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Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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Um die Zeit meines Eintritts war nun überall wegen der Herbstmanöver Einquartierung. Auch in die Mühle kam die Ordre, man solle Quartier bereiten für mindestens zwanzig Mann und etliche Offiziere der schweren Reiter aus Landshut.

Es währte nicht lange, da rasselten im Saal die Säbel und klirrten die Sporen. Zwanzig Gemeine, vier Feldwebel und Wachtmeister, sowie sechs Offiziere hatten wir bekommen.

Da gab es Arbeit in Menge; zwar war für die Gemeinen das Mahl bald bereitet, doch für die Herren wurde gar fein aufgekocht. Am Abend gab es dann regelmäßig ein kleines Tänzchen, zu dem ein Mühlknecht mit der Ziehharmonika aufspielte.

Elf Tage blieben sie. Da geschah es am dritten Tage, daß die rote Kuni in der Früh nicht mehr erschien und in der Stille der folgenden Nacht einem Knäblein das Leben gab. Nun war niemand in der Schenke; da fragte ich, ob ich nicht auf etliche Tage dies Amt versehen könne. Die Herrschaft war recht froh über den Antrag, und ich wurde noch am selben Tag die Schenkkellnerin. Zugleich hatte ich die Gäste zu bedienen und auch den Offizieren zu servieren; doch ging mir alles glücklich von der Hand, und schon nach ein paar Tagen mußte ich das Versprechen geben, in der Schenke zu bleiben. Ich tat es gerne; denn ich verdiente mir ein schönes Stück Geld und lernte überdies mit feinen Leuten umzugehen.

Bald hatte ich mir nicht nur die Zufriedenheit der Herrschaft erworben, ich war auch der Liebling der Offiziere und vieler vornehmer Gäste.

Am Tage vor ihrem Weitermarsch veranstalteten die Hauptleute der Einquartierten noch einen kleinen Ball, zu dem viele Münchner Offiziere samt ihren Frauen geladen waren. Vorher war ein reiches Mahl gegeben worden und ich hatte alle Hände voll zu tun. Danach gab mir ein jeder der Offiziere, die durch den Herrn schon erfahren hatten, daß ich eine Bürgerstochter und ein braves Mädel sei, die Hand, viel schöne Worte und einen blanken Taler, und einer bat mich gar um ein »Busserl«, wofür er mir versprach, er wolle ewig an dieses Herbstmanöver denken.

Ich hatte nichts weiter dagegen und gab ihm lachend den verlangten Kuß. Da hielt der junge Herr mich fest und legte mir ein feines Kettlein mit einem kleinen Medaillon um den Hals.

»Es ziemt sich nicht«, meinte er dann ernst, »einem Mädchen aus gutem Haus ein Trinkgeld zu reichen; ich wenigstens kann es nicht und hoffe auch, daß meine lieben und geschätzten Kameraden das Mädel nicht entlohnen, sondern nur belohnen wollten.«

Ich war ganz bestürzt und dachte schon, jetzt müsse ich all das schöne Geld wieder hergeben; da rief ein alter, graubärtiger Offizier mit schnurrender Stimme: »Ah, was! Unsinn, Kamerad! Der Taler ist nicht Trinkgeld, sondern Andenken an uns fesche Kerle!« worauf alles in Gelächter ausbrach und die Angelegenheit erledigt war.

Später, beim Tanz, bat der junge Herr meine Herrschaft, mir Urlaub zu geben, bestellte etwa zwanzig Flaschen Sekt und ließ sie gleich kalt stellen. Sodann befahl er den Offiziersburschen, zu bedienen.

Die andern Mannschaften hatten sich draußen in der Tenne bei einem Faß Bier versammelt und Wachtmeister und Unteroffiziere saßen im Nebenzimmer fidel beisammen.

Ich mußte ein gutes Kleid anziehen und war nun sehr begehrt, wobei ich fand, daß der Leutnant mit dem Kettlein es im Tanzen selbst den höchsten Offizieren zuvor tat. Er meinte es, wie mir schien, recht ehrlich mit mir; denn er wollte nicht einmal das »Busserl«, das er mir am Abend abverlangt hatte, behalten und gab es mir mit dankbarem Blick vierfach zurück, ehe er beim Morgengrauen den Tanzsaal verließ.

Am andern Tag sah ich die Truppen wohl fortreiten, doch konnte ich aus der großen Ferne keinen mehr erkennen.

Dafür kamen am Nachmittag abermals etwa zehn Reiter, zwar keine Offiziere, doch auch ganz muntere Gesellen, die in einer Reitschule das lernten, was sie später entweder zum Beruf brauchten oder womit sie andern einmal imponieren wollten.

Sie kamen nun täglich und waren alle recht höflich und liebenswürdig zu mir, gaben mir viel Trinkgelder und brachten mir allerlei hübsche Dinge mit: bald ein Körblein Blumen, bald ein Schächtelchen mit Zuckerwerk. Einer von ihnen aber, der Sohn des Reitschulbesitzers, hätte mir gerne einen hübschen Filigranschmuck geschenkt; doch ich wies das Angebinde schnöde zurück, weil der Geber sich dafür nichts weniger denn mein Jungfernkrönlein ausgebeten hatte.

Überhaupt traten jetzt die Versucher gar häufig und, wie sie meinten, in den lockendsten Gestalten an mich heran.

Da war ein alter Jude, ein steinreicher Geldhändler, der mir für eine kleine Liebenswürdigkeit sofort eine große Summe Goldes bot. Ferner ein Pferdehändler, ebenfalls ein Jude, der mir einst seine Equipage mit der Weisung schickte, ich solle mich in den ersten Modehäusern kleiden wie ich wünsche, koste es, was es wolle; doch möchte ich nachher in demselben Wagen heim in seine Wohnung fahren und bei ihm eine Tasse Tee trinken.

Doch nicht nur die reichen Herren, auch etliche Burschen aus der Mühle hätten mich gern zu ihrem Schätzlein gehabt, und ich wußte bald nicht mehr, was ich tun sollte, um mir die unsinnigen Freier vom Hals zu schaffen. Und als mich gar einmal mitten in der Nacht draußen vor meinem Fenster, ich schlief im ersten Stock, ein Geräusch aufweckte, als hätte jemand eine Leiter angesetzt, und gleich danach ein leises Klopfen an die Scheiben ertönte und jemand mit unterdrückter Stimme rief. »Lenerl, mach auf! I muaß dir was sagn«, da sprang ich voll Zorn aus dem Bett und rief ganz laut hinaus, ohne zu öffnen: »Mei Ruah will i habn! I brauch koan Burschn zum Fensterln; wer si net zu der Tür reitraut, soll ganz wegbleibn!«

Da erscholl es draußen wieder flehend: »Geh, laß mi halt ei, Dirndl! I hätt a schöns Ringerl für di!« während zu gleicher Zeit im Garten drunten der alte Bernhardinerhund wütend zu bellen begann. Nun klopfte der nächtliche Besucher wieder, diesmal aber ganz heftig, ans Fenster und bat: »Lenerl, i bitt di um Gottswilln, laß mi halt ei, i bins ja, der Mühlfranzl! Schau, da Barri laßt mi nimma abi!«

Ich gab nun gar keine Antwort mehr und hielt mich mäuschenstill; denn im Zimmer neben mir wurde es lebendig und gleich darauf erschien Max, der etwa zwanzigjährige Sohn meiner Herrschaft, in Unterhosen und barfuß, ein Kerzenlicht in der Hand, an meiner Tür: »Leni, hörn Sie nix? Einbrecher müassn da sei!«

Nun verschwand die Gestalt eilig vom Fenster, und gleich danach vernahm man ein wildes Auffahren des Hundes, einen dumpfen Schrei und das Umfallen der Leiter. Darauf war es wieder still.

Nun wagte ich, das Fenster zu öffnen, und sah hinunter. Da saß unser Barri auf einer dunklen, am Boden hingestreckten Gestalt, und über den beiden lag die lange Leiter.

»Unser liabi Zeit! Der hat si gwiß dafalln!« rief ich voll Schreck und bereute schon meine Härte; da schrie der Max zum Fenster hinunter, während ich ganz gebrochen auf einen Stuhl fiel: »Barri, marsch in dei Hüttn!« worauf der Hund den Schwanz einzog und unter der Leiter wegschlich.

»Wer nur dös sei muaß!« meinte etwas angstvoll der junge Mann.

Da sagte ich leise, indem ich wieder zum Fenster trat und hinabsah: »Der Mühlfranzl war's. Fensterln hätt er wolln! Und jatz is er tot zwegn mein Trutz!«

In diesem Augenblick rührte sich der vermeintliche Tote, kroch unter der Leiter hervor und hinkte mühsam und halblaut fluchend von dannen.

Nun verließ auch der Max das Zimmer und ich legte mich wieder hin; doch ich konnte nicht mehr einschlafen und nahm mir vor, das Haus zu verlassen. Ich sagte das am Morgen auch der Frau; doch die lachte mich aus und meinte: »Ja, warum net gar! Davonlaufn möcht s' jatz, anstatt daß s' an Stolz hätt, wenn sie d'Burschn so um sie reißn! Recht zum Narrn haltn tuast's!«

Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich auch wirklich für diesen vernünftigen Ausweg. Ich ließ mir eifrig den Hof machen und hatte die größte Freude, wenn sich manches Mal der eine oder andere von einem Rivalen zurückgedrängt glaubte und ihm mit der Faust zu beweisen suchte, daß er der Bevorzugte sei.

Der Umstand, daß ich mich in diesem ständigen Kreuzfeuer so tapfer bewährte, ließ mich nicht nur in den Augen meiner Herrschaft groß dastehen, sondern auch in der Gunst unserer Stammgäste, zu denen auch der Benefiziat des Dorfes zählte, höher und höher steigen, und es geschah des öfteren, daß der hochwürdige Herr mich beiseite nahm und mir versicherte, ich sei das tapferste Mädel, das ihm vorgekommen; und als ich ihm einmal sein Bier auf den Tisch stellte, rief er: »Na, wie geht's, Sie steinerne Jungfrau? Hat sich gestern keiner von Ihren Verehrern erschossen?« worauf ich lachend erwiderte: »Naa, Herr Hochwürden, aber datränkt hat si scho hi und da oana z'wegn meiner!«

»Was!« schrie er da voll Schreck und hatte seine liebe Not, den Trunk, den er eben gemacht und der ihm vor Schreck in die unrechte Kehle geraten war, wieder heraufzubringen. »Was, ertränkt?«

»Ja, aber net im Wasser!« beruhigte ich ihn und klopfte ihm tüchtig auf den Rücken, bis er nach heftigem Husten wieder zur Ruhe kam.

Als ich etwa zwei Monate im Hause war, erschien eines Nachmittags ganz unverhofft meine Mutter und wollte wissen, wie ich mich führe.

Meine Frau war noch in der Küche, als die Mutter mit den Worten vor sie trat: »'n Tag! I bin d'Mutter von dera da!« Dabei wies sie mit der Hand auf mich und fuhr fort: »I möcht anfragn, wie sie si aufführt und was s' Lohn hat!«

Meine Frau entgegnete kurz: »So, Sie sind d'Mutter! D'Leni is recht ordentlich und fleißig und i hab nie a Klag. Was 'n Lohn betrifft, so hat s' halt zwanzg Mark und ihre Trinkgelder. Dös geht mi übrigens nix o, wie viel dös ausmacht.«

Da fing meine Mutter an, sich bitter über mich zu beklagen, und erzählte ihr die Geschichte von meinem Selbstmordversuch und auch, daß ich einmal zehn Mark aus der Schenkkasse gestohlen hätte, die sie nun holen wolle. Doch meine Frau fiel ihr unwirsch ins Wort: »Was Sie mit Eahnera Tochter dahoam g'habt habn, geht mi nix an. Bei mir is sie rechtschaffen und ehrli, und konn i ihr net 's geringste nachredn!«

Da kehrte sich die Mutter heftig um und eilte hinaus, die Tür krachend hinter sich zuwerfend. Ich aber nahm ein Zehnmarkstück und legte es ihr im Garten auf den Tisch, wo sie vorher gesessen war und gab es ihr mit den Worten: »Da san die zehn Mark. Wenn S' no was guat habn, na sagn S' mir's, daß i's Eahna gib!«

»Oho! Schneibt's leicht dir d'Goldstückl, daß d'so rumschmeißt damit?« rief sie nun halb erstaunt, halb spöttisch. »I hätt di gern wieder dahoam g'habt; aber wenn's dir so guat geht da, na wirst z'erscht net nauf wolln zu uns!«

»O naa! I wär viel liaber dahoam«, erwiderte ich und das Weinen stand mir nahe. »Sagn's ja alle Leut, daß's a Schand is, wenn a so a reiche Bürgersfamilie ihr Tochter zum Deana laßt! I woaß's bloß net, ob mi mei Frau fortließ.«

»Sonst nix mehr!« erscholl da neben uns die erzürnte Stimme meiner Frau, die ganz unbemerkt aus der Schenke in den Garten getreten war: »Lenerl, Sie bleibn mir da! Jatz hätt ma amal oane, die was taugn tät, jatz laufat s' mir nix, dir nix davo! No amal sag i's, Sie bleibn da!«

Da sah die Mutter wohl, daß ich hier anerkannt und gut gehalten war und sagte, indem sie sich zum Gehen schickte: »Wannst hoam willst, kannst jederzeit kommen; hoffentli bist dahoam aa, wie si's g'hört!«

Ich sagte es ihr zu und begleitete sie noch bis an die kleine Brücke, die über den Kanal fährt. Da faßte sie ganz plötzlich meine Hand, besah meine vernarbten Schnittwunden am Arm und sagte halblaut: »So dumm z'sei! Wia leicht kunntst tot sei und i hätt d'Verantwortung!«

Ich entzog ihr rasch die Hand und rief, mit Gewalt die Tränen zurückhaltend: »Adje, Mutter, i muaß in d'Schenk; grüaßn S' mir'n Vater! Vielleicht komm i bald!«

Seit diesem Vorfall gefiel es mir gar nicht mehr recht im Dienst, und obwohl ich mir in der kurzen Zeit schon ein neues Kleid, manch schönes Stück Wäsche und noch über hundert Mark bares Geld verdient hatte, sagte ich doch am ersten des folgenden Monats zu meiner Herrschaft: »I möcht wieder hoam. Mi leid's nimmer da, wenn i woaß, daß mi d'Muatter braucht; und auf Weihnachten wär i halt do liaba bei meine Leut dahoam als wia r in der Fremd!«

Ganz traurig meinte die Frau: »Gehn S' jetzt wirkli! I konn's ja gern glaubn, daß si's Herz wieder zu der Mutter z'ruck verlangt, aber wenn ma solche Aussichten hat, wie Sie, da wär's wohl besser, ma höret mehr auf'n Verstand als aufs Herz.«

Doch als ich meine Bitte wiederholte, ließ sie mich gehen: »In Gott's Nam, muaß i mir halt wieder um jemand schaun!«

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