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Erinnerungen einer Überflüssigen

Lena Christ: Erinnerungen einer Überflüssigen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleErinnerungen einer Überflüssigen
authorLena Christ
year1992
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-10811-8
titleErinnerungen einer Überflüssigen
pages3-233
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1912
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Da geschah es, daß wir eine neue Kellnerin bekamen; denn die Kathi hatte sich mit einem unserer Gäste, dem Briefträger Schwertschlager, verheiratet. Das neue Mädchen hieß Babett und war recht fleißig und von einnehmendem Wesen; daher schloß ich mich rasch an sie an, weihte sie in manche von den häßlichen Szenen, die ich mit meiner Mutter hatte, ein und vertraute ihr auch an, daß ich des Lebens im Hause ganz überdrüssig sei. Da empfahl sie mir, ich solle mir doch eine Sparbüchse anlegen und alle Tage etwas aus der Schenkkasse hineintun; wenn es mir dann einmal gar zu schlecht ginge, könnte ich davonlaufen und hätte doch Geld. Ich folgte ihr und legte täglich zwei kleine, silberne Zwanzgerln in eine irdene Sparbüchse, die ich in der Schublade des Büfetts, die der Kellnerin zur Aufbewahrung ihrer Sachen diente, versteckte.

Es mußte schon ein schönes Sümmchen beisammen sein, denn etliche Wochen trieb ich diese Heimlichkeit.

Da kam der Namenstag der Mutter.

Schon einige Tage vorher hatte ich die Babett an einer sehr feinen Spitze häkeln sehen und plagte sie nun, sie solle mir dieselbe für die Mutter verkaufen. Sie willigte ein, und nachdem sie mich das Muster gelehrt hatte, häkelte ich noch ein gutes Stück selber dazu. Ich bezahlte ihr für die Arbeit zwei Mark, bat mir aber aus, sie dürfe der Mutter ja nicht verraten, daß auch sie daran gehäkelt habe; denn die Mutter hielt nur auf Handarbeiten etwas, die man selbst gefertigt hatte. Sie schien auch wirklich sehr erfreut und fragte mich, wo ich das Muster herbekommen habe.

Ich antwortete: »Von der Babett.«

Darauf meinte sie: »Die hast ja du gar net g'häkelt, die hat ja d'Babett g'macht!«

Ich blickte wie versteinert die Mutter an und brachte endlich kaum hörbar die Worte heraus: »Wer sagt denn dös?«

»D'Babett hat mir's selber g'sagt!« erwiderte die Mutter scharf.

Da brach ich in Tränen aus: »Naa, so a Gemeinheit! Jatz hat s' mir's so heilig versprocha, daß s' nix sagt...«

»So, hab i di jatz g'fangt, du Luder, du verlogns!« triumphierte jetzt die Mutter mit bösem Lachen; dabei nahm sie die Spitze und warf sie ins Herdfeuer. »Heut konnst di aber g'freun! Heut treib i dir's Lügn aus für allweil!«

Mir war ganz dumm im Kopf, und wie im Traum ging ich in die Gaststube und wollte die Sparbüchse mit dem geheimen Geld zu mir nehmen; da fand ich sie leer. Sprachlos starrte ich in die Schublade, bis die Mutter in das Zimmer trat. Da schob ich die Lade zu und ging wieder in die Küche. Doch konnte ich nichts tun und hatte nur den einen Gedanken im Kopf. Heut bringt s' di um; denn sie war so seltsam still, trank rasch fünf oder sechs Halbe Bier und warf mir grausige, entsetzliche Blicke zu. Aber sie sprach kein Wort in der Sache, bis nach dem Mittagessen. Da rief sie dem Vater in die Schenke: »Josef, heut bleibst in der Schenk, die is heut net da!« wobei sie mir wieder einen solch bösen Blick zuwarf, daß mir fast das Blut in den Adern gefror. Dann sagte sie, indem sie den großen, eisernen Schürhaken vom Herd nahm und sich zum Gehen schickte: »Richst's Hundsfressen no her, du Schinderviech; nachher gehst 'nauf!«

Als sie fort war, rief ich die Babett zu mir in die Küche und machte ihr Vorhalt wegen der Spitze und auch wegen des Geldes.

Da sagte sie: »I hab koa Wort verraten und vom Geld woaß i nix! Überhaupt derfan Sie koa Wort sagn; denn wenn i mei Maul aufmach, na is g'fehlt um Eahna!« Damit ging sie aus der Küche.

Ich hatte kaum die letzten Worte gehört, so wurde mir heiß und kalt, und plötzlich ergriff ich das große Tranchiermesser, legte erst die eine und dann die andere Hand auf den Hackstock und schnitt mir an beiden Armen die Pulsadern durch. Dann lief ich zum Schlüsselbrett, nahm die Kellerschlüssel, rannte die Stiege hinab, schloß mich in den Weinkeller ein und kauerte mich in einen Winkel und hoffte stumpfsinnig auf den Tod.

Wie lange ich so gelegen bin, weiß ich nicht. Bekannte erzählten mir später, daß mich eine Frau, die von der Gassenschenke aus in die Küche geblickt hatte, beobachtet und den Vorfall meinem Vater mitgeteilt habe. Doch wußte niemand, wo ich hingelaufen war, bis man endlich die Kellerschlüssel vermißte. Da nahm der Vater den Schleicher, ließ vom Schlosser den Keller aufbrechen und suchte mich. Der Hund aber lief erst unruhig im ganzen Keller umher, bis er sich plötzlich vor die Tür zum Weinkeller stellte und laut zu winseln begann. Da erbrach der Schlosser diese Tür, und nun fanden sie mich ohnmächtig in meinem Blute liegen. Sie hoben mich auf und brachten mich zum nächsten Bader, der mir einen Notverband anlegte und mich dann zu einem Arzt fahren ließ. Dort wurden die Wunden genäht, wobei es der Doktor nicht an anzüglichen Reden fehlen ließ, da ja gemeiniglich nur nach der Tat, selten aber nach Grund und Ursach geforscht wird.

Darauf brachte man mich wieder nach Hause, und meine Mutter empfing mich sofort mit den Worten: »Hat di jatz der Teufi no net gholt! Bist no net hin?«

Da dachte ich, es könnte am Ende besser sein, wenn ich ginge; denn vielleicht bekäme ich von der Mutter einmal einen Hieb, der mich zum Krüppel machte; da wäre ich doch lieber tot.

Also ging ich andern Tags zu meiner Base, die mit dem Bruder der Mutter in einem alten, kleinen Häuschen Giesings wohnte. Die nahm mich voller Mitleid auf und ich verbrachte ein paar glückliche Wochen bei ihr. Auch sie riet mir, ich solle eine Zeitlang unter fremde Leute gehen und dienen. Deshalb suchte ich, nachdem meine Arme wieder geheilt waren, eine Verdingerin auf, die mir einen Platz als zweite Köchin in der Floriansmühle zubrachte und mir empfahl, zuvor meinem Vormund, dem Ehemann der Nanni, zu schreiben, daß er mir seine Erlaubnis zum Dienen gebe; denn ich war noch nicht mündig. Der antwortete in seinem Schreiben: »Mir ist's ganz recht, wenn sie dint und ligt nichts dran, wenn sie heirat. Josef Eder.«

Mit diesem Brief ging ich zur Polizei und holte mir ein Dienstbuch. Danach erbat ich mir von meiner Base das Verdinggeld, fünf Mark, und brachte es der Frau, worauf ich mich nach der Floriansmühle begab.

Ich ging die Isar entlang durch den Englischen Garten, am Aumeister vorbei und stand mit einem Male vor einem kleinen Dörflein.

Zu meiner Rechten floß ein von alten Bäumen und schon herbstlich buntem Strauchwerk eingefaßter Kanal, der das ausgedehnte, rings von saftigen Wiesen und schattigen Baumgärten umgebene Besitztum, auf dem ich meinen Dienst antreten sollte, von dem eigentlichen Ort trennte.

Ich schritt den Bach aufwärts und stand bald vor dem großen Hoftor des Gutes, das drei Brüdern zu eigen gehörte und dessen Gastwirtschaft von jeher als eine beliebte Einkehr der Münchner galt.

Als ich in den Hof trat, stand vor der niedern Tür des schmucken, mit seinen grünen Fensterläden und den sauber an Spalieren gezogenen Weinreben recht heimisch aussehenden Wohnhauses ein junges Mädchen und fütterte aus einer weiten, irdenen Schüssel Enten, Hühner und Tauben mit feingehackten Maiskörnern. Droben auf dem Dach aber, das von einem Glockentürmlein gekrönt war, saß ein großer Pfau und schrie mit kreischender Stimme sein klägliches: »Pau, pau« in die stille Luft.

Weiter drüben vor dem Stall stand ein langer, grobknochiger Knecht und schirrte zwei schwere Grauschimmel an und spannte sie vor einen hoch mit Mehlsäcken beladenen Wagen, während aus der mit Tannengirlanden geschmückten Türe eines kleinen Tanzsaales, dessen Fensterläden fest geschlossen waren, soeben ein älterer Mann trat und angestrengt nach der von uralten Pappeln eingesäumten Landstraße sah.

In diesem Augenblick fuhr von der andern Seite ein leichtes Ponygefährt durchs Tor in den Hof, und ihm entstieg ein etwa zwanzigjähriger, elegant gekleideter junger Mann, warf die Zügel dem dampfenden Pferd auf den Rücken und hob danach ein liebliches, ganz in Weiß gekleidetes, etwa achtjähriges Mädchen aus dem Wagen. Mit lautem Jubel stürmte die Kleine an dem erschreckt auffahrenden jungen Mädchen vorüber, wobei Hühner und Enten laut schreiend und gackernd auseinanderstoben, und sprang lachend an dem alten Herrn empor mit dem Ruf. »Onkel Kilian, fein wars!« Dieser gab dem Mädchen erst einen schallenden Kuß und wandte sich dann an den jungen Mann: »So, Maxl, hast dir jatz amal gnua kutschiert?«

»Ja, Onkel! Bis zum Flaucher san ma nauf; 's Lieserl hätt bald nimmer gnua kriagt!« Dann rief er lachend der noch immer über das Ungestüm der Kleinen erbosten jungen Dame zu: »Servus, Fräuln Schwester!« Und als sie nichts erwiderte, trat er rasch auf sie zu, faßte sie um die Hüften und meinte: »Na, Klärl, kommt's am End scho wieder zum Regnen?«

Unwillig stieß sie ihn weg und wollte etwas entgegnen, da fuhren rasch hintereinander drei elegante Equipagen vor, und sofort stürzten alle hinzu und halfen den Herrschaften dienstbeflissen aus den Wagen.

Ich war lange Zeit unschlüssig hinter dem vorderen Tor gestanden; jetzt benutzte ich rasch den günstigen Augenblick und trat schnell in die Küche, die in peinlichster Sauberkeit glänzte.

Gegenüber dem großen, in der Mitte stehenden Herd befanden sich hohe Schränke und Stellagen voll Porzellangeschirr und von den Wänden blinkten reiche Kupfer- und Zinnmodel. Vor dem Herd stand gerade eine große, wohlbeleibte Köchin, die Kaffee kochte, und hinten in einer Ecke war ein altes Weiblein mit dem Rupfen einer großen Schüssel voll Enten beschäftigt. An dem mächtigen Schubfenster des Büfetts, von dem aus man den großen, schattigen Wirtsgarten überblicken konnte, stand eben die Frau des Hauses und gab der Kellnerin mehrere Platten mit Kuchen und gebratenen Hühnern. Dann wandte sie sich um, und als ich gerade der Köchin, die mich barsch nach meinem Begehr fragte, antworten wollte, rief sie mit freundlicher Miene: »Ah, jatz kommt mei neue Köchin! Sie san aber no jung!«

Ich erwiderte, nachdem ich sie begrüßt, ziemlich schüchtern: »I bin scho neunzehn Jahr alt!« worauf sie mich fragte, ob ich denn auch kochen könne. Da bekam ich auf einmal Schneid und sagte frisch: »Dös moan i! I hab dahoam scho dö ganze Wirtschaft g'führt und mir ham koa schlechte G'schäft! Bloß mit dö Mehlspeisn hats was; dö gibt's bei uns 's ganz Jahr net!«

Lachend meinte die Frau: »Dös kriagn ma scho no; bloß a Schneid braucht's und an guatn Willn.«

Ich versprach ihr, daß ich ihr keine Schande machen wolle, und fragte, wann ich schon eintreten könne. Sie sagte: »Glei morgn können S' kommen; lassen S' ma Eahna Adreß da, der Knecht fahrt morgen so in d'Stadt nauf am Markt; der kann glei Eahnan Koffer mitnehmen.«

Dann gab sie mir noch einen Taler als »Drangeld«, womit sie mich fest zum Antritt meiner Stelle verpflichtete.

»Gnä Frau«, sagte ich noch, ehe ich ging, »kann i vielleicht glei was b'sorgn, eh i morgn aus der Stadt geh? I kannt's leicht mitnehmen.« Doch sie verneinte und sagte: »Dös g'fallt ma, daß S' Eahna so onehma; aber bei uns fahrt alle Tag oans nauf zum Einkaufn und B'stelln. Trinkn S' jatz no g'schwind a Tass' Kaffee!«

Nun bekam ich eine große Tasse voll und einen Krapfen, wobei die Frau meinte: »Probiern S' unsere Krapfen, die müssen S' z'erscht ferti bringa!«

Ich fand alles recht gut und ging frohen Herzens heim zu meiner Base und berichtete ihr alles, worauf sie mich ermahnte, ich solle mich recht gut halten, daß ich meiner Mutter zeigen könne, wie andere Leute mit mir zufrieden wären.

Andern Tags am frühen Morgen machte ich mich auf den Weg. Ich war guten Muts und sang laut, als ich durch den Englischen Garten schritt; denn ich hatte von der Endstation der Trambahn aus noch fast eine Stunde zu gehen.

Als ich auf den Hof kam, schlug es neun Uhr, und der Obermüller und die Mühlknechte machten grad Brotzeit und holten sich ihr Bier.

Mit einem lauten: »Grüaß Gott! Jatz bin i da!« trat ich in die Küche, wo es schon überall dampfte und brodelte. Die Frau war noch nicht auf, und so wies mir die erste Köchin meine Kammer zum Schlafen an. Rasch nahm ich mein Hütlein ab, zog mein Mäntelchen aus, tat eine schöne weiße Schürze um und ging wieder hinunter.

Nun hieß es sich rühren! Als die Frau um zehn Uhr in die Küche kam, hatte ich schon einen großen Hafen voll Entenjung für die Leute der Ökonomie zubereitet und war gerade dabei, ein Brett voll Knödel zu machen.

»So, san ma scho fest bei der Arbeit!« sagte die freundliche Wirtin und klopfte mir wohlwollend auf die Schulter, worauf ich lachend erwiderte: »Bis jatz konn i's scho no damacha!« doch hätte ich dies am Nachmittag wohl kaum mehr geantwortet; denn da ging's drunter und drüber.

Da kamen Herrschaften in ihren Equipagen, die sich mit Brathähndln, Eierspeisen, kalten Platten und dergleichen Leckerbissen aufwarten ließen, ferner Radfahrer, die in großer Eile ihren Kaffee tranken, und auch an Spaziergängern fehlte es nicht, die da ihren Käs mit Butter, ein Ripperl oder Regensburger verzehrten.

Der Kaffee wurde in lauter kleinen Kännchen serviert, und eine alte Spülerin hatte den ganzen Mittag und Nachmittag vollauf zu tun, um all die Geschirrlein zu säubern und auf kleine Nickeltabletten zu ordnen. In einem riesigen Waschkorb lagen an die hundert Krapfen, daneben standen Teller und Platten mit feinem Kaffeekuchen, was alles im Haus gebacken wurde.

In der Schenke ging es zur Mittagszeit noch ziemlich ruhig her; doch war am Nachmittag auch hier ein großes Hinundher. Da wurde nicht nur Bier ausgeschenkt, sondern auch alle möglichen Limonaden, Sauerbrunnen, Schorlemorle, Radlermaßen und auch gar manche Flasche Wein.

Die »rote Kuni«, wie man im Scherz die rothaarige Schenkkellnerin nannte, wußte sich bei dem Trubel kaum mehr zu helfen; denn sie war von Haus aus schon schwerfällig und nun erwartete sie auch noch ein Kind, das vierte, seit sie in der Floriansmühle im Dienste stand. Für jedes hatte sie einen andern Vater benannt, der ihr für Ehr und Kind bezahlen mußte, was ein jeder auch ohne Widerrede tat.

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