen zu schreien und zu weinen und die Mutter beruhigte sie, indem sie sie über den Frevel, wie sie sagte, aufklärte und ihnen Schokolade gab.

Von der Stunde an betrachteten mich die Brüder mit kindlicher Verachtung und wollten mir lange nicht mehr folgen.

Dann kam eine Zeit, wo die Mutter mich wieder besonders quälte; sie war aber auch gegen andere Leute recht barsch, vor allem gegen den Vater. Dabei wurde sie immer stärker, und nun wußte ich, daß wieder ein Kind kam. Daß dem so war, das hatte ich eines Tages nach der Turnstunde erfahren, als ich mit mehreren Mädchen meiner Klasse, ich war damals dreizehn Jahre alt, nach Hause ging. Da begegnete uns eine Frau, die in andern Umständen war, und auf die Frage der Babett: »Warum is denn dö unten so dick und obn so mager?« entgegnete ich: »Ja, weils halt ihr Korsett verkehrt anhat.«

»Du irrst!« sagte darauf die Else, eine Lehrerstochter. »Die Frau trägt überhaupt kein Korsett, sondern die bekommt ein Kind.«

»Ja, die Else hat recht«, mischte sich eine vierte, die Anna, ins Gespräch, »mei Mutter war auch so dick, dann ham ma zwoa Bubn kriegt; dann is s' im Bett g'legn, und wie s' wieder aufg'standn is, war s' wieder ganz mager. Jetzt möcht ich nur wissn, wie dö rauskomma san.«

»Das kann ich dir schon sagen«, erwiderte die Else. »Mein Papa hat zu Hause ein Buch, darin hab ich's gelesen: Wenn ein Mann mit einer Frau ins Bett geht und mit ihr was Schlimmes treibt, legt er ihr ein Ei in ihren Körper; dann tut er wieder was Böses mit ihr, dadurch kommt das Ei in den Magen der Frau, und die brütet es aus und aus dem Nabel kommt das Kind mittels der Nabelschnur.«

»Du spinnst ja!« rief jetzt die Theres. »Da hast halt aa net recht g'lesn! I woaß von meiner Schwester, die von dem Doktor dös Kind hat: dös Ei liegt net im Magn, sondern im Bieserl. Da tut der Mann mit der Frau was Böses und dann kommt's in Bauch und nach einem halben Jahr kommt 's Kind unten raus. Und da braucht ma die Hebamm zum Aufschneidn und Zunähn.«

Mit Gruseln hörten wir zu und daheim untersuchte ich, als ich allein war, sogleich mit einem Spiegel, ob das mit dem Kind wirklich möglich sei; da hab ich gefunden, daß es unmöglich sei.

Aber die Mutter bekam bald danach doch den Ludwigl, und da ich in Ermangelung einer Wochenbettpflegerin alle bei einer Niederkunft notwendigen Arbeiten tun mußte, so konnte ich ziemlich den ganzen Verlauf der Geburt beobachten.

Als ich dann die Mutter laut jammern und klagen hörte, hatte ich viel Mitleid mit ihr und nahm mir zugleich fest vor, niemals mit einem Mann was Böses zu tun. Im übrigen hatte ich nicht viel Zeit zum Nachdenken; denn den ganzen Tag bis spät in die Nacht ging es treppauf, treppab und hieß es arbeiten, damit die Mutter zufrieden war.

Von dem Besuch höherer Schulen hielt meine Mutter damals noch nicht viel, und so mußte ich, als ich aus der Werktagsschule entlassen war, in die Mittwochschule gehen, die meist von Dienstmädchen und den Töchtern der Armen besucht wurde. Bei den geringsten Anforderungen, die hier an die wenig wißbegierigen Mädchen gestellt wurden, war ich bald das verrufene und doch zur rechten Zeit vielbegehrte »G'scheiterl« und brachte am Schluß des ersten Jahres die beste Note nach Hause. Zum Lohn dafür durfte ich mit einem jungen Mädchen aus dem Nachbarhause, das ebenso bleichsüchtig wie ich war, in den Ferien zu den Großeltern aufs Land.

Da nun mein Großvater damals schon ziemlich schwer erkrankt war, schien es der Großmutter um der Ruhe willen, deren der Kranke bedurfte, ratsamer, uns zur Nanni zu schicken. Diese hatte in einem unverständlichen Anfall von Besorgnis, daß das Anwesen in Westerndorf ihr zum Ruin werde, dasselbe verkauft und erst nach einem halben Jahr gemerkt, welch schlechten Tausch sie gemacht hatte, indem sie dafür eine ganz alte, morsche Hütte ohne Obstgarten in Haslach genommen, lediglich um der Äcker willen, die zwar bedeutend größer waren, aber jedes Jahr von schweren Hagelwettern heimgesucht wurden. Sie war also froh, etwas an uns zwei bleichen Hopfenstangen, wie sie uns nannte, zu verdienen. Freilich wäre ich gern beständig um meinen Großvater gewesen; aber die Großmutter litt meine Anwesenheit nie lange und schien förmlich eifersüchtig darauf zu sein, ihn allein zu pflegen. So streiften wir zwei Mädchen durch Wald und Wiesen, fingen Fische und Krebse und hingen mit einer Zärtlichkeit aneinander, daß wir nachts zumeist in einem Bett beisammen schliefen; ja, als wir nach Vakanzschluß wieder heimwärts fuhren, gelobten wir uns noch im Bahncoupé ewige Treue und Freundschaft.

Einige Monate später, es war an einem Dezembertag, rief meine Lehrerin mich kurz nach Beginn des Unterrichts hinaus und reichte mir ein Telegramm. Da ich schon seit einigen Tagen die Sorge um meinen kranken Großvater nicht los werden konnte und besonders in der letzten Nacht durch einen schweren Traum geängstigt ward, so war mein erster Gedanke: Er ist tot. Als ich die Worte: »Lenei, komm, Vater stirbt!« gelesen hatte, rannte ich, ohne mich zu entschuldigen, oder meine Kleider und Schulzeug zu nehmen, halb besinnungslos nach Hause. Aber die Mutter ließ mich nicht fort, und so lief ich in Groll und Verzweiflung umher, weinte und schlug meine Fäuste gegen den Kopf und fand doch keinen Ausweg. Und als am andern Tag ein weiteres Telegramm kam des Inhalts: »Vater tot, wird Samstag früh eingegraben«, war ich ganz gebrochen; denn es schien mir, als wäre mit dem Toten alle Hilfe und Stütze dahin. Jammernd und wehklagend lief ich durchs Haus und die Mutter erreichte weder mit guten noch bösen Worten etwas. Und als sie mir auf meinen Vorwurf. »Warum habt's mi nimma zu ihm lassn!« Strafe androhte, stürmte ich von der Wirtsküche die vier Stiegen hinauf und wollte mich in den Hof hinunterstürzen. Doch in diesem Augenblick riß mich jemand vom Fenster herab, worauf ich ohnmächtig zusammenbrach.

Von dem darauffolgenden Tage ist mir keine Erinnerung geblieben; am übernächsten Morgen aber war ich schon früh um fünf Uhr mit der Mutter auf dem Wege zur Bahn, beladen mit Kränzen und von Schmerz und dumpfer Trauer ganz betäubt. Ich weinte keine Träne mehr im Zug, wo wir mit den Verwandten der Mutter und den Kostkindern zusammentrafen. Stumm blickte ich aus dem Coupéfenster in die verschneite Landschaft und sah überall das gütige Antlitz des Toten.

Als wir daheim in die Stube traten, wo der Verstorbene aufgebahrt war, stürzte ich der Großmutter, die auf dem Kanapee saß, an den Hals und wir vergaßen ganz, daß so viele mit ihr reden wollten. Als mich endlich die Mutter wegzog und sagte: »Komm, Mutter, red mit den Kindern!« sah ich beim Aufstehen erst, daß die Frau ganz schneeweiß und fast erblindet war vor Gram und Kummer.

Indem traten die vier Männer, welche nach der Aussegnung den Sarg zum Friedhof zu tragen hatten, in die Stube. Flehentlich bat ich sie, ihn nochmals zu öffnen, damit ich den Großvater noch einmal sähe. Und als sie endlich meinen Bitten nachgaben, schrie ich laut auf vor Schreck und Weh: der Tote hatte Augen und Mund weit offen und war furchtbar entstellt, teils von dem entsetzlichen Leiden der letzten Tage, teils von der vorgeschrittenen Verwesung.

Da ertönte lautes Beten, und herein in die Stube trat der alte Pfarrer mit den Ministranten und dem Lehrer, die Leiche auszusegnen, gefolgt von einer teilnehmenden und neugierigen Menge.

Unter dem wimmernden Geläute des Totenglöckleins setzte sich der Zug in Bewegung. Ich führte die Großmutter, und wir waren beide ganz still geworden; meine Mutter aber hatte schon, während die Geistlichkeit ihre Psalmen und Gebete sang, laut zu schreien begonnen, und auf dem ganzen Wege durchs Dorf bis zum Gottesacker hörten wir ihr Schluchzen und Jammern.

Schier endlos war der Zug der Leidtragenden, und erst jetzt merkte man, wie geehrt und beliebt der Handschuster in der Gegend gewesen war; ja, lange nach seinem Tode konnte man noch gelegentlich hören: »Ja, der Handschuasta, dös is a kreuzbrava, rechtla Mo g'wen; da derfs lang geh, bis a söllana wieda amal z'findn is; mir hat er aa selbigsmal bei dem Brand mein Buam aus'n Feuer g'holt und hernach 's ganze neue Haus umasinst ausg'weißt.«

Nachdem nun der Sarg niedergestellt und eingesegnet war, schickten die Männer sich an, ihn ins Grab hinabzulassen. Da vergaß ich alles um mich her und ganz in dem Gedanken, daß bei dem Toten auch für mich Ruhe sei, stürzte ich auf das offene Grab zu und fiel besinnungslos fast hinein. Man bemühte sich um mich, und als ich wieder zu mir kam, hörte ich eine alte Bäuerin neben mir sagen: »Dös is a schlechte Zoacha g'wen, i moan allweil, da Handschuasta holt si's Lenei bal; schaugt a so aus wia dö teuer Zeit, dös Dirndl!« Da hoffte ich im stillen, dieses Zeichen würde bald wahr werden, und wurde wieder ruhig, so daß man mich abermals ans Grab führen konnte.

Der Herr Pfarrer hielt eben die Grabrede und sprach gerade von dem felsenfesten Glauben, den der Verstorbene in all seinem Tun gezeigt habe: »Herr, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich das Netz nochmals auswerfen! Diese Worte des heiligen Petrus hat der Handschuster sich in allen Lebenslagen zur Richtschnur gesetzt. Es war ihm gleich, ob bei einer Arbeit, einer Dienstleistung oder einem guten Werk etwas herausschaue und zu profitieren sei, oder ob er dies Werk umsonst verrichten müsse. Ihm genügte es, daß seinem Nachbar damit geholfen war. Dieser seiner Überzeugung verdanken auch die hier versammelten Leidtragenden und Kostkinder des Handschusters ihre wohlbegründete Existenz, ja teilweise ihren Wohlstand, und haben sie ja selbst, wie sie durch ihr Hiersein beweisen, gegen den teueren Verstorbenen und dessen selbstlose Liebe und Fürsorge einer Pflicht der Dankbarkeit genügen wollen. Dieser große Glaube, der nicht fragt und nicht zweifelt, nicht zögert und nichts verbessern will, dieser Glaube überzeugt auch mich davon, daß unser lieber Herr, gleich wie zu Petrus, auch zu ihm sagt: ›Selig bist du, weil du geglaubt hast!‹ Weinet nicht, die ihr hier am offenen Grabe steht; er wird auferstehen. Weine nicht, treue Mutter, die du ihn gepflegt hast Tag und Nacht und mit ihm getragen hast Freud und Leid, Sorg und Arbeit in stiller Entsagung dessen, was andern die Ehe bietet! Viele sind berufen, wenig auserwählt, und wer es fassen kann, der fasse es. Drum weine nicht, Mutter der Gemeinde, Mutter unserer Verlassenen und Verwaisten; weinet nicht, ihr Kinder; denn er will nicht euere Tränen, sondern euer Gebet. Darum wollen wir uns vereinigen zu einem andächtigen Vaterunser und Ave-Maria.«

Nach dem Trauergottesdienst in der Kirche, der dem Begräbnis folgte, begaben sich meine Mutter, die Nanni mit ihren Angehörigen, der Bastian und die Kostkinder zum Huberwirt, um den Leichenschmaus zu halten. Die Großmutter wollte nicht mitgehen; doch ließ sie sich am End überreden, wenigstens in der Wirtsküche ein paar Worte mit einigen Bekannten und dem Huberwirt zu sprechen. Ich war mit in die Gaststube getreten und stand nun in einer stumpfen Teilnahmslosigkeit am Ofen, während die Verwandten, noch ehe sie die Wintermäntel abgelegt hatten, in lebhaften Streit geraten waren wegen der Habseligkeiten des Großvaters, die noch nicht verteilt worden. Jedes wollte das schönste und meiste haben, und des Hausls Schatz, den der Großvater sorgsam für mich aufbewahrt hatte, wurde mir auch genommen. Nach den letzten Bestimmungen des Verstorbenen, der kein Testament gemacht hatte, mußte das Haus noch vor seinem Tode verkauft werden und der Erlös wurde gleichmäßig unter die Kinder verteilt, nachdem für die Großmutter tausend Mark beiseite gelegt waren. Diese tausend Mark nahm dann die Nanni an sich und behielt dafür die Großmutter bis zu deren Tod.

Während meine Mutter und die andern sich noch stritten, kam der Huberwirt in die Gaststube herein, führte die Großmutter am Arm und sagte, zu meiner Mutter gewendet: »Dös is der Handschuasterin scho dös Irgst, daß 's Lenei nimma kemma hat derfa, bevor der Handschuasta g'storbn is; er hätt no so viel z'redn g'habt mit ihr und hat in oan Trumm g'sagt: »Kimmt's Lenei no net? Geh, Muatta, schaug, ob's jatzat kimmt!«

Verlegen entgegnete meine Mutter: »Lieber Gott, 's Telegramm ist eben zu spät g'schickt wordn.«

Da stürzte ich voller Zorn aus meinem Winkel hervor, trat vor die Mutter hin und schrie sie an: »Net wahr is! Sag's nur, daß d' mi net raus hast lassen! O mein Gott, und er hat so viel nach mir verlangt! I hab's ja g'spürt und hab koan Ruh g'habt Tag und Nacht. Dös vergiß i dir net, Muatter, daß d' so hart und ohne Herz g'wen bist!« Damit nahm ich die Großmutter am Rock und zog sie zur Tür hinaus. Sie folgte mir ohne Widerstreben, während die andern alle ganz still geworden waren und die Mutter sich umständlich schneuzte.

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