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Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen und ich mußte lange unter dem Fenster rufen, bis mich die Großeltern hörten. Der Großvater öffnete das Haus und fragte, indem er uns in die Stube führte, erschreckt: »Insa liabe Zeit! Lenei wo kimmst denn du no so spat her? Was is denn nur grad passiert und wer is denn dös Wei da?»

Da berichtete ihm Frau Möller kurz das Geschehene, worauf er sagte: »Naa, Dirnei, da kimmst ma nimma eini! Jatz bleibst bei mir da; so viel ham ma, daß 's g'langt!«

Nachdem die Frau Baumeister die Einladung des Großvaters, bei uns zu übernachten, ausgeschlagen und sich nach einem Gasthof begeben hatte, wollte die Großmutter mich ausziehen; aber sie mußte mich erst in ein Schaff mit Wasser setzen, bevor sie die an den Wunden klebenden Wäschestücke vom Körper lösen konnte. Als ich endlich nackt vor ihnen stand, geriet der Großvater vor Zorn ganz außer sich und schrie, daß alles zitterte: »Dös muaß ma büaßn' dös Weibsbild, dös verfluachte! Onagln tua i's! Aufhänga tua i's! Umbringa tua i's!«

Nach dem Bad wurde ich mit sauberen Linnen abgetrocknet und die Großmutter holte den Salbtiegel und begann meinen »Wehdam einzuschmierbn«. Der Großvater aber nahm die Kinderstup und stäubte, finster vor sich hingrollend, mit dem Pudermehl meinen Rücken, die Arme und Beine ein, während der Hausl mit weit hinter sich hinausgespreizten Armen in der Stube auf und ab schritt und nur von Zeit zu Zeit den Kopf schüttelte oder ausspuckte.

Andern Tags in der Früh holte der Großvater den Bader, der mir überall, wo es vonnöten war, ein Pflasterl auflegte und dafür sorgte, daß möglichst Viele die Begebenheit inne wurden. Die Großmutter aber mußte des Vaters Feiertagsgewand herrichten; denn er wollte noch am Vormittag in die Stadt fahren. Ehe er fortging, sagte ich ihm noch den Grund, warum die Mutter mich so gestraft; doch erwiderte er aufs neue erzürnt nur: »Dös is gleich! So was redn alle Kinder amal; dös tuat a jeds Kind amal. Dös is dös G'fahrlicha no lang net!«

Als er von München zurückkam, sprach er, wie das so seine Art war, mit keinem Wort mehr von der Sache; aber ich durfte wieder ein ganzes Jahr bei den Großeltern bleiben.

Im September dieses Jahres war im Dorf das große Haberfeldtreiben; kurz vorher starb unser Hausl ganz plötzlich und ohne irgend eine Vorbereitung.

Es war auch ein recht schwüler Augusttag gewesen und der Hausl hatte schon seit dem Morgen über die Hitze und seinen großen Durst gejammert; doch reute ihn immer wieder das Geld zu einem Trunk Bier. Am Ende aber konnte es die Großmutter nicht mehr mit ansehen und sagte: »Geh, Hausl, laß dir halt vo da Lena a Bier holn! Wenn di's Geld gar a so reut, na zahl's halt i!«

Da fühlte er sich doch in seinem Stolz gekränkt und sagte: »In Gott's Nam', Handschuasterin, laßt halt a Halbe holn!«

Mit diesen Worten schlürfte er in seine Kammer, riegelte hinter sich zu und brachte nach einer geraumen Weile die paar Kreuzer heraus.

Da legte die Großmutter noch ein Zehnerl darauf und sagte zu mir: »Lenei, holst glei a Maß, na derfa ma aa amal trinka.«

Als ich dann den vollen Krug vor ihn hinstellte, brummte er ärgerlich: »Warum habt's denn enka Bier net in an andern G'schirr g'holt! Woaß ma net, was oan zuaghört und was net!«

Damit nahm er den Krug, setzte sich auf das Kanapee und trank; die Großmutter und ich aber saßen am Tisch, wartend, daß er sage: »Da, dös g'hört enk.«

Doch er sagte nichts, so daß ich bei mir dachte: »Der trinkt ja dös unsa aa no aus!«

Auf einmal läßt er die Hand mit dem Krug sinken und neigt den Kopf tiefer und tiefer. Da schreit auch schon die Großmutter. »Jess Mariand Josef, Hausl, der Kruag fallt oicha!« und springt hinzu und will ihn auffangen.

Aber die knöchernen Finger umklammern fest den leeren Krug und sind eiskalt. »Gott steh ma bei! Was is denn dös?« kreischt sie auf, denn der Hausl war tot.

Als er eingegraben wurde, kamen seine Verwandten und fielen über seine Sachen her. Dabei stritten sie heftig, und als sie endlich eins waren und wieder fortgingen, sagten sie zum Großvater: »So, Handschuasta, was jatz no da is vo eahm, dös g'hört enk.«

Da war aber nichts mehr da wie sein alter, gestrickter Janker. Den nahm ich vom Nagel, und während ich ihn betrachte und betaste, griff ich unwillkürlich auch in die Taschen und finde darin einen Schlüssel. Da fällt mir sein Wandschränklein ein. Ohne ein Wort lauf ich in die Kammer und sperre zu, suche nach dem Pünktlein, kratze den Kalk von der Wand und bringe am End nach vieler Müh das Türlein auf. Da lagen in dem Kästlein weit über hundert Mark Geld, ein Haufen Silberknöpfe und alte Münzen, seine silberne Uhr mit der Kette und den großen Talern daran und etliche schöne, silberbeschlagene Bestecke und silberne Löffel; daneben sein Rasierzeug und ein kleines, hölzernes Spieglein.

Voller Freude riß ich die Kammertür auf und rief. »Großvata, da geh rei! I hab was g'fundn vom Hausl und dös g'hört alles uns!«

Als der Großvater meinen Fund sah, war er zuerst sprachlos vor Verwunderung; dann aber sagte er: »Dirnei, dös g'hört alls dei. Du bist eahm dö Liaba g'wen und dir hätt er's do vermacht.«

Der Großmutter war das auch recht, und so haben sie mir die Sachen immer aufgehoben. Als aber nachher der Großvater starb, sind die Verwandten darüber gekommen und mir ist nichts geblieben als das Spieglein und das Besteck. Das nahm dann meine Mutter in Verwahrung, und so hatte ich nichts mehr.

Die Rede, welche der Herr Pfarrer am Grabe unsers Hausl gehalten hatte, war wieder eine Verdammungsrede gewesen; eine noch schlimmere aber hielt er kurze Zeit danach dem Schmittbauern, dem reichsten der Gemeinde, den auch der Schlag getroffen. Dieser Mann war in der ganzen Umgegend wegen seiner Gutherzigkeit und Rechtlichkeit angesehen und beliebt; nur beim Pfarrer stand er schlecht angeschrieben. Einen besonderen Groll auf ihn hatte auch der Posthalter, der sich gern durch den Bau einer Straße berühmt gemacht hätte, daran aber durch einen Acker des Schmittbauern gehindert wurde, den dieser um keinen Preis hergeben wollte. Ein jahrelanger Prozeß war zugunsten des letzteren entschieden worden.

Nach der Beerdigung begaben sich nun damals die Leidtragenden, die in großer Zahl von nah und fern gekommen waren, zum Leichenschmaus beim Huberwirt. Nur einige waren noch am Gottesacker zurückgeblieben und hörten dort, wie der Posthalter mit Bezug auf die Rede des Pfarrers zum Lehrer sagte: »Recht hat er g'habt, der Herr Hochwürden! Dem g'hört's net anderscht. Mit dene werdn ma aa no ferti; mir zoagn 's eahna scho!«

Diese Worte hinterbrachten die Bauern, die sie gehört hatten, sofort den beim Leichentrunk Versammelten, und nun kannte die Erbitterung keine Grenzen. Zur Stund ward beschlossen, den Schmittbauern zu rächen.

Am Samstag vor dem Fest Mariä Geburt erschienen bei anbrechender Nacht plötzlich etliche hundert Männer mit geschwärzten Gesichtern im Ort, zogen, mit Sensen, Dreschflegeln, Heugabeln und Äxten bewaffnet, durch das Dorf und sangen Trutzlieder auf die Geistlichkeit und besonders auf unsern Pfarrer. Dazu vollführten sie mit Johlen, Pfeifen und Zusammenschlagen der Äxte und Sensen einen höllischen Lärm. Vor dem Pfarrhof angelangt, schlugen sie dort die Fenster ein, beschmierten die Türen mit Schmutz, hieben die Obstbäume um oder rissen sie aus; sogar den Heustadel wollten sie in Brand setzen, doch zündete es nicht.

Danach zogen sie zum Posthalter und besudelten dem alle Fensterscheiben und Läden mit Menschenkot, den sie in einem großen Kübel mitführten, und schrieben an das große Tor der Einfahrt mit einem langen Pinsel, der mit demselben Schmutz getränkt war, diesen Vers:

Auf n Pfarrer is g'schissn
Auf'n Posthalter damit,
Warum hant s' so verbissn
Am Sebastian Schmitt.

Noch am andern Tag konnte jedermann diese Worte lesen.

Von den Gendarmen hatte keiner gewagt, sich den Haberern in den Weg zu stellen, und eine Untersuchung, die man später einleitete, hatte nicht den geringsten Erfolg; denn keiner verriet den andern, weil man noch von Hausham her wußte, daß das Haberfeldtreiben sehr streng bestraft wurde.

Geraume Zeit ging noch die Rede von diesem Treiben, und an den langen Winterabenden, wenn die Großmutter mit der Huberwirtsmarie und der alten Sailerin, einer achtundneunzigjährigen Greisin, in der Stube saß und spann, während der Großvater auf der Ofenbank lange, kunstvolle Späne schnitt, fiel noch manches Wort über diese Geschichte.

Aber auch andere abenteuerliche und seltsame Dinge wurden da erzählt. Besonders die Sailerin, im Dorf nur die alt' Soalagroß' genannt, die wegen ihrer bösen Zunge sehr verrufen und von manchen als Hexe gefürchtet war, wußte aus längst vergangener Zeit die wunderlichsten Begebenheiten zu berichten: von Leuten des Dorfes, die durch ihren sündhaften Lebenswandel den Teufel selber zu Gaste geladen und mit ihm wirkliche Verträge abgeschlossen hatten. Sie war selber Zeuge gewesen, wie ein Bauer in jungen Jahren verliebt war in das Weib eines Nachbarn; wie er diesen eines Mordes an einem armen Handwerksburschen zieh und, nachdem der Unglückliche peinlich verhört und am Ende unschuldig zum Tode verurteilt worden, die Wittib heiratete. Da kam eines Tages der Teufel in Gestalt eines fürnehm gekleideten Herren zu ihm und wollte eine Kuh kaufen. Als ihn der Bauer in den Stall führte, fing alles Vieh zu brüllen an und zeigte große Unruhe. Der Fremde suchte eine schwarze Kuh aus und zählte darauf den hohen Preis in lauter Goldmünzen auf den Tisch; und als der Bauer dieselben einstreichen wollte, verbrannte er sich die Hände, so heiß waren sie. Erschrocken sah er sich nach dem Fremden um; der aber war verschwunden und statt seiner stand eine erschreckliche Gestalt an der Tür und rief. »Wart nur! I kriag di scho no!« Damit veschwand sie; die Kuh aber, die nicht geholt wurde, gab von Stund an blutige Milch. Etliche Wochen später wurde der Bauer tot und ganz schwarz auf dem Felde gefunden.

Oft nach dem Abendläuten sprachen sie auch von den verstorbenen Angehörigen, und da erzählte die Sailerin von den armen Seelen im Fegfeuer und wie sie denen helfen, die fleißig für sie beten. So sei einmal ihre Mutter am Herd gestanden und habe die Abendsuppe gekocht. Indem läutete es zum Angelus, und während sie halblaut den englischen Gruß betete und, wie gewohnt, noch ein Vaterunser für ihre verstorbene Mutter hinzufügte, tat sich die Haustür auf und herein lief eine alte Frau, die der Verstorbenen aufs Haar glich. Diese zog sie hastig mit sich über die Stiege hinauf, riß die Tür zum Heuboden auf, wies mit der Hand hinein und verschwand. Ihrer Mutter aber sei fast das Herz stillgestanden vor Schreck: ganz oben unter dem Dach hing ihre Lisl mit dem zerrissenen Rock an einem Nagel des Gebälks und konnte jeden Augenblick hinunter auf den Dreschboden stürzen. Das Kind, das die Katze bis dorthin verfolgt hatte, konnte nur mit vieler Mühe gerettet werden.

Auch wußte sie viel von alten Sitten und Gebräuchen: so legten in der Thomasnacht die jungen Mädchen die gekochten Beinlein eines in der Nacht zum Andreastage getöteten Marders, einige Hollunderzweige, die am St. Barbaratag abgeschnitten worden, und einen Zettel, darauf ein geheimnisvolles Gebet geschrieben stand, auf die Schwelle ihrer Kammertür. In der Mitternachtsstunde erblickten sie dann, wenn sie in den Spiegel sahen, ihren Hochzeiter. Auch eine ihrer Schwestern habe einmal, nachdem sie alles recht gemacht, dies getan; aber mit einem lauten Aufschrei sei sie davongestürzt; denn statt eines jungen Mannes habe der Tod aus dem Spiegel geschaut. Nach langem Siechtum sei sie dann auch wirklich unverheiratet gestorben.

Atemlos lauschte ich stets diesen Erzählungen und bekam nach und nach eine große Hochachtung vor der alten Sailerin; und da sie immer recht freundlich mit mir war und auch bei den Großeltern viel galt, hielt ich mich häufig bei ihr auf. Da konnte ich denn, als das warme Frühjahr wiedergekommen, oft stundenlang bei ihr auf der Hausbank sitzen, wo sie den ganzen Tag über die Vorübergehenden prüfend betrachtete und mit sich selber lange Gespräche führte, während ihre Hände unablässig an einem ungeheuern Strumpfe strickten. Dies Stricken und Mitsichselberreden war ihr schon so zur zweiten Natur geworden, daß sie überall, wo sie ging und stand, die Lippen und die Zunge bewegte und in den gefalteten Händen die Daumen umeinanderdrehte.

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