Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Lena Christ >

Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
Schließen

Navigation:

Während dieses Jahres gebar die Mutter in München ihr zweites Kind, den Maxl. Kurz zuvor hatte der Vater sein ganzes Geld, bei dreißigtausend Mark, auf dem Anwesen, das er gekauft hatte, durch einen Bauschwindler verloren, so daß er sich an eine Brauerei um Hilfe wenden mußte. Diese gab ihm, nachdem sie ihn eine Zeitlang in ihrer Flaschenfüllerei beschäftigt hatte, eine Kantine im Lechfeld. Den Hansl nahm die Mutter mit, und der Maxi kam zur Großmutter in die Kost.

Nach einem Jahr schrieb die Mutter, man solle uns wieder nach München schicken, und sie versprach, mich jetzt besser zu behandeln; es gehe ihnen gut und sie hätten im Lechfeld so viel Gewinn gemacht, daß der Vater in München wieder eine Wirtschaft pachten könne.

So brachte mich denn der Großvater wieder in die Stadt, nicht ohne Kummer und Besorgnis. Doch behandelte mich meine Mutter jetzt wirklich besser und sparte nicht an Lob und Belohnung, wenn ich etwas zu ihrer Zufriedenheit gemacht hatte. Zu Weihnachten schenkte sie mir eine Puppe, die so groß wie ein zweijähriges Kind war und einen wunderschönen, wächsernen Kopf mit echtem Haar hatte. Doch die Freude währte nicht lange; bald nach Ostern nahm sie mir die Puppe weg, weil ich zu viel Zeit mit dem Spiel vertrödelte, und schenkte sie später der Großmutter für die Kostkinder. Die Großmutter aber hob sie noch lange Jahre für mich auf und gab ihr einen Ehrenplatz in der Künikammer. Der Tag meiner Firmung brachte dann eine weitere Enttäuschung, wohl die bitterste, die ein Mädchen in diesem Alter erleben kann; denn noch an dem gleichen Tage verkaufte die Mutter mein weißes Firmkleid an den Vetter Bastian, einen Fuhrknecht, der es für seine Tochter brauchte und ich mußte mich in meinem alten Sonntagskleid von der Nanni, meiner Firmpatin, in den Metgarten an der Schwanthalerstraße führen lassen, wo die andern Firmlinge in ihren weißen Kleidern und mit der offiziellen Firmuhr prangten und mich verächtlich von der Seite ansahen und von mir wegrückten. Das Firmgeschenk, das mich sehr freute, bestand in dem silbernen Geschnür, der Halskette und der Riegelhaube der Nanni; es wurde aber bald danach alles von der Mutter verkauft mit dem Versprechen, ich bekäme etwas Praktischeres dafür.

Die Tante Babett hatte inzwischen ihre Stellung wieder aufgegeben und war als Kinderfrau in dem Hause meiner Eltern angenommen worden. Unter ihrem Einfluß wurde auch die Mutter fromm und ging von nun an jede Woche zur Beichte und zum Tisch des Herrn, fast jeden Tag in die Messe, hörte jede Predigt, wurde Mitglied aller Erzbruderschaften und des dritten Ordens und machte Wallfahrten. Zu Hause aber schimpfte und fluchte sie mit bösen Worten, und die Dienstboten und ich waren in ihren Augen keine Menschen.

Weil ich nun von dieser Frömmigkeit, die vor allem den Pfarrern zu gefallen suchte, nichts wissen wollte, mußte ich gar viele Mißhandlungen und Schmähungen von der Tante Babett ertragen, der jede Gelegenheit willkommen war, über mich bei der Mutter zu klagen und ihr meine Zukunft und mein Seelenheil als hoffnungslos vorzustellen. Ich wurde darum jetzt gezwungen, jeden Morgen um sechs Uhr die heilige Messe zu besuchen und alle vierzehn Tage zu beichten. Da ward es mir oft seltsam zumut, wenn ich, kaum von der Kommunionbank weg, hören mußte, wie die Mutter wegen jeder Kleinigkeit die gräßlichsten Flüche ausstieß und doch ihre Frömmigkeit für eine echte und heilige hielt.

Zu dieser Zeit kam von Niederbayern eine zweite Schwester meines Stiefvaters zu uns. Es waren daheim noch mehrere; denn der Vater meines Stiefvaters hatte vierzehn Frauen gehabt, mit denen er neununddreißig Kinder zeugte. Als er mit dreiundzwanzig Jahren das erstemal heiratete, kurz, nachdem sein Vater, der reichste Bauer vom ganzen Rottal, unter Hinterlassung von mehr denn einer Million Gulden gestorben war, brachte ihm die Frau noch über hunderttausend Gulden Heiratsgut mit, und als nach einem Jahr ihr das Wochenbett zum Todbett ward, erbte er noch ihr ganzes übriges Besitztum; denn sie war eine Waise. Kurz danach nahm er die zweite Frau, eine Magd, mit der er sechs Jahre lebte und vier Kinder hatte. Als sie an der Wassersucht gestorben war, heiratete er noch im selben Jahr eine Kellnerin, die er aber nach wenigen Monaten davonjagte, als er eines Tags den Oberknecht bei ihr im Ehebett fand. Die vierte Frau, die Tochter eines reichen Gutsbesitzers, holte er sich aus dem bayerischen Wald, verlor sie aber schon nach zwei Jahren, nachdem sie ihm ein Kind geboren hatte. Die Leute erzählten, er habe sie durch sein wüstes, ausschweifendes Leben zugrunde gerichtet. Bald nach ihrem Tode nahm er mit dreiunddreißig Jahren die fünfte Frau, die ihm vier Kinder mit in die Ehe brachte, von denen böse Zungen behaupteten, daß sie von ihm gewesen; denn diese Frau hatte er zuvor als Oberdirn auf seinem Hof gehabt. Während einer fünfjährigen Ehe gebar sie ihm zweimal Zwillinge und einen Buben, an dem sie starb. Man sagte aber auch, sie sei aus Kummer krank geworden; denn um diese Zeit hatte er begonnen, offen ein wüstes Leben zu führen. Als Viehhändler trieb er oft zwanzig bis dreißig Stück Rinder oder auch Pferde zu Markte und hielt danach mit andern Genossen große Zechgelage. Hierbei wurde gewürfelt, und da er sehr hoch spielte, verlor er oft seine ganze Barschaft samt dem Erlös und mußte nicht selten noch Boten heimschicken um Geld.

Inzwischen war die Frau, von der er sich hatte scheiden lassen, an der Schwindsucht gestorben, so daß er nun, als er mit neununddreißig Jahren das sechstemal heiratete, wieder kirchlich getraut wurde; doch, noch ehe ein Jahr um war, starb die Frau im Kindbett. Nun holte er sich ein Weib aus Österreich, eine junge, sehr schöne Linzerin. Von ihr berichtet man, daß er einmal, als er den ganzen Erlös für das verkaufte Vieh und all sein bares Geld verloren hatte, sie auf einen Wurf setzte und an einen reichen Gutsbesitzer um tausend Mark für eine Nacht verspielte. Während dieser Nacht soll sich die Frau gar sehr gewehrt und den Gutsherrn so schwer an der Scham verletzt haben, daß er bald darauf sterben mußte. Mit dieser Frau lebte er acht Jahre sehr unglücklich, und nachdem sie ihm zehn Kinder geboren hatte, starb sie an dem letzten. Kurz darauf heiratete er mit fünfzig Jahren zum achtenmal und hatte während seiner sechsjährigen Ehe sechs Kinder. Auch diese Frau hatte keine guten Tage bei ihm; denn ihr eingebrachtes Vermögen war gleich dem der anderen Frauen bald verspielt, und nun mißhandelte er sie oder verfolgte sie im Rausch mit seinen Zärtlichkeiten, was das gleiche war; denn er war herkulisch gebaut und massig wie seine Stiere. Auch hatte er noch zu ihren Lebzeiten eine heimliche Liebschaft mit einer anderen, die nach ihrem Tode seine neunte Frau wurde, aber schon nach vierjähriger Ehe mit sechsundzwanzig Jahren an ihrem vierten Kinde starb.

Obwohl nun im Orte heimlich die Rede ging, daß er seine Frauen auch im Kindbett besuchte, davon ihnen das Blut gehend worden wär und daran sie gestorben seien, willigte doch eine Nähterin aus der Pfarre in des Vierundsechzigjährigen Heiratsantrag; denn sie hatte schon zwei erwachsene Kinder von ihm. Doch auch ihr wurde das gleiche Schicksal und sie starb nach zwei Jahren zugleich mit dem Kinde im Wochenbett. Mit siebenundsechzig Jahren heiratete er zum elftenmal, und als die Frau schon nach zwei Monaten gestorben war, ging er mit neunundsechzig Jahren die zwölfte Ehe ein. Mit dieser Frau lebte er vier Jahre und nahm nach ihrem Tode mit vierundsiebzig Jahren die dreizehnte. Diese letzten Ehen waren alle unglücklich; denn daheim prügelte er die Frauen und in den Wirtshäusern verspielte er alles, was er besaß. Beim Tode der dreizehnten Frau hatte er nichts mehr, und als er jetzt mit neunundsiebzig Jahren in das Armenhaus kam, fand er da eine Armenhäuslerin, die seine vierzehnte Frau wurde. Mit ihr lebte er noch sieben Monate und starb danach als Bettler; sie hat ihn dann noch kurze Zeit überlebt.

Die zweite Schwester meines Vaters, die vierzehnjährige Zenzi, kam damals grad aus dem Kuhstall zu uns und sollte jetzt die Haus- und Küchenarbeit lernen. Gleich nach ihrer Ankunft ließ auch ihr die Mutter die Haare abschneiden, und ich mußte ihr alle Tage das Ungeziefer vom Kopf suchen. Dann mußte ich sie beten lehren; denn sie konnte nicht einmal das Vaterunser, worüber die Mutter sehr aufgebracht war. So wenig angenehm diese Aufträge für mich waren, so belustigend war es anderseits, ihr bei der Hausarbeit zuzusehen, besonders wenn sie mit dem Schrubber putzte. Da hob sie, wenn sie zu wischen begann, das Bein in die Höhe, wie man es auf dem Felde tut, um die Gabel in den Mist zu treten, und sang dazu. Gewöhnlich war es das Lied von der unglücklichen Fahrt über den Inn, bei der fünf Burschen und drei Mädchen ertranken, und das ein Bauernbursche aus dem Rottal gedichtet hatte. Sie sang es ohne Stimme und Gehör, und das Lied lautete:

    Leut, seid's a weng ruhig
Und mirkt's a weng auf,
Und den trauringa Fall
Leg enk ich wieda auf.

Und den heuringa Jahrgang,
Den ma achtadachtzg schreibt,
Den hamand dö altn Leut
Scho lang prophezeit.

So viel Wolkenbrüch und Hagelschlag
Wia heuer san g'west;
A Schauer geht oan über,
Wenn ma d' Zeitunga lest.

Will koa Mensch nimma betn,
Halt neamd nix für a Sünd;
Wen tat's'n da wundern,
Wenn über uns nixn kimmt.

Und gehn ma von dem wega
Und drah' ma uns anderscht wo ei,
Und den oasa'zwanzigstn Mai
Muaß der Pfingstmontag sei.

Da hat's in Pocking in Bayern
Zwoa Pferderennats gebn;
Die Witterung war günstig
Und hübsch lustig is aa g'wen.

Es kimmt a Menge Menschen z'samm,
Ja dös Ding, dös is leicht;
Aba net grad vom Haus Bayern,
Sondern auch vom Haus Österreich.

»Das Renn' ging glücklich vorüber«,
So hört man allgemein lobn,
Aber die Heimkehr auf Östreich
War traurig genung.

Fünf bluatjunge Burschen
Von oana Pfarr z'haus,
Dö gehnd in Tod hinüber
Kimmt koana mehr raus.

Sie glaubn, sie gehnd über Schärding,
Aber, weils Wasser zu hoch
Und der Umweg zu weit,
Wann ma's wirklich betracht.

Da sagt der Brüahwassermathias:
»Dös war ma scho z'dumm!
Mir fahrn den pfeilgradn Weg
Vorüber in Hunt!«

Sie sitzn si eini
Und haltn si mäusstad,
Aba mitn Hong ham sie si vostocha,
Jatz hot's as halt draht.

»Jesus, Maria und Josef!«
War das Jammergeschrei;
Drei hand auskemma,
Aba mit acht is vorbei.

Fünf hand vo Österreich
Drei hand vo Boarn
Und oana davo
War bal ganz vergessn wordn:

Und am oasa'zwanzigstn Mai
Werdn die Gottesdeansta g'halten,
Aber der Schmerz vo dö Eltern
Is net zum aushaltn.

Jatz pfüat enk Gott, Eltern!
Die Gräber hand zua,
Teat's fei für uns betn
Um dö ewige Ruah!

Sang sie nicht, so war das ein Zeichen ihrer schlechten Laune, und da konnte sie dann auch bösartig sein und einem alles zum Trotz tun. Schalt ich sie, so lief sie zu ihrer Schwester, der Tante Babett, diese lief zur Mutter und die Mutter kam über mich; und hatte ich zuvor nur eine wider mich gehabt, so waren es jetzt drei.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.