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Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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Um Weihnachten dieses Jahres fühlte ich, daß meine Stunde da sei, und ging daher zu meiner Schwiegermutter und bat sie, den Buben, der schon seit Wochen an schwerem Keuchhusten krank lag, etliche Tage in Pflege zu nehmen. Sie versprach es gerne und war auch sonst freundlich, wofür ich ihr von Herzen dankte.

Am ersten Weihnachtstag kam ein junger, verlebt aussehender Mensch und begehrte den Benno. Ich rief ihn hinaus, und er erkannte in dem Fremden einen Schulkameraden und Freund, der inzwischen in Hamburg Kaffeehändler und ein reicher Mann geworden war. Hocherfreut lud er ihn ein, und nachdem er mir noch befohlen, ein festliches Essen zu bereiten, ging er mit dem Besuch zum Frühschoppen.

Ich hatte zum Glück allerlei Vorrat und richtete ein gutes Mahl.

Schon während des Kochens hatten leichte Wehen mir das Nahen meiner Stunde angezeigt; nun aber wurden sie stärker, und ich begann mich recht zu ängstigen, da es schon zwei Uhr war und mein Mann mit dem Besuch noch immer nicht kam. Ich lief zu einer Nachbarin und bat, sie möge mir die Frau Notacker holen. Bis diese kam, richtete ich die Schlafstube und wollte den Buben zu seiner Großmutter tragen, doch schlief er, und ich ließ ihn liegen.

Gegen fünf Uhr erschien die Hebamme und meinte, es sei noch zu früh; vor dem nächsten Tag könne man nicht auf das Kind rechnen. Sie ging also wieder mit dem Bemerken, sie sehe gegen neun Uhr abends noch einmal vorbei.

Kurz nach sechs Uhr kam der Benno allein heim und verlangte sogleich mit groben Worten zu essen. Ich machte ihm Vorwürfe, daß er mich umsonst mit dem Kochen noch so geplagt hätte, und daß meine Zeit da sei und ich niemand hätte, der mir beistehe. Mit rohen Schimpfworten verbat er sich mein Gejammer und verlangte Wein, obschon er stark betrunken war. Ich gab ihm eine Flasche; denn ich fürchtete ihn sehr in solchen Rauschzuständen. Dann ging ich in die Schlafstube, wo der Kleine eben wieder zu husten begann. Ich hob ihn auf und wickelte ihn frisch ein, wobei mein Körper von heftigen Wehen erschüttert wurde. Da bekam der arme Bub einen der furchtbaren Anfälle, und ich glaubte, er müsse ersticken; doch ging es vorüber, und ermattet lag er nun in meinem Arm. Ich bettete ihn wieder in die Wiege und ging hinaus zum Benno, ihm über das Kind zu berichten. Er hörte teilnahmslos zu und sagte dann kurz: »I geh auf d'Nacht no furt!«

Ich erwiderte nichts und wollte den Tisch abräumen, während er ein Päcklein unzüchtiger Photographien aus der Tasche zog und betrachtete. Plötzlich suchte er mich in erwachendem Begehren zu sich auf das Sofa zu ziehen.

Unsanft stieß ich ihn von mir weg und verwies ihm seine Unvernunft.

In dem Augenblick hörte ich den Buben weinen und ging zu ihm an die Wiege und beugte mich über das Bettlein, ihn mit leisen Worten zu beruhigen.

Da fühle ich plötzlich von rückwärts wie eine eiserne Klammer einen Arm um meinen Leib und fühle, wie der Benno mich fest in das Bettlein drückt und sein Eherecht ausübt. Verzweifelt suche ich mich seiner zu erwehren, und es gelingt mir wirklich für den Augenblick. Da packt ihn eine rasende Wut, und unter den gröbsten Schmähungen zerrt er mich an den Haaren herum, wirft mich zu Boden, tritt sein eigen Fleisch und Blut mit Füßen und versucht, mich zu erwürgen.

Auf mein lautes Hilfegeschrei stürzen Leute aus den Nachbarswohnungen herbei, man sprengt die Tür, und alle fallen über den sich wie besessen Gebärdenden her.

Auch sein Vater kam, und es geschah nun etwas, was mich noch heute erstaunt: Der alte Hasler faßte seinen Sohn vor all den Nachbarn am Genick, setzte ihn auf einen Stuhl, gab ihm ein paar tüchtige Ohrfeigen und stieß ihn sodann mit großer Gewalt zur Tür hinaus. Dies alles tat er ohne ein Wort; dann aber kehrte er sich an die Anwesenden und fragte grollend: »Hat no wer was verlora da herinne?« worauf sie alle verschwanden.

Nun trat er zu mir; ich lehnte erschöpft an meinem Bett und bat um die Hebamme. Ohne ein Wort ging er, und schon nach einer halben Stunde brachte er sie mit.

In derselben Nacht gebar ich ein Mädchen und lag danach an die sechs Wochen im Kindbettfieber.

Seit diesem Vorfall mußte sich mein Mann sein eheliches Recht stets erzwingen; denn ich hatte alle Zuneigung zu ihm verloren und fürchtete ihn sehr. Trotzdem wurde ich noch viermal Mutter während dieser Ehe.

Bald nach dem dritten Kinde begannen auch Wohlstand und Glück von uns zu weichen. Mein Mann hatte durch seine Trunksucht alles das eingebüßt, was man sonst an ihm schätzte; auch ließ er sich in seiner Stellung allerlei zuschulden kommen und wurde schließlich entlassen. Seine Eltern waren darüber so erbittert, daß sie uns aus dem Haus jagten.

Wir zogen also um, und der Benno übernahm selber ein Geschäft. Es ging uns auch etliche Zeit wieder gut, und ich hatte Hoffnung, daß alles wieder recht würde, obschon ich nun dauernd kränkelte, da die Geburten meines vierten und fünften Kindes Totgeburten und sehr schwer gewesen waren.

Nun war das sechste Kind auf dem Wege, und kurz vor Weihnachten kam ich in die Wochen.

Mein Mann hatte um diese Zeit aufs neue ein wüstes Leben begonnen und saß oft Tag und Nacht im Weinhaus. Kam er dann nach Hause, prügelte er mich und die Kinder und zerschlug alles, was ihm gerade in die Hände kam.

Am Tage nach der Geburt dieses Kindes kam gegen Abend ein Freund meines Gatten und hatte mit ihm eine Unterredung, die sehr erregt schien; denn der Besuch ging nach kurzem Wortwechsel ohne Gruß, und der Benno schlug krachend hinter ihm die Türe zu. Ich rief ihn zu mir in die Schlafstube, doch kam er nicht und ging bald darauf fort, ohne sich von mir zu verabschieden.

Zwei Tage und eine Nacht blieb er weg und kam erst am heiligen Abend gegen neun Uhr heim. Ich erschrak heftig bei seinem Anblick; seine Kleider waren zerrissen und beschmutzt, sein Gesicht aufgedunsen und verzerrt, die Haare hingen ihm wirr um den Kopf, und die stieren, blutunterlaufenen Augen blickten gierig und lüstern nach mir.

Ich saß wie versteinert aufrecht in meinem Bett, als er mit dem zärtlichen Gruß zu mir trat: »Servus, Weibi; du bist aber sauber! Geh, laß mi eini zu dir!«

Bittend hob ich die Hände und sagte: »Was hast denn, Benno; woaßt denn net, daß ma r a kloans Deanderl kriagt ham! Jatz konnst do net zu mir! Gel, Benno du verstehst mi scho!«

Aber er verstand mich nicht mehr. Rasch riß er seine Kleider ab und wollte zu mir, indem er mir alle erdenklichen Genüsse versprach.

Flehend setzte ich ihm nochmals die Unvernunft seines Begehrens auseinander, doch vergebens. Er fiel über mich her, und ich mußte alle Kraft daran setzen, mich seiner zu erwehren. Endlich gelang es mir, aus dem Bett zu entkommen, und eilig schlüpfte ich in meinen Unterrock und lief aus dem Zimmer.

Da höre ich plötzlich meine Kinder aufkreischen. Ich eile in ihre Schlafstube und sehe nun, wie der Benno mit gezücktem Stilet drinnen herumtanzt und nach der Melodie des Schäfflertanzes vor sich hinsingt:

»Hi müaßt's sei! Daschtecha tua r i enk! Alle müaßt's heunt hi sei!«

Er sieht mich gar nicht, wie ich die Kinder aus ihren Bettlein reiße und das Kleinste aus der Wiege; tanzend zertrümmert er alles, was im Zimmer ist und singt dazu.

Also flüchteten wir uns barfuß und fast unbekleidet hinaus in den Schnee, und weinend hingen sich die Kinder an mich. Zitternd wankte ich vorwärts, und das Blut rann mir gleich einem Bächlein über die Füße und zeigte die Spur meiner Schritte.

Freundliche Nachbarn nahmen uns auf und veranlaßten auf der Polizeiwache, daß man den Wütenden bändigte und nach der psychiatrischen Klinik verbrachte.

Ein schweres Fieber folgte auf diese Nacht, und ich kämpfte lange mit dem Tod.

Als ich mich wieder besser fühlte, nahm ich mit vielem Dank Abschied von den guten Leuten und begab mich wieder in meine Wohnung. Hier erwartete mich ein neuer Schreck: die Möbel waren alle mit dem Siegel des Gerichtes versehen und gepfändet. Etliche Briefe, die ich im Kasten fand, klärten mich auf. Der Benno hatte, ohne daß ich es wußte, sein volles Vermögen und dazu mein ganzes Heiratsgut einem Freund, der Baumeister war, geliehen, und dieser war bankerott geworden. Er hatte anscheinend schon davon gewußt und war vielleicht auch durch den Verlust dieser fünfzigtausend Mark um seinen Verstand gekommen. Nun hatten unsere Lieferanten und auch der Hausherr zu Neujahr keine Bezahlung mehr erlangt, weshalb sie, da sie auch keine Antwort auf ihre Mahnungen erhielten, endlich zur Pfändung schritten. Die Hausverwalterin hatte die Schlüssel meiner Wohnung an jenem Abend von einem Schutzmann erhalten und öffnete, als der Gerichtsvollzieher kam.

Nur weniges verblieb mir; zum Glück hatte man mir einen kleinen Schrank mit Kinderwäsche gelassen, in dem auch meine Schmucksachen verwahrt lagen. Nun konnte ich wenigstens so viel Geld dafür bekommen, daß ich die Kinder bei fremden Leuten in Pflege zu geben und mir ein kleines Stüblein zu halten vermochte. Das Ringlein meines Vaters aber opferte ich im Herzogspital der Mutter Gottes.

Dies war die Zeit des Faschings; auch der Schäfflertanz traf auf dieses Jahr und füllte die Taschen der Tänzer.

Um diese Zeit ging ich zu meiner Mutter und klagte ihr meine große Not und bat sie um einiges Geld, damit ich mir etliche Möbelstücke wieder auslösen könnte; denn der Hausherr hatte sich Verschiedenes behalten, indem er mir versprach, er wolle mir das gegen Bezahlung meiner Zinsschuld von sechzig Mark wiedergeben.

Wortlos hörte die Mutter mir zu. Als ich geendet, sagte sie: »I kann dir net helfa! I hab selber no Schuldn beim Bräu. Geh zu dö Haslerischen, dö san reicher wia i. Übrigens freuts mi, daß si mei Wunsch erfüllt hat; recht schlecht soll's dir geh, weil's du's net aushalten hast könna dahoam!«

Dann rief sie den Vater aus der Schenke und sagte: »Gel, Josef, mir können ihr nix gebn, weil ma selber nix habn wia Schuldn!« worauf der Vater sich erst räusperte, dann halblaut wiederholte: »Naa, nix könna ma toa, mir habn selber Schuldn!«

Traurig ging ich nun zu meinen Schwiegereltern. Diese versprachen mir, für den Buben zu sorgen. Mehr konnten auch sie nicht helfen, da sie, wie ich jetzt erst erfuhr, dem Benno während des letzten Jahres etliche tausend Mark gegeben hatten, die er, ohne mir davon zu sagen, vertan hatte.

Also begann ich am andern Tag mir Arbeit zu suchen. Ich las auch die Zeitung; da fiel mein Blick auf eine Notiz über den Schäfflertanz, und ich entnahm ihr, daß derselbe am 20. Februar auch vor dem Hause des Gastwirts Zirngibl aufgeführt würde.

Trotz der großen Bitterkeit, die in mir aufstieg, als ich an die Kosten eines solchen Tanzes, die zum mindesten an die hundert Mark betragen, dachte, konnte ich es doch nicht unterlassen, mich andern Tags unter die Menge der Zuschauer zu mischen.

Da sah ich, wie sie alle, der Vater, die Mutter, die Stiefbrüder und auch das Gesinde, an den Fenstern standen und mit vergnügten Mienen und strahlendem Lächeln für die Hochrufe dankten und die Mutter eine Hand voll Silberstücke in die Mütze des Meisters warf, während sie den Tag vorher ihr Kind hungern sah, ohne zu helfen.

Ich suchte also Arbeit und fand auch solche; doch nicht lange dauerte es, da konnte mein geschwächter Körper dieselbe nicht mehr leisten, da ich, um den Kindern das ihre geben zu können, oft hungern mußte. Am End war ich erschöpft und mußte meine Stellung aufgeben.

Nach kurzer Zeit war auch der Rest meines Geldes verbraucht; und da ich das Kostgeld für meine Kinder nicht mehr aufbringen konnte, setzte man sie mir eines Tages im Winter vor die Tür.

Da fand sich ein Baumeister, der mir in seinem Neubau umsonst Wohnung bot.

Ich band meine Habe samt den Kindern auf einen Karren und zog dahin. Ein alter, brotloser Mann, dem ich früher Gutes getan hatte, half mir dabei.

Das Haus war noch ganz neu, und das Wasser lief an den Wänden herab; wir schliefen auf dem Boden und bedeckten uns mit alten Tüchern und krochen zusammen, damit wir nicht gar zu sehr froren.

Einige leichtere Schreibarbeiten schützten uns vor dem Verhungern, wenngleich unser tägliches Mahl in nichts weiter bestand, als in einem Liter abgerahmter Milch und einem Suppenwürfel, aus dem ich nebst einem Ei und etwas Brot eine Suppe für die Kinder bereitete. Ich selber aß fast nichts mehr und war so elend und krank, daß ich mehr kroch als ging.

Eines Tages erfuhren wir, daß mein Gatte in der Kreisirrenanstalt untergebracht worden sei, da eine Geisteskrankheit ihm dauernd das Licht des Verstandes genommen hatte. Nach einem Monate solch jammervollen Lebens war auch die Gesundheit meiner Kinder dahin. Hustend und weinend hingen sie an mir, während Fieberschauer mich schüttelten.

Oft war die Versuchung in mir aufgestiegen, dem Leben ein Ende zu machen; oft hatte ich am Abend den Hahn der Gasleitung zwischen den Fingern; doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ließ mich das nicht vollbringen, was die Verzweiflung mir eingab.

Mitleidige Menschen machten endlich den Armenrat des Bezirks auf mein Elend aufmerksam, worauf die Gemeinde für uns sorgte, indem sie die Kinder einer Anstalt übergab, während ich im Krankenhaus Erlösung aus aller Trübsal erhoffte. Doch das Leben hielt mich fest und suchte mir zu zeigen, daß ich nicht das sei, wofür ich mich so oft gehalten, eine Überflüssige.

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