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Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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Gewöhnlich aber blickte ich nicht lange nach den Wänden, sondern hockte mich vor eine Truhe oder Lade, wühlte darin herum, zog alles heraus und besah dies oder probierte das. Dazwischen schaute ich des öftern in die Bratröhre, wo das Eingekochte stand. Diese Gläser voller Kirschen, Zwetschgen oder Himbeeren waren alle mit einem pergamentenen Deckel verschlossen – und meine Großmutter verwunderte sich häufig darüber, daß das Pergament schon wieder geplatzt war: »I woaß net, Vata, was dös is; bei dö Zweschbn is's Papier scho wieda hi'!«

Der Großvater aber meinte mit einem Seitenblick auf mich: »Dö wer'n halt austriebn ham, Muatta; dö müaßn bald gessn wer'n.«

Überhaupt ließ mir der Großvater zu jeder Zeit gern etwas Gutes oder Besonderes zukommen und brachte von jedem Holzkirchner Viehmarkt auch für mich etwas mit: ein lebzeltenes Herz, einen Rosenkranz von süßem Biskuit, ein Schächtelchen voll Zwiefizeltl und dergleichen. Auch war er stets besorgt, daß ich nichts Unrechtes äße. Als einmal bei uns Jahrmarkt war und ich mit einem Fünferl, dem Geschenk unseres Hausl, tanzend und singend dahineilte, mir etwas darum zu kaufen, ging mir der Großvater besorgt nach und erwischte mich gerade noch, als ich mir eben vor dem Stand eines Fleischhändlers, dessen Schild als Zierde rechts und links einen Pferdekopf trug, eine große schwarzrote Wurst schälte, die ich nach langem Hin- und Hersuchen endlich als das wohlfeilste und meiste für die Münze erstanden hatte:

»Ja mei, Nachtei, dummes, möchst net gar a Roßwurscht essn! Da kunntst schö krank wer'n!«

Und eiligst nahm er mir dieselbe und gab sie einem Hund; darauf führte er mich, nachdem er mir ein anderes Fünferl gegeben hatte, in die Post, wo schon Kopf an Kopf männiglich beieinander saß und aß und trank. Hier kaufte er mir eine lange Bratwurst und dazu ein Kipferl. Danach durfte ich mir bei einem alten, wunderlichen Mann eins von den bunten Päcklein, die zu einem großen Haufen aufgeschichtet vor seinen Füßen lagen, kaufen. Es war eine Überraschung, wie der Alte sie nannte und mit großem Eifer anpries.

Gewichtig trug ich, geführt vom Großvater, das in hochrotes Glanzpapier gerollte Päcklein heim und öffnete es, nachdem ich alle im Haus um mich versammelt hatte. Da lag ein Kettlein aus blauen Glasperlen, ein Bildchen und etliche süße Kügelchen vor mir, und ich pries froh die Umsicht des Großvaters: »Vaterl, du bist g'scheit! Du hast a glückhafts Geld, wo ma was g'winnt damit!« Und jubelnd hing ich mich an seinen Hals.

Noch war mir eine andere Art von Dankbarkeit fremd und ich mußte noch nicht zum Dank für erhaltenes Gute besonders brav und folgsam sein; doch habe ich immer ohne jeden Antrieb besser gefolgt, wenn mein Großvater mir auf solche und ähnliche Weise seine Zärtlichkeit bewies. Da konnte ich stundenlang, ohne mich besonders bemerkbar zu machen, im Haus bleiben und für mich spielen. Und fehlten auch alsdann meine Spielkameraden, so ging mir doch niemand ab; denn ich schuf mir selber einen Ersatz, indem ich etliche Sacktücher des Großvaters mit Lumpen füllte, einen Kopf daraus formte und unter die herabhängenden Zipfel ein Scheitlein Holz steckte. Diese Flecklpuppen hatten alle möglichen Namen und Wesen; bald waren sie meine Kostkinder, bald eine Familie für sich. Oft mußten sie aber auch unsere Kühe und Hühner vorstellen, und da ward dann der Stiefelzieher zum Großvater, der Fußschemel aber zum Heuwagen, auf dem die Hühner nach Holzkirchen, das bei mir hinter dem Ofen lag, zu Markt gefahren wurden.

Mit dem Beginn des Frühjahrs mußte ich zur Schule gehen, wovon die Großmutter nicht viel hielt, da sie nie in der Volksschule gewesen und Schreiben und Lesen nur nebenbei in der Frauenarbeitsschule gelernt hatte. Kam ich heim, so hatte sie immer etwas für mich gemacht; sei es einen Gugelhopf, Rohrnudeln oder einen fetten Schmarrn mit einem Zwetschgentauch und meinte: »Arms Lenei; so vui Hunga hast kriagt. Wenn nur dö verflixte Schul glei der Teifi holn tat. Was braucht insa Dirndei a Schul; mir ham aa koane braucht und san aa groß wordn und taugn unta d'Leut.«

Sie mochte dabei wohl auch an den Großvater denken; denn als ich einmal auf der Hausbank sitzend mich an dem kleinen a versuchte und trotz aller Kraft auf meiner Tafel nichts zuwege brachte, schob ich sie dem Großvater hin und bat ihn: »Geh, Vata, mach ma du dös kloane a!«

»Ja mei, Dirndei, da muaßt scho zu der Großmuatta geh; i ko net lesn und net schreibn; dös ham mir net g'lernt!« Am Sonntag zum Gottesdienst gingen wir im Feiertagsgewand, aber barfuß in die Kirche, weil wir sonst mit den genagelten Schuhen dem Herrn Pfarrer zu viel Lärm gemacht hätten; denn der Herr Pfarrer, obwohl er schon ein alter Mann mit schneeweißem Haar war, konnte noch immer recht zornig werden und hat bei der Predigt oft mit gar scharfen Worten die Verfehlungen seiner Pfarrkinder gerügt; so das Kegelscheiben am Sonntag während des Gottesdienstes, den Wirtshausbesuch, das Fluchen und vor allem das Kammerfensterln. Hatte ein Bursch oder ein Mädel gebeichtet, daß sie beieinander gewesen waren, so wurde das am darauffolgenden Sonntag vor der ganzen Gemeinde von der Kanzel herab gegeißelt, und leicht konnte man erraten, wer gemeint war. Lebhaft erinnere ich mich noch an die Schlußworte einer Predigt, die er am Christi Himmelfahrtstage hielt, und wie er, nachdem er die Freuden im Himmel und die Glorie der Seligen geschildert hatte, mit lauter Stimme rief. »Heute ist der Tag, an welchem Christus, der Herr, hinaufgefahren ist in jene lichten Höhen, in denen die ewige Seligkeit wohnt, die wir euch erlangen sollen. Aber pfeifen tun wir euch was, ihr gescherten Bauernlümmel! Seit Jahren erhalten wir von euch keine Eier, Butter, Schmalz, oder was sonst euere Dankbarkeit bezeuge. Aufgefahren ist er zum Himmel, von wo er kommen wird, euch zu richten und in die ewige Verdammnis zu bringen. Amen!«

An den Sonntagnachmittagen mußten die Burschen und Mädchen unter sechzehn Jahren die Christenlehre besuchen; dabei hatten auch wir Kinder und die Erwachsenen Zutritt. Beim Beginn wurden alle mit Namen aufgerufen und jedes mußte sich mit einem lauten »Hier« melden. Fehlte eines und war nicht genügend entschuldigt, dann mußte es, ob Bursch oder Mädel, am darauffolgenden Feiertag hinausknien zum warnenden Beispiel für die andern. Konnte eines die Fragen des Katechismus nicht beantworten, so schrie der Herr Pfarrer: »Was der Katechismus dich fragt, das weißt du nicht; aber was der Bursch dich beim Fensterln g'fragt hat, das weißt du noch!«

Darauf wetterte und schimpfte er während der ganzen Christenlehre.

Wurde jemand aus der Gemeinde begraben, der nur selten den Gottesdienst besucht und dem Pfarrer die schuldigen Abgaben in Naturalien nicht geleistet hatte, so war die ganze Grabrede eine Lästerrede auf den armen Verstorbenen und seine Angehörigen, und man sah ihn schon leibhaftig in der Hölle und der ewigen Verdammnis.

Kirchliche Handlungen machten damals einen großen Eindruck auf mich und vor allem bewegte mich das sonntägliche Memento und Requiem auf dem Friedhof. Dabei ging der Pfarrer nach der Predigt und den gemeinsamen christlichen Gebeten in Prozession mit den Gläubigen aus der Kirche auf den Gottesacker hinaus und hielt einen Umgang, währenddem der Herr Lehrer das Requiem sang und die Leute die Gräber ihrer Angehörigen mit Weihwasser besprengten, wofür ein jedes sein Weihbrunnkrügl mitgebracht hatte. Danach wurde am Grab gebetet, bis es zum Hochamt läutete. Während der feierlichen Handlung stand ich zwischen den Großeltern und fürchtete mich vor dem Tod.

Das tat ich aber nur an den Sonntagen; denn unter der Woche ging ich ohne Furcht auf den Gottesacker und richtete die Gräber der armen Leute wieder her, indem ich die Blumen von den Gräbern der Reichen nahm. Nach dieser Arbeit ging ich in die Kirche und wusch mir in dem großen Weihbrunnzuber, der im hintersten Winkel stand, meine Hände. Darauf machte ich in den Bänken Ordnung, trug die liegengebliebenen Gebetbücher auf einen Haufen zusammen und betrachtete eins nach dem andern. Die Heiligenbildl, die ich dabei fand, verteilte ich am andern Tage unter die Schulkinder; bisweilen aber habe ich sie auch gegen einen Schmalznudel eingetauscht. Ein andermal schmückte ich die ganze Wallfahrtskapelle zu Frauenbründl mit Feuerlilien, die ich heimlich aus dem Garten eines unbewohnten Hauses genommen hatte; denn ich wußte damals nur, daß der Zweck die Mittel heilige.

Einmal freilich war es doch anders; als nämlich die Kirschen reif waren. Da rief eines Tages ein Bub aus Adling, einem benachbarten Dorf, der zu uns in die Schule ging, vor Beginn des Unterrichts: »D'Kersch san zeiti bei der Schmiedin z' Olling; wer geht mit zum Stehln?«

»I«, schrie ich sofort und suchte mir gleich noch mehr Genossen: »Wer tuat mit? zum Kerschnstehln werd ganga!«

Da meldeten sich noch fünf oder sechs, und nach der Schule um zwei Uhr zogen wir ab. Als wir nach Adling kamen, fuhren sie bei der Schmiedin grad mit dem Wagen fort, um Heu einzuführen. Wir meinten, jetzt würden sie recht lang ausbleiben; darum stieg ich und einer der Buben auf den Baum, während die andern drunten Hüte und Schürzen aufhielten und unaufhörlich schrien: »Schmeißt's amal oa oba! Schmeißt's halt oa oba!« denn wir zwei saßen droben und aßen, und erst als uns der Bauch weh tat, warfen wir den andern etwas hinunter. Auf einmal schreit einer der Buben: »Steigt's oba, d' Schmiedin kimmt und der Knecht mit an Fuada Heu!« und damit nahmen die andern Reißaus. Zum Hinuntersteigen war es aber schon zu spät; denn der Knecht kam schon daher und rief. »Ja, natürli, d' Handschuastalena halt! Schaugt's, daß 's aba kemmt's, ös Sakramenta!«

»Bal ma mögn scho! Geh auffa, na kriagst aa Kersch!«

Damit riß ich ein paar Kirschen ab und warf sie ihm ins Gesicht. Da mußte er lachen und ließ uns ohne Strafe fort. Derweilen hatte uns die Schmiedin erblickt und schrie: »Ja, was is denn dös! Jetz stehln ma dö gar meine Kersch! Glei tuast es hera!« Denn ich hatte noch meinen ganzen Schurz voll.

»I mog net«, schrie ich, und damit liefen wir davon.

Später, als die Kriechen, kleine Pflaumen, zeitig waren, haben wir ihr noch einmal einen Besuch gemacht; denn ich war inzwischen das schlimmste Lausdirndl vom Dorf geworden, das mit allen Buben raufte und überall dabei war, wo es etwas anzurichten gab.

Ja, als wir am Feste Christi Himmelfahrt nach uraltem Brauch Blüten und Kräuter sammelten, zu großen Sträußen banden und damit zur Kirche wanderten, um sie weihen zu lassen zum Segen unserer Fluren und Äcker und als heilsame Arznei für erkranktes Vieh, da schlug ich dem um etliche Jahre älteren Bachmaurer Franzl, der sich unterstanden hatte, in der Kirche vor mich hinzustellen und mit seinem Kräuterbuschen mich an den Augen zu kitzeln, mit meinem Strauß so heftig ins Gesicht, daß er seine Blüten fortwarf und aus der Kirche lief, worauf ich lachend auch seinen Buschen nahm und für uns weihen ließ.

War im Ort eine Hochzeit angesagt, so erfuhr ich dieses sogleich durch die alte Sailerin; und da lief ich denn überall herum bei Buben und Mädchen, ihnen die Neuigkeit zu berichten und sie zum Mittun anzufeuern; denn da gab es für uns einen hübschen Spaß: wir holten uns lange Stricke oder Bänder und stellten uns, wenn die Hochzeitsleute zur Kirche fuhren, an den etwas engeren Gassen auf, spannten das Band über den Weg und schrieen und wünschten Glück zur Brautfahrt. Die also angehaltenen Brautleute aber hatten, dem alten Brauch und Herkommen nach, sich mit einem nicht zu kleinen Säcklein neuer Kupfermünzen wohl versorgt und warfen nun etliche Hände voll unter uns, sich loszukaufen. Während jedoch die einen sich darum balgten, stürmten wir in fliegender Eile weiter und wiederholten die List, bis wir sahen, daß der Säckel fast leer war. Den erhielten sodann wir, die das Band gehalten, und teilten ihn ehrlich, wenn auch nicht ohne Streit und Prügel.

Nur eins gab es, wovor ich mich fürchtete, die Zigeuner mit ihren Affen und die Dudelsackpfeifer; doch auch meine Großmutter teilte diese Scheu. Kamen solche vagierende Leute in den Ort und in die Nähe unseres Hauses, so lief ich, was ich konnte, heim und schrie: »Großmuatta, da Dudlsack kimmt!«

Eilends lief sie dann an alle Türen und verriegelte und versperrte das ganze Haus, zog die Vorhänge der unteren Stube zu und versteckte sich mit mir unter dem kleinen Fensterchen des Hausflözes.

Meist waren die Musikanten zu dreien, und der dritte hatte, während die andern aufbliesen, sich um den Sold und etwaige nicht sicher genug verwahrte Habe, die des Findens wert war, umzuschauen. Da schlich er denn ums Haus, versuchte alle Türen, lugte an den Fenstern herum und gab endlich in seiner verworrenen Sprache den mißmutigen Bescheid, daß niemand zu Hause sei. Fluchend machten sie alsdann, daß sie weiter kamen, während die Großmutter ängstlich und Gebete murmelnd auf den Dachboden ging und nach den Entschwindenden Ausschau hielt, ehe sie es wagte, wieder zu öffnen.

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