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Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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Der Hunger, den ich zu leiden hatte, und der Umstand, daß ich in der Früh selten ein Frühstück bekam, veranlaßten mich, Trinkgelder, die ich von den Leuten für das Fleischbringen erhielt, oder auch etliche Pfennige von dem Betrag für das gelieferte Fleisch zu nehmen und mir Brot dafür zu kaufen. Als die Mutter durch Zufall dies entdeckte, mißhandelte sie mich so, daß ich mehrere Tage nicht ausgehen konnte. Da ich ein Kleid mit kurzen Ärmeln trug, sah die Lehrerin, als ich wieder in die Schule kam, an meinen Armen, sowie auch an Hals und Gesicht die blauen und blutrünstigen Flecken, und ich mußte, trotzdem ich neue Strafen zu befürchten hatte, dem Oberlehrer, der herbeigerufen worden, alles der Wahrheit gemäß berichten. Ein Brief an meine Mutter hatte nur den Erfolg, daß ich den ganzen Tag nichts zu essen bekam und die Nacht auf dem Gang unserer Wohnung, auf einem Scheit Holz kniend, zubringen mußte.

Zu dieser Zeit war es auch, daß mir einmal beim Austragen des Fleisches das ganze Geld gestohlen wurde. Mittwoch und Samstag nachmittags mußte ich nämlich immer in die Briennerstraße zu einem Kommerzienrat das Fleisch bringen, bei dem die Mutter früher Köchin gewesen war. Meistens waren es ganz große Stücke: ein ganzes Filet, ganze Lenden, Kalbschlegel oder Rücken. Bei der Ablieferung wurde mir das Geld und ein Büchlein übergeben, in welches die Bestellung für das nächstemal geschrieben wurde. An einem Samstag trug ich nun auch wieder ein großes Stück Fleisch dahin und bekam ungefähr zwanzig Mark und das Buch, das ich samt dem Geld in ein Säcklein tat und in den Korb legte. Auf dem Heimweg hielt ich mich längere Zeit vor der Feldherrnhalle bei den Tauben auf, die von den Kindern gefüttert wurden. Da schlug es vier Uhr und dabei fiel mir die Mahnung der Mutter ein, die beim Fortgehen gesagt hatte: »Daß d' um viere längstens z'haus bist und daß d'ma Obacht gibst aufs Geld!«

Also fing ich an zu laufen, so schnell ich nur konnte, und machte erst am Viktualienmarkt halt, um ein wenig zu verschnaufen. Da schau ich in meinen Korb und sehe das Säcklein mit dem Geld nicht mehr. Ich durchsuche ihn genau, durchwühle fieberhaft meine Taschen; aber es war nicht mehr da. Voll Verzweiflung rannte ich den ganzen Weg zurück bis in die Briennerstraße und fragte dort, ob ich es vielleicht mitzunehmen vergessen hätte. Doch die Köchin meinte, sie wisse gewiß, daß ich das Säcklein in den Korb gelegt hätte. Mitleidig fragte sie noch: »Moanst, du kriegst Schläg, Lenerl?«

»I glaab scho!« antwortete ich, und damit war ich schon wieder über die Stiegen hinunter. Nun lief ich wieder zur Feldherrnhalle und fragte dort die Leute: »Sie, bitt schön, ham Sie nöt da a Sackerl liegn sehgn mit an Büacherl drin und zwanzig Mark Geld?« Da lachten die einen, die andern bedauerten mich; aber gewußt hat keiner was. Nun packte mich die Angst und ich fing an zu weinen und traute mich nicht mehr heimzugehen. Ich lief durch die Maximilianstraße über die Brücke und immer weiter, bis ich zum Ostbahnhof kam.

Plötzlich fiel mir mein Großvater ein, und als es in diesem Augenblick fünf Uhr schlug, dachte ich: »Jatz derfst nimma hoam kommen, jatz is fünfe; Geld hast aa koans mehr, jatz laafst zum Großvater, der hilft dir schon.«

Ich lief also durch die Bahnhofshalle, und da ich noch wußte, auf welchem Gleis er damals abgefahren war, sprang ich zwischen die Schienen und rannte davon, so schnell ich konnte, immer auf dem Bahndamm dahin, an den Bahnwärterhäuschen vorbei, bis ich nach Trudering kam.

Als ich dort an dem Bahnhof vorbeilaufen wollte, schrie mich einer an: »He, du, wo laafst denn hin mit dein Körbl?«

»Furt!« rief ich und damit sauste ich weiter.

Indem hörte ich einen Zug hinter mir herkommen und zur Seite springend dachte ich: »Wennst jatz no a Geld hättst, na kunntst mitfahrn!«

Als der Zug vorbei war, lief ich hintendrein; doch der war schneller als ich. Bald darauf kam auf dem andern Gleis ein Zug, der nach München fuhr. Da schauten die Leute aus den Fenstern mir verwundert nach, wie ich so mit meinem Korb zwischen den Schienen dahinsprang.

Schon wurde es dunkel, als ich ganz erschöpft nach Zorneding kam. Ich schleppte mich vom Bahnhof in das Dorf, denn ich konnte nicht mehr weiter vor Seitenstechen und Herzklopfen. Neben dem ersten Hause war ein Brunnen, und als ich trinken wollte, lief eine Frau auf mich zu und rief. »Ja, mein Gott, Kind, trink doch net! Dir rinnt ja der Schweiß übers Gsicht; dös kunnt ja dei Tod sein, wannst jatz trinka tatst.« Und erst, als sie mir Gesicht und Hände mit Wasser gekühlt hatte, ließ sie mich trinken.

Inzwischen war es Nacht geworden. Mein Seitenstechen, das immer heftiger wurde, zwang mich, im Dorf zu bleiben, und als ich vor einem kleinen Hause eine Bank fand, legte ich mich darauf und nahm den Korb zu einem Kopfkissen; aber ich schlief nur schlecht und träumte schwer.

Als es Tag wurde, wollte ich weiter; aber ich war so elend, daß ich mich nicht rühren konnte. Während ich noch so dalag, trat eine Frau aus dem Haus, und als sie mich sah, rief sie erschrocken: »Jessas, wo kimmst denn du her, Kind, und wo möchst denn hin?«

»Zu meinem Großvater!« entgegnete ich leise; denn ich war heiser, »der muaß ma helfe; wissn S', i hab's Geld verlorn beim Fleischaustragen und da hab i ma nimma hoam traut; denn mei Muatta wenn mi findt, dö bringt mi um.«

»No, no, so g'fährli werd's net sei; dei Muatta werd aa koa Ungeheuer sei! Geh nur wieder schö hoam!« So redete sie mir zu und tröstete mich und nahm mich mit in die Stube, gab mir einen Kaffee, rief ihrem Mann und erzählte ihm, was ich ihr gesagt hatte. Der brachte mich dann am Vormittag wieder mit der Bahn nach München zurück zu meinen Eltern und bat sie, mich nicht zu strafen; denn ich sei anscheinend recht krank.

An dem Tag hat meine Mutter mich nicht geschlagen, doch redete sie mich mit keinem Worte an und tat, als sei ich gar nicht da. Am Abend aber mußte der Vater einen Arzt holen, weil ich heftiges Fieber hatte. Während der schweren Lungenentzündung, an der ich nun lange krank lag, hat der Vater mich fast allein gepflegt; denn die Mutter sprach nur das Nötigste und kümmerte sich im übrigen nicht um mich. Das verlorene Geld hatte die Frau Kommerzienrat ihr inzwischen ersetzt.

Etliche Wochen später kam mein Großvater, und als ich mit ihm allein war, begann ich ihm weinend mein Leid zu erzählen. Da wurde er recht aufgebracht und sagte, er wolle gleich mit der Mutter reden; aber ich bat ihn, dies nicht zu tun; denn was wäre die Folge gewesen! Auf meine Bitten versprach er mir, ich dürfe, wenn die Mutter mich noch länger so behandle, wieder zu ihm. Das geschah denn auch bald auf die folgende Begebenheit hin.

Ich hatte zwei Freundinnen, die bei uns im Hause wohnten, und die ich an den Sonntagen nachmittags manchmal besuchen durfte, wenn die Eltern fortgingen. Da sprachen wir denn über verborgene Dinge und trieben mancherlei Heimliches, was wohl die meisten Kinder in diesem Alter, ich war damals elf Jahre alt, tun. Auf Verschiedenes, was ich nicht wußte, war ich freilich erst durch meinen Beichtvater und Religionslehrer aufmerksam gemacht und durch seine Fragen dazu verführt worden.

»Hast du dich unkeuschen Gedanken hingegeben?« pflegte er bei der Beichte zu fragen. »Wie oft, wann, wo, über was hast du nachgedacht? – Hast du da an unzüchtige Bilder oder an Unreines am Menschen oder an Tieren, an gewisse Körperteile gedacht und wie lange hast du dich dabei aufgehalten? – Hast du unzüchtige Lieder gesungen, schamlose Reden geführt mit andern Kindern? – Hast du dich unkeuschen Begierden hingegeben? – Ist dir niemals die Lust angekommen, einen unreinen Körperteil an dir zu berühren? – Hast du dieser Begierde nachgegeben? – Wann, wo, wie oft, wie lange hast du dich bei dieser Sünde aufgehalten? – Hast du das mit dem Finger, mit der Hand oder mit einem fremden Gegenstand getan? – Hast du mit andern Kindern Unkeuschheit getrieben? – Wie habt ihr das gemacht? – Hast du Tieren zugesehen, wenn sie Unreines taten? – Hast du Knaben angesehen oder berührt an einem Körperteil?«

Als der Herr Kooperator das erstemal so fragte, erschrak ich heftig; denn, wie gesagt, wußte ich von manchem dieser Dinge noch gar nichts und schämte mich sehr. Mit jeder neuen Beichte aber verlor sich diese Scham mehr und mehr; besonders, seit er mich in der Religionsstunde des öfteren aufforderte, ihn zu besuchen, unter dem Vorwand, ihm etwas zu bringen, wobei er dann in seiner Wohnung mich unter Hinweis auf die letzte Beichte wieder bis ins einzelne über diese Dinge ausfragte.

Davon sprachen wir Mädchen nun auch auf dem Schulweg oder wenn wir in der Pause beisammen waren, und die eine erzählte der anderen ihre kleinen Sünden.

Da wurde ich eines Tages zu dem Herrn Oberlehrer gerufen, und als ich vor ihm stand, begann er in strengem Ton: »Ich habe durch eine deiner Mitschülerinnen vernehmen müssen, daß du in Gemeinschaft mit andern Mädchen unsittliche Handlungen vollführt hast. Ich muß dich deshalb ebenso wie die andern, die dir wohl bekannt sind, mit Karzer bestrafen. Deinen Eltern wird es mitgeteilt werden. Hast du darauf etwas zu erwidern?«

Ich hatte nichts zu erwidern und machte mich, nachdem ich um sechs Uhr aus dem Karzer entlassen war, zitternd auf den Heimweg; denn ich wußte, wie es mir ergehen würde. Geraden Weges heimzugehen vermochte ich nicht, sondern ich kam auf einem Umweg in die Isaranlagen, wo ich mich auf eine Bank setzte und überlegte, ob ich nicht lieber ins Wasser springen sollte. Am End aber siegte doch die Schneid und ich stand auf und ging nachhaus.

Ganz langsam schlich ich mich dort über die Stiegen hinauf, stand lange vor der Wohnungstür und betete: »Vater unser, der du bist im Himmel! Laß mi net umgebracht werdn! Heilige Maria, Mutter Gottes, laß mi net derschlagn werdn! Heiliger Schutzengel, hilf mir do! I will's g'wiß nimma toa!«

Endlich läutete ich.

Hinter der Tür aber lehnte schon der Totschläger; und als ich eintrat, empfing mich die Mutter mit einem wuchtigen Schlag. Hierauf gebot sie mir, mich auszuziehen. Als ich im Hemd war, schrie sie mich an: »Nur runter mit'n Hemd! Nur auszogn! Ganz nackat!«

Darauf mußte ich mich niederknien, und nun schlug sie mich und trat mich mit Füßen wider die Brust und den Körperteil, mit dem ich gesündigt hatte. Da schrie ich laut um Hilfe, worauf sie mir ein Tuch in den Mund stopfte und abermals auf mich einschlug. Dabei trat ihr der Schaum vor den Mund, und keuchend schrie sie mich während der Züchtigung an: »Hin muaßt sein! Verrecka muaßt ma! Wart, dir hilf i!«

Als sie erschöpft war, rief sie dem Vater, der im Schlachthaus gearbeitet hatte, und ruhte nicht eher, bis auch er den Stock nahm und mich noch einmal strafte. Darauf sperrten sie mich in meine Kammer und gingen fort.

Durch meine Hilferufe war die Frau Baumeister Möller, die über uns wohnte, aufmerksam geworden; und als sie mich in meiner Kammer noch lange Zeit laut weinen hörte, rief sie mir von ihrem Balkon aus zu: »Warum hat s'di denn wieder so g'prügelt? Komm, mach auf, dann komm i zu dir nunter!«

Ich sagte ihr, daß ich eingesperrt sei. Da rief sie unserm Nachbarn, dem Schlosser. Der mußte aufsperren; und als sie hereinkam und mich sah, erschrak sie sehr; denn mir lief das Blut über die Arme und den Rücken herunter und Brust und Leib waren ganz blau und verschwollen. Sie war so erregt über die mir widerfahrene Behandlung, daß sie meiner Bitte, mich zu meinem Großvater zu bringen, sofort nachgab. Sie zog mich sauber an und wir fuhren noch mit dem Abendzug heim.

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